Eine politisch motivierte 'Prognose' über künftige Herrschaft: die Prophezeiung desFlavius Iosephus gegenüber Vespasian, in: Der jüdische Krieg 3, 8, 8 f.

Deutsche Übersetzung: Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg - De bello Iudaico. Übetragen und eingeleitet von Hermann Endrös, 2 Bde. München 1965, Bd. 1, S. 305 - 307.


8. So war denn Josephus den feindlichen Auseinandersetzungen mit den Römern und mit den eigenen Anhängern entkommen, und er wurde nun von Nikanor zu Vespasian gebracht. Die Römer scharten sich allenthalben zusammen, um ihn zu sehen, und die Menschenmasse, die den Feldherrn umringte, machte einen vielstimmigen Lärm: Die einen äußerten sich erfreut darüber, daß er gefangen war, andere bedrohten ihn oder kamen näher an ihn heran, um ihn zu sehen. Wer weiter entfernt war, rief, der Feind solle getötet werden, wer näher war, fühlte sich durch das Gedenken an seine Taten gerührt und war beeindruckt von der Furcht vor dem schnellen Wechsel des Schicksals. Jeder von den höheren Dienstgraden wurde milde gestimmt, wenn sie des Josephus ansichtig wurden, selbst jene, die ihm zuvor sehr gezürnt hatten. Noch mehr als die anderen war Titus beeindruckt von der Standhaftigkeit des Josephus in seinem Elend, und groß war sein Mitleid mit der Jugend des Feldherrn. Wenn er daran dachte, wie Josephus gekämpft hatte und wie er ihn nunmehr so in der Gewalt der Feinde sah, wurde er übermannt vom Gedanken an die Macht des Schicksals und an den raschen Wechsel des Kriegsglücks und die Unverläßlichkeit aller menschlichen Dinge. Schon in jenen Tagen war es, daß er auch die meisten anderen zu solchem Fühlen und zum Erbarmen mit Josephus veranlaßte; und vor allem auf seine Fürsprache bei Vespasian ist die Rettung des Josephus zurückzuführen. Natürlich ließ ihn Vespasian besonders sorgfältig bewachen, da er ihn bei nächster Gelegenheit zu Nero zu schicken gedachte.

9. Josephus hörte davon und ließ Vespasian mitteilen, er wolle mit ihm etwas allein bereden. Vespasian ließ daraufhin alle weggehen bis auf seinen Sohn Titus und zwei Freunde, und nun hob Josephus an: "Vespasian, du vermeinst, mit Josephus nur einen Kriegsgefangenen in deine Gewalt bekommen zu haben; ich aber stehe vor dir, um dir Großes zu verkünden. Hätte mich nämlich nicht Gott geschickt, dann hätte ich gewußt, was ich dem jüdischen Gesetz schulde und wie ich als Feldherr zu sterben hätte. Du willst mich zu Nero schicken? Weshalb? Werden denn jene, die auf Nero folgen, Herrscher bleiben, bis du die Herrschaft übernimmst? Ja, du, Vespasian, wirst Kaiser und Herrscher über alle sein, du und dieser, dein Sohn! Jetzt lege mir noch stärkere Fesseln an und laß mich verwahren für dich selbst; denn du, Caesar, wirst nicht nur Herr sein über mich, sondern über die Erde und über das Meer und über das gesamte Menschengeschlecht. Doch bitte ich dich, mich strenger bewachen zu lassen, daß du mich bestrafen kannst, wenn ich mich gegen Gott einer Leichtfertigkeit schuldig mache."

Es war dem Vespasian anzusehen, daß er fürs erste diesen Worten keinen Glauben schenken konnt; denn er mußte ja annehmen, Josephus habe diese List ersonnen, um sein Leben zu gewinnen; schließlich aber sah er die Dinge doch in zunehmendem Maße mit gläubigeren Augen an, da Gott selbst in ihm schon den Gedanken an die Übernahme der Herrschaft geweckt und durch andere Vorzeichen seine künftige Herrscherstellung angekündigt hatte. Die Vertrauenswürdigkeit der Prophezeiungen des Josephus hatte Vespasian schon anderweitig feststellen können: Einer seiner Freunde, die an der Geheimbesprechung teilgenommen hatten, zeigte sich nämlich darüber verwundert, daß Josephus weder den Bewohnern von Jotapata die Einnahme ihrer Stadt noch sich selbst die eigene Gefangenschaft vorhergesagt hatte. Da eine solche Prophezeiung nicht ergangen sei, müsse man auch das andere alles für dummes Gerede eines Mannes ansehen, der den Zorn, der sich gegen ihn richtete, abzulenken suche. Nun aber konnte sich Josephus darauf berufen, er habe tatsächlich den Leuten von Jotapata vorherverkündet, sie würden nach siebenundvierzig Tagen in die Gewalt der Feinde geraten, und er selbst würde lebend in die Kriegsgefangenschaft kommen. Da verschaffte sich Vespasian heimlich bei den Kriegsgefangenen Gewißheit über diese Behauptung; und als er sie gefunden hatte, vertraute er mehr und mehr der Glaubwürdigkeit jener Propezeiungen, die sich auf ihn selbst bezogen. Freilich hielt er der Josephus weiterhin unter Bewachung und in Fesseln, aber er stellte ihm ein Gewand zur Verfügung und andere Wertsachen, und ging mit ihm auch fernerhin freundlich und entgegenkommend um. Diese Bevorzugung verdankte Josephus hauptsäthlich dem Eingreifen des Titus.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)