Zum fabulierenden Charakter des antiken Romans: Apuleius, Der goldene Esel 1, 1 - 7.

Deutsche Übersetzung aus: Apuleius, der goldene Esel. Aus dem Lateinischen übersetzt von Wilhelm Rode. Mit Illustrationen von MaxKlinger und einem Nachwort von Wilhelm Haupt, (1975) Frankfurt M., Leipzig, 1992, S. 9 - 13.


Ich will dir, lieber Leser, in diesem milesischen Märchen allerhand lustige Schwänke erzählen, welche deine Ohren auf das angenehmste kitzeln sollen, wo du anders ein Buch, das in dem kurzweiligen ägyptischen, Tone geschrieben ist, deiner Aufmerksamkeit nicht für unwürdig achtest. Auch sollst du darin all dein Wunder sehen, wie Leute in andere Gestalten verwandelt werden und dann wieder m ihre ursprüngliche zurückkehren. Ich hebe gleich an. Zuvor nur ein Wort, wer ich bin.

Mein Geschlecht ist uralt und auf dem attischen Hymettos, dem ephyräischen lsthmos und dem spartischen Tainaron, diesen seligen, in den Schriften der glänzendsten Genien ewig blühenden Gefilden, zu Hause. Dort bin ich auferzogen worden, und dort lernte ich das Attische. Nachher begab ich mich nach Latiens Hauptstadt. Aus Verlangen, mit der römischen Literatur bekannt zu werden, machte ich mich an die Sprache des Landes und studierte sie mit unsäglicher Mühe und Flci!, jedoch ohne die geringste Anleitung.

Um dessentwillen, mein Leser, bitte ich dich hier im vorati um Verzeihung, wenn ich etwa als Ausländer hin und wiedcr in dieser fremden Sprache Fehler begehe. Ich bediene mich ihrer nur, weil etwas Kauderwelsch dem Komischen des Stoffes um so mehr aufhilft und deine Belustigung allem mein Zweck ist. Das Märchen stammt übrigens aus Griechenland. Jetzt beginnt es. Merke auf, es wird zu lachen geben.

2 Ich tat vor einiger Zeit in Geschäften eine Reise nach Thessalien, wo ich gleichfalls angesehen bin wegen memer mütterlichen Abkunft vom berühmten Plutarch und von dessen Neffen, dem Philosophen Sextus. Nachdem ich auf meinem treuen einheimischen Schimmel manch steiles Gebirge, manch schlüpfriges Tal, manche betaute Wiese und holperige Abene zurückgelegt hatte und er nun ganz abgemattet war, ich mir aber die Müdigkeit vom Sitzen etwas vertreten mochte, so stieg ich ab, wischte mit Laub den Schweiß vom Pferde, rieb ihm die Ohren, zäumte es ab, ließ es sich ein wenig verschnaufen und schlenderte ganz Schritt vor Schritt voraus, bis es sich durch die natürlichen Wege leichter gemacht hatte. Während es beim Nachfolgen im Vorbeigehen an den Wiesen sich's wohischmecken ließ, holte ich zwei Leute ein, die kurz vor mir hergingen. Ich horchte eben, was sie miteinander schwatzten, als einer von ihnen überlaut auflacht und sagt: »Oh, ich bitte dich, halt doch dein Maul, und verschone mich mit so erzabgeschmackten, ungeheuren Lügen!«

Das reizte meine ohnehin immer rege Neugier. Ich nehme also gleich das Wort: »Mit Gunst, Landsmann«, sprech' ich, »so gebt mir Eure Erzählung zum besten! Ich mag gern alles mit anhören; nicht eben, weil ich so neugierig wär', sondern bloß, mich zu unterrichten. Zugleich wird uns ja auch beim Schwatzen der Hügel hier nicht so sauer zu ersteigen!«

»Na, Herr«, antwortet der vorige, »wenn Ihm mit einer recht ausgemachten Lüge gedient ist! Denn was der mir da vorschwatzt, ist just so wahr, als wenn sie immer sagen, daß man durch gewisse Hokuspokus die Ströme könne nach ihren Quellen zurücktreiben, das Meer fesseln, den Winden ihren Odem nehmen, die Sonne innehalten, den Mond schäumend vergehen lassen, die Gestirne herabreißen, den Tag aufheben, die N acht anhalten und was dergleichen Alfanzerei mehr ist!«

»Laßt Euch dessenungeachtet die Mühe nicht verdrießen weiterzuerzählen«, redete ich nochmals und schon mit mehr Zuversicht den andern an. »Sowenig es auch Euch da«, wandte ich mich an diesen, »zu Kopfe will, so kann es, beim Herkules!, darum doch alles sehr wahr sein. Ach, guter Freund, nur allzuoft verwirft unser verkehrter Sinn das als eine Lüge, was ihm doch nur unerhört, unersehen ist oder was über das Ziel seiner Gedanken hinausreicht und er nicht fassen kann. Prüfte er es nur genauer, wie manchmal würde er finden, daß es nicht nur ganz begreiflich, sondern auch gar wohl tunlich ist. Ich wäre zum Beispiel noch gestern abend beinahe an einem Stück Käsekuchen erstickt, weil ich zu gierig aß und zu große Bissen davon nahm; da mir die klebrige Masse derart die Kehle verstopfte, daß ich genug zu würgen hatte, ehe ich wieder Luft bekommen konnte. Und gleichwohl habe ich neulich in Athen vorm Poikile mit meinen eigenen Augen einen herumziehenden Marktschreier ein scharfes Schwert, die Spitze zuerst, hinunterschlucken sehen. Ja, kurz darauf nahm er sogar einen langenJagdspieß, stach sich damit für ein Spottgeld, das man ihm gab, tief in den Leib hinein, und das Eisen, das er hier in den Unterleib stieß, kam samt dem Schaft aus dem Genicke hinten hoch empor, und oben auf der Spitze ließ sich ein bildschönerJunge sehen, der da mit solch einem Anstand, mit solch einer Gelenkigkeit tanzte und gaukelte, daß wir Zuschauer vor Verwunderung alle Maul und Nase aufsperrten. Wahrhaftig, geschickter hätte sich nicht der edle Drache des Gottes der Ärzte um dessen knotigen Stock herumschlingen können! Wohlan also, Landsmann«, sprach ich zu jenem wieder, »laßt mich nicht vergebens bitten! Will Euch Euer Kamerad nicht glauben, so tue ich's für ihn mit, und in dem ersten Wirtshaus, in das wir einkehren, bezahle ich aus Erkenntlichkeit Eure Zeche.«- »Nicht doch, lieber Herr«, versetzte er, »das verlange ich nicht! Ich kann ihm ja wohl ohnedies mein Histörchen erzählen: Ich will's Ihm ganz von vorne wieder anfangen, weil Er's gern hören mag. Zuvor kann ich's Ihm aber bei der Sonne, die uns bescheint, bei diesem allschauenden Gott, zuschwören, daß alles, was ich Ihm da erzählen werde, die helle, klare Wahrheit und mir selbst begegnet ist! Er wird auch selber nicht daran zweifeln, wenn Er erst in die nächste thessalische Stadt hier kommt, wo es sich öffentlich zugetragen hat und noch in aller Leute Mäulern ist. Laß Er sich auch vorher noch sagen, wer und woher ich bin und was mein Gewerb ist: Ich heiße Aristomenes, bin aus Ägion und treibe in Thessalien, Atollen, Böotien Handel mit Honig und Käse und dergleichen Waren mehr, die in den Gasthäusern gebraucht werden.

Einstmals nun zieh' ich Kundschaft ein, daß zu Hypata, der angesehensten Stadt in ganz Thessalien, frischer, wohlschmeckender Käse um sehr billigen Preis zu haben sei. Ich mache mich eiligst dahin auf, gleich den ganzen Vorrat wegzuschnappen. Allein ich armer Schelm mußte zur bösen Stunde ausgegangen sein, meine Hoffnung, einen trefflichen Schnitt zu machen, schlug mir fehl; wie ich hinkam, hatte schon tags zuvor Kaufmann Wolf allen Käse vom Fleck weggekauft. Von der unnützen Eile ermüdet, begebe ich mich gegen Abend ins Bad: 6 Siehe, da werde ich unterwegs meines alten Kameraden Sokrates ansichtig! Er saß auf dem Boden, mit einem groben, lumpigen Mantel halb behangen, sich selbst fast nicht mehr ähnlich, totenblaß und ganz entstellt vor Magerkeit: kurz, vollkommen so wie die Stiefkinder des Glücks an den Ecken um Almosen zu bitten pflegen. In diesem erbärmlichen Zustand schämte ich mich meines Freundes und hätte fast getan, als keimte ich ihn nicht; doch ging ich endlich zu ihm hin: >Um's Himmels willen, lieber Sokrates, was ist das<, rief ich, >wie siehst du aus? Sag mir, was hast du angefangen? Du bist zu Hause als tot ausgeschrien, beweint; die Gerichte haben deinen Kindern Vormünder bestellt, deine Frau hat die Trauer um dich schon wieder abgelegt und um deinetwillen sich so abgehärmt und abgeweint, daß sie beinahe nicht erkennbar und blind geworden ist; eben dringen alle Verwandten in sie, ihren betrübten Witwenstand lieber gegen die Freuden einer zweiten Ehe zu vertauschen - und mittlerweile seh' ich dich hier, zu unser aller größten Schande, wie ein leibhaftiges Gespenst einherziehen?< - >Ach, Aristomenes<, seufzte er, >wie wenig mußt du noch des Glückes Launen, Unbestand und Wechsel kennen!< Und mit diesen Worten verbarg er sein Gesicht, das blutrot vor Scham geworden war, derart in seine Lumpen, daß kaum noch seine Blöße bedeckt war. Ich konnte den jämmerlichen Anblick nicht ertragen. Ich packe ihn an und will ihn aufrichten; ' aber mit verhülltem Kopf, wie er war, rief er: >0 laß mich, laß das Glück noch länger des Siegeszeichens genießen, das es sich selber aufgestellt hat!< Ich bringe ihn demungeachtet noch dahin, daß er mir nachgibt, ziehe auch meinen Oberrock ab und bekleide - oder, um recht zu sprechen, bedecke - ihn geschwind damit und eile mit ihm *his Bad. Da stecke ich ihn in die Wanne und wässere ihn erst, schaffe indes Salbe und Reibtücher herbei und scheure ihm dann den alten Schmutz tapfer ab, und nachdem ich ihn also auf das beste gepflegt, leite ich ihn, da er ganz entkräftet, so müde ich auch selbst war und so sauer mir's auch ward, nach einer Herberge, lege ihn zu Bett und gebe ihm zu essen und zu trinken und suche ihn durch alerlei Gespräche aufzumuntern. Schon waren wir auch wirklich guter Dinge, lachten, scherzten, stichelten einander, waren laut, als auf einmal mein Gast schmerzlich aus innigster Brust heraufseufzt, sich mit geballter Faust vor die Stirn schlägt und also anhebt: >Ich Unglücklicher bin bloß durch die vermaledeite Lust, ein Fechterspiel zu sehen, wovon sehr viel Geredens gemacht wurde, in dies schmähliche Elend geraten! ....

[Es beginnt nun die lange und episodenreiche Geschichte von der Verwandlung des Sokrates in einen Esel und seiner endlichen Rückverwandlung in einen Menschen, die zu der Zeit, als der Erzähler ihn antrifft, gerade stattgefunden hat.]


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)