Der Mythos von der Lösbarkeit politischer oder militärischer Konflikte durch entspannte Friedfertigkeit, dargestellt in einer Komödie: Aristophanes, Lysistrata 1112 - 1320.

Deutsche Übersetzung nach: Griechisches Theater [Tragödien und Komödien des Auschylos (Die Perser. Sieben gegen Theben). Sophokles (Antigone. König Oedipüus. Elektra)., Aristophanes (Die Vögel. Lysistrata) und Menander (Das Schiedsgericht)]. Deutsch von Wolfgang Schadewaldt. Mit Nachwort und Erklärungen zu den einzelnen Dramen. Frankfurt 1964, S. 418 - 426. 16 -26. Die kursiv geschriebeben Passagen stellen dramaturgische Interpretationen des Übersetzers dar. Die in der Übersetzung Schadewalds transponierte Versform des altgriechischen Textes wird hier des vorrangigen inhaltlichen Verständinisses wegen nicht wiedergegeben: doch ist sie auch so hinreichend erkennbar.. C. G.


LYSISTRATA, von der 'Versöhnung' in der Gestalt einer attraktiven jungen Frau begleitet:

Die Sache ist gar nicht so schwer. Man muß die Männer nur anfassen, solange es noch gärt in ihnen Und sie sich nicht die Griffe abgesehen haben. Gleich werden wir es sehn! - Versöhnung! komm! Wo bist du? Führe zuerst mir die Spartaner her! Doch nicht mit harter, eigensinniger Hand und wie es Männer unter uns so ungeschickt zu tun versuchten, sondern wie es Frauen geziemt und ihnen so recht eigen ist. Und gibt man dir die Hand nicht, führ sie her am Glied!

Die Spartaner werden von der 'Versöhnung' mit einigen Tanzschritten herbeigeführt.

Jetzt geh und bringe dort auch die Athener! Was sie dir geben, daran führ sie her!

Es geschieht. Das Mädchen bleibt auf der Bühne. Der Athener und der Spartaner werden im folgenden ständig von ihr abgelenkt.

Männer von Sparta! Tretet neben mich! Und ihr Athener dorthin! Und hört mein Wort! Zwar bin ich eine Frau, jedoch ich hab Verstand Und steht es in mir selbst um meine Einsicht nicht schlecht, so habe ich von meinem Vater und älteren Männern manches gute Wort gehört und mich nicht schlecht danach gebildet. Nun aber, habe ich euch einmal hier, will ich euch schelten alle miteinander, wie ihrs verdient, daß ihr als Anverwandte dieselben heiligen Weihegüsse darbringt auf den Altären in Olympia, in Pytho, in Thermopylai - wie viele andere Orte könnt ich nennen, wenn ich mich darüber verbreiten wollte! Und daß ihr dann, indessen dort die Feinde gerüstet stehn mit Heeresmacht - die Perser - , daß ihr Hellenenmänner und Hellenenstädte zugrunde richtet! - Einzig darauf läuft mir meine Rede stets hinaus!

ATHENER:

Zugrunde gerichtet bin auch ich - auf meine Weise!

LYSISTRATA:

Und nun, Spartaner! wend ich mich an euch! Wißt ihr nicht mehr, wie euer Perikleides hergekommen einst, er der Lakone, als Hilfeflehender bei den Athenern dasaß am Altar, bleich, im purpurroten Gewand des Herolds, und ein Heer erbettelte? Euer Messenien war im Aufruhr damals, und es bedrängte euch dazu der Gott mit Erdbeben! Doch Kimon kam Euch mit viertausend Schwerbewaffneten zu Hilfe und rettete ganz Lakedaimon. Und zum Dank dafür, daß die Athener dies an euch getan, macht ihr zur Wüste ihnen jetzt das Land, von dem ihr Gutes damals habt erfahren!

ATHENER:

Unrecht das! Ja, beim Zeus! Unrecht, Lysistrata!

SPARTANER nach dem Mädchen guckend:

Nöt recht vo'n' eus gwüss! - Aber schier nöt zsäge, was die det e chaibe schöns Füdli hät!

LYSISTRATA wendet sich zu dem Athener:

Du meinst wohl, euch Athener sprech ich frei? Ja, wißt ihr denn nicht mehr, wie ihr im Schafsfell als Sklaven den Tyrannen fronen mußtet? Damals kamen nun wieder die Spartaner zu euch mit Schild und Speer, und sie erschlugen viele der Thessaler, die dem Tyrannen mit ihrer Reiterei zu Hilfe kamen, viele der Anhänger des Hippias und Helfershelfer, und stellten euch, im Bunde mit euch streitend an jenem Tage damals, sie allein, die Freiheit wieder her und legten anstatt des Sklavenrocks dem Volke wieder das Kleid des freien Bürgers an.

SPARTANER auf Lysistrata weisend:

E Tüchtigeri als die han ich no nie gseh!

ATHENER nach dem Mädchen guckend:

Und ich noch nie ein schöneres Stück Hüfte!

LYSISTRATA:

Warum, wo ihr so vieles Gute füreinander getan habt, schlagt ihr aufeinander ein und hört nicht auf mit allem Bösen? Warum vertragt ihr euch nicht? Sagt! Was steht im Wege?

SPARTANER, den Kopf nach dem Mädchen gewandt:

Mir wöttet scho, wann eus einer das rundi Ding da täti zruck gä!

LYSISTRATA:

Welches, Lieber! denn?

SPARTANER sachlich:

Die Feschtung Pylos mein ich!

Wieder Blick nach dem Mädchen.

Nach der mir lang scho zapplet und griffe hänt.

Kurvende Handbewegung.

ATHENER:

Nein! bei Poseidon! daraus kann nichts werden!

LYSISTRATA:

So laßt es ihnen doch, mein Lieber!

ATHENER:

Niemals! Wen können wir dann sonst noch - schikanieren?

LYSISTRATA:

Verlangt statt dessen einen andern Platz!

ATHENER:

Gut denn! so gebt ihr also uns zunächst einmal das Dings da, den Echinus, und sodann den Busen von Malia dahinten und sodann die Schenkel von Megara.

SPARTANER:

Bim Kaschtor! Nöt, nöt all's! Du bischt verruckt!

LYSISTRATA:

Laßt doch!

Zu dem Athener:

Du wirst dich doch nicht um zwei Schenkel streiten!

ATHENER:

Ich will ja gerne nackt gehn und mein Feld bestellen ...

SPARTANER:

Und ich, bim Kchaschtor, Mischt füehre in dr Frühi ...

LYSISTRATA:

Ihr sollt es tun: buchstäblich! Aber erst vertragt euch! Doch wollt ihr es, so kommt nun zum Entschluß und geht und laßt auch die Verbündeten es wissen!

ATHENER:

Was da, Verbündete! meine Liebe! Das Reißen plagt uns! Die werden - ganz genau wie wir - beschließen: daß man sich allgemein entspannen soll.

SPARTANER

Und d'euseri gwüss doch au, bim Kchaschtor und bim Pollux!

CHORFÜHRER:

Und die Karystier auch, beim Zeus, die Schwerenöter!

LYSISTRATA:

Nun gut! So reinigt euch denn jetzt mit Waschungen! Dann wolln wir Frauen euch auf der Burg bewirten Mit dem, was wir in Kisten und in Kasten haben. Dort gebt einander Eid und Unterpfänder! Und dann bekommt ein jeder von euch seine Frau und geht!

ATHENER:

So gehen wir in Eile! Komm!

SPARTANER noch immer nach dem Mädchen schauend:

Gang numme! Ich chumme!

ATHENER reißt ihn weg:

Beim Zeus, schleunigst marsch!

Lysistrata sowie die beiden Gesandtschaflen gehen in die Burg. In der Burg Bankett und Musik.

Zwischenspiel Chor.

MÄNNER [Strophe]:

Bunte Decken, Schleppgewänder, Feierkleider, Goldgeschmeide, was ich habe, ohne Neid biete ich es allen dar! Jeder mag sich davon holen und es seinen Buben bringen, oder wenn sein Töchterlein auserlesen ist, zur Göttin den geweihten Korb zu tragen. Allen, allen sage ich euch: Nehmt euch von den Kostbarkeiten jetzt bei mir im Hause! Gar nichts wird so gut versiegelt sein, daß man nicht das Wachs entfernen und, was drinnen ist, bequem mit nach Hause tragen kann. Nur finden wird man nichts, so sehr man spähen wird, wenn nicht vielleicht einer hier unter euch schärfere Augen hat als ich!

FRAUEN [Gegenstrophe]:

Aber wer von euch kein Brot hat Und hat doch bei sich zuhause ein Gesinde zu ernähren und dazu noch viele kleine Kinderchen Nun! bei mir kann er bekommen Weizen, klein und fein im Korn zwar, doch das Brot, das man von einem einzigen Liter backen kann: schaut es an - ein wahrer Hüne! Auch wer schlecht bei Kasse ist: wenn er will, er komme bei mir nur herein mit Sack und Ranzen! Seinen Weizen soll er haben! Hier der Manes füllt ihn ein! Meiner Tür jedoch - ich warne hiermit jeden öffentlich- komme man nicht allzu nahe, sondern nehme sich in acht vor dem Hund: Er beißt!

RATSHERR angetrunken aus dem Tor mit zwei Sklaven:

Du! mach die Tür auf, und du, tritt zur Seite!

Anstalten für den Zug der spartanischen Gesandtschaft.

Und ihr! Was hockt ihr hier? Soll ich vielleicht mit meiner Fackel euch zu Staub und Asche brennen? Jedoch das ist ein läppisches Motiv! Ich kanns nicht tun! Doch muß es durchaus sein, so wollen wir

Zum Publikum:

euch zu Gefallen als Zugabe die Mühsal auf uns nehmen!

CHORFÜHRER

Mit dir zusammen wolln auch wir sie auf uns nehmen!

RATSHERR jagt sie mit der Fackel:

Schert euch hinweg! sonst werden eure Haare es zu beklagen haben! Schert euch hinweg, damit die Herrn von Sparta, nachdem wir ihnen das Bankett gegeben, in Ruhe ihren Auszug nehmen können!

Der Chor läuft auseinander.

ATHENER ebenfalls angetrunken aus dem Tor:

Nein! Solch Bankett hab ich noch nicht gesehen! Geradezu liebenswürdig waren die Spartaner! Und wir, beim Wein, so geistreich wie noch nie!

RATSHERR:

Natürlich! nüchtern nämlich sind wir niemals ganz beieinander... Wenn mein Wort etwas gälte in Athen, wir würden in berauschtem Zustand bei wichtigen Verhandlungen erscheinen. Wenn wir indessen jetzt nach Sparta gehen und nüchtern sind, gleich spähen wir umher, wie wir wohl irgendwo Verwirrung stiften könnten. Zum Exempel: was sie sagen, hört man nicht. Was aber nicht gesagt war, das verdächtigt man! Und kommt es zum Bericht, berichtet man über das Gleiche Widersprechendes! Doch diesmal herrschte eitel Wohlgefallen! Und selbst wenn einer bei dem Trinkgelage statt eines Trinkliedes ein Marschlied vortrug, so lobte mans und leistete gar einen Meineid darauf!

Zu dem wiedergekommenen Chor:

Aber da laufen diese ja schon wieder hier zusammen! Fort mit euch, ihr Galgenstricke!

CHORFÜHRER:

Gar wohl, beim Zeus, schon kommen sie heraus!

Aus dem Burgtor Zug der Spartaner und der Athener.

SPARTANER zu dem Oboisten im Orchester:

Du herzige Bueb! packch di's Blaszüg a! Mir wönt eis tanze und e bsunders schöns Liëdli singe uf d'Athener und eus alle mitenand!

RATSHERR:

Ja! Nimm du dein Blasinstrument zur Hand! Wie freue ich mich, euern Tanz zu sehn!

SPARTANER hochdeutsch, aber in .spartanischer Lautierung:

O Mnamona, Sage! Geischt der Erinnerung! Laß stürmen herab auf deinen Knappen deine Tochter, die Muse des Gesanges, sie, die da weiß von eus und vo de Athener: wie diese beim Artemision vorbrachen Ebern glich auf die Schiffe dr Meder und sie niederzwangen. Und eus hinwieder Leonidas Anführte glich Wildsauen, die, ha, denkche ich, ihre Hauer wetzten! Viel weißer Schaum lief auf um die Kchinnbackchen! Viel Blut troff nieder an den Schenkcheln! Denn es waren der Männer nicht weniger denn Sand am Meer, die Perser! Jägerin! Tiertöterin! Kchomme da ane, du göttliche Jungfrau! Zu euserem Friedensschluß! Und laß uns einträchtig zusammenhalten langi Zit! Jetzt aber möge gueti Fründschaft, gedeihliche, für alli Zit aus den Verträgen uns erspriëßen.

Beiseite in schnellerem Tempo:

Und daß m'r mit dene schlaue Füchs nümme und niemeh z'tue händ. O kchomme hierhär! Kchomme här zu uns! Jungfrau! Jägerin!

LYSISTRATA, mit ihr die Frauen, Athenerinnen und Spartanerinnen, in zwei Gruppen geteilt:

Wohlan denn jetzt! da alles glücklich ist getan, so führt, Spartaner, eure Frauen heim, und eure da, Athener, ihr! Es trete zueinander Mann und Frau, und Frau und Mann! Und alsdann heben wir mit gutem Glück zur Ehre der Götter einen Reigen an, und sehn uns vor: daß wir uns künftig abermals nicht mehr verirren! Die Männer und Frauen treten gemessen, wie bei einer Hochzeit, zueinander.

CHOR:

Führt den Reigen, führt die Anmutgöttinnen herbei! Und dazu ruft Artemis, ruft dazu den Bruder, den Reigengebieter Apollon, den freundlichen Helfer in der Not, und dazu Bakchos von Nysa her, dem im Schwarm der Mänaden das Auge brennt, und Zeus, flammend im Wetterstrahl, und die Herrin, seine Gemahlin, dazu, die Gesegnete! Und die Dämonen alle, die wir zu Zeugen riefen: zu nimmer vergessenden Wegen des Friedens, des milde gesonnenen, den uns Göttin Kypris gebracht hat, Aphrodite! Alala-ih! Iäië Paian! Tanzet und springt! I-a-ih! Wie zum Siege! I-a-ih! Euoi! euoi! Euai! Euai!

Ein bakchantischer Tanz. Dann treten der Chor und alle andern in den Hintergrund, bis auf den Ratsherrn und den Spartaner.

RATSHERR:

Nun, Freund Spartaner, so laß du uns hören noch ein neues Lied!

SPARTANER hochdeutsch, mit eben spürbarem 'accent fédéral':

Verlasse den hohen Tayget, den lieblichen, und komme, komme, Muse, du von Sparta! Und preise den uns Ehrwürdigen, den Gott von Amyklai, Apollon! Und die Herrin in dem Haus von Erz, Athene! Und die Dioskuren, die Tapferen, die am Eurotas-Strom ihre Spiele treiben! Leidenschaftlicher, eia, stampfe den Fuß! O eia! Schwinge dich leicht, zu dem Preis von Sparta, die du die Reigen der Götter liebst und der Füße Gedröhn, wenn die Mädchen wie Füllen am Strande des Eurotas-Stroms hüpfen und dicht den Staub aufwerfen mit den Füßen, und es flattern die Haare wie von Mänaden, die den Efeustab schwingen und spielen. Und voraus schreitet der Leda Kind, Helena, die Reine, und führt den Chor, die Schöne.

Sich zu dem Chor wendend:

Doch auf! schlinge die Binde ums Haar und springe mit den Füßen wie ein Hirsch und schlag mit den Händen dazu den Takt, den Helfer des Reigens, und preise die starke Allkämpferin in dem Hause von Erz, Athene!

Ein neuer feierlicher Tanz des Chors, begleitet von Händeklatschen, das, während der Chor abzieht, leiser wird und verklingt.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)