Liebeszauber: Theokrit, Die Zauberin (Bucoloci Graeci, ed. ASF Gow / Bibliotheca Oxonienisis Nr. 2).

Deutsche Übersetzung: Eduard Mörike, Griechische Lyrik, Frankfurt M. 1960, S.89 - 93.


Auf! wo hast du den Trank? Wo, Thestylis, hast du die Lorbeern?

Komm und wind' um den Becher die purpurne Blume des Schafes!

Daß ich den Liebsten beschwöre, den Grausamen, der mich zu Tod quält.

Ach! zwölf Tage schon sind's, seitdem mir der Bösewicht ausbleibt,

Seit er fürwahr nicht weiß, ob am Leben wir oder gestorben!

Nie an der Tür mehr lärmt mir der Unhold! Sicherlich lockte

Anderswohin den flatternden Sinn ihm Eros und Kypris.

Morgenden Tags will ich zu Timagetos' Palästra,

Daß ich ihn seh' und, was er mir antut, alles ihm sage.

Jetzo mit Zauber beschwör' ich ihn denn. - 0 leuchte, Selene,

Hold! Ich rufe zu dir in leisen Gesängen, o Göttin!

Rufe zur stygischen Hekate auch, dem Schrecken der Hunde,

Wann durch Grüfte der Toten und dunkeles Blut sie einhergeht.

Hekate! Heil! Du Schreckliche! Komm und hilf mir vollbringen!

Laß unkräftiger nicht mein Werk sein als wie der Kirke Ihres,

Medeias auch und als Perimedes, der blonden.

Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!

Mehl muß erst in der Flamme verzehrt sein! Thestylis, hurtig,

Streue mir doch! Wo ist dein Verstand, du Törin, geblieben?

Bin ich, Verwünschte, vielleicht auch dir zum Spotte geworden?

Streu und sage dazu: Hier streu' ich Delphis' Gebeine!

Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!

Mich hat Deiphis gequält, so verbrenn' ich auf Delphis den Lorbeer.

Wie sich jetzo das Reis mit lautem Geknatter entzündet,

Plötzlich sodann aufflammt und selbst nicht Asche zurückläßt,

Also müsse das Fleisch in der Lohe verstauben dem Delphis.

Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!

Wie ich schmelze dies wächserne Bild mit Hilfe der Gottheit,

Also schmelze vor Liebe sogleich der Myndier Delphis;

Und wie die eherne Rolle sich umdreht durch Aphrodita,

Also drehe sich jener herum nach unserer Pforte.

Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!

Jetzt mit der Kleie gedampft! - Du, Artemis, zwängest ja selber

Drunten im Ais den eisernen Gott und starrende Felsen.

Thestylis, horch, in der Stadt wie heulen die Hunde! Im Dreiweg

Wandelt die Göttin! Geschwind laß tönen das eherne Becken!

Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!

Siehe, wie still! Nun schweiget das Meer, und es schweigen die Winde!

Aber es schweigt mir nicht im innersten Busen der Jammer.

Glühend vergeh' ich für den, der, statt zur Gattin, mich Arme,

Ha! zur Buhlerin macht' und der mir die Blume gebrochen.

Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!

Dreimal spreng' ich den Trank, und dreimal, Herrliche, ruf' ich.

Mag ein Mädchen ihm jetzt, ein Jüngling ihm liegen zur Seite,

Plötzlich ergreife Vergessenheit ihn: wie sie sagen, daß Theseus

Einst in Dia vergaß Ariadne, die reizendgelockte!

Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!

Roßwut ist ein Gewächs in Arkadien; wenn es die Füllen

Kosten, die flüchtigen Stuten, so rasen sie wild im Gebirge:

Also möcht' ich den Delphis hierher zu dem Hause sich stürzen

Sehen, dem Rasenden gleich, aus dem schimmernden Hof der Palästra!

Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!

Dieses Stückchen vom Saum hat Delphis am Kleide verloren:

Schau, ich zerpflück's und werf' es hinein in die gierige Flamme.

Weh! unseliger Eros, warum wie ein Egel des Sumpfes

Hängst du an mir und saugest mir all mein purpurnes Blut aus!

Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!

Einen Molch zerstampf' ich und bringe dir morgen den Gifttrank.

Thestylis, nimm dies tückische Kraut und bestreiche die Schwelle

Jenes Verräters damit! Ach, fest an diese geheftet

Ist noch immer mein Herz, doch er hat meiner vergessen!

Geh; sag spuckend darauf: Hier streich' ich Delphis' Gebeine!

Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!

Jetzo bin ich allein. Wie soll ich die Liebe beweinen?

Was bejammr' ich zuerst? Woher kommt alle mein Elend?

Als Korbträgerin ging Eubulos' Tochter, Anaxo,

Hin in Artemis' Hain; dort wurden im festlichen Umzug

Viele der Tiere geführt, auch eine Löwin darunter.

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

Und die thrakische Amme Theumarida - ruhe sie selig! -,

Unsere Nachbarin nächst am Haus, sie bat und beschwor mich,

Mit zu sehen den Zug, und ich unglückliches Mädchen

Ging, ein herrliches Byssosgewand nachschleppend am Boden,

Auch gar schön Klearistas Mäntelchen übergeworfen.

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

Schon beinah' um die Mitte des Wegs an dem Hause des Lykon

Sah ich Delphis zugleich mit Eudamippos einhergehn,

Jugendlich blond um das Kinn wie die goldene Blum' Helichrysos;

Beiden auch glänzte die Brust weit herrlicher als du, Selene,

Wie sie vom Ringkampf eben zurück, vom rühmlichen, kehrten.

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

Weh! Und im Hinschaun gleich, wie durchzückt' es mich! Jählings erkrankte

Tief im Grunde mein Herz; auch verfiel mir die Schöne mit einmal.

Nimmer gedacht' ich des Fests, und wie ich nach Hause gekommen,

Weiß ich nicht; so verstörte den Sinn ein brennendes Fieber.

Und ich lag zehn Tage zu Bett, zehn Nächte verseufzt' ich.

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

Schon, ach! war mir die Farbe so gelb wie Thapsos geworden,

Und mir schwanden die Haare vom Haupt; die ganze Gestalt nur

Haut noch und Bein! Wen frug ich um Hilfe nicht? Oder wo hauset

Irgendein zauberkundiges Mütterchen, das ich vergessen?

Linderung ward mir nicht, und es ging nur die eilende Zeit hin.

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

Meiner Sklavin gestand ich die Wahrheit endlich und sagte:

"Thestylis, schaffe mir Rat für dies unerträgliche Leiden!

Völlig besitzt mich Arme der Myndier. Geh doch und suche,

Daß du mir ihn ausspähst bei Timagetos' Palästra;

Dorthin wandelt er oft, dort pflegt er gern zu verweilen."

Sieh, o Göttin Selene, woher. mir die Liebe gekommen!

"Und sobald du ihn irgend allein triffst, winke verstohlen,

Sag ihm dann: Simätha begehrt dich zu sprechen! - und bring ihn."

Also sprach ich, sie ging und brachte den glänzenden Jüngling

Mir in das Haus, den Deiphis. Sowie ich ihn aber mit

Augen Sah, wie er leichten Fußes herein sich schwang zu der Türe

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

Ganz kalt ward ich zumal wie der Schnee, und herab von der Stirne

Rann mir in Tropfen der Schweiß wie rieselnder Tau in der Frühe;

Kein Wort bracht' ich hervor, auch nicht so viel wie im Schlafe

Wimmert ein Kindchen und lallt, nach der lieben Mutter verlangend,

Und ganz wurde der blühende Leib mir starr wie ein Wachsbild.

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

Als der Verräter mich sah, da schlug er die Augen zu Boden,

Setzte sich hin auf das Lager und redete sitzend die Worte:

"Wenn du zu dir mich geladen ins Haus, noch eh' ich von selber

Kam, nun wahrlich, so bist du zuvor mir gekommen, Simätha,

Eben wie neulich im Lauf ich dem schönen Philinos zuvorkam."

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

"Ja beim lieblichen Eros, ich wär', ich wäre erschienen!

Mit zwei Freunden bis drei, in der Dämmerung, liebenden Herzens,

Tragend die goldenen Äpfel des Dionysos im Busen

Und um die Schläfe den Zweig von Herakles' heiliger Pappel,

Rings durchflochten das Laub mit purpurfarbigen Bändern."

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

"Ward ich dann freundlich empfangen, o Seligkeit!

Wisse, bei unsern Jünglingen allen da heiß' ich der Schöne, ich heiße der Leichte:

Doch mir hätte genügt, dir den reizenden Mund nur zu küssen.

Wieset ihr aber mich ab und verschloßt mit dem Riegel die Pforte,

Sicherlich kamen dann Äxte zu euch und brennende Fackeln."

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

"Jetzo gebühret zuerst mein Dank der erhabenen Kypris;

Nächst der Himmlischen hast Du mich dem Feuer, o süßes

Mädchen, entrissen: hierher in dein Kämmerchen riefest du Deiphis,

Halb schon verbrannt. Denn Eros, fürwahr viel wildere Gluten

Schüret er oft als selbst in Liparas Esse Hephästos."

Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!

"Jungfraun treibt sein wütender Brand aus einsamer Kammer,

Frauen empor aus dem Bett, das vom Schlummer des Gatten noch warm ist!"

Also sagte der Jüngling, und ich, zu schnelle vertrauend,

Faßt' ihm leise die Hand und sank auf das schwellende Polster.

Bald war Leib an Leib wie in Wonne gelöst, und das Antlitz

Glühete mehr denn zuvor, und wir flüsterten hold miteinander.

Daß ich nicht zu lange dir plaudere, liebe Selene:

Siehe, geschehn war die Tat, und wir stilleten beide die Sehnsucht.

Ach, kein Vorwurf hat mich von ihm, bis gestern, betrübet,

Ihn auch keiner von mir. Nun kam zu Besuch mir die Mutter

Meiner Philista, der Flötenspielerin, und der Melixo

Heute, wie eben am Himmel herauf sich schwangen die Rosse,

Aus dem Okeanos führend die rosenarmige Eos;

Und sie erzählte mir vieles, auch daß mein Delphis verliebt sei.

Ob ein Mädchen ihn aber, ein Jüngling jetzt ihn gefesselt,

Wußte sie nicht; nur, daß er mit lauterem Wein sich den Becher

Immer für Eros gefüllt, daß er endlich in Eile gegangen,

Auch noch gesagt, er wolle das Haus dort schmücken mit Kränzen.

Dieses hat mir die Freundin erzählt, und sie redet die Wahrheit.

Dreimal kam er vordem und viermal, mich zu besuchen,

Setzte, wie oft! bei mir das dorische Fläschchen mit Öl hin:

Und zwölf Tage nun sind's, seitdem ich ihn nimmer gesehen.

Hat er nicht anderswo Süßes entdeckt und meiner vergessen?

Jetzo mit Liebeszauber beschwör' ich ihn; aber wofern er

Länger mich kränkt -bei den Moiren! an Aides' Tor soll er klopfen

Solch ein tödliches Gift ihm bewahr' ich hier in dem Kästchen;

Ein assyrischer Gast, o Königin, lehrt' es mich mischen.

Lebe nun wohl, und hinab zum Okeanos lenke die Rosse,

Himmlische! Meinen Kummer, den werd' ich fürder noch rragen.

Schimmernde Göttin, gehabe dich wohl! Fahrt wohl auch ihr anderen

Sterne, so viele der ruhigen Nacht den Wagen begleiten!


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)