Platons politische Erfahrungen

und philosophische Grundüberzeugungen (ep. 7, 323 b - 334 c).

Deutsche Übersezung nach: Platon, Der siebente Brief. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Ernsdt Howald, Stuttgart 1998, S. 3 - 21 und : Platon, Der Staat (Politeia). Eingeleitete, übersetzt und erklärt von Karl Vretska, Stuttgart 1958, S. 321 f.

ep. 7, 323 b - 334 c.

... Vor langer Zeit, als ich noch jung war, ging es mir, wie es wahrlich vielen zu gehen pflegt: ich glaubte, ich würde mich, sobald ich volljährig geworden sei, sofort auf die Politik werfen. Dazu kamen noch die eigenartigen politischen Verhältnisse meiner Vaterstadt, in die ich hineingeriet, nämlich folgende: Da die bisherige Verfassung von vielen Seiten heftig bekämpft wurde, trat eineRevolution ein; an die Spitze der Neuordnung stellten sich einundfünfzig Männer als höchste Beamte, in der Stadt und im Piräus; in zwei Kollegien hatten sie die Marktaufsicht und was es sonst noch an beiden Orten zu verwalten gab, unter sich. Dreißig Männer aber bildeten die oberste [für ganz Attika gemeinsame] Behörde mit absoluten Vollmachten. Von diesen nun waren einige mit mir verwandt und andere wenigstens bekannt, und darum forderten sie mich auch gleich zur Mitarbeit auf, als wäre das ganz selbstverständlich für mich. Was ich so infolge meiner Jugend an Erfahrungen machen mußte, ist nicht weiter verwunderlich; ich lebte nämlich im Glauben, sie würden die Stadt wirklich in dem Sinne regieren, daß sie sie aus ungerechter Lebensführung weg zu einer gerechten brächten. Darum verfolgte ich ihr Tun mit gespanntester Aufmerksamkeit. Und da mußte ich nun sehen, daß diese Leute in kürzester Frist die frühere Verfassung als paradiesisch erscheinen ließen. Unter anderem schickten sie einen mir sehr lieben älteren Freund, den Sokrates, den ich ruhig den gerechtesten Menschen jener Zeit nennen möchte, mit mehreren anderen zu einem der Bürger mit dem amtlichen Auftrag, ihn gewaltsam herbeizuschaffen, damit er hingerichtet würde. Das geschah natürlich zu keinem andern Zwecke, als um Sokrates in ihr eigenes Treiben zu verwickeln, mit oder ohne seinen Willen. Er aber gehorchte ihnen einfach nicht und riskierte lieber das Ärgste, als daß er bei ihren schlimmen Handlungen mitgewirkt hätte. Als ich dies alles und noch anderes Ähnliches, nicht minder Schwerwiegendes ansehen mußte, wurde ich betroffen und zog mich von der damaligen üblen Politik zurück. Bald danach stürzten die Dreißig und mit ihnen die ganze damalige Staatsform. Wiederum befiel mich, freilich weniger intensiv - immerhin es befiel mich wieder - die Sehnsucht, mich an den Staatsgeschäften zu beteiligen. Es geschah nun freilich auch zu jener Zeit, da ja eine Revolution vorausgegangen war, manches, worüber man sich empören konnte, und es war weiter nicht verwunderlich, daß von gewissen Leuten Akte fürchterlicher persönlicher Rache in dieser revolutionären Welt begangen wurden; aber im allgemeinen legte die damals siegreich zurückkehrende Partei große Mäßigung an den Tag. Wiederum aber wollte es das Unglück, daß einige der damaligen Machthaber meinen obenerwähnten Freund Sokrates vor Gericht zogen, indem sie eine ganz ruchlose Anklage gegen ihn erhoben, die auf niemand weniger als auf Sokrates paßte. Als gottlos nämlich klagten ihn die einen an, als Gottlosen verurteilten ihn dann andere und verhängten die Todesstrafe über ihn, der doch damals an dem verbrecherischen Vorgehen gegen einen der zu jener Zeit verbannten Gesinnungsgenossen der Kläger nicht hatte Anteil nehmen wollen, damals, als es ihnen selber schlecht ging und sie in der Verbannung waren. Als ich nun das sehen mußte und was für Menschen in der Politik tätig sind, und je mehr ich mit zunehmendem Alter die Gesetze und die herrschende Sittlichkeit beobachtete, um so schwieriger kam es mir vor, ein Staatswesen richtig zu führen. Denn ohne Freunde und zuverlässige Mitarbeiter schien mir dies unmöglich zu sein. Solche zu finden unter der Zahl der alten Bekannten wäre nicht leicht gewesen; denn unsere Stadt lebte nicht mehr in den Sitten und Lebensgewohnheiten unserer Väter. Aber andere, neue zu erwerben ginge auch nicht ohne große Schwierigkeiten. Wiederum nahm dieVerderbnis in der Gesetzgebung und allgemeinen Sittlichkeit in so erschreckender Weise zu, daß ich, der ich doch ursprünglich voll Eifer war, mich mit dem Staate abzugeben, nunmehr, wenn ich darauf achtete und mitbekam, wie alles drunter und drüber ging, schließlich ganz schwindlig wurde. Ich hörte zwar nicht auf, darüber nachzudenken, wie wohl einmal eine Besserung eintreten könnte auf diesem Gebiete und speziell in der Staatsorganisation, aber für das Handeln wartete ich immer auf den rechten Moment. Schließlich bekam ich in bezug auf alle Staatswesen der Gegenwart den Eindruck, daß sie alle miteinander elend regiert seien. Denn ihre Gesetzgebung liegt völlig unheilbar darnieder, es sei denn, es gebe dagegen eine Radikalkur in Verbindung mit einem Wunder. So sah ich mich gezwungen, nur noch die 'wahre Philosophie' anzuerkennen und festzustellen, daß man allein von ihr ausgehend vollständig erkennen könne, worin Gerechtigkeit im Staat und im Privatleben bestehe.Das Menschengeschlecht, so meinte ich, könne gewiß nicht aus dem Unglück herauskommen, bevor ein Schlag wahrer und echter Philosophen an die Staatsverwaltung gelange oder bevor die regierenden Kreise in den Städten durch ein göttliches Wunder ernsthaft zu philosophieren begännen.

Dies waren also meine Ansichten, als ich zum erstenmal nach Italien und Sizilien kam. Von Anfang an wollte mir dort wiederum das [privatistische] Leben, wie es die dort 'glücklich' genannten Menschen führen, ein Leben, das auf 'italischen' und 'syrakusanischen' Schwelgereien beruht, ganz und gar nicht gefallen: es wollte mir nicht gefallen, so zu leben, daß man zweimal am Tage sich den Bauch füllt und nachts nie allein schläft und was sonst noch für Dinge dazu gehören. Denn mit einer solchen Lebensführung kann kein Sterblicher, falls er von Jugend an nichts anderes kennt, je zu Verstande kommen. Gibt es doch keinen Menschen, der so einzigartig veranlagt wäre, daß er so zu besonnener Mäßigung oder zu irgendeiner anderen Art von Tugend gelangen könnte. Und ebenso wird kein Staatswesen - mag es auch noch so vorzügliche Gesetze haben - sich der Ruhe erfreuen können, wenn seine Bewohner des Glaubens sind, man müsse alles für unmäßige Genüsse ausgeben und man dürfe keinesfalls irgendeine Anstrengung für etwas anderes auf sich nehmen als fürs Essen und fürs Trinken und für das Ausgehen auf Liebesabenteuer. Vielmehr werden diese Staaten notwendigerweise ständig in die Gewalt eines Tyrannen, einer Oligarchie oder des Pöbels geraten, und die dann jeweils regierenden Kreise werden es nicht ertragen, das Wort 'gerechte und demokratische Staatsform' auch nur zu hören. Indem ich also außer den vorher genannten prinzipiellen Erwägungen diese neuen Anschauungen in mir trug, kam ich nach Syrakus. Vielleicht war es bloßer Zufall, viel wahrscheinlicher aber scheint es, daß damals einer der Götter darauf ausging, den Anstoß zu geben zu den Dingen, die jetzt Dion und den Syrakusanern widerfahren sind, - und fast ist zu befürchten, auch noch zu weiteren, wenn ihr mir nicht gehorcht, jetzt, wo ich zum zweitenmal meinen Rat erteile.

Ihr fragt, wie ich denn behaupten könne, daß mein Aufenthalt damals in Sizilien der Anstoß zu all diesen Dingen gewesen sei? Als ich mit dem damals noch sehr jungen Dion verkehrte, scheine ich, ohne daß ich es selbst merkte, unbewußt gewissermaßen an der Auflösung einer Tyrannis gearbeitet zu haben, indem ich ihm meine Anschauungen über das für die Menschheit Beste mitteilte und ihn zu praktischer Nachfolge dieser Lehren aufforderte. Denn Dion, der überhaupt sehr leicht aufnahm, vor allem das, was damals von mir gesagt wurde, war außergewöhnlich aufmerksam, wie keiner unter den jungen Leuten, mit denen ich je verkehrt habe, und er beschloß, sein weiteres Leben anders zuzubringen als die Mehrzahl der Italiker und Sizilianer, da er die Tugend höher schätzte als sinnliche Freuden und Lebensgenuß. Daher lebte er in einer Weise, die in steigendem Maße den Haß der Höflinge des Dionysios erregte. Das blieb so bis zu dessen Tod. Nach diesem Ereignis glaubte er, die Ansichten, die er durch die wahre Philosophie gewonnen hatte, könnten sich vielleicht nicht nur auf ihn beschränken. Und wirklich konnte er feststellen, daß sie auch in anderen Platz griffen. Es waren zwar nicht viele, aber doch ein paar Menschen, und zu diesen, glaubte er, könnte auch - mit Hilfe der Götter - Dionysios gehören, und wenn dieser so weit wäre, dann würde sein und der Syrakusaner Leben von unsagbarer Glückseligkeit werden. Bei diesen Bemühungen zu diesem Ziele, so glaubte er, müsse unter allen Umständen auch ich als Mithelfer mitwirken; denn er hatte nicht vergessen, wie leicht sein Verkehr mit mir ihn dazu gebracht hatte, nach dem schönsten und besten Leben Sehnsucht zu empfinden. Wenn er das auch bei Dionysios erreichte - und er sah sich dazu auf bestem Wege -, dann würde er darum wohl, dies war seine feste Hoffnung, ohne Mord und Totschlag und das, was jetzt sonst an Gewalttätigkeit vorgekommen ist, im ganzen Lande ein glückseliges und wahrhaft seinen Namen verdienendes Leben herbeiführen. Auf Grund dieser richtigen Überlegungen brachte er Dionysios dazu, mich einzuladen, und flehte er mich selber brieflich an, unter allen Umständen möglichst rasch zu kommen, bevor andere Elemente sich an Dionysios heranmachten, ihn dem besten Leben entfremdeten und zu einem andern Lebenswandel verleiteten. Folgendes waren dem Sinne nach seine Worte - sie nehmen zuviel Platz ein, um ganz angeführt zu werden - : "Was für eine andere, günstigere Gelegenheit wollen wir abwarten", so schrieb er, "als die uns jetzt durch göttliche Fügung zuteil gewordene". Dabei zählte er natürlich auf, wie groß das Herrschaftsgebiet in Italien und Sizilien sei, was für eine Stellung er selber in diesem Reiche einnehme, und die Jugend und die Lernbegier des Dionysios. Er schilderte auch, wie sehr jener an Philosophie und Wissenschaft hänge, und wie leicht seine Neffen und die übrigen Verwandten sich für die von mir immer verkündete Lehre und ihre praktische Betätigung gewinnen ließen und wie geeignet sie seien, auch den Dionysios dafür zu gewinnen. Dann werde sich jetzt endlich einmal der Wunsch völlig verwirklichen, daß dieselben Menschen zugleich Philosophen und Leiter von großen Staatswesen seien. Solche und viele andere ähnlich verlockende Behauptungen schrieb Dion. Mein Gefühl neigte auf der einen Seite, was die jungen Leute betraf, zur Ängstlichkeit, was wohl später dabei herauskommen werde; denn die Neigungen der Jugend sind rasch zu allem Tun entflammt, und ebenso rasch wenden sie sich dem Gegenteil zu. Von Dion anderseits wußte ich, daß sein Charakter von Natur aus gut sei, und dazu erfreute er sich ja auch schon der Vorteile eines reiferen Alters. Darum, als ich die Sache so hin und her überlegte und schwankte, ob ich geben und ihm nachgeben solle oder nicht, schien mir schließlich doch eine Mehrheit von Gründen dafür zu spreehen, daß jetzt ein Fall vorliege, wo man es wagen müsse - wenn überhaupt jemals -, seine Ansichten über Gesetz und Verfassung in Wirklichkeit umzusetzen versuchen. Denn jetzt brauche ich nur einen einzigen Menschen hinlänglich zu überzeugen, und ich würde alles Gute erreicht haben.

In dieser Überzeugung also, dies zu wagen entschlossen, reiste ich von zu Hause ab, nicht aus den Motiven, die mir viele Leute unterschoben, sondern aus Schamgefühl vor mir selber, um mir ja nicht etwa als bloßer Theoretiker vorzukommen, der nie den Willen habe, auch eine Tat zu vollbringen, und vor allem um nicht in den Anschein zu verfallen, ich hätte Dions Gastfreundschaft und Treue verraten in einem Moment, wo er sich wahrlich in nicht geringer Gefahr befinde. Wenn er jetzt ein schlimmes Ende nähme, oder wenn er von Dionysios oder seinen andern Gegnern zum Verlassen des Landes gezwungen würde und zu mir käme und zu mir sagte:

"Platon, da komme ich als Verbannter zu dir, nicht weil ich keine Hopliten und Reiter gehabt hätte, um mich gegen die Feinde zu wehren, sondern weil mir die Worte und die Überredungskraft fehlten, mit der du mehr als alle andern Menschen imstande bist, wie ich wohl wußte, junge Leute zum Guten und zur Gerechtigkeit zu führen und sie einander in treuer Freundschaft nahezubringen in jedem einzelnen Falle. Daran hat es mir durch deine Schuld gefehlt, und deshalb mußte ich Syrakus verlassen und bin jetzt da. Und was du an mir getan, bringt nicht so sehr dir Schande; die Philosophie aber, die du immer im Munde führst und die du von den übrigen Menschen gering geachtet erklärst, ist sie nicht jetzt von dir in mir preisgegeben worden, soweit dies in deiner Macht liegt? Ja, wenn ich in Megara wohnte, dann wärest du mir sicher zu Hilfe gekommen, wenn ich dich gerufen hätte; sonst hättest du dich für einen pflichtvergessenen Menschen angesehen. Jetzt aber glaubst du offenbar, in der weiten Reise und der langen mühevollen Seefahrt eine Entschuldigung zu haben und damit dich für die Zukunft dem Vorwurf der Pflichtvergessenheit entziehen zu können. Das wird aber ganz und gar nicht möglich sein."

Wenn er so zu mir spräche, was gäbe es für mich darauf für eine stichhaltige Antwort? Es gab keine. Ich reiste also dorthin auffgrund von Überlegungen und mit gerechten Motiven, soweit überhaupt je ein Mensch solche haben kann. Gab ich doch um des Gesagten willen meine Schultätigkeit, die mir durchaus zusagte, auf und begab mich unter eine Tyrannis, die zu meinen Lehren und zu mir eigentlich gar nicht zu paßte. Durch mein Kommen erfüllte ich meine Pflicht gegenüber Zeus, dem Beschützer der Freundschaft, und hielt das Philosophische in mir rein von Fehl, das mitbefleckt worden wäre, wenn ich aus Bequemlichkeit und Ängstlichkeit schlimme Schmach auf mich geladen hätte.

Als ich nun ankam, da fand ich, um mich ganz kurz zu fassen, den ganzen Hof des Dionysios voll von Parteigezänk, und alles trug dem Tyrannen Verleumdungen gegen Dion zu. Ich wehrte mich für ihn, so gut ich konnte, aber viel konnte ich nicht ausrichten. Vielmehr verbannte nach gut drei Monaten Dionysios den Dion in schmählichster Form, indem er ihn zwang, sich in einem kleinen Schiffe einzuschiffen; als Grund führte er an, Dion strebe nach der Tyrannis. Wir Freunde Dions fürchteten nach diesem Vorgang alle, er könnte noch den einen oder andern beschuldigen, Mitwisser an Intrigen Dions zu sein, und auch an ihm sich rächen. Was speziell mich betrifft, so verbreitete sich damals in Syrakus sogar das Gerücht, Dionysios habe mich umbringen lassen, da ich schuld sei an dieser damalgen Situation . Dionysios aber merkte, in welcher Verfassung wir waren, und hatte seinerseits Angst, unsere Befürchtungen könnten uns zu irgendeiner gewalttätigen Handlung verleiten; darum gewährte er uns eine gnädige Unterredung, und mir insbesondere redete er zu, hieß mich guten Mutes sein und bat mich dringend, doch ja noch zu bleiben. Denn wenn ich mich davonmachte, so hatte er keinen Gewinn davon, wohl aber, wenn ich blieb. Darum tat er so, als bedränge er mich mit Bitten. Dabei wissen wir ja genau, daß Bitten der Tyrannen mit Drohungen durchsetzt zu sein pflegen. Um sein Ziel zu erreichen, verhinderte er folglich meine Abfahrt, indem er mich auf der Burg wohnen ließ. Aus dieser hätte mich ein Schiffsherr gegen den Willen des Dionysios nie mitgenommen, sondern allenfalls auf dessen ausdrücklichen Befehl, mich wegzubringen. Ebenso hätte mich weder ein Händler noch einer der Grenzkommandanten auf dem Landweg wegziehen lassen, falls sie mich ohne Begleitung angetroffen hätten. Vielmehr hätten sie mich gleich verhaftet und wieder zu Dionysios zurückgebracht; dies um so mehr, als sich jetzt wiederum das dem früheren gerade entgegengesetzte Gerücht verbreitet hatte, nämlich Dionysios verkehre mit Platon ausnehmend freundlich.

Entsprach das den Tatsachen? Denn was wahr ist, darf man nicht verschweigen. Er war wirklich je länger, um so freundlicher zu mir, d. h. je besser er meine Art und meinen Charakter kennenlernte. Er verlangte aber, daß ich ihn höher schätze als Dion und in ihm meinen besten Freund sehe, mehr als in jenem. In dieser Hinsicht war er unglaublich empfindlich. Aber den Weg dahin einzuschlagen, wie es, falls es überhaupt eintreten konnte, am besten hätte eintreten können, zögerte er: nämlich als Schüler und Zuhörer meiner philosophischen Gespräche mir nahezukommen und auf diesem Fuße mit mir zu verkehren. Er hatte Angst - so hatten Verleumder ihn gewarnt -, er könne in seiner Bewegungsfreiheit irgendwie gehindert werden, und Dion könne so doch sein Ziel erreichen. Ich aber ließ mir dies alles gefallen, treu meiner Absicht, mit der ich gekommen war, das heißt, ich wartete ab, ob er nicht doch noch nach philosophischer Lebensführung Sehnsucht bekäme. Er aber blieb Sieger mit seinem Widerstand.

Mit all diesen Ereignissen war die erste Zeit meines Aufenthaltes in Sizilien ausgefüllt. Nachher reiste ich ab. Später kam ich auf die dringenden Vorstellungen des Dionysios hin noch einmal nach Syrakus. Warum dies geschah, und daß alles, was ich tat, durchaus recht und anständig war, werde ich euch später erzählen - wegen der Neugier derer, die gerne wüßten, was ich dort denn eigentlich wollte, daß ich zum zweiten Male hinging.

Zuerst will ich euch aber meinen Rat erteilen, was ihr in der jetzigen Situation tun sollt, damit nicht in meiner Erzählung eine Nebensache zur Hauptsache werde. Ich rate also folgendes:

Wenn einer einem kranken Manne, der gesundheitswidrig lebt, zu raten hat, was darf er anderes tun als zuerst dessen Lebenshaltung ändern und dann erst, wenn jener ihm darin gehorchen will, ihm weitere Anweisungen geben. Will er aber nicht gehorchen, so würde ich nur den, der auf weitere Behandlung verzichtet, als wahren Arzt und aufrechten Menschen bezeichnen und dafür den, der sich das bieten läßt, als schwachen Menscheis und schlechten Arzt. Ganz gleich liegt nun aber die Sache einer Stadt gegenüber: Wenn sich ihre Verfassung gewissermaßen auf dem rechten Wege befindet - mögen an ihrer Spitze nun ein einzelner oder mehrere stehen - und wenn sie dann um Rat fragt, was ihr in einem bestimmten Falle zuträglich sei, dann ist es vernünftig, solchen Leuten zu raten. Anders ist es, wenn sie ganz und gar aus den Bahnen einer rechten Verfassung getreten sind und auf keinen Fall mehr in sie einlenken wollen, ja wenn sie ihrem Ratgeber ausdrücklich vorschreiben, ihre Verfassung unangetastet zu lassen, sogar unter Androhung des Todes, falls er sie antaste, und mit unbegrenzter Rücksichtnahme auf ihre Wünsche und Begierden seinen Rat zu erteilen, wie sie es für alle Zukunft am bequemsten und einfachsten hätten. Jemand, der sich eine solche Beschränkung seines Rates gefallen läßt, halte ich ihn für einen schwachen Menschen, den aber, der sich das nicht gefallen läßt, für einen tapferen. Das sind meine Anschauungen.

Wenn nun jemand mich in einer für ihn äußerst wichtigen Angelegenheit um Rat fragt, zum Beispiel in einer finanziellen Frage oder in einer Sache, die das Wohlergehen seines Körpers oder seiner Seele betrifft, so rate ich bereitwillig, worüber er mich beizieht, und begnüge mich nicht mit der bloß formellen Frfüllung meiner Pflicht, sobald jener mir in seiner Lebensführung gewissen Anforderungen zu entsprechen oder wenigstens aut meinen Rat hin gehorchen zu wollen scheint.

Wenn er mich aber überhaupt nicht fragt oder ganz offenkundig die Absicht hat, auf keinen Fall meinen Ratschlägen zu gehorchen, so werde ich einem solchen meinen Rat niemals aufdrängen. Zu Zwangsmaßregeln greifen werde ich aber erst recht nicht, selbst nicht meinem eigenen Sohne gegenüber. Einem Sklaven gegenüber würde ich zwar, falls er von meinem Rat nichts wissen wollte, auch Zwang anwenden. Aber etwa Vater und Mutter gegenüber halte ich es für unrecht, Zwang anzuwenden, außer wenn sie geisteskrank sind.

Wenn die Sache aber so liegt, daß sie nur eine bestimmte Lebensführung haben, die ihnen selber zusagt, mir aber nicht, dann halte ich es für unrecht, mich ihnen durch Ratschläge verhaßt zu machen , die ja doch keinen Erfolg haben. Anderseits wäre es aber auch nicht recht, sich bei ihnen einzuschmeicheln, indem man für Befriedigung von derartigen Wünschen sorgt, die, falls wir ihnen selber Spielraum in uns gäben, uns das Leben verleiden würden.

Mit gleicher Gesinnung muß sich der Verständige sein Leben lang auch seiner Vaterstadt gegenüber benehmen, das heißt: er wird, wenn er meint, sie sei nicht recht geleitet, nur dann seine Stimme erheben, wenn Aussicht besteht, daß er es nicht umsonst tue und er nicht den Tod erleiden müsse für sein Auftreten. Niemals aber soll er dann Gewalt anwenden zum Umsturz einer Verfassung, wenn es nicht möglich ist, die beste Verfassung ohne Verbannung und Niedermetzelung von Mitmenschen einzurichten. Vielmehr soll er sich in diesem Fall ruhig verhalten und sich und die Stadt den Göttern anbefehlen.

Nach diesen Grundsätzen also will ich auch euch raten; nach ihnen pflegte ich auch mit Dion zusammen Dionysios Rat zu erteilen, er solle seine Lebensführung auf die Weise gestalten, daß er sich selber möglichst in der Hand habe und sich treue Freunde erwerbe, damit es ihm nicht gehe, wie es seinem Vater gegangen sei. War dieser doch, nachdem ihm viele große vorher von den Barbaren völlig zerstörte Städte zugefallen waren, nicht imstande, sie frisch zu besiedeln und in ihnen allen zuverlässige Regierungen aus dem Kreise seiner Anhänger zu errichten. Er fand solche weder irgendwo im Auslande noch unter seinen Brüdern, die er selbst erzogen hatte - sie waren eben jünger als er - und die er aus Privatleuten zu Herrschern gemacht, aus der Armut zu ungeheurem Reichtum geführt hatte. Keinen von diesen konnte er trotz allen Bemühungen sei es durch Zureden, Belehrung und Wohltaten, sei es durch das Gefühl der Verwandtschaft zur Mitarbeit in der Regierung heranziehen. So erwies er sich als siebenmal unbegabter als Dareios, der sein Vertrauen nicht etwa Brüdern und Leuten, die von ihm selber erzogen worden waren, schenken konnte, sondern nur den Mithelfern an der Beseitigung des medischen Eunuchen. Trotzdem teilte er sein Reich in sieben Teile ein, jeder einzelne größer als ganz Sizilien, und seine Mitarbeiter erwiesen sich als ganz zuverlässig und machten ihm und einander keine Schwierigkeiten. Und so bildete er ein Musterbeispiel, wie der gute Gesetzgeber und König sein muß; denn durch die Gesetze, die er ihnen gab, hat er dazu beigetragen, daß sich das persische Reich bis zum heutigen Tag erhielt. Auch die Athener dürfen hier genannt werden. Ihnen fiel eine große Zahl griechischer Städte zu, die zwar von den Barbaren erobert gewesen waren, aber ihre Bevölkerung behalten hatten. Dennoch konnten die Athener siebzig Jahre lang die Herrschaft über sie dadurch behaupten, daß sie in allen Städten treue Freunde besaßen. Dionysios aber, der ganz Sizilien in eine Stadt zusammengezogen hatte und aus Überklugheit niemandem traute, konnte sich kaum behaupten: denn er besaß gar keine treuen Freunde, und das ist der beste Beweis für Wert oder Unwert einer Persönlichkeit, der Mangel oder Besitz an solchen.

Das also führten wir, ich und Dion, aals erstes auch dem Dionysios vor Augen, nachdem ihn durch Schuld seines Vaters das Schicksal getroffen hatte, ohne rechte Erziehung und ohne rechten Freundesverkehr leben zu müssen. Dann, nachdem er damit begonnen, sich andere Menschen aus der Zahl der Verwandten und Altersgenossen zu Freunden und Mitstrebenden auf dem Wege zur Tugend zu machen, rieten wir, vor allem solle er sich selber als Freund erweisen; denn daran fehle es ihm in erstaunlicher Weise. Natürlich sagten wir das nicht so mit dürren Worten - denn das wäre zu gefährlich gewesen -, sondern indem wir es nur andeuteten und den Ton darauf legten, daß auf diese Weise jeder sich und diejenigen, deren Haupt er ist, erfolgreich schützen könne. Schlage er aber nicht diesen Weg ein, dann werde er gerade die gegenteilige Wirkung erzielen. Wenn er aber den von uns vorgezeichneten Weg beschritte und sich selbst zur Einsicht und Besonnenheit führe, dann werde er - falls er die jetzt verlassenen Städte wieder mit Bevölkerungwn fülle und sie durch Gesetze und Verfassungen aneinanderkette, so daß sie sich ihm und einander gegenüber verpflichtet fühlten zur Beistandleistung gegen die Karthager - sein väterliches Reich nicht nur verdoppeln, sondern mit größter Wahrscheinlichkeit vervielfachen. Denn dann sei er imstande, die Karthager viel vollständiger zu unterwerfen als die Unterjochung unter Gelon gewesen sei, und nicht wie der jetzige Zustand sei, wo sein Vater, ganz im Gegensatz dazu, sich verpflichtet habe, den Barbaren einen Tribut zu entrichten.

Das war es, was wir dem Dionysios vorschlugen und empfahlen - wir, die wir ihm angeblich nach dem Leben trachteten, wie ihm von vielen Seiten die Einflüsterungen zutrugen. Die Einflüsterer gewannen dann auch richtig bei ihm die Oberhand und rieben den Dion in die Verbannung trieben, versetzten uns aber in großen Schrecken. Um aber die Fülle der Ereignisse, die sich in ganz kurzer Zeit abspielten, zu Ende zu erzählen: Es kam dann Dion aus der Peloponnes und aus Athen und erteilte dem Dionysios handgreiflich seinen Rat. Nachdem er aber die Stadt befreit und sie den Syrakusanern zweimal zur Verfügung gestellt hatte, da ging es diesen mit Dion gleich wie früher dem Dionysios, als Dion den Versuch machte, ihn zu einem der Herrschaft würdigen Regenten heranzuziehen und dessen ganze Lebensführung mit Beschlag zu belegen. Jener hatte ja, wie bekannt, sein Leben lieber mit den Verleumdern geteilt, die ihm einflüsterten, Dion tue alles, was er damals tat, nur, weil er nach der Tyrannis strebe, und zwar auf die Weise, daß Dionysios, durch die Beschäftigung mit Philosophie bezaubert,die Regierung vernachlässige und sie ihm überlasse, Dion aber sie an sich ziehe und den Dionysios so listigerweise seiner Herrschaft beraube. Diese Einflüsterungen siegten damals, und sie siegten ebenso, als sie zum zweitenmal in Syrakus vorgebracht wurden; der Sieg war aber unsinnig und schmachvoll für die, die ihn auf dem Gewissen hatten.

Wie dies nämlich geschah, das sollen diejenigen, die jetzt meinen Rat erbitten, vernehmen. Aus Athen, meiner Heimat, war ich als gleichgesinnter Freund des Dion, als sein Bundesgenosse, zum Tyrannen gekommen mit der Absicht, Freundschaft an Stelle von Zwietracht zu stiften; ich unterlag aber im Kampfe mit den Verleumdern. Als aber Dionysios durch Ehrungen und Geldgeschenke mich auf seine Seite zu ziehen und mich zum Entlastungszeugen und zu seinem Freund zu machen suchte, der der Vertreibung des Dion die öffentliche Rechtfertigung gegeben hätte, da mißlang ihm dieser Plan wahrhaftig gründlich. Aus [demselben] Athen brachte später Dion, als er nach Syrakus zurückkehrte, ein Brüderpaar mit; sie waren seine Freunde nicht durch gemeinsame philosophische Interessen, sondern durch jene landläufige Annäherung, wie sie zwischen den meisten Freunden üblich ist, die infolge eines Gastfreundschaftsverhältnisses oder gemeinsamer Teilnahme an den kleinen oder großen Mysterien zustande kommt. So waren denn auch diese seine Begleiter infolge solcher Gründe seine Freunde und infolge ihrer Mithilfe bei seiner Rückkehr seine Vertrauten geworden. Diese kamen also nach Sizilien. Als sie nun merkten, daß Dion bei den von ihm befreiten Sizilianern in den Verdacht geraten war, er strebe nach der Tyrannis, da verrieten sie nicht nur ihren Freund und Gastfreund, sondern wurden geradezu mit ihren eigenen Händen seine Mörder, indem sie mit den Waffen in der Hand selber den Mördern als Beistand zur Seite waren. Diese verabscheuenswürdige und ruchlose Tat vertusche ich nicht, ich spreche aber auch nicht darüber; denn viele andere werden es sich angelegen sein lassen, dies jetzt und in Zukunft hinauszuposaunen. Eine Ausnahme mache ich nur mit der Behauptung, diese zwei hätten die Stadt Athen mit Schmach bedeckt. Denn ich weise darauf hin, daß auch jener Mann [ d. h. Platon selbst] ein Athener war, der denselben Dion nicht verraten hat, obgleich er dafür Geld und andere viele Ehren hätte erhalten können. Er war eben nicht durch eine gewöhnliche Freundschaft Dions Freund geworden, sondern durch die gemeinsamen geistigen Interessen, und nur auf solche Freundschaft darf ein Vernünftiger vertrauen, viel mehr als auf Verwandtschaft der Seele und des Leibes. Darum haben die Mörder Dions auf ihre Vaterstadt keine Schmach laden können, als wären es Männer, die irgendeinmal eineRolle gespielt hätten.

All dies habe ich gesagt um der Raterteilung willen an die Freunde und Verwandten Dions. Was rate ich aber noch weiter? Den gleichen Rat und die gleichen Worte sage ich, die ich schon zweimal andern gesagt habe. Sizilien darf man nicht unter absolute Herrscher kommen lassen, aber auch keine andere Stadt - das ist wenigstens meine Ansicht -, sondern nur unter die Herrschaft der Gesetze.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski WS 2002/2003