Politisch motivierte Vergöttlichung des Herrschers: Plutarch, Alexander, 27 f.

Deutsche Übersetzung aus: Plutarch, Alexander - Caesar. Übersetzt und herausgegeben von Marion Giebel, Stuttgart 1990, S. 38 f.


27. ... Nach dem Marsch durch die Wüste kam Alexander endlich an dem Orakelort an, und der Oberpriester des Ammon hieß ihn im Namen des Gottes als seines Vaters willkommen. Alexander aber richtete die Frage an ihn, ob keiner der Mörder seines Vaters seiner Strafe entgangen sei. Der Oberpriester hieß ihn darauf, sorgfältiger in der Wahl seiner Worte zu sein, er habe keinen sterblichen Vater. Da drückte sich Alexander anders aus, er fragte, ob alle Mörder Philipps ihre Strafe gefunden hätten. Dann fragte er nach der Herrschaft, ob der Gott es ihm gewähre, Herrscher über alle Menschen zu sein. Der Gott gab zur Antwort, dies werde ihm zuteil werden, und Philipp habe ausreichende Sühne erhalten. Darauf brachte Alexander dem Gott herrliche Weihgeschenke dar und beschenkte die Menschen dort mit Geld.

So lauten die meisten Berichte über die Orakel. Alexander selbst schreibt in einem Brief an seine Mutter, er habe einige geheime Weissagungen erhalten, die er ihr ganz allein bei seiner Rückkehr mitteilen wolle. Einige berichten hingegen, der Oberpriester habe Alexander auf griechisch mit der freundlichen Anrede "Liebes Kind" [griech.: "o paidion"] begrüßen wollen, habe sich aber als Nichtgrieche dabei vertan, indem er ein s statt eines n gebrauchte und so gesagt hätte: "o Paidios" [d. h. "o du Sohn des Zeus"]. Dieser Lapsus sei Alexander aber sehr willkommen gewesen. Es habe sich daraufhin das Gerücht verbreitet, Alexander sei von dem Gott als Sohn des Zeus angeredet worden.

Es heißt auch, Alexander habe in Ägypten den Philosophen Psammon gehört, und von dessen Vortrag habe der Satz seine besondere Billigung gefunden, daß alle Menschen vom Gott regiert würden; denn das herrschende und leitende Prinzip in jedem Menschen sei göttlichen Ursprungs. Er habe diesen philosophischen Gedanken noch weiter ausgesponnen und gesagt, Gott sei zwar der gemeinsame Vater aller Menschen, aber er mache doch die Besten zu seinen eigentlichen Kindern.

28. Im allgemeinen trat er den Barbaren sehr stolz gegenüber und ganz durchdrungen von seiner göttlichen Abkunft und Gotteskindschaft. Bei den Griechen aber zeigte er mehr Maß und Zurückhaltung in seinem Anspruch auf Göttlichkeit. Nur einmal schrieb er wegen Samos an die Athener: »Ich für meine Person hätte euch ja diese freie und ruhmreiche Stadt nicht gegeben. Nun behaltet sie aber, ihr habt sie ja von dem damaligen Herrscher erhalten, den man meinen Vater nennt«, womit er den Philipp meinte. Als er aber später von einem Pfeil getroffen und verwundet war und heftige Schmerzen litt, sagte er:

"Was da fließt, ist Blut und nicht
Saft, wie er lauter fließt in den Adern der seligen Götter."

Als es einmal gewaltig donnerte und alle erschrocken waren, sagte der gerade anwesende Philosoph Anaxarchos zu Alexander: "Das war doch nicht etwa dein Werk, Sohn des Zeus?" Und Alexander antwortete lachend: "Nein, ich will meinen Freunden keine Furcht einjagen, wie du das von mir gerne hättest. Denn du machst geringschätzige Bemerkungen über meine Tafel, weil du auf den Tischen Fische und keine Köpfe von Satrapen siehst." Tatsächlich soll sich Anaxarchos einmal, als der König dem Hephaistion ein Gericht kleiner Fische zugesandt hatte, in der erwähnten Weise darüber geäußert haben. Er wollte damit Hohn und Spott über diejenigen ausgießen, die unter ungeheuren Mühen und Gefahren glänzendem Ruhm nachjagen, aber anderen im Vergnügen oder Genuß wenig oder gar nichts voraushaben.

Jedenfalls ist aus dem hier Berichteten der sichere Schluß zu ziehen, daß Alexander im Grunde von seiner Göttlichkeit weder überzeugt noch gar verblendet war, sondern sich durch den Ruf davon lediglich größere Macht über die anderen verschaffen wollte.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)