Der Geschichtsmythos der Rom-Idee in der Spätantike: Claudianus, De consulato Stilichonis III, 130 - 172.

Lateinischer Text aus: Claudian. With an English Translation by Maurice Platnauer, 2 vol., vol. I, S. 52 - 55. Deutsche Übersetzung aus: Friedrich Klingner, Geistesleben im ausgehenden Altertum, in: ders., Römische Geisteswelt, München 1965 5, S. 528 - 578 [S. 548 f.]

Deutsche Übersetzung:

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Ganz nahe du den Göttern, Konsul, du sorgst für diese große Stadt,

das Höchste, was auf Erden der Äther umfängt!

Ihren Raum faßt der Blick nicht, noch das Herz die Schönheit,

noch irgendeine Stimme ihr Lob. Von goldenem Licht

gleichermaßen funkelnd streckt sie ihre Firste nahe zu den Sternen.

Mit sieben Hügeln tut sie es den sieben Zonen des Himmels gleich,

sie, Mutter der Waffen und Gesetze, die über alle

ihre Befehlsgewalt ausbreitet und die Wiege des jungen Rechts geschenkt hat.

Sie ist es, die, in engen Grenzen entsprungen, sich geweitet hat

zu beiden Polen und, von kleinem Wohnsitz ausgegangen,

mit ihren Armen weit wie die Sonne um sich gegriffen hat.

Sie ist dem Schicksal begegnet, hat Kämpfe ohne Zahl zu gleicher Zeit geführt,

Spanien gewonnen, Siziliens Städte belagert,

den Gallier zu Lande niedergeworfen, zur See den Karthager,

und ist doch nie Verlusten erlegen, und von keinem Schlag erschreckt

hat sie größer nach Cannae und nach der Trebia Mut geschnoben,

und als schon das Feuer sie bedrängte und der Feind gegen die Mauer

stieß, sandte sie zum äußersten Rande Spaniens ihren Schlachthaufen

und stand vor dem Weltmeer nicht still, fuhr mit Rudern über die Tiefe

und suchte drüben, in einer andern Welt, sie zu besiegen, die Britannier.

Sie ist es, die allein die Besiegten in ihrem Schoße aufgenommen

und das Menschengeschlecht mit gemeinsamem Namen gehegt,

nach Mutterart, nicht Herrinnenart, und Mitbürger genannt,

die sie bezähmt, und mit dem Band der Liebe das weit Auseinanderliegende verknüpft hat.

Ihrem friedebringenden Brauch verdanken wir es alle,

daß der Fremde wie in der Heimat ist, daß einer seinen Wohnsitz wechseln kann, daß Thule zu sehen

ein Spiel ist und einzudringen in einst grausige Entlegenheit,

daß wir ohne Unterschied aus Rhône und Orontes trinken,

daß wir alle ein einziges Volk sind. Und es wird nie Grenze und Ende

der römischen Macht sein. Denn die andern Reiche

hat Schwelgerei durch Laster und Hochmut durch Haß gestürzt.

[...]

Sie aber, Roma, ist gefeit durch Wahrsprüche der Sibylle,

sie ist mit Lebenskraft erfüllt durch Numas Götterdienst, von ihr aus schleudert seine Blitze

Jupiter. Die Tritonia [scil. Athene] umschirmt sie mit ganzer Aegis.

In sie hat Vesta ihre geheimen Fackeln, in sie Bacchus seine Mysterien

übertragen und die getürmte Mutter ihre phrygischen Löwen.

Zu ihr ist, Krankheiten abzuwehren, der Gast aus Epidaurus [scil. Aesculap]

in heiterem Hinziehen gewallt, und wie er über Wellen geschwommen,

hat die Tiberinsel die heilbringende Schlange geborgen.

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Lateinischer Text

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Proxime dis consul, tantae qui prospicis urbi,

qua nihil in terris complectitur altius aether,

cuius nec spatium visus nec corda decorem

nec laudem vox ulla capit; quae luce metalli

aemula vicinis fastigia conserit astris;

quae septem scopulis zonas imitatur Olympi;

armorum legumque parens quae fundit in omnes

imperium primique dedit cunabula iuris.

haec est exiguis quae finibus orta tetendit

in geminos axes parvaque a sede profecta

dispersit cum sole manus. haec obvia fatis

innumeras uno gereret cum tempore pugnas,

Hispanas caperet, Siculas obsideret urbes

et Gallum terris prosterneret, aequore Poenum,

numquam succubuit damnis et territa nullo

vulnere post Cannas maior Trebiamque fremebat

et, cum iam premerent flammae murumque feriret

hostis, in extremos aciem mittebat Hiberos

nec stetit Oceano remisque ingressa profundum

vincendos alio quaesivit in orbe Britannos.

haec est in gremium victos quae sola recepit

humanumque genus communi nomine fovit

matris, non dominae ritu, civesque vocavit

quos domuit nexuque pio longinqua revinxit.

huius pacificis debemus moribus omnes,

quod veluti patriis regionibus utitur hospes;

is quod sedem mutare licet; quod cernere Thylen

lusus et horrendos quondam penetrare recessus;

quod bibimus passim Rhodanum, potamus Orontem;

quod cuncti gens una sumus. nec terminus umquam

Romanae dicionis erit, nam cetera regna

luxuries vitiis odiisque superbia vertit:

[.....] haec auguriis firmata Sibyllae,

haec sacris animata Numae. huic fulmina vibrat

luppiter; hanc tota Tritonia Gorgone velat.

arcanas huc Vesta faces, huc orgia Bacchus

transtulit et Phrygios genetrix turrita leones;

huc defensurus morbos Epidaurius hospes

reptavit placido tractu, vectumque per undas

insula Paeonium texit Tiberina draconem.

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LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)