Pangeyrische Mythenbildung - die Milde und Größe des Kaisers in der Darstellung eines Hofmannes: Seneca, De clementia principis, 1, 1)

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: L. Annaeus Seneca, De clementa - Über die Güte. Lateinisch und deutsch. Herausgegeben von Karl Büchner, Stuttgart 1970, S. 4 - 11.


Deutsche Übersetzung:

L. Annaeus Senecas an Kaiser Nero gerichtete Betrachtung 'Über die Güte'.

1 (1) Ich habe mir vorgenommen, Caesar Nero, über die Güte zu schreiben, um sozusagen die Rolle eines Spiegels zu spielen und dir zu zeigen, daß du zu der höchsten aller Freuden gelangen wirst. Mag noch so sehr nämlich der wahre Genuß rechten Handelns darin bestehen, es getan zu haben, mag es keinen der Tugenden würdigen Lohn außerhalb ihrer selbst geben, so ist es doch erfreulich, einen Blick in das gute Gewissen zu tun und es zu mustern, danach aber die Augen zu richten auf diese unermeßliche Menschenmenge, die da uneins, zwieträchtig, unbeherrscht ist und bereit, sich zu fremdem und eigenem Verderben aufzubäumen, wenn sie dieses Joch zerbricht, und also bei sich zu sprechen:

(2) "Ich von allen Sterblichen gefiel und wurde erwählt, auf Erden die Rolle der Götter zu spielen. Ich bin für die Völker Herr über Leben und Tod. Was für ein Los und welchen Status jeder hat, ist in meine Hand gelegt. Was einem jeden der Sterblichen die Schicksalsgöttin verliehen haben will, verkündet sie durch meinen Mund. Aus meinem herrscherlichen Bescheid empfangen Völker und Städte den Grund zur Freude. Kein Teil steht irgendwo in Blüte, außer wenn ich es will und geneigt bin. Diese so viel tausend Schwerter, die mein Friede bändigt, werden auf meinen Wink gezückt werden. Welche Völkerschaften von Grund aus ausgetilgt, welche umgesiedelt, welchen die Freiheit gegeben, welchen sie entrissen, welche Könige Sklaven werden und welcher Männer Haupt die Krone aufgesetzt werden muß, welche Städte einstürzen, welche entstehen sollen, ist mein Rechtsspruch. (3) Bei dieser Fülle der Verfügungsgewalt hat mich dennoch nicht zornige Leidenschaft zu ungerechten Strafen getrieben; auch nicht jugendliches Ungestüm oder die Unbedachtheit und der Starrsinn der Menschen, die oft auch den ruhigsten Gemütern die Geduld entwinden, oder auch die grauenhafte, aber bei großen Befehlsgewalten häufig zu findende eitle Sucht, die Macht durch Schrecken zur Schau zu tragen. Eingesteckt, nein gefesselt ist bei mir das Schwert. Höchste Sparsamkeit herrscht auch gegenüber dem wertlosesten Blut. Jeder, auch wenn ihm anderes fehlt, ist bei mir doch im Namen des Menschseins in meiner Gunst. (4) Strenge halte ich verborgen, Güte hingegen bereit. Ich achte so auf mich, als ob ich den Gesetzen, die ich aus Moder und Finsternis ins Licht gerufen habe, Rechenschaft ablegen müßte. Durch des einen frühes Alter ließ ich mich bewegen, durch des anderen zu Ende gehendes. Einen machte ich seiner hohen Stellung zum Geschenk, einen andern seiner niedrigen. Sooft ich keinen Grund für Mitleid fand, schonte ich mich, selber. Heute noch bin ich bereit, den unsterblichen Göttern, wenn sie von mir Rechenschaft fordern sollten, das Menschengeschlecht herzuzählen!"

(5) Du kannst dich dessen, Caesar, kühn rühmen, daß alles, was unter deinen Schutz und in deine Obhut kam, sorgfältig behütet wird, daß in keiner Weise durch dich weder durch Gewalt noch versteckt dem Gemeinwesen ein Verlust zugefügt wird. Das seltenste Lob, eines, das bis jetzt noch keinem der Kaiser zugestanden worden ist, hast du begehrt, die Unschuld. Deine Mühe ist nicht vergebens, und diese deine einzigartige Güte hat nicht undankbare oder böswillige Kritiker gefunden. Erstattet wird dir Dank: kein einzelner Mensch war einem einzelnen Menschen je so lieb wie du dem römischen Volke, sein bedeutendes und langwährendes Gut.

(6) Aber du hast dir eine ungeheure Last auferlegt: niemand spricht schon mehr vom vergöttlichten Augustus und von den ersten Zeiten des Kaisers Tiberius. Niemand sucht das Vorbild, das er dich nachahmen sehen möchte, außerhalb deiner: deine Regierung als Princeps wird nach dem Vorbild der eben gekosteten gefordert. Das wäre schwierig gewesen, wenn dein Gutsein dir nicht angeboren wäre, sondern nach den Umständen angenommen. Niemand nämlich kann lange eine Maske tragen. Vorgespiegeltes sinkt schnell in seine wahre Natur zurück. Was von wahrem Wesen gestützt wird und was, wenn ich so sagen darf, aus festem Boden entsteht, entwickelt sich gerade mit der Zeit zum Größeren und Besseren hin.

(7) Ein großes Glücksspiel begann für das römische Volk, als noch unbestimmt war, in welche Richtung deine edle Anlage gehen würde: jetzt sind die Wünsche des Volkes in Sicherheit. Denn es besteht keine Gefahr, daß dich plötzliches Vergessen deiner selbst befiele. Gewiß macht allzu großes Glück gierig, und nie sind die Begierden so gemäßigt, daß sie bei dem, was zufällt, aufhören. Der Schritt geht vom Großen zum Größeren, und böseste Hoffnungen hegen die, welche Unverhofftes erlangten: doch allen deinen Bürgern wird jetzt erstens das Geständnis entwunden, daß sie glücklich sind, zum andern jenes, daß nicht mehr zum jetzigen Guten hinzukommen kann, außer daß es dauernd ist.

(8) Vieles zwingt sie zu diesem Geständnis, das zögerndste, das es im Menschen gibt: die Sicherheit in ihrer Tiefe, in ihrem Überfluß, das Recht, das über allem Unrecht steht. Entgegen tritt den Augen die glanzvollste Gestalt eines Gemeinwesens, dem zur höchsten Freiheit nichts fehlt als die Erlaubnis, zugrunde zu gehen. (9) Vorzüglich aber dringt in gleicher Weise zu den Größten wie zu den Niedrigsten die Bewunderung deiner Güte. Die übrigen Güter spürt nämlich jeder entsprechend dem Anteil seiner Glücksumstände oder erwartet größere und geringere: von deiner Güte erhoffen alle dasselbe, und es gibt niemanden, dem seine Unschuld so sehr gefällt, daß er sich nicht darüber freute, daß im Gesichtskreis bereit für menschliches Irren die Güte steht

Lateinischer Text:

L. Annaei Senecae ad Neronem Caesarem de clementia.

1 (1) Scribere de clementia, Nero Caesar, institui, ut quodam modo speculi vice fungerer et te tibi ostenderem perventurum ad voluptatem maximam omnium. Quamvis enim recte factorum verus fructus sit fecisse nec ullum virtutum pretium dignum illis extra ipsas sit, iuvat inspicere et circumire bonam conscientiam, tum inmittere oculos in hanc inmensam multitudinem discordem, seditiosam, inpotentem, in perniciem alienam suamque pariter exultaturam, si hoc iugum fregent, et ita loqui secum:

(2) "Egone ex omnibus mortalibus placui electusque sum, qui in terris deorum vice fungerer? Ego vitae necisque gentibus arbiter? Qualem quisque sortem statumque habeat, in mea manu positum est; quid cuique mortalium fortuna datum velit, meo ore pronuntiat; ex nostro responso laetitiae causas populi urbesque concipiunt; nulla pars usquam nisi volente propitioque me floret; haec tot milia gladiorum, quae pax mea comprimit, ad nutum meum stringentur; quas nationes funditus excidi, quas transportari, quibus libertatem dari, quibus eripi, quos reges mancipia fieri quorumque capiti regium circumdari decus oporteat, quae ruant urbes, quae oriantur, mea iuris dictio est. (3) In hac tanta facultate rerum non ira me ad iniqua supplicia conpulit, non iuvenilis inpetus, non temeritas hominum et contumacia, quae saepe tranquillissimis quoque pectoribus patientiam extorsit, non ipsa ostentandae per terrores potentiae dira, sed frequens magnis inperiis gloria. Conditum, immo constrictum apud me ferrum est, summa parsimonia etiam vilissimi sanguinis; nemo non, cui alia desunt, hominis nomine apud me gratiosus est. (4) Severitatem abditam, at clementiam in procinctu habeo; sic me custodio, tamquam legibus, quas ex situ ac tenebris in lucem evocavi, rationem redditurus sim. Alterius aetate prima motus sum, alterius ultima; alium dignitati donavi, alium humilitati; quotiens nullam inveneram misericordiae causam, mihi peperci. Hodie dis inmortalibus, si a me rationem repetant, adnumerare genus humanum paratus sum. (5) Potes hoc, Caesar, audacter praedicare omnia, quae in fidem tutelamque tuam venerunt, tuta haberi, nihil per te neque vi neque clam damni parari rei publicae. Rarissimam laudem et nulli adhuc principum concessam concupisti, innocentiam. Non perdit operam nec bonitas ista tua singularis ingratos aut malignos aestimatores nancta est. Refertur tibi gratia; nemo unus homo uni homini tam carus umquam fuit, quam tu populo Romano, magnum longumque eius bonum. (6) Sed ingens tibi onus inposuisti; nemo iam divum Augustum nec Ti. Caesaris prima tempora loquitur nec, quod te imitari velit, exemplar extra te quaerit: principatus tuus ad gustatum exigitur. Difficile hoc fuisset, Si non naturalis tibi ista bonitas esset, sed ad tempus sumpta. Nemo enim potest personam diu ferre, ficta cito in naturam suam recidunt; quibus veritas subest quaeque, ut ita dicam, ex solido enascuntur, tempore ipso in maius meliusque procedunt. (7) Magnam adibat aleam populus Romanus, cum incertum esset, quo se ista tua nobilis indoles daret; iam vota publica in tuto sunt; nec enim periculum est, ne te subita tui capiat oblivio. Facit quidem avidos nimia felicitas, nec tam temperatae cupiditates sunt umquam, ut in eo, quod contingit, desinant; gradus a magnis ad maiora fit, et spes inprobissimas conplectuntur insperata adsecuti; omnibus tamen nunc civibus tuis et haec confessio exprimitur esse felices et illa nihil iam his accedere bonis posse, nisi ut perpetua sint. (8) Multa illos cogunt ad hanc confessionem, qua nulla in homine tardior est: securitas alta, adfluens, ius supra omnem iniuriam positum; obversatur oculis laetissima forma rei publicae, cui ad summam libertatem nihil deest nisi pereundi licentia. (9) Praecipue tamen aequalis ad maximos imosque pervenit clementiae tuae admiratio; cetera enim bona pro portione fortunae suae quisque sentit aut expectat maiora minoraque, ex clementia omnes idem sperant; nec est quisquam, cui tam valde innocentia sua placeat, ut non stare in conspectu clementiam paratam humanis erroribus gaudeat.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)