Zu mythischen Momenten in historischen Erzählungen: Herodot. Historien 13 - 16.

Deutsche Übersetzung aus: herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. Otto, (1971) Stuttgart o. D., 4. Aufl.


13. ... [Mardonois, der Befehlshaber des persischen Heeres, war nach der Flottenniederlage bei Salamis im Sept. d. J. 480 v. Chr. mit dem persischen Landheer in Attika geblieben und hatte sich bis zu dem Zeitpunkt, an dem erkennbar wurde, daß von griechischer Seite auch eine Entscheidungsschlacht zulande angestrebt wurde] ruhig verhalten, um die Entscheidung der [scil. aus Attika evakuierten] Athener abzuwarten. Er hatte das attische Land weder bedrückt noch verwüstet, weil er immer noch hoffte, es würde zum Frieden kommen. Als das nicht geschah und er die ganze Lage der Dinge erfuhr, zog er sich, noch ehe Pausanias [scil. der Spartanerkönig mit dem vereinigten Griechenheere] über den Isthmus vordrang, zurück, nachdem er noch Athen in Brand gesteckt und alles, was von Mauern, Häusern, Tempeln aufrecht stand, niedergerissen und zerstört hatte. Der Grund seines Rückzugs war, daß Attika für den Reiterkampf ungeeignet ist und daß er im Falle einer Niederlage nur durch enge Pässe, wo ein paar Mann ihn aufhalten konnten, den Rückmarsch bewerkstelligen konnte. Er entschloß sich also, bis Theben zurückzugehen und bei der befreundeten Stadt, auf einem für die Reiterei günstigen Gelände, die Schlacht zu liefern.

14. Mardonios war schon auf dem Marsche, als ihm die Nachricht überbracht wurde, tausend Lakedaimonier, die Vorhut des hellenischen Heeres, ständen in Megara. Er überlegte, ob er nicht diese Truppe erst noch ausschalten solle, schwenkte ab und führte das Heer gegen Megara. Die Reiterei zog voran und durchstreifte das Gebiet von Megara. Das war der westlichste Punkt Europas, den dies persische Heer erreicht hat.

15. Nun kam die weitere Meldung, daß die Hellenen am Isthmos versammelt seien. So marschierte denn Mardonios rückwärts über Dekelea. Die Anwohner des Asopos, die von den Boiotarchen herbeigerufen wurden, zeigten ihm den Weg nach Sphendale und weiter nach Tanagra. In Tanagra wurde Nachtruhe gehalten, und am nächsten Tage ging es nach Skolos, wo er sich auf thebanischem Boden befand. Dort verwüstete er die Felder der eigentlich persisch gesinnten Thebaner; allerdings tat er es nicht in feindlicher Absicht, sondern weil er unbedingt dem Heere Deckung verschaffen wollte und im Falle einer unglücklichen Schlacht einen Zufluchtsort haben mußte. Das feste Lager, das er errichtete, reichte von Erythrai bei Hysiai bis in das Gebiet von Plataiai und zog sich am Flusse Asopos entlang. Doch sollte nicht die ganze Strecke verschanzt werden, sondern nur etwa zehn Stadien an jeder Seite. Während die Barbaren an diesen Befestigungen arbeiteten, lud der Thebaner Attaginos, Sohn des Phrynon, den Mardonios mit den fünfzig vornehmsten Persern zu einem glänzenden Gastmahl ein, und sie folgten der Einladung. Das Gastmahl fand in Theben statt.

16. Das Nähere habe ich von Thersandros aus Orchomenos erfahren, der in Orchomenos zu den angesehensten Männern gehört. Thersandros erzählt, daß auch er von Attaginos zu diesem Gastmahl geladen worden sei und außerdem noch fünfzig Thebaner. Perser und Thebaner hätten nicht getrennt gelegen, sondern Attaginos hätte je einem Perser und Thebaner ihren
Platz auf einem gemeinsamen Polster angewiesen. Nach der Mahlzeit, beim Gelage, habe ihn sein persischer Nachbar in hellenischer Sprache gefragt, woher er stamme, und auf seine Auskunft, er ei aus Orchomenos, habe der Perser erwidert: »Da du gemeinsam mit mir gegessen und getrunken hast, will ich dir als Andenken meiner freundschaftlichen Gesinnung etwas verraten, was dir zu deinem eigenen Wohl und Vorteil dienen mag. Siehst du die Perser hier schmausen und siehst das Heer, das wir am Flusse dort zurückgelassen haben? Von all diesen Menschen wirst du in kurzem nur noch ein kleines Häuflein am Leben sehen.« Diese Worte habe der Perser mit vielen Tränen begleitet. Er habe erstaunt geantwortet: »Müßte man das nicht Mardonios sagen und den persischen Unterfeldherren?« Der Perser habe erwidert: »Freund, was die Gottheit beschlossen hat, kann der Mensch nicht abwenden. Auch pflegt auf den, der die Wahrheit sagt, niemand zu hören. Viele von uns Persern kennen ihr Schicksal, aber Gewalt zwingt uns zum Gehorsam. Das ist das Bitterste für einen Menschen: bei allem Wissen doch keine Macht zu haben.« Das hat mir Thersandros aus Orchomenes erzählt und hat hinzugesetzt, daß er es sofort, noch vor der Schlacht bei Plataiai, anderen weitererzählt habe.

[Es folgt nun die Beschreibung der persischen Niederlage in der Landschlacht bei Plataiai d. J. 480 v. Chr.]


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)