Politisch-polemische Mythenbildung: Kaiser und Kaiserin als Dämonen (Prokop, Anekdota 12, 12 - 32).

Deutsche Übersetzung nach: Prokop, Anekdota, Griechisch - deutsch, hg. von Otto Veh , München 1970 2, S. 109 - 115.


... Bis zum Nikaaufstand glaubten sie die Vermögen der Wohlhabenden nur in Einzelfällen für sich beanspruchen zu dürfen. Doch als diese Bewegung, wie schon erwähnt, losbrach, konfiszierten sie den Besitz beinahe sämtlicher Senatoren und verfügten über allen Hausrat und die schönsten Plätze nach Gutdünken; was aber harter und schwerer Besteuerung unterlag, wählten sie klüglich aus und gaben es unter dem Schein der Milde an die früheren Besitzer zurück. So mußten diese, von Steuerbeamten bedrängt und von immerwährenden Schuldzinsen aufgerieben, in steter Todesnot ein unfrohes Leben führen. Deshalb machten mir und den meisten von uns die beiden niemals den Eindruck von Menschen, sondern von mörderischen und, wie die Dichter sagen, menschenfressenden Dämonen. Sie berieten sich erst miteinander, wie sie alle Geschlechter und Werke der Menschen möglichst einfach und schnell vernichten könnten, dann nahmen sie Menschengestalt an und suchten als "Menschendämonen" die ganze bewohnte Erde heim. Beweisen kann uns dies neben vielem anderen auch die furchtbare Gewalt ihres Tuns. Dämonen sind ja etwas ganz anderes als Menschen. Während von jeher Menschen auftraten, schreckenerregend durch Schicksalswillen oder Naturanlage, und zu ihrer Zeit entweder Städte oder ganze Länder oder sonst dergleichen vernichteten, waren doch nur diese zwei imstande, über die gesamte Menschheit und über die ganze bewohnte Erde Unglück zu bringen. Das Schicksal selbst schien sich mit ihnen zur Vernichtung der Menschheit verbunden zu haben. Denn durch Erdbeben, Hungersnöte und Überschwemmungen ging damals sehr viel zugrunde, wie ich sogleich ausführen will. So verrichteten sie nicht aus Menschen-, sondern aus anderer Kraft heraus ihre Schreckenstaten.

Man erzählt sich, auch seine Mutter habe einigen Verwandten gegenüber erklärt, er sei weder ihres Mannes, des Sabbatios, noch sonst eines Menschen Sohn. Als sie ihn nämlich empfangen sollte, sei zu ihr ein Dämon gekommen, der nicht zu sehen war, sondern seine Anwesenheit nur spüren ließ, habe ihr beigewohnt und sei wie im Traum verschwunden.

Einige seiner Diener, die zu später Stunde noch bei Justinian im Palatium weilten, Männer mit ganz reiner Seele, glaubten statt seiner eine ihnen unbekannte Gespenstererscheinung zu erblicken. Der Kaiser habe sich, so erklärte einer, plötzlich von seinem Throne erhoben und sei dort herumgegangen; denn lange pflegte er nicht zu sitzen. Dann sei dessen Haupt plötzlich verschwunden und nur der übrige Körper habe, wie es schien, die ausgedehnten Wanderungen fortgesetzt. Der Beobachter selber habe, da der Anblick seine Augen völlig verwirrte, ganz ratlos dagestanden. Später sei, wie er glaube, der Kopf zum Körper zurückgekehrt, so daß sich das Fehlende überraschend ergänzte. Ein anderer Gewährsmann behauptet, er habe neben dem Sitze des Kaisers gestanden und gesehen, wie sein Antlitz plötzlich zu einem formlosen Fleischklumpen wurde. Es trug weder Brauen noch Augen an der entsprechenden Stelle, und auch sonst war alles verschwommen. Mit der Zeit habe indessen Justinian seine alten Züge wiederbekommen. Das schreibe ich nicht als Augenzeuge, sondern nur auf den Bericht von Leuten hin, die es damals gesehen haben wollen.

Ein sehr frommer Mönch soll von seinen Mitbrüdern in der Wüste nach Byzanz entsandt worden sein, um dort den Nachbarn Erleichterung zu schaffen, die unerträgliche Mißhandlungen zu erdulden hatten. Sogleich nach seiner Ankunft erhielt er Audienz. Wie er nun eintreten wollte, setzte er mit dem einen Fuß über die Schwelle, zog ihn aber plötzlich wieder zurück und kehrte um. Der Eunuch an der Türe und die anderen Höflinge drangen, wie man sich erzählt, in den Mann, er solle doch weitergehen. Doch der habe keine Antwort gegeben und sei wie von Sinnen in sein Quartier geeilt. Auf die Frage seiner Begleiter nach dem Grunde dieses seltsamen Gebarens habe er offen erklärt: "Ich sah den Fürsten der Dämonen im Palaste auf dem Throne sitzen. Mit dem möchte ich nicht zusammentreffen oder von ihm etwas erbitten." Wie sollte auch dieser Mensch kein verderblicher Dämon sein, wo er sich doch niemals an Trank oder Speise oder Schlaf ersättigte, sondern nur so obenhin von den Gerichten kostete und dann in tiefer Nacht im Palaste umherwandelte, obschon er auf Liebesgenuß ganz besonders begierig war!

Einige Liebhaber Theodoras berichten auch, ein Dämon habe sie, während sie noch am Theater tätig war, im Dunkeln unter Scheltworten aus dem Zimmer gejagt, in dem sie die Nacht mit ihr verbrachten. Die Blauen in Antiocheia hatten eine Tänzerin namens Makedonia; diese war sehr mächtig. Sie schrieb nämlich an Justinian, noch während dieser die Regierung für Justinos führte, Briefe und beseitigte auf diese Weise aus dem Kreis der angesehenen Leuten im Osten, wen sie gerade wollte. Die Besitztümer konfiszierte dann der Kaiser. Diese Makedonia soll einmal Theodora bei ihrer Rückkehr aus Ägypten und Libyen freundlich aufgenommen und, als sie dieselbe wegen der üblen Behandlung durch Hekebolios und wegen der finanziellen Verluste auf der Reise sehr bedrückt und niedergeschlagen sah, getröstet und ermutigt haben; das Schicksal könne ihr doch auch wieder viel Geld in den Schoß werfen. Da erklärte, wie es heißt, Theodora, ihr sei in jener Nacht ebenfalls ein Traumbild erschienen und habe ihr bedeutet, sich um Geld keine weiteren Sorgen zumachen. Denn wenn sie nach Byzanz komme, werde sie mit dem Fürsten der Dämonen das Lager teilen, diesem ganz bestimmt als Ehefrau beiwohnen und dadurch über alle Gelder verfügen.

Diese Ansicht teilten die meisten Leute. Justinian aber war in seiner Art so wie schon früher geschildert; er zeigte sich sogar gegen jedermann zugänglich und freundlich. Niemand war von einer Audienz ausgeschlossen, ja selbst denen, die nicht der Hofordnung entsprechend vor ihm standen oder sprachen, erwies er sein Wohlwollen. Das veranlaßte ihn aber keineswegs, vor irgendeinem seiner Opfer in Scham zu erröten. Im allgemeinen zeigte er zwar keinerlei Spur von Wut und Groll denen, die seinen Zorn erregt hatten; vielmehr pflegte er mit sanfter Miene, gesenkten Augen und leiser Stimme den Tod unzähliger unschuldiger Menschen, die Vernichtung von Städten und allgemeine Konfiskation zu verfügen. Angesichts der äußeren Haltung hätte man deshalb zwar auf ein Lammsgemüt schließen können. Jedoch, wenn irgend jemand mit flehentlichsten Bitten den Versuch wagte, die unglücklichen 'Sünder' freizubekommen, dann brachen [scil. auch einmal] unvermittelt Wut und Hohn aus ihm hervor, auf daß ja kein Nahestehender künftig sich in der Hoffnungwiege, sich etwas ausbitten zu können.

Selbst zu Christus hatte er offenbar eine feste Einstellung, doch auch diese nur zum Verderben der Untertanen. ...


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)