Thukydides über Enstehung und Wesen der frühen hellenischen Völkergemeinschaft, Peloponnesischer Krieg 1. 1 - 3 und 12 - 20.

Deutsche Übersetzung aus: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 1, S. 23 f. und 30 - 34.


[1] Thukydides von Athen hat den Krieg der Peloponnesier und Athener, den sie gegeneinander führten, aufgezeichnet. Er begann damit gleich beim Ausbruch, in der Erwartung, der Krieg werde bedeutend werden und denkwürdiger als alle früheren; das erschloß er daraus, daß beide [scil. Kriegsparteien] auf der vollen Höhe ihrer Entfaltung in den Kampf eintraten und daß er das ganze übrige Hellenentum Partei ergreifen sah, teils sofort, teils nach einigem Zögern. Es war bei weitem die gewaltigste Erschütterung für die Hellenen und einen Teil der Barbaren, ja sozusagen unter den Menschen überhaupt. Denn was davor war und noch früher, das war [scil. mir] zwar wegen der Länge der Zeit unmöglich genau zu erforschen; aber aus Zeichen, die sich mir bei der Prüfung im großen ganzen als verläßlich erwiesen, glaube ich, daß es nicht so bedeutend war, weder in Kriegen noch sonst.

[2] Es ergibt sich nämlich, daß, was heute Hellas heißt, nicht von alters her fest besiedelt gewesen ist, sondern daß es früher Völkerwanderungen gab und die einzelnen Stämme leicht ihre Sitze verließen unter dem Druck der jeweiligen Über-macht. Denn da es noch keinen Handel gab und kein gefahrloser Verkehr sei es übers Meer sei es auf dem Land, da alle ihr Gebiet nur so nutzten, um gerade davon zu leben, und keinen Überschuß hatten und auch keine Bäume pflanzten wegen der Ungewißheit, wann - zumal nichts befestigt war - vielleicht irgendein Feind kommen und ihnen alles wegnehmen würde, und da sie die nötige Nahrung für den Tag überall gewinnen zu können meinten, so fiel es ihnen nicht schwer, auszuwandern, und darum waren sie weder mittels großer [scil. wehrhafter] Städte stark noch durch sonstige Kriegsmacht. Je besser aber das Land, desto häufiger wechselte es die Besiedler: so das heutige Thessalien, Boiotien, die meisten Teile des Peloponnes außer Arkadien und sonstige vorzügliche Landstriche. Denn die Güte des Landes gab manchen [scil. Einwohnern] größere Macht [als den anderen] und führte damit zu inneren Fehden, in denen sie umkamen; zugleich lockte sie fremde Stämme eher zum Angriff. Aber wenigstens Attika, das wegen seines [scil. überwiegend] kargen Bodens meistens von Parteihader frei war, ist immer von denselben Menschen besiedelt gewesen. Und das eine gute Begründung für die Feststellung, daß die andern Gegenden wegen der vielen Wanderungen nicht ebenso erstarken konnten. Denn aus ganz Hellas wandten sich die Verdrängten oder Verbannten, und zwar immer die Mächtigsten, nach Athen als einen sichern Ort, wurden dort Bürger und machten so schon seit ältester Zeit die Stadt immer größer und volkreicher, weshalb sie von hier aus auch später in Ionien, da Attika nicht ausreichte, neue Städte gründeten.

[3) Die Ohnmacht der Vorzeit geht für mich aber nicht zuletzt auch aus folgendem hervor. Vor dem Troischen Krieg hat Hellas offenbar nichts gemeinsam unternommen, ja mich dünkt, es trug noch nicht einmal diesen Namen schon als ein Ganzes. Vielmehr in der Zeit vor Hellen, Deukalions Sohn, gab es diese Bezeichnung überhaupt noch nicht. Einzelne Stämme, zumal der pelasgische, breiteten vielmehr ihren eignen Namen möglichst weit aus. Als dann Hellen und seine Söhne in der Phthiotis mächtig wurden und man sie oft zu Hilfe in die andern Städte rief, hießen wegen dieser Gemeinschaften schon einzelne da und dort Hellenen. Doch ist es noch gar nicht so lange her, daß sich der Name allgemein durchsetzte. Das bezeugt am besten Homer, der doch viel später ist als selbst der Troische Krieg. Nirgends nennt er die Gesamtheit so, sondern ausschließlich die Mannen Achills aus der Phthiotis, die ja auch die ersten Hellenen waren. Daher spricht er in seinen Epen [scil. wenn es um die Gesamtheit der Griechen geht] von Danaern und Argeiern und Achaiern. Auch für die Barbaren hat der [scil. nur] deshalb kein [scil. zusammenfassendes] Wort, weil, so meine ich, die Hellenen noch nicht unter einem gegensätzlichen Namen zusammengefaßt waren. Diese einzelnen Völker also, die erst nach ihren einzelnen Städten aufgezählt wurden, soweit sie einander verstanden, und erst später dengemeinsamen Namen 'Hellenen' erhielten, haben vor dem Troischen Krieg in ihrer Ohnmacht und Verkehrslosigkeit nichts gemeinsam vollbracht. .....

[12] Auch nach dem Troischen Krieg gab es ... in Hellas noch eine Fülle von Wanderungen und Neugründungen, so daß es nicht in Ruhe wachsen konnte. So brachte die Heimkehr der Hellenen aus Ilion, nach so langer Zeit, manchen Umsturz. Häufig gab es in den Städten Bürgerkrieg, und die Verbannten siedelten sich anderwärts an. Sodann wurden die heutigen Boioter sechzig Jahre nach der Einnahme von Ilion durch die Thessaler aus Arne vertrieben und ließen sich im jetzigen Boiotien nieder, das früher das Kadmeische Land hieß; nur ein ganz kleiner Teil von ihnen hatte schon vorher in diesem Land gewohnt, von denen kamen die Kämpfer vor Troia. Die Dorier ferner eroberten mit den Herakliden in einem Zeitraum von achzig Jahren die Peloponnes. Nur mühsam und langsam kam Hellas zu Ruhe und Stetigkeit und konnte, als die Vertreibungen aufhörten, die Tochterstädte anlegen. Ionien wie auch die meisten Inseln wurden von Athen aus, Italien und Sizilien meist von der Peloponnes und der oder jener andern Hellenenstadt besiedelt. Alle diese Gründungen liegen zeitlich später als der Troische Krieg.

[13] Als Hellas mächtiger wurde und Erwerb und Gewinn mehr als früher gediehen, kamen in fast allen Städten Tyrannen auf; zuvor hatte man erbliche Königtümer mit gesetzlichen Ehrenrechten gehabt. Diese Entwicklung war eine Folge der wachsenden Einkünfte. Und auch Flotten wurden in Hellas ausgerüstet, um das Meer zu erobern. Die Korinther, sagt man, seien die ersten gewesen, die sich annähernd in der heutigen Weise auf die Seefahrt verlegten; die ersten hellenischen Trieren sollen in Korinth gezimmert worden sein. Nach allen Quellen war es auch ein korinthischer Schiffbauer, nämlich Ameinokles, der den Samiern vier Schiffe baute - von damals, als Ameinokles nach Samos kam, bis zum Ende des hier zu beschreibenden [scil. peloponnesischen] Krieges waren es [scil. nur] etwa dreihundert Jahre! Und die älteste Seeschlacht, von der wir wissen, schlug Korinth gegen Kerkyra; von da bis zum genannten Zeitpunkt waren auch [nur] zweihundertsechzig Jahre. Dank seiner Lage an der Landenge war Korinth ja von schon immer ein Handelsplatz, weil die Hellenen zwischen der Peloponnes und dem Land außerhalb ihrer nur auf dem Weg über Korinth miteinander zu verkehren pflegten, und zwarursprünglich mehr zu Lande als zur See. So wurde die Stadt geldmächtig. Si geht es auchaus den alten Dichtern hervor: «die Reiche » ist ihr Beiwort für die Stadt. Als dann die Hellenen Seefahrer wurden, legte Korinth sich die Schiffe zu und unterdrückte den Seeraub. Indem es für beide Verkehsrichtungen einen Markt bot, strömte ihm das Geld zu und machte es zu einer mächtigen Stadt.

Auch die lonier hatten später - zur Zeit des Kyros, des ersten Perscrkönigs und seines Sohnes Kambyses - eine starke Flotte. Mit ihr konnten sie gegen Kyros eine Zeitlang ihr Meer behaupten. Ferner unterwarf sich Polykrates, der zur Zeit des Kambyses Tyrann von Samos war, durch die Kraft seiner Flotte eine Reihe von Inseln, darunter Rhenaia, das er dem delischen Apollon weihte. Auch die Phokaier, die Massalia gründeten, besiegten [scil. mit ihrer starken Flotte]die Karthager in einer Seeschlacht.

[14] Das waren die mächtigsten Flotten. Allerdings kannten diese, so manches Menschenalter nach dem Troischen Krieg, offensichtlich noch kaum die Triere. Vielmehr waren sie mit Fünfzigruderern und Langschiffen ausgestattet wie die Flotten früherer Zeiten. Erst kurz vor den Perserkriegen und vor dem Tod des [scil. zweiten] Dareios, der nach Kambyses König von Persien war, verfügten die sizilischen Tyrannen und Kerkyra in beträchtlicher Anzahl über Trieren. Das waren die nennenswertesten Flotten, die vor dem Heerzug des Xerxes in Hellas bestanden. In Aigina aber und Athen und sonstwo gab es nur wenig [scil. Kriegsschiffe] und zumeist nur Fünfzigruderer. Erst kurz zuvor [scil. vor dem Eintreffen der Perser] bewog Themistokles die Athener, im Krieg gegen Aigina und zugleich in Erwartung der Barbaren, solche Schiffe zu bauen, mit denen sie dann die Seeschlacht schlugen. Aber selbst diese hatten noch kein durchgehendes Verdeck.

[15] So stand es mit den hellenischen Flotten der Vorzeit und der späteren Epochen. Dennoch gelangten die Städte, die sich eine hielten, zu erheblicher Macht, durch den handelsbedingten Geldzustrom, ja zu einer Herrschaft über andere. Sie fuhren nämlich die Inseln an und unterwarfen sie, namentlich wenn ihr eigenes Gebiet nicht genügte. Einen Landkrieg, durch den ein Staat zu Macht gelangt wäre, gab es dagegen nicht. Alle solche Kriege [scil zur See], soweit sie ausbrachen, waren jedoch nichts weiter als Grenzhändel der einzelnen [Städte untereinander]. Auswärtige Heerzüge weit von der Heimat zur Unterwerfung anderer unternahmen die Hellenen [scil. damals] nicht. Sie fügten sich weder in Gruppen unter das Gebot einer dominanten Stadt, noch zogen sie selbständig und gleichberechtigt zu gemeinsamen Fahrten aus. Vielmehr pflegten sich die einzelnen Nachbarstädte gegenseitig zu bekämpften. Höchstens in dem zwischen Chalkis und Eretria früher einmal geführten Krieg teilte sich auch das übrige Hellas in Verbündete der einen und der andern Partei.

[16] Dazu kamen bei jeder Stadt jeweils besondere Gründe, die ein Wachstum hinderten. Als Ionien ins Große zu gedeihen begann, zog Kyros heran, der zuvor mit der persischen Macht Kroisos und alles Land zwischen dem Halys und dem Meer niedergeworfen hatte. Er unterjochte die festländischen Städte. Später tat das Dareios, siegreich mit der phönizischen Flotte, auch gegenüber den Inseln [scil. der Ägäis].

[17] Und auch alle Tyrannen, die es in den hellenischen Städten gab, beseelt von der engen Sorge bloß für die eigene Person und die Mehrung ihres Hauses, lenkten ihre Städte so vorsichtig sie irgend konnten, und so wurde von ihnen keine nennenswerte Tat vollbracht als höchstens einmal eine gegen ihre nächsten Nachbarn. So wirkte alles zusammen in die Richtung, Hellas lange Zeit niederzuhalten. Es leistete gemeinsam nichts Herrliches, und die einzelnen Städte trauten sich wenig zu.

[18] Dann wurden die Tyrannen in Athen und im übrigen Hellas, wo sie fast überall schon früher aufkamen, wieder gestürzt. Bei den meisten und letzten außer den sizilischen geschah das durch Sparta; denn Sparta, das nach seiner Besiedlung durch die jetzt dort ansässigen Dorier von allen Städten, die wir kennen, die längsten Bürgerkriege hatte, kam doch auch am frühesten zu Gesetz und Ordnung und war immer tyrannenfrei. Es mogen gut vierhundert Jahre sein bis zum Ende dieses [scil. peolponnesischen] Krieges, daß Sparta dieselbe Verfassung hat; das gab ihm die Stärke, auch in den andern Staaten einzugreifen. Wenige Jahre nach der Vertreibung der Tyrannen aus Hellas kam es auch zur Schlacht der Perser gegen die Athener bei Marathon. Zehn Jahr später kam der Barbar wieder mit einem großen Heerzug, um Hellas zu knechten. In der großen Gefahr, die über ihnen hing, wurden die Spartaner dank ihrer überlegenen Macht Führer der mitstreitenden Hellenen, und die Athener, vor dem Angriff der Perser entschlossen ihre Stadt preiszu geben, gingen mit Hab und Gut zu Schiff und wurden Seefahrer. Nach gemeinsamer Abwehr des Barbaren schieden sich nicht viel später die vom Großkönig abgefallenen Hellenen und die Streitgenossen und unterstellten sich teils Athen, teils Sparta. Diese beiden Städte hoben sich nämlich als die mächtigsten von den anderen ab. Die eine herrschte zu Lande, die andere mit ihren Schiffen. Eine kurze Zeit dauerte die Waffenbrüderschaft noch, aber dann entzweiten sich Sparta und Athen und führten mit ihren Verbündeten Krieg gegeneinander. Wo sonst in Hellas eine Fehde ausbrach, schlossen sich die Städte jetzt an diese an. So bildeten beide in der ganzen Zeit von den Perserkriegen bis zu diesem jetzigen [peloponnesischen Krieg], in ständigem Wechsel von Waffenstillstand und Wagffengängen, sei es gegeneinander, sei es gegen ihre abgefallenen Verbündeten. ihr Kriegswesen voll aus und wurden um so erfahrener, je länger sie ihre Übungen unter Gefahren abhielten.

[19] Dabei hielt Sparta seine Verbündeten nicht abgabenpflichtig und sah nur darauf, daß überall ein herrschender Adel die Dinge in Spartas Sinn lenkte, während Athen mit der Zeit seinen Städten - außen Chios und Lesbos - die Schiffe wegnahm und allen eine Abgabe in Geld zumaß. So war jeder der beiden Gegner für diesen Krieg besser gerüstet, als sie je zur Zeit des lautersten Bündnisses in gemeinsamer Kraft gewesen waren.

[20] So also fand ich die Vorzeit, in mühsamer Untersuchung, da nicht jedem ersten besten Zeugnis zu trauen war. Denn die Menschen nehmen Nachrichten von Füherem, auch was im eigenen Lande geschah, gleich ungeprüft voneinander an. ...


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)