Vorwort.

Das vorliegende Skript ist im Zusammenhang mit meiner gleichnamigen Lehrveranstaltung 'Zur historischen Bedeutung antiker Mythologie' im WS 2002/2003 entstanden.

Die Beschäftigungt mit 'Mythen' und 'Mythologien' findet aus ganz unterschiedlichen Gründen seit jeher - und auch in der Gegenwart - reges Interesse bei Gebildeten und Frommen. Vielfältige religiöse, bildungsbezogene, geschichtliche oder kulturvergleichende Fragen richten sich auf dieses Thema. Entsprechend unterschiedlich kann auch der zugrundegelegte, erkenntnisleitende Begriff 'Mythos' sein. Der in diesem Skript interessierende geschichtswissenschaftliche Begriff meint solche in historischen Quellen belegbaren Denk- und Darstellungsweisen, die in wahrheitsindifferenten oder gar -resistenten Meinungsbildungsverfahren entstehen und zumindest über einen längeren Zeitraum hin eine weite und darüber hinaus eine normative und prägende Wirkung im geistigen Leben einer Gesellschaft entfalten.

Nicht jede Lüge, nicht jede Phantasie, nicht jedes Gerücht ist also nach der hier angewandten Begriffsbildung ein Mythos und als solcher historisch beachtlich, sondern nur solche - um es zu wiederholen - in wahrheitsindifferenten oder resistenten Verfahren erzeugten allgemeinen Glaubenssätze, weltanschaulichen Annahmen, politischen Ideologien und geistigen Alltagsgewohnheiten, die schon Sokrates als 'doxai' zum Gegenstand seiner mäeutischen Kritik gemacht und denen er seine 'paradoxai' entgegengestellt hat. Diese Feststellung soll verhindern, daß der Begriff 'Mythos' in einer Vielzahl historisch weniger wichtiger Einzelphänomene gewissermaßen zerflattert, und darauf hinführen, daß Mythen gerade im Zentrum allgemeinverbreiteter, gesellschaftsprägender Denkweisen und Ausdrucksgewohnheiten Mythen zu stehen pflegen - und zwar religiöse aks auch andere - , und daß ihnen gerade wegen dieser Zentralität besondere historische Aufmerksamkeit gebührt.

Für die Konzeption der Vorlesung und des Skripts waren drei Grundgedanken maßgeblich:

1) Einmal sollte der aus der Antike reichlich überlieferte religiös-mythologische Stoff in seiner grundsätzlichen allgemeingeschichtlichen Bedeutung - für die ideellen Orientierungen antiker Gesellschaften und für eine Fülle praktischer Bezüge in öffentlichem Kultus, Volksfrömmigkeit, politischem Leben und Alltagskultur - dargestellt werden.

2) Nicht aber nur die i. w. S. religiösen - ob heidnischen oder christlichen - Mythen der Antike, deren innere Bedeutung seit der Antike bis hin zu unserer 'aufgeklärten', ideell weithin 'gottlosen' Zeit immer wieder vielfältiger Religionskritk unterlag, sondern auch die nicht-religiösen Mythen des allgemeinen Kulturbewußtseins, der Völkerbilder und der Politik, die weit weniger als die religiösen Gegenstand historisch-rationaler Kritik zu sein pflegten und pflegen, waren zu erörtern. Im Hinblick auf die anspruchsvolle und verantwortungsvolle Aufgabe des Historikers, gerade auch solche Mythen für die Vergangenheit und die Gegenwart systematisch darzustellen und ggf.wissenschaftlich zu kritisieren, ging es mir darum, die auch und gerade in der Geschichtsschreibung über die Antike fortwirkenden und noch für die heutige Zeit wirkungskräftigen Mythenbildungen kultureller, ethnischer und politischer Art in systematisch geordneter und praktisch brauchbarer Weise anzusprechen.

3) Schließlich ergab sich im Verlaufe der Lehrveranstaltung noch ein weiterer Grundgedanke, nämlich: im Hinblick auf die Bedeutung, die 'mythischen Denk- und Sprechweisen' - wegen ihrer erkenntnismäßigen Begrenzungen und praktisch manchmal erheblichen Negativfolgen - für die Entstehung 'nicht-mythischer', d. h. i. w. S. 'wissenschaftlicher' Erkenntnisverfahren und Erkenntnisse haben, das Lehrveranstaltungsthema 'Antike Mythologie' durch ein weiteres, im SS 2003 zu behandelndes Thema 'Zur historischen Bedeutung antiker Wissenschaft' zu vervollständigen.

Wie bei der langen Reihe der Internet-Skripten des Dozenten und Verfassers üblich geworden, wird der Vortrag von zwei Gesichtspunkten bestimmt:

a) der ausführlichen Präsentation einer größeren Zahl anschaulicher und aussagekräftiger Quellen zu den einzelnen Teilthemen und

b) von der Systematisierung der historischen Erkenntnis innerhalb des gewählten, bewußt weit gesteckten thematischen Gesamtrahmens.

Hörer und Leser sollen dadurch nicht nur die antike Vergangenheit, sondern immer auch ein wenig die Gegenwart, soweit sie unter dem oft ungeahnt großen wirkungsgeschichtlichen Einfluß der Antike steht, besser verstehen lernen. Aus der Beschäftigung mit diesem Thema lassen sich manche praktischen Konsequenzen einerseits für ein tolerantes, verstehendes, andererseits aber auch für ein kritisches, abwehrbereites Verhalten gegenüber gesellschaftlichen Mythenbildungen aaller - sowohl religiöser als auch kultureller oder politischer - Art ziehen, seien diese nun erkennbar ehrwürdigen Alters oder aber scheinbar ganz neu.

Die Kommentierung der einzelnen Quellen ist - mit Ausnahme der Erörterung der jedem Kapitel für bestimmte einzelne Quellen beigefügten Interpretationssaufgaben - knapp gehalten, einmal weil es unmöglich ist, schon den gesamten mündlichen Vortrag des Dozenten hier zu wiederholen, zum anderen aber auch, weil der im Skript präsentierte Stoff über den mündlichen Vortrag in der Vorlesung weit hinausgeht.

Der Leser wird daher ausdrücklich darauf verwiesen, sich über die jedem Kapitel beigegebenen Lektüre-Hinweise und über die - damit nicht deckungsgleichen - Angaben des 'Allgemeinen Literaur-, Medien- und Quellen-Verzeichnisses' die im Einzelfall stets mögliche weitere Aufklärung selbst zu beschaffen.

Christian Gizewski, 17. April 2003


LV Gizewski WS 2002/2003

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de