Über das Wesen der Athener. Aus der Rede des Perikles 'Vom Kranze' (431/430 v. Chr.) in der Wiedergabe bei Thukydides, Peloponnesischer Krieg, 2, 37 - 41.

Deutsche Übersetzung nach: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 1, S. 140 - 143.


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[37] Die Verfassung, die wir haben, richtet sich nach keinerlei fremden Gesetzen; viel eher sind wir für andere ein Vorbild als von ihnen abhängig. Mit Namen heißt sie Volksherrschaft, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf eine größere Zahl gestellt ist. Es haben aber nach dem Gesetz in allem, was den einzelnen Bürger angeht, alle gleichen Teil, und der Geltung nach hat in öffentlichen Angelegenheiten derjenige den Vorzug, der sich durch irgendeine Leistung Ansehen erworben hat, d. h. nicht nach irgendeiner Zugehörigkeit, sondern nach seinem Verdienst. Und niemand wird, wenn er für die Stadt etwas leisten könnte, daran nur aus Armut, nur durch die Unscheinbarkeit seines Namens gehindert. Sondern frei leben wir miteinander im Staat und im gegenseitigen Geltenlassen der alltäglichen Geschäfte, ohne dem lieben Nachbar zu grollen, wenn er einmal seiner Laune lebt, und ohne jenes Ärgernis zu nehmen, das zwar keine Strafe ist, aber doch als Kränkung empfunden wird. Bei soviel Nachsicht im Umgang von Mensch zu Mensch erlauben wir uns, schon aus Respekt, im Staat dennoch keine Rechtsverletzung, im Gehorsam gegen die jährlich gewählten Beamten und gegen die Gesetze, vornehmlich diejenigen, welche im Interesse der Schwachen bestehen, und bei Übertretung ungeschriehener Normen, die nach allgemeinem Urteil Schande bringt.

[38] Dann haben wir uns bei unsrer Denkweise auch eine Fülle von Erholungsmöglichkeiten von der Arbeit geschaffen: Wettspiele und Opfer, die jahraus, jahrein bei uns Brauch sind, und die schönsten häuslichen Unterhaltungen, deren tägliche Lust das Bittere verscheucht. Und es kommt wegen der Größe der Stadt aus aller Welt alles und jedes zu uns herein. So können wir von uns sagen, wir ernten und genießen in vertrauter Weise sowohl die Güter, die hier gedeihen, als auch die der übrigen Menschen.

[39] Anders als unsere Feinde halten wir es auch in Kriegsangelegenheiten. Unsere Stadt verschließen wir niemandem, und durch keinerlei Fremdenvertreibung verwehren wir irgendjemandem eine Kenntnis oder einen Anblick, dessen unversteckte Schau einem Feind vielleicht nützen könnte; denn wir trauen weniger auf die Rüstung und die Täuschung als auf unsern eigenen, tatenfrohen Mut. In der Erziehung ferner bemühen sich die andern mit angestrengter Übung schon als Kinder um Manneseigenschaften, wir aber wagen uns mit unsrer ungebundenen Lebensweise ohne das trotzdem in entsprechende Gefahren. Der Beweis: die Spartaner rücken nicht für sich allein, sondern immer nur mit allen ihren Verbündeten gegen unser Land aus, während wir selbst, wenn wir unsre Gegner heimsuchen, in der Fremde zumeist unschwer die Verteidiger ihrer Heimat im Kampfe besiegen. Und auf unsere gesammelte Macht ist noch kein Feind je gestoßen; denn wir sorgen gleichzeitig für die Flotte und zu Lande für eine Truppendislozierung an vielen Orten . Treffen sie [scil. die Feinde] daher einmal irgendwo auf eine kleine Einheit von uns und besiegen sie, so prahlen sie unsinnigerweise, sie hätten uns alle besiegt, und unterliegen sie: sie seien der Gesamtheit unterlegen. Dieser eher sorglose als eingedrillte Wagemut, diese nicht so sehr gesetzlich vorgeschriebene als vielmehr natürlich vorhandene Tapferkeit hat jedoch für uns auch noch den Vorteil, daß wir zukünftige Not nicht vorausleiden, und daß wir, ist sie da, doch nicht weniger Kühnheit bewahren als die ewig sich Plagenden. Darin verdient unsre Stadt wahrlich Bewunderung - und auch noch in vielem anderen.

[40] Wir lieben das Schöne und bleiben dennoch maßvoll, wir lieben den Geist und werden nicht schlaff. Reichtum dient bei uns den jeweiligen Bedürfnissen der Tat, nicht der Großsprecherei. Für niemanden ist es eine Schande, seine Armut einzugestehen, sondern es ist nur verächtlich, sie nicht tätig zu überwinden. Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus und zugleich um unsere Stadt, und keiner, der als Privatmann mit verschiedensten Tätigkeiten beschäftigt zu sein pflegt , ist deswegen doch in staatlichen Dingen etwa ohne Urteil. Bei uns heißt folglich einer, der gar keinen Anteil [scil. an den öffentlichen Angelegenheiten] nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter. Wir alle entscheiden in den Staatsgeschäften selbst oder denken sie doch zumindest richtig durch. Wir sehen dabei nicht im Wort eine Gefahr fürs Tun, sondern vielmehr darin, sich nicht aufgrund von Reden zuerst zu ein Bild zu machen, bevor man zur nötigen Tat schreitet. Denn auch darin sind wir wohl etwas Besonderes, daß wir stets sehr viel wagen und dennoch das, was wir anpacken wollen, sorgfältig erwägen, während andere ihr Unverstand verwegen und ihre Vernunft zögerlich macht. Hervorragende Entschlußkraft wird man aber mit Recht denen zusprechen, die die schrecklichen Folgen und die angenehmen Vorteile [scil.] eines Handelns mit besonderer Klarheit analysieren und dann den notwendigen Risiken nicht ausweichen. Auch in der Hilfsbereitschaft gibt es einen Kontrast zwischen uns und den meisten anderen. Denn nicht durch Bitten und Empfangen, sondern durch gewährte Zuwendungen und Dienstleistungen macht man sich - wie wir - Freunde. Ein Wohltäter ist ja ein zuverlässiger Freund, weil er sich den mit der Wohltat Bedachten verpflichtet. Ein Schuldner ist dagegen ein stumpfer Freund, weiß er doch, daß er seine Leistung nicht eigentlich zum Dank erbringt, sondern als Schuld. Und so sind wir die einzigen, die nicht so sehr aus Berechnung des Vorteils als vielmehr aus sicherer Freiheit furchtlos anderen Gutes tun.

[41] Zusammenfassend behaupte ich, daß unsre Stadt insgesamt eine Schule für ganz Hellas ist, und ich meine, daß bei uns der Einzelmensch wohl am vielseitigsten und in einer Lebensweise voll Anmut und leichtem Scherz alles für seine Person Notwendige zu finden vermag. Daß dies nicht bloß schöne leere Worte für den Augenblick sind, sondern vielmehr die reine Wahrheit der Tatsachen, das zeigt insbesondere auch die Macht unseres Staates, die wir mit diesen Eigenschaften erworben haben. Unsere Stadt ist heute die einzige, die aus dieser Probe [scil. der Tatsachen] sogar stärker hervorgeht, als ihr Ruf besagt. Nur sie erregt in den Feinden, die angegriffen haben, keine Bitterkeit darüber, daß ihnen ihr Gegner so übel mitspiele, und auch in den Untertanen keine Unzufriedenheit darüber, daß sie etwa keinen würdigen Herrn hätten. Wir brauchen wahrlich keine demonstrativen Zeichen einer in Wirklichkeit nicht bezeugbaren Macht, den Heutigen und den Künftigen zur [scil. grundlosen] Bewunderung, und brauchen keinen Homer mehr als Sänger unsres Lobes, noch sonst irgendjemanden, der mit schönen Worten für den Augenblick entzückt - und dann hält die Wirklichkeit dem bloßen Schein nicht stand. Vielmehr erzwangen wir uns durch unsern Wagemut den Zugang zu jedem Meer und Land , und überall leben mit unsern Städtegründungen Denkmäler unsres Wirkens, im Bösen wie im Guten, auf alle Zeit. Für eine solche Stadt also sind diese Männer hier in edlem Kampfe gefallen, nicht bereit, auf einen [scil. kostbaren] Besitz zu verzichten, und von denen, die zurück bleiben, ist keiner, der nicht ebenso für sie [scil. die Stadt] wird leiden wollen.

[42] Darum habe ich ja auch so ausführlich von der Stadt geredet. Ich wollte euch zeigen, daß wir nicht für das gleiche kämpfen wie andere, die all das nicht haben, und zugleich wollte ich die Lobrede auf die, denen sie gilt, durch Beweise bekräftigen. Im wesentlichen ist sie damit auch schon gehalten; denn was ich an unsrer Stadt pries, damit haben ja doch eben diese und ähnliche vortreffliche Menschen sie geschmückt. Bei nicht vielen Hellenen wird man so wie bei ihnen das gebührende Lob und die Leistung im Gleichgewicht finden. Mich dünkt, den Wert dieser Männer enthüllt - [scil. in ihrem Leben] erstmals von ihnen offenkundig gemacht und zugleich letztmals bekräftigt - ihr jetziger Untergang. Denn selbst wenn einige in ihrem Leben sonst wenig getaugt haben sollten, so muß man ihren im Krieg für die Heimat bewiesenen Mannesmut höher achten. Schlimmes durch Gutes tilgend, haben sie gemeinsam mehr geholfen als im einzelnen geschadet. Von ihnen aber hat keiner, etwa wegen seines Reichtums und des Genusses daran, sich feige benommen. Keiner hat, wenn er etwa arm war, Aufschub der Gefahr gesucht in der Hoffnung, er könne, wenn gerettet, vielleicht später noch reich werden. Weil ihnen näher als all das der unerbittliche Kampf gegen die Feinde stand, weil ihnen von allen Gefahren diese als die schönste galt, so entschieden sie sich eben für dies, den Kriegseinsatz, und verzichteten auf das andere. Die Ungewißheit des Kriegserfolgs überließen sie der Hoffnung. Im Handeln aber für die handgreifliche Gegenwart wollten sie auf sich selber trauen. Indem sie so das Sichwehren und die Hinnahme der Gefahr für schöner hielten als eine Rettung im Sichentziehen, haben sie sich schimpflichem Gerede entzogen. Und sie haben sich in ihrer Tat unter Einsatz ihres Lebens bewährt: in einem kurzen Augenblick [scil. des Todes] haben sie die Höhe ihres Geschicks erreicht und sind aus einem Leben nicht der Furcht, sondern des Ruhmes geschieden.

Für eine solche Stadt sind diese Männer hier in edlem Kampfe gefallen , nicht bereit, auf ihren Besitz zu verzichten. Von denen aber, die bleiben, gibt es keinen, der nicht für sie wird leiden wollen. .........


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)