Johann Wolfgang Goethe (1749 - 1832), Prometheus.

Gedicht. Enstanden um 1770. Zitiert nach: Gotehs Werke. Erster Teil. Gedichte. hg. von Eduard Scheidemantel. Mit einem Lebensbild von Karl Alt, Berlin u. a. O., o. D (um 1900).


Bedecke deinen Himmel, Zeus,

mit Wolkendunst

und übe, dem Knabeen gleich,

der Disteln köpft,

an Eichen doch und Bergeshöh'n.

Mußt mir meine Erde

doch lassen stehn

und meine Hütte, die du nicht gebaut,

und meinen Herd,

um dessen Glut

du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres

unter der Sonn' als euch, Götter!

Ihr nähret kümmerlich

von Opfersteuern

und Gebetshauch

eure Majestät

und darbtet, wären

nicht Kinder und Bettler

hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,

nicht wußte, wo aus noch ein,

kehrt' ich mein verirrtes Auge

zur Sonne, als wenn drüber wär'

ein Ohr, zu hören meine Klage,

ein Herz, wie meins,

sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir

wider der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

von Sklaverei?

Hat du nicht alles selbst vollendet,

heilig glühend Herz?

Und glühtest jung und gut,

betrogen, Rettungsdank

dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?

Hast du die Schmerzen gelindert

je des Beladenen?

Hast di die Tränen gestillet

je des Geängsteten?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet

die allmächtige Zeit

und das ewige Schicksal,

meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,

ich sollte dasLeben hassen,

in Wüsten fliehen,

weil nicht alle

Blütenträume reiften?

Hier sitz' ich, forme Menschen

nach meinem Bilde,

ein Geschlecht, das mir gleich sei,

zu leiden, zu weinen,

zu genießen und zu freuen sich;

und dein nicht zu achten,

wie ich!


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)