Die Ursprünge des griechisch-persischen Konfikt im Mythos. Herodot, Historien 1, 1 - 6.

Deutsche Übersetzung nach: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, Stuttgart 1971 4, S. 1 - 3.


Herodotos von Halikarnassos gibt hier eine Darlegung seiner Forschungen, damit bei der Nachwelt nicht in Vergessenheit gerate, was unter den Menschen einst geschehen ist. Auch soll das Andenken an große und wunderbare Taten nicht erlöschen, die die Hellenen und die Barbaren getan haben. Besonders aber soll man die Ursachen wissen, weshalb sie gegeneinander Kriege führten.

1. Nun behaupten die Gelehrten der Perser, an der Zwietracht zwischen den Hellenen und Barbaren seien die Phoiniker schuld. Die Phoiniker wären von dem Meer, das man das Rote nennt herübergekommen an unser Meer und hätten sich niedergelassen, wo sie heute noch wohnen, sie hätten alsbald weite Seefahrten unternonimen. Waren aus Agypten und Assyrien hätten sie in viele Länder gebracht, und so seien sie auch nach Argos gekommen. Argos aber war zu jener Zeit die mächtigste unter allen Städten in dem Lande, das man heute Hellas nennt. Bei ihrer Ankunft in Argos hätten die Phoiniker ihre Waren feilgeboten. Am fünften oder sechsten Tag nach ihrer Ankunft, nachdem schon fast alles verkauft gewesen sei, habe sich mit vielen anderen Frauen auch die Königstochter am Gestade eingefunden; ihr Name sei Io, Tochter des Inachos, gewesen, und ebenso nennen sie auch die Hellenen. Die Frauen hätten am Heck des Schiffes gestanden und von den Waren das gekauft, wonach sie am meisten verlangten. Die Phomiket aber hätten sich untereinander verabredet und die Frauen überfallen. Die meisten seien geflohen, aber lo und einige andere hätten sie geraubt, in das Schiff geworfen, und dann seien sie davongesegelt nach Ägypten.

2. So und nicht wie die Hellenen erzählen, meinen die Perser, sei Io nach Ägypten gekommen, und damit hätten die Freveltaten ihren Anfang genommen. Danach, so erzählen sie weiter, seien einige Hellenen, deren genauere Herkunft sie nicht wissen, in Tyros in Phoinikien gelandet und hätten die Königstochter Europa geraubt. Sie waren aber wohl Kreter. So hätten sie Gleiches mit Gleichem vergolten.

Danach sei aber von den Hellenen ein neuer Frevel an den Barbaren verübt worden. In einem großen Schiff seien sie nach Aia in Kolchis und an den Fluß Phasis gefahren, und als sie alles vollbracht, weswegen sie gekommen, hätten sie die Königstochter Medeia geraubt. Und der König der Kolcher hätte seinen Herold nach Hellas geschickt und Sühne gefordert wegen des Raubes und die Tochter zurückgefordert. Aber die Hellenen hätten geantwortet, jene hätten für den Raub der lo aus Argos auch keine Sühne gegeben; so gäben sie ihnen auch keine.

3. Ein Menschenalter danach, erzählen sie weiter, habe Alexandros, des Priamos Sohn, der von jenem Raube hörte, sich aus Hellas ein Weib durch Raub gewinnen wollen; denn er wußte wohl, daß er keine Buße entrichten werde, weil auch sie keine gezahlt hatten. Und als er die Helene geraubt, hätten die Hellenen beschlossen, zuerst Boten zu schicken, Helene zurückzuverlangen und Sühne für den Raub zu fordern. Aber die Troer hätten ihnen den Raub der Medeia vorgehalten und gesagt, sie hätten doch auch keine Sühne gegeben und die Geraubte nicht herausgegeben, nun aber verlangten sie Sühne von anderen.

4. Bis zu diesem Zeitptinkte habe es lediglich gegenseitigen Weiberraub gegeben, aber von nun ab seien die Hellenen allein die Schuldigen. Denn sie hätten zuerst einen Kriegsztig nach Asien unternommen, nicht die Perser nach Europa. Weiberraub zu treiben, sei ihrer Meinung nach zwar nicht recht, aber für den Raub ernstlich Rache zu nehmen, sei töricht. Weise sei der, welcher den Raub ruhig geschehen lasse. Denn offenbar raube keiner ein Weib, wenn es nicht selber in den Raub einwillige. Sie in Asien, so sagen die Perser, hätten denn auch von dem Raub der Weiber gar kein Aufhebens gemacht, aber die Hellenen hätten um des Weibes aus Lakedaimon willen ein gewaltiges Heer gesammelt, seien nach Asien herübergekommen und hätten das Reich des Priamos zerstört.

Von dieser Zeit an hätten die Perser alles, was hellenisch ist, als feindlich betrachtet. Denn sie sehen ganz Asien als ihr Vaterland und alle Barbarenvölker, die es bewohnen, als ihre Verwandten an. Europa aber und das Land der Hellenen gilt ihnen als ein fremdes Land.

5. So ist nach Meinung der Perser der Verlauf gewesen, und die Eroberung Ilions ist ihrer Ansicht nach der Grund ihrer Feindschaft gegen die Hellenen. Den Raub der lo aber erzählen die Phoiniker anders als die Perser. Nicht mit Gewalt, sagen sie hätten sie Io nach Agvpten entführt. Sie hätte schon in Argos mit dem Schiffsherrn Buhlschaft getrieben, und als sie sich schwanger gefühlt, sei sie aus Scham vor den Eltern freiwillig mit den Phoinikern abgefahren, damit ihre Schande nicht an den Tag komme.

So erzählen die Perser und so die Phoiniker. Ich selber will nicht entscheiden, ob es so oder anders gewesen ist. Aber den Mann [scil. Kroisos] will ich nennen, von dem ich sicher weiß, daß er es war, der mit den Feindseligkeiten gegen die Hellenen den Anfang gemacht hat. Und dann will ich fortfahren und berichten, was weiter geschehen ist, und will die Geschichte der großen und der kleinen Städte erzählen. Denn viele Städte, die einst mächtig waren, sind klein geworden, und die zu neuer Zeit mächtig wurden, sind früher klein gewesen. Ich weiß, daß menschliche Größe und Herrlichkeit nicht von Bestand ist, und darum will ich der Schicksale beider in gleicher Weise gedenken.

6. Kroisos ... war der erste der Barbaren, von dem wir wissen, daß er Hellenen zinsbar machte und mit anderen Hellenen Verträge schloß. Zinsbar machte er die Ioner, Aioler und Dorier in Kleinasien, und Freundschaft schloß er mit den Lakedaimoniern. Vor Kroisos' Herrschaft aber waren alle Hellenen frei. ......


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)