Die politische Ideologie der 'pax Romana' in den Augen unterwerfungsbedrohter Völker, dargestellt bei Tacitus, Agricola 31 - 33.

Lat. Text und deutsche Übersetzung aus: Publius Cornelius Tacitus, Agricola. Lateinisch und deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Vowort huasgegeben von Robert Feger, Stuttgart 1973, S. 44 - 49.


Deutsche Übersetzung :

[29]... Schon ließen sich über 30 000 Bewaffnete [scil. auf der aufständischen britannischen Seite] sehen, auch strömte die ganze Jungmannschaft herzu und wer noch frischen und rüstigen Alters war, ausgezeichnete Krieger, und jeder trug seine Ehrenabzeichen; damals soll ein Mann namens Calgacus, der den Großteil der Herzöge an Tapferkeit und Abkunft überragte, vor der gedrängten und kampfheischenden Menge in dieser Weise gesprochen haben:

30 (1) "Sooft ich die Gründe dieses Kriegs und unsere Not betrachte, gewinne ich das gewisse Vertrauen, der heutige Tag und eure Einmütigkeit werde der Anfang der Freiheit für ganz Britannien sein. Denn allesamt seid ihr zusammengetreten, der Knechtschaft ledig, hinter uns ist kein Land mehr und das Meer selbst ohne Sicherheit; denn dort droht uns die römische Flotte. So sind Kampf und Waffen, für die Tapferen ehrenhaft, auch für die Feigen das Sicherste. (2) Die früheren Schlachten, in denen mit den Römern in wechselndem Kriegsglück gekämpft wurde, hatten Hoffnung und Rückhalt an unserer Kraft, weil wir, die Edelsten von ganz Britannien und daher sein Innerstes bewohnend, ohne Ausblick auf der Knechtschaft Küsten selbst unsere Augen von der Berührung mit der Zwingherrschaft unbefleckt erhielten. (3) Uns hier am Rande der Erde, uns letzte Söhne der Freiheit, hat gerade unsere Entlegenheit und Verborgenheit vor der Welt bis zum heutigen Tag verteidigt - und alles Unbekannte gilt für großartig. Doch jetzt liegt die Grenzmark Britanniens offen - kein Volk weiter ist mehr hinter uns, nichts als Wogen und Felsen und noch feindlicher die Römer; und ihrem Frevelmut wird man vergeblich durch Fügsamkeit und Bescheidung zu entrinnen suchen. (4) Räuber der Welt, durchspüren sie, nachdem den alles Verwüstenden die Länder ausgingen, nun auch das Meer - habgierig, wenn der Feind reich, ruhmsüchtig, wenn er arm ist; nicht der Osten, nicht der Westen hat sie gesättigt; als einziges von allen Völkern begehren sie Fülle wie Leere mit gleicher Leidenschaft. Stehlen, Morden, Rauben heißen sie mit falscher Bezeichnung 'Herrschaft', und wo sie Einöde schaffen, nennen sie das 'Frieden'.

31 (1) Daß einem jeden seine Kinder und Verwandten das Liebste seien, hat die Natur gewollt: gerade sie werden durch Aushebung zum Sklavendienst außer Landes verschleppt; unsere Gattinnen und Schwestern werden, wenn sie der Gier des Feindes entrannen, unter dem Namen der Freundschaft und des Gastrechts geschändet. Güter und Vermögen werden zum Tribut, des Ackers jährlicher Ertrag zur Fruchtabgabe, die Leiber selbst und Hände unter Schlägen und Schimpf dazu verbraucht, Wälder und Sümpfe gangbar zu machen. (2) Zum Knechtdienst geborene Leibeigene stehen nur einmal zum Verkauf und werden des weiteren von ihren Herren ernährt - Britannien erkauft sich seine Knechtschaft täglich, füttert sie täglich. Und wie beim Gesinde jeweils der neueste Sklave den Mitsklaven zum Gespötte dient, so werden in diesem alten Sklavenhaufen 'Weltkreis' wir als die jungen und wohlfeilen bis zur Vernichtung heimgesucht; wir haben nämlich keine Felder oder Bergwerke oder Häfen, die zu betreiben man uns erhalten müßte. (3) Weiterhin sind Tapferkeit und wildes Wesen an Unterworfenen den Herrschenden unlieb und gerade Ferne und Abgeschiedenheit um so verdächtiger, je mehr sie Schutz bieten. So fasset denn, da euch die Hoffnung auf Nachsicht genommen ist, endlich Mut, ihr, denen das Leben, wie ihr, denen Ruhm das Liebste ist. (4) Die Briganten haben unter Führung einer Frau eine Kolonie verbrannt, ein Lager erobert und hätten, wenn sich ihr Glück nicht in Sorglosigkeit verkehrt haben würde, das Joch abwerfen können: da wollen wir, die wir unversehrt und ungezähmt zur Freiheit, nicht zur Reue die Waffen erheben, beim ersten Zusammenstoß schon zeigen, was für Männer Caledonien sich noch aufgespart.

32 (1) Oder glaubt ihr, den Römern stünde im Kriege Tapferkeit im gleichen Maße zu Gebot wie im Frieden Zügellosigkeit? Durch unsere Uneinigkeit und Zwietracht glänzen sie und wandeln die Fehler ihrer Feinde um in Ruhm für ihr Heer, das - zusammengetrieben aus den verschiedensten Völkern - widrige Umstände auflösen werden, wie es glückliche zusammenhalten; außer ihr müßtet glauben, daß Gallier und Germanen und auch - man schämt sich, es auszusprechen - von den Britanniern viele, obwohl sie für die Fremdherrschaft ihr Blut hingeben, dennoch länger ihre Feinde als ihre Sklaven, durch Treue und Zuneigung gebunden seien! (2) Furcht und Schrecken sind schwächliche Liebesbande; nimm sie weg, und die zu fürchten aufhören, werden zu hassen beginnen. Jedweder Anreiz zum Sieg ist auf unserer Seite: Keine Gattinnen entflammen die Römer, keine Eltern werden ihre Flucht schelten; die meisten haben gar kein Vaterland oder ein anderes. In geringer Zahl, unruhig ob ihrer Unkenntnis, nach dem Himmel selbst, nach Meer und Wald, nach allem wie nach Unbekanntem umherspähend, gewissermaßen eingeschlossen und gefesselt haben sie die Götter uns ausgeliefert. (3) Es schrecke euch nicht der eitle Anblick und des Goldes Blitzen und des Silbers, das weder schützt noch verwundet! In der Feinde Schlachtreihe selbst werden wir unsere Verstärkungen finden: Erkennen werden die Britannier ihre eigene Sache, erinnern werden sich die Gallier ihrer früheren Freiheit, im Stiche lassen werden die übrigen Germanen sie ebenso wie neulich die Usiper sie verließen. Nichts ist darüber hinaus zu fürchten: Leer sind die Festungen, in Greisenhand die Kolonien und die Landstädte, wo man ungern gehorcht und ungerecht regiert, mißmutig und voller Zwietracht! (4) Hier ist ein Führer, hier ein Heer - dort Auflagen und Bergwerksfron und andere Sklavenplagen; ob wir diese ewig tragen oder sofort ahnden, darüber wird auf diesem Feld entschieden! Geht ihr also nun in die Schlacht, so gedenkt eurer Ahnen und Nachfahren!"

33 (1) Erregt nahmen sie nach Barbarensitte die Rede mit Getöse, Gesang und mißtönigem Schreien auf. Und schon zeigten sich die Heerhaufen und blitzten die Waffen beim Vorpreschen der Verwegensten; zugleich bildete man die Schlachtordnung. ...

Lateinischer Text:

... triginta milia armatorum aspiciebantur, et adhuc adfluebat omnis iuventus et quibus cruda ac viridis senectus, clari bello et sua quisque decora gestantes, cum inter plures duces virtute et genere praestans nomine Calgacus apud contractam multitudinem proelium poscentem in hunc modum locutus fertur:

30 (1) "Quotiens causas belli et necessitatem nostram intueor, magnus mihi animus est hodiernum diem consensumque vestrum initium libertatis toti Britanniae fore; nam et universi servitutis expertes et nullae ultra terrae ac ne mare quidem securum inminente nobis classe Romana. ita proelium atque arma, quae fortibus honesta, eadem etiam ignavis tutissima sunt. (2) priores pugnae, quibus adversus Romanos varia fortuna certatum est, spem ac subsidium in nostris manibus habebant, quia nobilissimi totius Britanniae eoque in ipsis penetralibus siti nec ulla servientium litora aspicientes, oculos quoque a contactu dominationis inviolatos habebamus. (3) nos terrarum ac libertatis extremos recessus ipse ac sinus famae in hunc diem defendit; atque omne ignotum pro magnifico est: sed nunc terminus Britanniae patet, nulla iam ultra gens, nihil nisi fluctus ac saxa, et infestiores Romani, quorum superbiam frustra per obsequium ac modestiam effugeris. (4) raptores orbis, postquam cuncta vastantibus defuere terrae, mare scrutantur: si locuples hostis est, avari, si pauper, ambitiosi, quos non Oriens, non Occidens satiaverit: soli omnium opes atque inopiam pari adfectu concupiscunt. auferre trucidare rapere falsis nominibus imperium, atque ubi solitudinem faciunt, pacem appellant.

31 (1) Liberos cuique ac propinquos suos natura carissimos esse voluit: hi per dilectus alibi servituri auferuntur; coniuges sororesque etiam si hostilem libidinem effugiant, nomine amicorum atque hospitum polluuntur. bona fortunaeque in tributum, ager atque annus in frumentum, corpora ipsa ac manus silvis ac paludibus emuniendis inter verbera et contumelias conteruntur. (2) nata servituti mancipia semel veneunt, atque ultro a dominis aluntur: Britannia servitutem suam cotidie emit, cotidie pascit. ac sicut in familia recentissimus quisque servorum etiam conservis ludibrio est, sic in hoc orbis terrarum vetere famulatu novi nos et viles in excidium petimur; neque enim arva nobis aut metalla aut portus sunt, quibus exercendis reservemur. (3) virtus porro ac ferocia subiectorum ingrata inperantibus; et longinquitas ac secretum ipsum quo tutius, eo suspectius. ita sublata spe veniae tandem sumite animum, tam quibus salus quam quibus gloria carissima est. (4) Brigantes femina duce exurere coloniam, expugnare castra, ac nisi felicitas in socordiam vertisset, exuere iugum potuere: nos integri et indomiti et in libertatem, non in paenitentiam bellaturi primo statim congressu ostendamus, quos sibi Caledonia viros seposuerit.

32 (1) An eandem Romanis in bello virtutem quam in pace lasciviam adesse creditis? nostris illi dissensionibus ac discordiis clari vitia hostium in gloriam exercitus sui vertunt; quem contractum ex diversissimis gentibus ut secundae res tenent, ita adversae dissolvent, nisi si Gallos et Germanos et - pudet dictu - Britannorum plerosque, licet dominationi alienae sanguinem commodent, diutius tamen hostes quam servos, fide et adfectu teneri putatis. (2) metus ac terror sunt infirma vincla caritatis; quae ubi removeris, qui timere desierint, odisse incipient. omnia victoriae incitamenta pro nobis sunt: nullae Rornanos coniuges accendunt, nulli parentes fugam exprobraturi sunt; aut nulla plerisque patria aut alia est. paucos numero, trepidos ignorantia, caelum ipsum ac mare et silvas, ignota omnia circum spectantes, clausos quodam modo ac vinctos dii nobis tradiderunt. (3) ne terreat vanus aspectus et auri fulgor atque argenti, quod neque tegit neque vulnerat. in ipsa hostium acie invenerimus nostras manus: agnoscent Britanni suam causam, recordabuntur Galli priorem libertatem, deserent illos ceteri Germani, tam quam nuper Usipi reliquerunt. nec quicquam ultra formidinis: vacua castella, senum coloniae, inter male parentes et iniuste imperantes aegra municipia et discordantia. (4) hic dux, hic exercitus: ibi tributa et metalla et ceterae servientium poenae, quas in aeternum perferre aut statim ulcisci in hoc campo est. proinde ituri in aciem et maiores vestros et posteros cogitate."

33 (1) Excepere orationem alacres, ut barbaris moris, fremitu cantuque et clamoribus dissonis. iamque agmina et armorum fulgores audentissimi cuiusque procursu, simul instruebatur acies...


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)