Nachträgliche Orakel zur Zukunft Griechenlands, Roms und Ägyptens. Sibyllinische Weissagungen 5, 1 - 85.

Deutsche Übersetzung aus: Sibyllinische Weissagungen. Griechisch - deutsch. Auf der Grundlage der Ausgabe von Alfons Kurfeß neu übersetzt und herausgegeben von Jörg-Dieter Gauger. Düssseldorf, Zürich 1998, S. 124 - 129.


[A. Über die Herrscher der Welt von Alexander bis zu den römischen Kaisern des 2. Jhts. n. Chr.]

Nun aber höre mir an die Schmerzenszeit der Latiner:

wahrlich zuallererst nach dem Tode der Herrscher Ägyptens,

welche ja alle auf gleichem Boden dort liegen begraben,

und nach dem Bürger von Pella, durch dessen Gewalt das gesamte

Morgenland war bezwungen sowie das gesegnete Westland,

den Babylon überführte, die Leiche dem Philipp zurückgab,

war doch unwahr behauptet, er sei Sohn Zeus' oder Ammons

und nach dem Sproß vom Geschlecht und vom Blut des Assarakos, welcher

einstmals Troja verließ, der den Andrang des Feuers zerteilte;

und nach den Kindern, den Söhnen des Schafe zerreißenden Tieres,

weiter nach zahlreichen Herrschern und vielen kriegsfrohen Männern

wird dann als erster ein Fürst sein, der zehn wird zweimal addieren

mit seinem Anfangsbuchstab; mit Krieg wird weithin er herrschen.

Auch von der Zehnzahl hat er den ersten Buchstab, und so wird

herrschen nach ihm, der den ersten der Buchstaben hatte bekommen.

Ihn wird Thrakien fürchten, Sizilien auch sowie Memphis:

Memphis, welches gestürzt durch die Bosheit seiner Regenten

und der nicht unterworfenen Frau, die im Wasser versinket. Er wird

Satzungen geben den Völkern und alles bezwingen.

Aber nach langer Zeit übergibt er dem anderen die Herrschaft,

welcher die Zahl dreihundert als ersten Buchstab besitzet

und eines Flusses lieblichen Namen, der über die Perser

und über Babylon herrscht und die Meder trifft mit dem Speere.

Herrschen wird aber dann, der die Dreizahl erhalten als Zeichen.

Dann wird, der zweimal zehn als ersten Buchstab besitzet,

Herr sein; der aber wird zu des Ozeans äußersten Fluten

kommen und auf ausonischen Schiffen die Ebbe durchqueren.

Darauf wird, welcher das Zeichen von fünfzig erhalten, der Herr sein,

eine entsetzliche Schlange, die schnaubt nach gewaltigem Kriege,

VIERKAISERJAHR - VESPASIAN BIS HADRIAN 127


der zum Verderben der Seinen die Hand ausstrecket und alles

verwirrt, ein Athlet, Wagenlenker, der Unzähliges wagt;

doppelumfluteten Berg durchsticht und färbt er mit Mordblut.

Doch er wird spurlos verschwinden, der Arge, und kehret dann wieder,

Gott sich vergleichend; der wird ihm beweisen jedoch, daß er's nicht ist.

Aber nach ihm ermorden gleich drei der Herrscher einander.

Dann wird einer erstehn, ein gewalt'ger Verderber der Frommen,

welcher siebenmal zehn als deutliches Zeichen zur Schau trägt.

Ihn wird der Sohn, der das Zeichen von dreimal hundert erweiset,

stürzen vom Thron; doch nach diesem wird Herr sein ein anderer,

welchen die Vierzahl bezeichnet, ein Aschblonder. Aber nach diesem

kommt ein ältlicher Mann mit dem Zahlwort fünfzig. Doch nach ihm

einer, der wieder erhielt dreihundert als Anfang des Namens;

der das Gebirge durchzieht, ein Kelte, zum Kampfe im Osten

eilend; doch nicht entrinnt er schmählichem Tode, sondern erliegt ihm;

fremde Erde wird ihn als Leiche bedecken, welche den Namen

hat von der Blume Nemeas; und nach ihm herrschet ein andrer

Mann mit silbernem Haupt, benannt wie ein Meer, ein weiser.

Unter dir, du Trefflicher, Herrlicher, Dunkelgelockter,

und unter deinem Geschlecht wird dies alle Tage geschehen.

Dann aber herrschen drei, doch spät der dritte von ihnen.

[B. Über den Untergan Ägyptens in einer großen Flut.]

Ach, mich dreimal Unsel'ge, Vertraute der Isis, mich quälet,

schreckliche Kunde zu hegen und göttlichen Sang der Orakel.

Erstlich werden um deines so vielbeweineten Tempels

Grund Mänaden anstürmen; du wirst in gar grausigen Händen

sein an dem Tag, an welchem die ganze ägyptische Landschaft

sechzehn Ellen hoch der Nil wird einst überschwemmen.

Er überspült das gesamte Land und ersäuft es so in Fluten,

daß die Anmut des Landes und seine Herrlichkeit schweigen.

[C. Über Memphis und die Verfolger der Gotterwählten]

Memphis, du wirst für Ägypten die größten Tränen vergießen.

Einstmals hast du mit Macht in dem Lande geherrschet, jetzt aber

wirst armselig du werden; der Donn'rer ruft's mächtig vom Himmel:

"Großes und mächtiges Memphis, was gilt dein mächtiger Mut jetzt

unter den Menschen? Als Strafe, weil du den gottbegnateten Kindern,

Menschen, nichts weiter als gut, wütend viel Übel gebracht,

muß ein Geschick dich treffen, das alles verändert::

Nicht mehr wirst offen ein Recht du unter den Glücklichen haben;

fielst von den Sternen herab, wirst nicht zum Himmel mehr steigen."

[D. Über die Verehrer falscher Götter in Ägypten.]

Dieses hat Gott mir befohlen, zu reden gegen Ägypten

über die letzte Zeit, wenn auf Erden die Menschheit vergehet:

Plagen müssen die Schlechten sich und nur Übles erwarten

und des Unsterblichen Zorn, des mächtigen Donn'rers im Himmel,

weil sie statt Gott nur Steine und wilde Tiere verehren

und noch sonst allerlei, was nicht Sprache, Verstand und Gehör hat,

Götzengebilde, die menschengemacht, eines Namens unwürdig.

Eigene Arbeit und Müh' und eigene menschliche Torheit

schuf diese 'Götter' aus Holz oder Stein, Erz, Gold oder Silber.

Nichtige Wesen, die leb- und sprachlos und feuervergänglich,

machten verblendet sie sich, umsonst deren Hilfe erhoffend.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)