Die Eigendynamik eines politischen Gerüchts auf der Grundlage kollektiver Vorurteile und Befürchtungen: der 'Hermenfrevel' im Athen d. J. 415 v. Chr. und die Verurteilung des Alkibiades: Thukydides, Peloponnesischer Ktieg 6, 8 - 61.

Deutsche Übersetzung aus: Thukydids, Geschichte des Peoponnesischen Kriefges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 2, S. 449 - 486 (mit größeren, für den vorliegenden Erläuterungsweck nicht störenden Auslassungen).


[8] Im darauffolgenden Sommer kamen gleich mit dem Frühjahr die Gesandten Athens aus Sizilien zurück und mit ihnen die Egester, die brachten 60 Talente ungemünzten Silbers als Monatssold für óo Schiffe', um deren Entsendung sie bitten wollten. Die Athener beriefen eine Versammlung und vernahmen da von den Egestern und ihren eignen Gesandten viel Verlockendes, was nicht stimmte, und daß reichlich Geld vorhanden sei in den Tempeln und im Staatsschatz. Daraufhin beschlossen sie óo Schiffe nach Sizilien zu senden, unter den bevollmächtigten Feldherrn Alkibiades Kleinias' Sohn, Nikias Nikeratos' Sohn und Lamachos Xenophanes' Sohn, Egesta zu Hilfe gegen Selinus, um Leontinoi wieder ansiedeln zu helfen, wenn ihnen der Krieg dafür Kräfte übrigließe, und auch sonst in Sizilien zu tun, was ihnen am günstigsten schiene für Athen. Vier Tage danach hatte eine weitere Volksversammlung zu beschließen über die rascheste Ausrüstung der Flotte und etwaige Nachforderungen der Feldherrn für die Ausfahrt. Nikias war gegen seinen Wunsch in dies Amt gewählt und fand, die Stadt habe keinen guten Beschluß gefaßt, sondern sich mit kurzen Gründen und schönem Schein auf ein langes Werk, das ganze Sizilien, eingelassen. Nun trat er auf, um sie davon abzubringen.

[Es folgt eine Rede des Nikias, der entgegen der spürbaren allgeneinen Stimmung von einem Feldzuge abrät. Die Lage in der Volksversannlung und die Person des Alkibiades, der für den Feldzug eintritt, werden von Thukydides wie folgt beschruben:]

Von den Athenern aber, die [scil. in der Volksversammlung] auftraten, redeten die meisten. für den Felzug: man solle das Beschlossene nicht umstürzen. Es gab nur einige Gegenstimmen. Am leidenschaftlichsten trieb zu dem Zug Alkibiades, Kleinis Sohn, aus Widerspruch gegen Nikias, mit dem er auch sonst uneins war in Staatsdingen und der ihn ebenso bloßgestellt hatte. Vor allem aber wünschte er, Feldherr zu sein, und hoffte, dadurch Sizilien und Karthago zu erobern und, wenn er Erfolg habe, zugleich fpr sich selbst Geld und Ruhm zu gewinnen. Denn, hoch angesehehn in der Stadt, frönte er großen Leidenschaften, in dem er sein Vermögens für Pferde, die er hielt, einsetzte, und auch sonst allerlei Aufwand betrieb. Und gerade das wurde einer der Hauptgründe für den Untergang Athens. Denn die Menge erschrak vor dem Übermaß seiner persönlichen, ganz unbürgerlichen Lebensführung wie auch vor dem geistigen Schwung, mit dem er jedes einzelne von ihm übernommene Geschäft betrieb, und so wurden viele, indem sie vermuteten, er wolle Tyrann werden, zu seinen Feinden. Während er nun in seinem Amte [scil. als Stratege] die besten Anordnungen traf, stießen sich manche der Bürger an seinem Gehaben, bevollmächtigten andere [scil.: weniger Fähige für die Übernahme amtlicher Aufgaben bei der bevorstehenden Unternehmung] und trugen dadurch letztlich zu seinem Mißlingen und dem Niedergang der Stadt bei.

[Es folgt eine Rede des Akilbiades und dann eine nochmalige des Nikias. Nikias vermag sich mit seinem Rat gegen die allgemeine Kriegsbereitschaft in der Volksversammlung nicht durchzusetzen.]

[24] Soviel sagte Nikias in der Hoffnung, die Athener durch die Menge der Geschäfte vielleicht gar abzubringen oder, wenn er unbedingt ausziehn müsse, auf die Art doch am sichersten zu fahren. Aber er konnte den Athenern die stürmische Begier nach der Fahrt mit all der Mühe der Vorbereitung nicht austreiben, sie waren erst recht Feuer und Flamme, und er erreichte das Gegenteil: sein Rat schien gut, und nun sei wirklich alle Sicherheit gegeben. Eine Leidenschaft zu dieser Ausfahrt riß alle miteinander hin: die Älteren, die Städte zu unterwerfen, gegen die sie fuhren, mindestens könne eine so große Macht gewiß nicht verderben, die Herangewachsnen aus Sehnsucht, ferne Länder zu sehn und kennenzulernen, und hoffnungsvoll, am Leben zu bleiben, der große Haufe, das Kriegsvolk, schon jetzt dabei Geld zu verdienen und eine Macht dazuzuerobern, aus der ihnen für alle Zeit ein täglicher Sold gewiß sei. So daß bei dieser maßlosen Gewinnsucht auch einer, dem dies etwa mißfiel, besser stillhielt, um nicht, dagegenstimmend, als Feind seiner Mitbürger zu gelten. [25] Schließlich trat ein Athener auf und wandte sich an Nikias: es brauche keine Ausflüchte und kein langes Zögern, vor allem Volk solle er endlich sagen, welche Streitmacht ihm die Athener beschließen sollten. Ungern sprach er, er wolle es mit den Amtsgenossen in größerer Ruhe noch überlegen, was er jedoch im Augenblick sagen würde, bedürfe es zu der Fahrt nicht weniger als ioo Triëren (davon aus Athen selbst Truppenschiffe nach Gutdünken, weitere wären bei den Verbündeten aufzubieten), Gepanzerte insgesamt aus Athen und Bundesstädten ooo zum mindesten, womöglich noch mehr. Und die übrige Streitmacht würden sie im Verhältnis aufstellen und mitnehmen, Schützen von hier und aus Kreta und Schleuderer und was sonst zweckdienlich scheine. [26] Auf dies Wort hin beschlossen die Athener sofort, die Feldherrn sollten Vollmacht haben, wegen der Menge der Truppen und der ganzen 462 SIEBZEHNTES JAHR. SOMMER 415 VI 26-30

Fahrt zu tun, was ihnen am besten schiene. Darauf begannen die Rüstungen, sie sandten zu den Verbündeten und legten in Athen selbst Verzeichnisse an. Seit kurzem hatte die Stadt von der Krankheit und dem dauernden Krieg sich wieder erholt: Jugend war wieder zahlreich nachgewachsen, und Geld häufte sich wegen des Waffenstillstands, so daß leicht alles beschafft wurde. So waren die Rüstungen im Gang.

[27] In dieser Zeit wurden an all den Steinbildern des Hermes in der Stadt Athen (sie sind nach Landesbrauch, die vierkantige Arbeit, im Torbau vieler Wohnhäuser und in heiligen Bezirken) in einer Nacht fast an allen die Gesichter Verstümmelt. Wer es getan, wußte niemand, aber es wurden von Staats wegen große Belohnungen ausgesetzt, nicht nur diese zu finden, sie beschlossen außerdem, wer irgend von sonst einem vorgefailnen Frevel wisse, solle ihn unbesorgt anzeigen, jeder dürfe, Stadtbürger, Fremde und Sklaven. Sie nahmen die Sache sehr ernst, als ein böses Omen für die Ausfahrt und zugleich als Anzeichen einer Verschwörung zu Aufruhr und Sturz der Volksherrschaft. Nun wird angezeigt, durch einige Ansässige und Diener, zwar nichts wegen der Hermen, aber einiger früherer Verstümmelungen anderer Götterbilder, von ausgelaßnen jungen Leuten im Rausch begangen, und außerdem, daß die Mysterien gespielt werden in Häusern, zum Hohn, und dessen wurde auch Alkibiades beschuldigt. Das nahmen die auf, die am meisten dem Alkibiades grollten, weil er sie hindere, selber das Volk ungestört zu lenken; wenn sie ihn vertrieben, hofften sie die ersten zu sein; die bauschten die Sache auf und zeterten, die Mysterien und die Verstümmelung der Hermen zielten auf den Sturz der Volksherrschaft, und nichts von alledem sei geschehen, ohne daß er dabeigewesen - und wiesen endlich zum Beweis auf das ganze übrige Gebaren dieses hochfahrenden Sittenverächters. [29] Alkibiades verteidigte sich damals gleich gegen die Anzeigen und war bereit, sich vor der Ausfahrt dem Gericht zu stellen (denn schon waren auch die Rüstungen vollendet), und wenn er etwas derart getan, Sühne zu leisten, wenn er aber freigesprochen würde, seines Amtes zu walten. Er beschwor sie, nicht in seiner Abwesenheit Verleumdungen anzuhören, lieber ihn gleich hinzurichten, wenn er schuldig sei, und es sei weiser, einen so schwer verklagten Mann nicht vor der Untersuchung an der Spitze eines solchen Heeres abzusenden. Aber seine Gegner fürchteten, das ganze Kriegsvolk werde seine Partei ergreifen, wenn er sich jetzt gleich verantworten müsse, und die Menge werde feig nachgeben und zu ihm aufschaun, well dank ihm die Argeier mitfuhren und ein Trupp aus Mantineia. Darum hintertrieben und verdrängten sie es durch andre Volksredner, die sie v:orschickten und die sagten, jetzt solle er hinziehn und die Ausfahrt nicht hemmen und zur Verhandlung wiederkommen zu anberaumter Frist; in seiner Abwesenheit dachten sie die allgemeine Meinung leichter gegen ihn aufzubringen, damit er, zurückgerufen und heimgebracht, das Gericht feindseliger gestimmt fände. So wurde beschlossen, Alkibiades solle fahren

[301 Danach, schon um die Mitte des Sommers, geschah die Ausfahrt nach Sizilien. .... KATANE GEWONNEN 479

die andern beschlossen ein Bündnis mit Athen und hießen sie den Rest des Heeres aus Rhegion herüberzubringen. Danach fuhren die Athener nach Rhegion hinüber und liefen nun mit dem Gesamtheer aus nach Katane, wo sie anlegten und ihr Lager einrichteten.

[52] ... Sie landeten irgendwo im Syrakusischen und begannen zu plündern; als aber die syrakusischen Reiter zu Hilfe eilten und die leichten Truppen einige Versprengte vernichteten, zogen sie sich nach Katane zurück. [53] Dort fanden sie die Salaminia [scil. eine Art Flagschiff derathenischen Flotte] vor, aus Athen angelangt mit dem Befehl an Alkibiades, heimzufahren zur Verteidigung gegen die Anklagen seiner Mitbürger, und an einige andere Soldaten, die mit ihm verzeigt waren als Gotteslästerer wegen der Mysterien, einige auch wegen der Hermen. Denn nach der Abfahrt der Flotte gaben die Athener die Nachforschungen nicht auf nach den Freveln, die mit den Mysterien und den Hermen geschehn waren, und ohne die Angeber auf ihren Ruf zu prüfen - jeder war ihrem Argwohn recht -, setzten sie auf schlechter Menschen Wort höchst ehrenwerte Bürger ins Gefängnis, weil es besser sei, die Sache peinlich zu prüfen und herauszufinden, als daß wegen eines Angebers Niedrigkeit ein Mann, und wäre er auch unbescholten, von einer eschuldigung oder Untersuchung freikäme. Denn das Volk wußte vom Hörensagen, wie die Tyrannis des Peisitratos und seiner Söhne gegen Ende drückend geworden, dazu nicht einmal von den Athenern selbst und Harmodios gestürzt worden war, sondern von den Spartaniern. Darum war es immer in Angst und hatte jeden Verdacht.

[Es folgt ein historischer Exkurs über die Beseitigung des Athener Tyrannen Hippias]

[60] Dessen gedachte nun das Volk von Athen, erinnerte sich all dessen, was es vom Hörensagen davon wußte, und war darum so streng und argwöhnisch gegen alle, die wegen der Mysterien im Verdacht standen: alles schien ihnen auf eine Adels- oder Tyrannenverschwörung zu deuten. Und da sie in dieser Erbitterung schon viele angesehene Männer ins Gefängnis gesteckt hatten und noch kein Ende abzusehen war, täglich nahm ihr Ungestüm noch zu und die Verhaftungen, da wurde einer der Gefesselten', der noch am ehesten schuldig schien, von einem der Mitgefangenen überredet, anzuzeigen, was er getan - oder auch nicht getan; die Vermutungen gehn nach beiden Seiten, und die Wahrheit über die Täter hat weder damals noch später je jemand gewußt. Aber der Sprechende überzeugte ihn, er müsse, auch wenn er's nicht getan, sich Straffreiheit ausbitten und damit sich selber retten und die Stadt von all dem jetzigen Argwohn befreien; es sei für ihn mehr Hoffnung, am Leben zu bleiben, wenn er mit Straffreiheit gestünde, als wenn er leugne und vor Gericht käme. So erklärte dieser sich und einige andre für schuldig wegen der Hermen, und so empört das Volk von Athen vorher war, die Männer nicht herauszufinden, die die Macht der Menge bedrohten, so glücklich war es jetzt, die Wahrheit, wie es meinte, zu wissen; sofort wurde der Angeber und die mit ihm, die er nicht verzeigt hatte, freigelassen, die Beschuldigten abgeurteilt und hingerichtet, soweit sie sie hatten, die Entronnenen zum Tode verurteilt und für ihre Mörder eine Belohnung ausgesetzt. Damit waren die Betroffenen - man weiß nicht, ob nicht zu Unrecht - bestraft, für die übrige Stadt war es jedenfalls im Augenblick eine spürbare Erleichterung.

[61] Wegen Alkibiades aber nahmen die Athener die dauernden Angriffe seiner Gegner, die ihn schon vor der Ausfahrt verfolgt hatten, sehr ernst, und da sie wegen der Hermen die Wahrheit nun zu wissen meinten, dachten sie erst recht, daß auch der Mysterienfrevel, dessen er beschuldigt war, im gleichen Zusammenhang mit einer Verschwörung gegen das Volk von ihm begangen sei. War doch auch ein nicht sehr großes spartanisches Heer um die gleiche Zeit, da diese Dinge sie erregten, bis zum Isthmos vorgegangen wegen einer Verwicklung mit Boiotien: nun dachten sie, auf seine Veranlassung und nicht der Boioter wegen kämen sie, verabredet, und wenn sie nicht selbst auf Grund der Anzeige die Männer noch vorher festgenommen hätten, wäre die Stadt verraten gewesen. Eine Nacht schliefen sie sogar beim Theseustempel in der Stadt in Waffen. Auch standen die Gastfreunde des Alkibiades in Argos um diese gleiche Zeit im Verdacht eines Angriffs auf das Volk, und damals übergaben die Athener die Geiseln der Argeier, die sie auf den Inseln verwahrten, deshalb dem Volk von Argos zum Umbringen'. So mehrte sich von allen Seiten der Verdacht gegen Alkibiades. Um ihn daher vor Gericht zu stellen und hinzurichten, darum also schickten sie die Salaminia nach Sizilien gegen ihn und andere, die verzeigt waren. Sie sollten, so hieß der Auftrag, ihm befehlen, zur Rechtfertigung mitzukommen, nicht aber ihn festnehmen, dies mit Rücksicht auf ihre eignen Leute in Sizilien und die Feinde - keine Verwirrung zu stiften - und vor allem, damit die von Argos und Mantineia dablieben, die doch nur ihm zuliebe mit ausgefahren wären. So verließen denn Alkibiades auf seinem eignen Schiff und die Mitverklagten mit der Salaminia Sizilien, als wär's nach Athen. Aber von Thurioi aus 2 fuhren sie nicht weiter mit, sondern stiegen an Land und waren verschwunden; so fürchteten sie, bei so aufgebrachter Stimmung zum Urteil heimzufahren. Die von der Salaminia suchten eine Zeitlang nach Alkibiades und seinen Begleitern. Aks sie sie aber nirgends fanden, fuhren sie weg. Alkibiades aber, nun ein Ausgestoßener, setzte nicht viel später auf einem Kahn vonn Thurioi über nach der Peloponnes, und die Athener verurteilten ihn und die anderen im Abwesenheitsverfahren zum Tode.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)