Der Witz als wahrheitsindifferentes Meinungsbildungsinstrument in der öffentlichen Rede. Cicero, De oratore, 2, 235 - 290.

Deutsche Übersetzung aus: Marcus Tullius Cicero, De oratore - Über den Redner. Übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung versehen von Harald Merklin, Stuttgart 1976, S. 359 - 395. Manche der wiedergegebeben Witzbeispiele lassen sich leichter verstehen, wenn man den lateinischen Text oder/und die Kommentierung H. Merklins zuratezieht. Beides wird an dieser Stelle deshalb nicht wiedergegeben, weil der durchweg instrumentelle Charakter des Witzes in der öffentlichen Rede auch so hinreichend deutlich wird. D. Bearbeiter.


(235) Um euch nun nicht länger hinzuhalten, will ich meine Meinung über diesen gesamten Bereich [scil. des Witzes in der öffentlichen Rede] in aller Kürze darlegen. Was das Lachen betrifft, so gibt es fünf Fragen, die zu untersuchen sind: Einmal, was es ist; zum andern, woher es kommt; drittens, ob der Redner den Wunsch haben soll, Heiterkeit zu erregen; viertens, wie weit er gehen soll; fünftens, welche Arten des Lächerlichen es gibt.

Was dabei die erste Frage angeht, was das Lachen an und für sich ist, wie es erregt wird, wo es sitzt, wie es entsteht und so plötzlich hervorbricht, daß wir, auch wenn wir den Wunsch haben, nicht an uns halten können, und wie es zugleich den Körper, den Mund, die Adern, die Augen, die Miene ergreift, so mag Demokrit sich darum kümmern. Denn diese Frage hat nichts mit unserem Gespräch zu tun, und wenn sie etwas mit ihm zu tun hätte, würde ich mich trotzdem nicht schämen, etwas nicht zu wissen, was nicht einmal die wissen, die es erwarten lassen.

(236) Der Ort und gleichsam das Gebiet des Lächerlichen - denn darauf bezieht sich die nächste Frage - ist wesentlich bestimmt von einer gewissen Häßlichkeit und Mißgestalt. Denn man lacht ja ausschließlich oder ganz besonders über das, was etwas Häßliches auf eine Weise, die nicht häßlich ist, bezeichnet und beschreibt.

Es ist aber, um zum dritten Punkt zu kommen, unbedingt Sache des Redners, Heiterkeit zu erregen; sei es well die Heiterkeit selbst dem, der sie erregt hat, Sympathie einträgt oder weil alle den Scharfsinn bewundern, der oft in einer entsprechenden Bemerkung liegt, und zwar zumeist beim Antwortenden, zuweilen aber auch beim Herausforderer; sei es weil sie den Gegner erledigt, behindert, aus dem Sattel hebt, abschreckt und widerlegt oder weil sie den Redner selbst als einen Mann von Geist, Bildung und Geschmack erweist, vor allem aber weil sie Bitterkeit und Strenge mildert und entspannt und häufig Widerwärtigkeiten, denen mit Argumenten nicht leicht beizukommen ist, in Scherz und Lachen aufzulösen weiß.

(237) Wie weit der Redner aber in der Anwendung des Lächerlichen gehen darf, die Frage, die wir an die vierte Stelle unserer Untersuchung gesetzt hatten, ist mit besonderer Sorgfalt zu prüfen. Denn weder eine auffallende, verbrecherische Ruchlosigkeit noch ein außergewöhnliches Elend kann man lächerlich machen. Verbrecher soll man nämlich mit einer schwereren Waffe als der der Lächerlichkeit verwunden und Unglückliche nur verspotten, wenn sie sich etwa brüsten. Besondere Rücksicht aber muß man auf die Sympathie der Menschen nehmen, um keine unbesonnenen Angriffe gegen Leute zu richten, die sich allgemeiner Beliebtheit erfreuen. (238) Diese Zurückhaltung ist also zunächst im Gebrauch des Witzes zu üben. So kann man das besonders leicht verspotten, was weder besonderen Haß noch außergewöhnliches Mitleid verdient. Deshalb liegt der gesamte Stoff des Lächerlichen in den Fehlern, die im Leben der Menschen vorkommen, soweit sie nicht beliebt oder unglücklich sind oder wegen eines Verbrechens den Tod zu verdienen scheinen. Über solche Dinge lacht man, wenn sie richtig aufs Korn genommen werden. (239) Auch Häßlichkeit und körperliche Mängel bieten genügend geeigneten Stoff für den Witz. Aber wir stellen wieder dieselbe Frage, die auch in den anderen Fällen zuerst zu stellen ist, wie weit man gehen darf. Dabei verbietet sich nicht nur eine geschmacklose Außerung, vielmehr muß man als Redner auch bei einer besonders komischen Gelegenheit zweierlei vermeiden, nämlich daß der Witz possenhaft oder daß er übertrieben wirkt. Was es damit auf sich hat, werden wir leichter erkennen, wenn wir zu den Gattungen des Lächerlichen selbst kommen.

(240) Es gibt ja zwei Arten des Witzes, von denen die eine in der Sache, die andere in der Formulierung liegt. Um die Sache geht es, wenn man irgend etwas wie eine Anekdote erzählt. Das hast du, Crassus, zum Beispiel gegen Memmius angewandt: Er habe Largius in den Arm gebissen, als er mit ihm in Terracina um eine Freundin gerauft habe, - eine komische und dabei ganz von dir erfundene Geschichte. Abschließend fügtest du noch hinzu, in ganz Terracina hätten damals an allen Wänden die Buchstaben L.L.L.M.M. gestanden. Auf deine Frage, was das bedeute, habe dir ein Mann aus der Stadt gesagt: "Lacerat lacertum Largi mordax Memmius" [d. h.: Den Arm des Largius zerfleischt der bissige Memmius]. (241) Ihr seht, wie witzig, elegant und wirkungsvoll sich diese Art ausnimmt, gleichgültig ob man wirklich etwas zu erzählen hat, was man trotzdem noch mit kleinen Lügengeschichten garnieren muß, oder ob man etwas erfindet. Dabei hat diese Art den Vorzug, die Dinge so vor Augen zu führen, daß der Charakter dessen, von dem man erzählt, daß seine Sprache und seine ganze Miene so ausgeprägt wirkt, daß die Zuhörer den Eindruck gewinnen, als geschehe es gerade in diesem Augenblick. (242) Ebenso kann in der Sache eine komische Wirkung liegen, die man gewöhnlich aus einer karikierenden Wiedergabe gewinnt. So rief derselbe Crassus z. B. aus: "Bei deinem Adel, bei deiner Familie!"Was war es anderes als die Nachahmung des Gesichtsausdrucks und Tonfalls, worüber die Volksversammlung lachte? Als er aber "Bei deinen Statuen!" rief und mit ausgebreiteten Armen noch eine Andeutung der Gebärde hinzufügte, da lachten wir noch mehr. Von dieser Art ist auch die bekannte Nachahmung eines alten Mannes durch Roscius: "Das pflanze ich", so sagte er, "für dich, mein Antiphon; des Alters Griesgram spricht daraus, wenn ich es höre." All das ist schon an sich so lächerlich, daß man es nur mit äußerster Vorsicht anwenden sollte. Denn übertriebene Nachahmung ist, wie unflätiges Gerede, Sache von Possenreißern und Schmierenkomödianten. Der Redner darf die Nachahmung nur andeuten, so daß der Zuhörer mehr ahnt, als er sieht; ebenso soll er für seine Person Anstand und Feingefühl dadurch beweisen, daß er unanständige Ausdrücke und abstoßende Themen vermeidet. (243) Das also sind die zwei Arten derjenigen Komik, die in der Sache liegt. Sie sind charakteristische Proben heiterer Laune, in der man menschliche Charaktere beschreibt und so darstellt, daß sie sich entweder durch eine Anekdote in ihrer Eigenart zu erkennen geben oder durch eine in knappen Strichen eingefügte Nachahmung auf irgendeinem besonderen Fehler ertappt werden, der zum Spott reizt.

(244) In der Formulierung aber wirkt der Effekt komisch, der durch eine bestimmte Pointe des Ausdrucks oder des Gedankens hervorgebracht wird. Doch wie bei der vorgenannten Gattung der Anekdote und der Nachahmung die Ahnlichkeit mit Possenreißern und Schmierenkomödianten zu vermeiden war, so muß der Redner sich bei dieser Art sorgfältig vor der Witzelei des Spaßmachers hüten. Wie können wir also euren Freund Granius oder meinen lieben Vargulla von Crassus, Catulus und den anderen unterscheiden? Mir fällt wahrhaftig nichts ein, denn witzig sind sie; Granius jedenfalls übertrifft niemand. In erster Linie kommt es wohl darauf an, daß wir nicht immer, wenn man einen Witz machen könnte, ihn unbedingt machen zu müssen glauben. (245) Ein Zeuge mit Namen 'Kurz' trat auf. "Darf ich eine Frage an ihn richten?" erkundigte sich Philippus. Darauf der Untersuchungsrichter, der es eilig hatte: "Ja, aber bitte kurz!" "Du wirst dich nicht beklagen können", meinte dieser; "der, den ich frage, wird sehr kurz sein." Köstlich! Aber mit L. Aurifex saß ein Richter da, der selbst noch kürzer geraten war als der Zeuge; So richtete sich das allgemeine Gelächter gegen den Richter, und der ganze Witz erschien als plumpe Entgleisung. So wirkt das, was den Falschen treffen kann, schon seiner Art nach plump, mag es auch noch so köstlich sein. (246) Appius z. B. will ein Witzbold sein, und er ist es bei Gott, aber er gleitet zuweilen in diesen Fehler der Plumpheit ab. "Ich will bei dir essen", sagte er zu meinem einäugigen Freund C. Sextius; "ich sehe ja, daß du noch für einen Platz hast." Die Plumpheit liegt darin, daß er ihn ohne Grund attackierte und dabei etwas sagte, was alle Einäugigen trifft. Über solche Dinge lacht man weniger, weil sie überlegt wirken: Sextius reagierte brillant und aus dem Stegreif: "Wasch dir die Hände", sagte er, "dann iß!"

(247) Es sind also die Rücksicht auf die Situation, die richtige Dosierung des Witzes sowie die Zurückhaltung und Sparsamkeit in seinem Gebrauch, die den Redner vom Spaßmacher unterscheiden werden; und was wir mit gutem Grund sagen, nicht um lächerlich zu wirken, sondern um etwas zu erreichen, das geben diese Leute den ganzen Tag und ohne Grund von sich. Was hat Vargulla nun erreicht, als er auf die Umarmung des Aulus Sempronius, der sich um ein Amt bewarb, und seines Bruders Marcus sagte: "Bursche, verjag' das Geschmeiß" Er war auf das Gelächter aus, das meiner Meinung nach wohl der bescheidenste Lohn des Geistes ist. Die Gelegenheit für ein witziges Wort werden wir also mit Klugheit und Würde ermessen. Oh, hätten wir dafür doch ein System! Aber unsere Meisterin ist die Natur.

(248) Nun wollen wir in großen Zügen die eigentlichen Spielarten dessen vorführen, was ganz besonders Heiterkeit erregen kann. Dabei sei unsere erste Einteilung die folgende: Bei witzigen Aussprüchen steckt der Witz teils in der Sache, teils im Ausdruck; am meisten aber amüsieren sich die Leute, wenn einmal die Sache und der Ausdruck in ihrer Verbindung Heiterkeit erregen. Denkt aber daran, daß sich aus allen Quellen des Witzes, die ich erwähne, meist auch ernsthafte Gedanken gewinnen lassen. Der Unterschied besteht nur darin, daß Ernsthaftigkeit in ehrenhaften und ernst zu nehmenden, Witz in verschrobenen und gleichsam mißgestalteten Dingen liegt. So können wir uns mit denselben Worten über einen braven Sklaven lobend und, wenn er nichts taugt, scherzhaft äußern. Köstlich ist der allbekannte Ausspruch Neros über einen diebischen Sklaven: Er sei der einzige, für den im Hause nichts verriegelt noch verschlossen sei. Dasselbe sagt man gewöhnlich auch bei einem guten Sklaven; dabei bedient man sich hier auch derselben Worte. Die Quellen, aus denen man schöpft, sind aber in allen Fällen dieselben. (249) Berühmt und ernsthaft sind die Worte, die die Mutter des Spurius Carvilius an ihren Sohn richtete, der wegen einer im Dienst für den Staat erlittenen Verletzung stark hinkte und sich aus diesem Grunde scheute, in der Offentlichkeit zu erscheinen: "Warum gehst du nicht aus, mein Spurius: Sooft du einen Schritt tust, sollst du an deine Heldentaten denken!" Spaßig ist dagegen, was Glaucia zu dem hinkenden Calvinus sagte: "Wo bleibt die altbekannte Frage, ob er etwa auf schwachen Füßen steht? Der hier steht doch auf lahmen." 126 Dabei beziehen sich beide Aussprüche auf eine Beobachtung, die man beim Hinken machen konnte. "Was gibt es Müßigeres als diesen Herrn Unmüßig"< fragte Scipio im Ernst. Aber zu einem Stinker sagte Philippus augenzwinkernd: "Ich sehe, daß ich gegen dich nicht anstinken kann."128 Doch beide Fälle beruhen auf der Ahnlichkeit eines kaum veränderten Worts. (250) Doppelsinnige Ausdrücke gelten als besonders geistreich, kommen aber nicht immer im Scherz, sondern auch im Ernst vor. Als der ältere Africanus sich bei einem Gastmahl einen Kranz aufsetzen wollte, der immer wieder zerriß, sagte P. Licinius Varus zu ihm: "Wundere dich nicht, wenn er nicht paßt; es ist eben ein Kopf von Format", ein anerkennendes und ehrenvolles Wort. Aber zur selben Gattung gehört der Ausspruch: "Spärlich ist er genug, denn er redet zu wenig." Genug damit; es gibt keine Art des Witzes, der nicht ebensogut Ernstes und Gewichtiges zu entnehmen ist.

(251) Man muß auch beachten, daß nicht alle komischen Effekte geistvoll sind. Was kann denn komischer sein als ein Hanswurst? Aber man lacht über ihn wegen seines Gesichts, seiner Miene, wegen des Typs, den er verkörpert, seiner Stimme, ja schon wegen seiner Gestalt. Lustig kann ich ihn nennen, doch nur in dem Sinn, daß so kein Redner, sondern nur ein Komödiant sein soll. Deshalb kann diese erste Sorte, die in besonderem Maße Heiterkeit erregt, nicht die unsere sein: die griesgrämige, abergläubische, argwöhnische, eitle, stumpfsinnige. IhreVertreter wirken schon ihrer Natur nach lächerlich. Solche Leute pflegen wir aufs Korn zu nehmen, nicht darzustellen. (252) Die zweite Art beruht auf Nachahmung und wirkt sehr komisch. Doch uns ist sie, wenn überhaupt, nur insgeheim und nebenbei erlaubt; sonst wirkt sie gar nicht fein. Die dritte Spielart bildet das Grimassenschneiden, sie ist unser nicht würdig. Die vierte, die Zote, gehört nicht nur nicht auf das Forum, sondern kaum in ein Gelage freier Männer. Nachdem so vieles aus diesem unserem Bereich der Rede ausgeschieden ist, bleibt also noch der Witz, der, wie ich vorhin gliederte, entweder in der Sache oder im Ausdruck zu liegen scheint. Denn ein Witz, der bei jeder Formulierung witzig bleibt, liegt in der Sache; was mit der Anderung der Formulierung seinen komischen Effekt verliert, trägt seinen ganzen Witz im Ausdruck.

(253) Zweideutigkeiten wirken besonders pointiert und liegen im Ausdruck, nicht in der Sache; aber sie erregen selten besondere Heiterkeit. Eher lobt man an ihnen die hübsche und feinsinnige Formulierung. Als z. B. Titius, der mit Begeisterung Ball spielte und zugleich in dem Rufe stand, nachts geweihte Standbilder zu verstümmeln, nicht auf dem Marsfeld erschien und seine Kameraden nach ihm fragten, entschuldigte ihn Terentius Vespa damit, daß er sagte, er habe einen Arm gebrochen. So auch das Wort des Africanus, das bei Lucilius steht: "Wie, mein Decius?" sagte er, "willst du Herrn Pudding festnageln?" Ahnlich, Crassus, sagte dein Freund Granius: "Sein Wert ist nicht der eines Hellers". (254) Und wenn ihr mich fragt, so wird er, den man einen Witzbold nennt, sich auf diesem Gebiet am meisten hervortun; aber anderes erregt größere Heiterkeit. Die Zweideutigkeit findet zwar, wie ich schon vorhin bemerkte, an sich sehr viel Beifall; denn die Fähigkeit, die Bedeutung eines Wortes anders zu wenden, als es die übrigen verstehen, scheint Geist zu verraten. Doch sie ruft eher Bewunderung als Heiterkeit hervor, es müßte denn sein, sie fällt einmal auch in einen anderen Bereich des Komischen. Diese Bereiche will ich nun durchgehen.

(255) Ihr wißt freilich, daß die bekannteste Form der Komik dann gegeben ist, wenn etwas anderes gesagt ist, als wir erwarten. Hier müssen wir selbst über unseren Irrtum lachen. Ist dabei noch eine Zweideutigkeit im Spiel, wirkt es noch witziger. So erweckt bei Novius der Mann, der mitansieht, wie der Verurteilte abgeführt wird, den Eindruck, als frage er aus Mitleid: "Um welchen Preis hat man dich zugeschlagen?" "Für tausend Sesterzien." Hätte er darauf nur gesagt: "Du kannst ihn mitnehmen", so wäre der genannte Fall eines komischen Effektes, das Unerwartete, gegeben; weil er aber darauf sagte: "Nichts weiter; du kannst ihn mitnehmen", kam eine zweite Art der Komik, die Zweideutigkeit, hinzu, und das klang, wie ich finde, überaus witzig. Das wirkt dann besonders ansprechend, wenn der Partner in einem Wortwechsel ein Stichwort aufnimmt und mit ihm den Herausforderer selbst angreift, wie Catulus den Philippus. (256) Da es aber noch mehr Arten der Zweideutigkeit gibt, zu denen eine anspruchsvollere Theorie gehört, muß man aufmerksam auf die Stichworte achten. Wenn wir dabei auch alles meiden müssen, was zu unergiebig ist - man hat sich nämlich davor zu hüten, daß der Witz gesucht erscheint -, so können wir trotzdem manche treffende Bemerkung machen. Eine zweite Art komischer Wirkung beruht auf einer kleinen Änderung eines Worts; die Griechen nennen sie, wenn sie sich auf einen Buchstaben bezieht, 'paronomasia'. So machte Cato den "Herrn von Geblüt" zum "Herrn von Gemüt". Er war es auch, der zu jemand sagte: "Auf, laßt uns einhergehen!" und auf dessen Frage: "Wozu bedurfte es des 'einher'?" erwiderte: "Nein, wozu bedurfte es deiner?" Ebenso stammt von ihm die Formel: "Wenn du von vorwärts und von rückwärts schamlos bist."(257) Auch die Erklärung eines Namens kann ihre Pointe haben, wenn man die Begründung, warum jemand so oder so heißt, ins Lächerliche wendet. So sagte ich neulich beispielsweise, wie Neoptolemos vor Troja, so habe der Geldverteiler Nummius seinen Namen auf dem Marsfeld gefunden. Dabei hängt alles vom Ausdruck ab. Oft läßt sich auch auf originelle Art ein Vers einfügen, entweder genau so wie er ist oder mit kleinen Anderungen, desgleichen auch ein Teil von einem Vers. Ein Beispiel ist das Wort des Statius, das Scaurus voll Erbitterung zitierte - von ihm, so sagen manche, hat dein Gesetz, Crassus, über das Bürgerre seinen Ausgang genommen -: "Gebt Ruhe! Was soll dieses Lärmen? Wer keinen Vater, keine Mutter kennt, darf der so dreist sein? Fort mit solcher Überheblichkeit!" Im Fall des Coelius kam ein solches Zitat von dir, Antonius, ja sogar dem Prozeß zugute; denn ihm, der als Zeuge behauptete, Geld gegeben zu haben, und der einen reichlich verwöhnten Sohn hatte, riefst du schon im Weggehen nach: "Siehst du's? Der Alte ist geprellt um dreißig Minen." (258) Zu dieser Gruppe rechnet man auch sprichwörtliche Wendungen, z. B. die, die Scipio zitierte, als Asellus sich rühmte, während seines Kriegsdienstes alle Provinzen durchzogen zu haben: "Den Esel treibt man"', und andere. Weil auch sie, wenn man den Wortlaut ändert, nicht dieselbe reizvolle Wirkung behalten können, kann auch von ihnen gelten, daß sie nicht von der Sache, sondern von der Formulierung leben. (259) Auf dem Ausdruck beruht auch eine Art des Witzes, bei der man den Anschein erweckt, als verstehe man etwas dem Wort und nicht dem Sinne nach. Der "Vormund ", eine alte, urkomische Posse, ist voll von dieser einen Sorte Witz. Doch lassen wir die Possen; ich will nur, daß die Art dieses Witzes an einem charakteristischen und bekannten Beispiel deutlich wird. Von solcher Art ist das, was du, Crassus, neulich zu einem sagtest, der dich gefragt hatte, ob er dir ungelegen käme, wenn er dich früh vor Tagesanbruch aufsuchte. "Du wirst mir doch nicht ungelegen kommen", sagtest du. "Du wirst dich also wecken lassen?" wollte er wissen. Darauf du: "Ich hatte doch gesagt, daß du nicht ungelegen kommen würdest." (260) Von derselben Art ist auch die alte Geschichte, die man von dem bekannten Scipio Maluginensis erzählt: Als er für seine Centuriedie Wahl des Konsuls Acidinus melden sollte und ihn der Herold aufforderte: "Mach deine Meldung über L. Manlius", sagte er: "Ich halte ihn für einen tüchtigen Mann und hervorragenden Bürger." Spaßig war auch die Antwort, die L. Nasica dem Censor Cato gab, als er ihn fragte: "Nach bestem Wissen und Gewissen - hast du eine Frau?" "Bei Gott", erwiderte er, "nach bestem Wissen und Gewissen habe ich keine." So etwas klingt entweder banal, oder es wirkt dann witzig, wenn man etwas anderes erwartet hat. Denn unwillkürlich amüsiert uns, wie ich vorhin sagte, unser Irrtum. Darum müssen wir lachen, weil wir uns gleichsam in unserer Erwartung getäuscht sehen.

(261) Zu den Mitteln des Ausdrucks gehören auch die Wirkungen, die man durch allegorische Redeweise, übertragenen Gebrauch eines Wortes oder ironische Formulierung erzielt. Der Allegorie bediente sich z. B. Rusca einst bei seinem Gesetzesantrag über das Mindestalter bei Amtsbewerbungen; als M. Servilius, der gegen den Antrag sprach, sich mit den Worten an ihn wandte: "Sage mir, M. Pinarius, du wirst mich doch nicht schelten, wenn ich gegen dich spreche, wie du es bei den anderen getan hast?" erwiderte er: "Wie du säst, so wirst du ernten." (262) Ein Beispiel für die Übertragung der Bedeutung eines Wortes aber gab der ältere Scipio, als ihm die Korinther ein Standbild an dem Ort versprachen, wo schon die Statuen anderer Feldherren standen, und er zu ihnen sagte, es mißfalle ihm, in Reih und Glied zu stehen. Ironisch aber formulierte Crassus, als er vor dem Richterstuhl des M. Perperna zu Gunsten des Aculeo plädierte, dem Gratidianus' Anwalt L. Aelius Lamia entgegenstand, keine Schönheit, wie ihr wißt. Als ihn der gehässig unterbrach, rief Crassus: "Laßt uns denn den hübschen Jungen hören!" Als alles lachte, sagte Lamia: "Meine Gestalt konnte ich mir nicht selbst bilden, wohl aber meinen Geist." "So laßt uns den gewandten Redner hören", reagierte Crassus, und alles lachte noch viel lauter. Auch das hat, wie in ernster, so in witziger Formulierung seinen Reiz; ich habe ja schon vorhin darauf hingewiesen, daß der Stoff des Witzes ein anderer als der des Ernstes ist, das theoretische System der Arten und der Quellen aber eines.

(263) Zum Schmuck der Rede dienen so vor allem Wörter, die im Verhältnis des Gegensatzes zueinander stehen. Auch diese Art des Ausdrucks ist oft witzig. Als beispielsweise der bekannte Servius Galba dem Volkstribunen L. Scribonius seine Freunde als Richter vorschlug und Libo sagte: "Wann wirst du endlich einmal dein Speisezimmer verlassen?" erwiderte er: "Wenn du von dem fremden Schlafzimmer läßt." Dieser Art steht auch jenes Wort nicht sehr fern, das Glaucia an Metellus richtete: "In Tibur hast du eine Villa, auf dem Palatin einen Stall."

(264) Die Arten des Witzes, die im Ausdruck liegen, habe ich damit wohl behandelt. Größer ist die Zahl derer, die die Sache betreffen, und sie werden, wie ich vorhin sagte, mehr belacht.

Zu ihnen gehört die Anekdote, eine ziemlich heikle Angelegenheit. Denn es gilt etwas auszudrücken und vor Augen zu führen, was sowohl wahrscheinlich klingt, denn das ist das Kennzeichen der Anekdote, als auch ein wenig verschroben wirkt, denn das ist das Merkmal der Komik. Als ein Beispiel in aller Kürze mag das Wort des Crassus über Memmius dienen, das ich vorhin zitierte. 146 Zu dieser Gruppe wollen wir auch die Fabeln rechnen. (265) Ferner läßt sich ein Ereignis aus der Geschichte heranziehen. Als etwa Sextus Titius sagte, er sei eine Kassandra, meinte Antonius: "Ich könnte manchen nennen, der dein Aias war." Man kann auch von einer Ähnlichkeit ausgehen, die entweder eine Entsprechung oder gleichsam ein Abbild bietet. Ein Beispiel einer Entsprechung lieferte einst Gallus als Zeuge gegen Piso, den er bezichtigte, seinem Präfekten Magius unermeßlich viel Geld gegeben zu haben; als Scaurus das mit Hinweis auf die Armut des Magius zu widerlegen suchte, sagte er: "Du irrst dich, Scaurus; ich behaupte ja nicht, daß Magius das Geld aufbewahrt habe, sondern daß er es gerade so, als sammle er unbekleidet Nüsse, in seinem Bauch davongetragen hat." Ähnlich sagte der alte M. Cicero, der Vater unseres trefflichen Freundes: "Unsere Landsleute sind wie syrische Sklaven; je besser einer Griechisch kann, um so weniger taugt er." (266) Herzlich lacht man aber auch über Abbildungen, die der Darstellung einer Mißgestalt oder eines körperlichen Gebrechens dienen und Ahnlichkeit mit etwas noch Häßlicherem haben. So sagte ich z. B. zu Helvius Mancia: "Ich werde dir schon zeigen, von welcher Art du bist!" Als er zurückgab:">Bitte zeig es doch!" wies ich mit dem Finger auf das Bild eines Galliers auf einem Kimbern-Schild des Marius bei den neuen Wechslerbuden, einen verwachsenen Kerl mit herausgestreckter Zunge und Hängebacken. Gelächter kam auf, nichts schien mehr Ahnlichkeit mit Mancia zu haben. In ähnlicher Weise forderte ich den Titus Pinarius, der das Kinn beim Reden verdrehte, auf, er solle, falls er etwas sagen wolle, reden, wenn er seine Nuß geknackt habe. (267) Zu nennen bliebe noch die Steigerung des Ausdrucks bis zu unglaubhaft wirkender Bewunderung, um etwas zu Verkleinern oder zu vergrößern. So hast du, Crassus, beispielsweise in der Volksversammlung festgestellt, Memmius dünke sich so groß, daß er am Fabius-Bogen den Kopf einziehe, wenn er auf das Forum herabsteige. Von dieser Art ist auch die Bemerkung, die Scipio bei Numantia, als er mit Metellus zankte, gemacht haben soll: "Wenn seine Mutter noch ein fünftes Kind geboren hätte, wäre es ein Esel geworden." (268) Hübsch wirkt auch eine Andeutung, bei der nur eine Kleinigkeit, ja häufig nur ein Wort etwas erhellt, was dunkel und verborgen war. Ein Beispiel: Als P. Cornelius, ein, wie man glaubte, habgieriger und räuberischer Mensch, doch ein ungewöhnlich tapferer und tüchtiger Feldherr, sich bei C. Fabricius bedankte, daß er als sein Feind ihn zum Konsul gemacht habe, dazu noch in einem erbitterten und entscheidenden Krieg, sagte der: "Du brauchst mir nicht zu danken, wenn ich lieber ausgeplündert als verkauft werden wollte." Ahnlich sagte Africanus zu Asellus, der ihm jenes unglückselige Sühneopfer vorhielt: "Wundere dich nicht! Schließlich hat einer, der dich aus dem niedersten Stande aufsteigen ließ, das Opfer vollzogen und den Stier geschlachtet."

(269) Von feinem Witz zeugt auch die Ironie, bei der man anders redet, als man denkt, nicht in dem vorhin angegebenen Sinne, daß man das Gegenteil sagt, wie Crassus gegenüber Lamia, sondern in gespieltem Ernst des ganzen Stils der Rede, wobei man anders denkt, als man redet. So sagte unser Scaevola zu jenem Septumuleius Anagninus, dem der Kopf des C. Gracchus mit Gold aufgewogen worden war, als er ihn darum bat, er möge ihn als Präfekten nach Kleinasien mitnehmen: "Was willst du da, du Narr? Die Menge der Staatsfeinde ist so groß, daß ich dir versichern kann, du wirst, wenn du in Rom bleibst, binnen weniger Jahre zu sehr viel Geld kommen." (270) Daß Africanus Aemilianus diesen Stil verkörpert habe, sagt Fannius in seinen Annalen und beschreibt ihn mit dem griechischen Wort 'eiroon'; doch nach der Aussage von Leuten, die sich darin besser auskennen, hat wohl Sokrates in dieser Kunst der Ironie und der Verstellung alle übertroffen. Es ist ein Stil von hoher Eleganz, der Ernst mit Witz verbindet und sowohl rednerischem Ausdruck wie kultivierter Plauderei entspricht. (271) In der Tat sind ja auch alle Proben des Witzes, die ich zu behandeln habe, nicht so sehr eine Würze öffentlicher Verhandlungen wie aller Äußerungen überhaupt. Bei Cato, der viele Worte überliefert hat, von denen ich manche als Beispiele anführe, steht ja sehr treffend, wie ich finde, C. Publicius habe oft gesagt, P. Mummius sei ein Mann für jede Situation; ebenso trifft es tatsächlich zu, daß es keine Lebenslage gibt, in der nicht Geist und Witz am Platze wären.

(272) Doch zurück zu dem, was noch aussteht. Es ist der Ironie verwandt, wenn man einen Mangel mit einem schön klingenden Wort bezeichnet. So verstieß z. B. Africanus als Censor den Centurio, der einer Schlacht des Paulus ferngeblieben war, aus seinem Stimmbezirk; als er behauptete, er sei zur Bewachung im Lager zurückgeblieben, und fragte, warum er von ihm gerügt werde, gab er zur Antwort: "Ich habe etwas gegen allzu gewissenhafte Leute." (273) Eine Pointe liegt auch darin, wenn man in der Rede des anderen etwas anders auffaßt, als er es verstanden wissen will. Wie etwa Maximus es gegenüber Livius Salinator tat, der nach dem Verlust Tarents trotzdem die Zitadelle dieser Stadt gehalten und von ihr aus manche Schlacht mit Bravour geschlagen hatte; als ein paar Jahre später Maximus die Stadt zurückerobert hatte und ihn Salinator bat, daran zu denken, daß er Tarent mit seiner Hilfe wieder eingenommen habe, sagte er: "Wie sollte ich mich daran nicht erinnern? Ich hätte es ja nie zurückerobert, wenn du es nicht verloren hättest."

(274) Es gibt auch die etwas ungereimten, aber oft gerade dadurch erheiternden Außerungen, die nicht nur zu Komödianten passen, sondern in gewisser Weise auch zu uns: "So ein dummer Kerl! Kaum hat er es zu etwas gebracht, da stirbt er weg." "Was hat die Frau mit dir zu tun?" - "Sie ist mein Weib." - "Wahrhaftig, diese Ahnlichkeit!" "Solange er am Wasser lebte, kam er niemals um." Diese Art ist anspruchsloser und, wie ich sagte, komödiantisch. Zuweilen kommt es aber auch bei uns vor, daß einer, der nicht dumm ist, wie aus Dummheit etwas Lächerliches von sich gibt. Zu dir, Antonius, sagte z. B. Mancia, als er hörte, du seist als Censor von M. Duronius wegen Amtserschleichung angeklagt: "Endlich kannst du dich einmal um deine eigenen Angelegenheiten kümmern."

(275) Große Heiterkeit erregen bei Gott auch alle ungereimten und lächerlichen Außerungen kluger Leute, wenn sie sich dumm stellen. Dazu gehört auch, daß man sich den Anschein gibt, etwas, das man versteht, nicht zu verstehen. Als man Pontidius z. B. fragte: "Wie stellst du dir einen Mann vor, den man beim Ehebruch ertappt?", gab er zur Antwort: "Langsam." Ahnlich sagte ich, als bei der Musterung Metellus meine Augen als Entschuldigung nicht gelten lassen wollte und mich fragte: "Du siehst also nichts?" "O doch! Vom Esquilinischen Tor aus sehe ich dein Haus." (276) Dem entspricht auch die bekannte Antwort Nasicas. Als er den Dichter Ennius aufsuchte und ihm die Magd an der Türe auf seine Frage nach Ennius sagte, er sei nicht zu Hause, erkannte er, daß sie das auf Geheiß ihres Herrn gesagt hatte und daß er daheim war. Als Ennius ein paar Tage später zu Nasica kam und an der Tür nach ihm fragte, rief Nasica, er sei nicht zu Hause. "Wie?", erwiderte Ennius, "erkenne ich nicht deine Stimme?" Darauf Nasica: "Du bist ein unverschämter Kerl. Als ich nach dir fragte, glaubte ich deiner Magd, daß du nicht zu Hause seist, und du willst mir selbst nicht glauben?" (277) Hübsch ist auch eine Wendung, durch die man den, der einen Witz gemacht hat, mit seinem eigenen Witz lächerlich macht. Als z. B. der frühere Konsul Q. Opimius, der als ganz junger Mann einen schlechten Ruf gehabt hatte, an den eleganten Egilius, der etwas weichlich wirkte, ohne es zu sein, die Frage richtete: "Wie steht's, meine Egilia? Wann kommst du mit deinem Spinnrocken und deiner Wolle zu mir?" erwiderte er: "O nein, das würde ich nicht wagen; denn meine Mutter hat mir verboten, zu Damen von zweifelhaftem Ruf zu gehen."

(278) Komisch wirkt auch etwas, das die verborgene Andeutung eines Witzes enthält. Hierher gehört der Ausspruch eines Sizilianers, der auf die Klage eines Fremden, daß seine Frau sich an einem Feigenbaum erhängt habe, sagte: "Gib mir doch bitte Reiser von diesem Baum, die ich setzen kann!" Auf derselben Ebene liegt, was Catulus zu einem schlechten Redner sagte, der in der Überzeugung, mit dem Schlußteil seiner Rede Mitgefühl erregt zu haben, nachdem er Platz genommen hatte, die Frage an ihn richtete, ob er den Eindruck habe, daß er Mitgefühl erregen konnte. "Und ob", erwiderte er, "denn ich kann mir keinen Menschen denken, der so hartgesotten wäre, daß er deine Rede nicht erbarmungswürdig fände."

(279) Auf mich wirkt freilich bei Gott auch jene mürrische und gleichsam griesgrämige Komik außerordentlich stark, - doch nicht, wenn sie von einem Griesgram stammt; dann lacht man nämlich über den Charakter, nicht den Witz. In diesem Zusammenhang scheint mir ganz köstlich, was bei Novius steht: "Was weinst du, Vater?" - "Soll ich etwa singen? Verurteilt hat man mich." Gleichsam im Gegensatz zu dieser Art der Komik steht die des Geduldigen und Gelassenen, z. B. Catos, der vom Träger einer Kiste angerempelt wurde und sich, als der Betreffende nachträglich "Vorsicht!" rief, erkundigte, ob er noch etwas anderes außer der Kiste trage.

(280) Es gibt auch eine witzige Kritik der Dummheit. So sagte z. B. jener Sizilianer, dem der Praetor Scipio seinen Gastfreund, einen adligen, doch herzlich dummen Menschen als Anwalt zur Verfügung stellte: "Ich bitte dich, Praetor, gib diesen Anwalt meinem Gegner, dann brauchst du mir keinen mehr zu geben." Eindruck machen auch Dinge, denen man eine ganz andere als ihre wirkliche Bedeutung gibt, doch mit Geist und Geschmack. So klagte z. B. Scaurus den Rutilius wegen Amtserschleichung an, obwohl er selbst Konsul geworden war, während jener eine Niederlage erlitten hatte; dabei verwies er auf die Buchstaben A.F.P.R. in seinen Rechnungsbüchern und sagte, sie bedeuteten: "actum fide P. Rutili" [d. h.: "Aufwendung auf Kredit des P. Rutilius"]. Rutilius dagegen erklärte sie so: "ante factum, post relatum" [d. h. "früher ausgeführt, nachträglich registriert"]. Da rief Canius, ein römischer Ritter, der Rutilius unterstützte, keine der beiden Erklärungen treffe auf die bewußten Buchstaben zu. "Was ist denn dann die richtige Erklärung?" fragte Scaurus. "Aemilius fecit, plectitur Rutilius" [d. h.: "Aemilius hat's getan, Rutilius muß es büßen"].

(281) Es wirkt auch komisch, wenn etwas nicht zusammenpaßt: "Was fehlt ihm außer Geld und Tüchtigkeit?" Hübsch ist ferner, was man einem freundlich vorhält, als ob er sich irre. So wies z. B. Granius den Albius zurecht, mit dessen Rechnungsbüchern Albucius einen bestimmten Beweis geführt zu haben schien: Da freue er sich sehr über den Freispruch Scaevolas und merke nicht, daß gegen seine Rechnungsbücher entschieden worden sei. (282) Dem entspricht auch die freundschaftliche Ermahnung bei der Erteilung eines Rats. So riet Granius einem schlechten Anwalt, der sich bei seinem Vortrag heiser geschrien hatte, kalten Met zu trinken, wenn er nach Hause komme. Der gab zur Antwort: "Wenn ich das tue, werde ich meine Stimme ruinieren." Da meinte Granius: "Besser sie als den Mandanten."

(283) Hübsch wirkt auch eine Äußerung, mit der man den Charakter eines Menschen trifft, z. B. den des Scaurus, der nicht wenige Neider hatte, well er ohne Testament in den Besitz der Güter des Phrygion Pompeius, eines reichen Mannes, gekommen war. Er saß gerade als Anwalt für den angeklagten Bestia bei Gericht, als ein Leichenzug vorüberkam; da rief der Ankläger C. Memmius: "Sieh her, Scaurus; da schafft man einen Leichnam weg. Vielleicht gibt es für dich etwas zu erben." (284) Doch von all dem erregt nichts größere Heiterkeit als etwas, das man nicht erwartet. Dafür gibt es zahllose Beispiele, wie etwa den bekannten Ausspruch des älteren Appius; er sagte im Senat, als von Staatsland und Thorischem Gesetz die Rede war und Lucullus von Leuten angegriffen wurde, die sagten, daß sein Vieh auf Staatsland weide: "Dieses Vieh gehört nicht Lucullus; da irrt ihr euch" - damit schien er Lucullus zu verteidigen -; "ich glaube, es ist herrenlos; es weidet, wo es will." (285) Mir gefällt auch jenes Wort des Scipio, der den Ti. Gracchus erschlug. Als ihm M. Flaccus unter vielen Vorwürfen P. Mucius als Richter vorschlug, sagte er: "Ich protestiere feierlich; er ist nicht unparteiisch." Als sich daraufhin unwilliges Murren erhob, fügte er hinzu: "Nein, versammelte Väter, ich protestiere doch nicht, well er gegen mich parteiisch ist, sondern - weil er es gegen alle ist." Doch alles übertrifft in diesem Punkt Crassus an Witz. Als der Zeuge Silus Piso damit belastete, daß er aussagte, Äußerungen gegen ihn gehört zu haben, meinte Crassus: "Es könnte doch sein, Silus, daß dein Gewährsmann sich im Zorn geäußert hat." Silus bejahte. "Es könnte auch sein, daß du ihn nicht recht verstanden hast." Auch das bestätigte er eifrig nickend, um sich Crassus gefällig zu erweisen. "Es könnte sogar sein, daß du, was du gehört zu haben behauptest, überhaupt nicht gehört hast." Das kam so unerwartet, daß die Worte des Zeugen im allgemeinen Gelächter untergingen. Desgleichen gibt es eine Fülle von Beispielen bei Novius; geläufig ist sein Scherz: "Weiser, wenn du Kälte fühlst, - dann zitterst du" und viele andere Beispiele.

(286) Oft kann man auch dem Gegner mit Witz gerade das einräumen, was er einem abspricht. So gab Laelius, als ein Mensch von niedriger Abkunft zu ihm sagte, er sei seiner Vorfahren nicht würdig, zur Antwort: "Aber du, bei Gott, der deinen." Oft wirkt auch eine formelhafte Wendung komisch. Als C. Cento beispielsweise an dem Tag, an dem M. Cincius den Gesetzesantrag über Zuwendungen und Geschenke stellte, auftrat und in recht beleidigendem Ton die Frage stellte: "Was hast du zu bieten, kleiner Cincius", da gab Cincius zurück: "Daß du kaufst, Gaius, wenn du etwas haben willst." (287) Oft liegt auch Witz in einem Wunsch, der nicht erfüllbar ist. So sagte M. Lepidus, als er selbst im Grase lag, während die anderen sich auf dem Marsfeld übten: "So sollte angestrengte Arbeit sein." Es wirkt auch komisch, wenn man auf Fragen und Erkundigungen gelassen eine Antwort gibt, die gar nicht interessiert. Als z. B. der Censor Lepidus M. Antistius Pyrgensis aus dem Ritterstand verstoßen hatte und seine Freunde voll Aufregung wissen wollten, welche Erklärung er denn seinem Vater dafür gebe, daß er sein Pferd verloren habe, da er doch ein so wackerer, sparsamer, anspruchsloser, braver Bauer sei, gab er zur Antwort: "Daß ich von alledem nichts glaube." (288) Noch manches andere wird von den Griechen aufgeführt, Verwünschungen, Komplimente und Drohungen. Doch habe ich wohl das Genannte schon in allzu viele Gattungen zergliedert. Denn die, die sich auf Ausdrucksweise und Wortbedeutung gründen, sind meist feststehend und bestimmt; sie pflegen in der Regel, wie ich vorhin sagte, eher gepriesen als belacht zu werden. (289) Die Fälle aber, die auf der Sache und dem Gedanken selbst beruhen, sind den Arten nach unzählige, nach Gattungen jedoch nur wenige. Denn man erregt Gelächter, indem man Erwartungen täuscht, indem man anderer Leute Eigenart verspottet und sich über seine eigene lustig macht, durch Ahnlichkeit mit etwas Häßlicherem, durch Ironie und dadurch, daß man Ungereimtes sagt und Dummheit tadelt. So muß, wer witzig reden will, gleichsam mit der natürlichen Voraussetzung für diese Gattungen versehen und so geartet sein, daß sich selbst seine Miene jeweils nach der Art des komischen Effektes richtet; denn je gestrenger und mürrischer sie wirkt, wie es bei dir der Fall ist, Crassus, um so witziger erscheint gewöhnlich, was man sagt. (290) Was nun dich betrifft, Antonius, so hast du zwar behauptet, daß du in dieser Unterkunft, die meine Rede dir gewähre, gerne rasten würdest, doch ich meine, jetzt solltest du, als wärest du im weder angenehmen noch gesunden Pontinischen Gebiet abgestiegen, der Meinung sein, lange genug geruht zu haben, und das restliche Stück Wegs zu Ende gehen.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)