Lyrische Panegyrik für einen Herrscher anläßlich einer Stadtgründung: Pindars 'erste pyhische Ode für Hieron von Syrakus nach seinem Siege mit dem Wagen'.

Die deutsche Übersetzung lehnt sich an an: Pindar, Oden. Ins Deutsche übertragen und erläutert von Ludwig Wolde, München 1958, S. 66 ff.. Gegenüber der poetisch-einfühlsamen und auf Erhaltung der Strophenstruktur des altgriechischen Gedichts bedachten Übersetzung L. Woldes enthält sie jedoch zahlreiche und weitreichende Modifikationen. Zum einen geht es um eine bessere deutschsprachige Verständlichkeit der im Altgriechischen oftmals poetisch-ästhetisch verstellten religiös- und politisch-mythischen Botschaft Pindars an Hieron, Deinomenes und das Publikum, zum anderen um eine Unterteilung der Ode, welche vor allem den Sinneinheiten dieser Botschaft, also nicht primär den Normen des altgriechischen Vers- und Strophenaufbaus, gerecht werden will. Die Lektüre der Übersetzung Woldes wird daher empfohlen, wenn für den Leser deren Präferenzen von Interesse sind. C. G.


Goldene Harfe, beiden, Apoll

und den veilchenlockigen Musen,

gleicherweise zu eigen, nach dir hört,

das Fest zu beginnen, der Tänzer Schritt.

Deinem Rufe gehorcht der Gesang.

wenn nur erst deine Saiten klingen.

Hebst du zum Vorspiel an,

richtet nach dir sich der Reigen.

Da besänftigt sich die nie verlöschende Flamrne

des drohenden göttlichen Blitzstrahls.

Auf dem Stabe des Zeus schlummernd ,

läßt beide sausende Fittiche rasten der Adler.

Aller Vögel König, weil du ums göttliche Haupt,

wolkengleich, die Schranke der Lider,

die süße Dunkelheit, gossest!

Dem Schläfer wogt leise dein weicher Rücken,

und er hat sich ganz an deine Schwingen verloren.

Und selbst Ares, der gewaltige,

läßt fernes, rauhes Schlachtengewühl ruhen

und genießt den himmlischen Frieden.

Es bezaubern den Göttersinn ja die Künste

Apolls und der faltengewandeten Musen.

Aber wer nicht von Zeus geliebt wird,

den ergreift immer nur Entsetzen,

wenn er den Musengesang vernimmt

landweit und über die Breiten des Meers.

So auch der Feind der Götter,

der in des Tartaros Düsternis liegt,

nämlich Typhoeus, der mit den hunderten Häuptern,

der vormals in der vielgefürchteten kilikischen Grotte lebte,

dem aber jetzt auf die zottelige Brust drücken

hier Kymes meerüberschattende Höhen

und dort Siziliens himmelragende Säule, der Ätna,

der beschneite, der das ganze Jahr lang

zwar den stechenden Frost beherbergt,

aus dessen Tiefen aber lauterste Bäche

voller Glut hervorstürzen, der niemand soch zu nähern vermag;

bei Tage wirbeln dort Wolken feurigen Qualms,

und nächtens rollt die purpurne Flut,

donnernde Brocken Gesteines verschleudernd

in die stillen Buchten des Meeres.

Dort sitzt jenes Untier, das Hephaistos' furchtbare

Güsse heraufschickt; ein Wunder und Grauen

fur den, der es selbst sieht, und kaum glaubhaft,

wenn man es nur vernimmt von jemandem, der vorbeiging.

Wie es gefesselt liegt zwischen Ätnas finsterem Gipfelwald und dem Feld,

was den Abhang des Bergesrückens in stachligem Feuerbett zerreißt.

Gönne mir, Zeus, gönn mir es, dich recht zu preisen.

Du bist ja der Herr dieses Bergs, der Stirn der kornreichen Flur.

Seinen [scil. des Berges] Namen und Ruhm schenkte er,

der gepriesene Gründerheld [Hieron von Syrakus], heute der Nachbarstadt.

Prächtig klang es, als dies der Herold auf pythischer Bahn verkündete

und zugleich auch Hierons herrlichen Sieg mit dem Wagen.

Wie es seefahrenden Männer als günstiges Zeichen erscheint ,

wenn zu Beginn der Reise ein guter Wind die Segel bläht -

denn dann mag am Ende auch die Heimkehr freundlich sein -,

so, denkt man dem nach, darf man auch glauben,

daß, weil sich heute alles glücklich fügt,

jener auch künftig Kränze für Rosse und Wagen sich gewinnt

und daß der Schall dieses klingenden Festes forthallt.

Phoibos, Lykiens Herrscher und Delos' Herr,

der du auch am Parnassos liebst den kastalischen Quell [scil. des Heiligtum in Delphi],

nimm es gnädig auf in dein Herz,.

Schenke ein Land voll blühendcr Männer!

Denn was immer der Mensch auch erringt,

nur Götterhände bewirken es,

und Dichter, Amtsgewaltige und die wortgewaltige Rhetoren

sind ohne sie nichts.

Wenn es mich jetzt drängt,

jenen Mann [scil. Hieron von Syrakus] zu preisen,

dann soll es nicht so sein,

wie wenn mir aus der Bahn flöge

ein eisenwangiger Speer,

den ich zuvor in Händen gewogen,

weil ich ihn zu weit geworfen hätte

oder doch weiter als jeder Gegenspieler,

würfe ich weit und weiter doch als jeder Feind.

Möchte alle künftige Zeit

steten Schrittes beitragen zu seinem G1ück und seiner Güter Fülle!

Möchte er aber auch das ihn treffende Leid vergessen können!

Immer möge er daran denken,

wie viele Schlachten des Krieges

er mit eherner Seele bestand,

daß er und die Seinen durch Götterkraft

ehrenvolle Königsmacht fanden wie keiner sonst in Hellas

und wie diese Macht auch noch mit Gold bekränzt wurde.

Gegenwärtig geht es ihm zwar ähnlich wie Philoktet,

als dieser zum Streit auszog, weil sein Erbarmen

ein Stolzer [scil. Achill] erbat, den dazu die Not dazu zwang.

Denn die Sage geht, von Lemnos hätten die gottgleichen Helden [scil. der griechischen Seite im trojanischen Kriege]

den Poias-Sohn geholt, obschon diesen eine schreckliche Wunde quälte,

nämlich als Bogen-Kundigen, der schließlich Priamos' Veste [scil. Troja ]

zu Boden warf und damit dem Leiden der Danaer [scil. die Griechen] ein Ende machte.

Schwachen Leibes zwar kam er, aber dies [scil. Große] wollte von ihm das Geschick!

Auch Hieron möge ein Gott in die Zukunft führen

und ihm, was er begehrt, geben und das stets zur rechten Stunde!

Muse, hilf und laß mich jetzt vor Deinomenes [dem Sohn Hierons, dem von diesem eingesetzten Herrscher des neugegründeten Ätna]

den Ruhm des Viergespannes feiern;

denn es Vaters Sieg ist ihm eine innig bewegende Freude.

So laßt uns ein Lied, das ihn beglückt,

für Aetnas Herrn uns finden!

Diese Stadt hat Hieron, wie es die Götter wollten, als freie

nach dem Recht gegründet, das Hyllos [scil. der Sohn des Herakles einstmals] setzte.

Das unter des Taygetos Steilhang wohnende Geschlecht des Pamphylos [scil. des legendären Stammvaters der Spartaner]

und alle, die auf Herakles folgten, wünschen sich als echte Dorer

allzeit des Aigimios [scil. des legendären Gesetzgebers aller Dorer-Stämme] Satzungen.

Pindos abwärts stürmten sie, nahmen Amyklai und lebten in Wohlfahrt

als gepriesene Nachbarn der Tyndaros-Söhne [scil. der in Amyklai geborenen 'Dioskuren' Kastor und Polydeikes/Pollux]

- hell ist ihr Roß [scil. der Schimmel der Dioskuriden] -,

und ihr Schlachtruhm wuchs.

Zeus Vollender, laß es immer wahr bleiben,

daß sich das Recht an Amenas' [scil des Flusses bei Ätna] Gewässern

auf diese Weise bestimmt zwischen Bürgern und Königen!

Sei du mit dem Fürsten dieses Lands,

der heute den Sohn auch berät,

er solle das Volk ehren und zu Eintracht und Frieden führen.

Zeus, ich flehe, gewähre es mir:

Es halte sich still [scil. die Macht ] der Phoinikier [scil der .Karthager],

und der Thyrsener [scil. der Etrusker] Kriegsgeschrei verstumme!

Sie sahen die ächzende Flotte vor Kyme ihren Frevel büßen

und mußten sich bezwungen geben durch den Herrn von Syrakus,

der ihre wehrhafte Jugend von den eilend segelnden Schiffen fegte,

Hellas schützend vor dem Joch schweren Knechtschaft.

Salamis, besinge ich dich [scil. wegen der siegreichen Schlacht der athenischen Flotte gegen die Perser i. J. 480 v. Chr.], so gewinne ich den Dank der Athener als Lohn.

Ebenso soll Sparta die Schlacht am Kithairon [scil. den Sieg des unter spartanischer Führung stehenden Griechenheeres bei Plataiai i. J. 479 v. Chr.] feiern.

Hier wie dort sank hin die bogenbewaffnete Macht der Meder.

Doch erst an dem schönumspülten Strand des Himeras [scil. des Flusses bei Kyme, an dem Hieron seinen Sieg errang]

komme ich mit meinem Lied auf die Deinomeniden [scil. das neue Herrschergeschlecht von Syrakus] zuende.

Das hat ihr Mannesmut sich verdient,

weil er die Menge der Feinde niederwarf.

Wenn du mit rechtem Maß lobst

und Bedeutsames in kurzer Form aufgreifst und erklärst,

dann brauchst du späteren Tadel kaum zu fürchten.

Sonst aber entsteht ein leidiger Uberdruß,

der selbst ein gierige Erwarten abstumpft.

Was einer vom Nachbarn [scil. an Gutem] hört,

das beschwert sein Herz heimlich, vor allem nach einer rühmlichen Tat.

Dennoch, weil [scil. für dich, Herrscher,] fremder Neid leichter zu ertragen ist als fremdes Mitleid,

so geh nicht am Edlen vorbei,

nur nach dem Recht lenke das Volk,

laß deine Zunge rechtschaffen sein wie einen Amboß, der ohne Trug ist!

Auch wenn sie einmal Nichtigkeiten von sich gibt,

halte diese für bedeutsam [scil. wegen ihrer möglichen Folgen];

denn es kommt ja von dir.

Du bist über viele Herrscher,

und viele Zeugen gibt es für jedes Wort von dir.

Deine edle Art soll nicht verblühn.

Möchtest du, daß Freundliches über dich gesagt wird und dir zu Ohren kommt,

so sei niemals geizig, sei zum Verschwenden bereit!

Setze dein Segel, wie der Steuermann,

bei glücklichen Winden zum Fang!

Niemals, Teurer, mögen dich Gaukler betören.

Einzig ein strahlender Nachruhm zeugt

dem Erzähler und den Dichtern [scil. späterer Zeiten]

von eines Mannes Tun und Sein [scil. von dem sie berichten wollen],

wenn er gestorben ist.

Nicht vergeht die Kunde vondes Kroisos beglückender Huld.

Doch einem, der in einem ehernen Stier grausam Menschen verbrannt hat,

wie Phalaris, dem folgt nur grimmiger Fluch.

Ihn preisen niemals Harfen im Festsaal.

Kein Knabenchor ruft ihn [scil. als Genius] an,

sich an lieblichem Sang zu erfreuen.

Gutes Ergehn ist der erste Kampfpreis,

ein guter Name der zweite;

doch wenn ein Mann beides gewinnt und sich bewahrt,

hat er den höchsten Kranz errungen.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)