Kap. 1: Einleitung: Antike Wissenschaften. Begriffe, Arten, historische Bedeutung und Erörterung.

ÜBERSICHT.

1. Heutige und antike Begriffe der 'Wissenschaft'. Zur allgemeinhistorischen, wissenschaftsgeschichtlichen und geisteskulturellen Bedeutung antiker Wissenschaftsgeschichte.

2. Arten antiken Wissens.

a) Empirisches, praktisches und topisches Alltagswissen in unterschiedlichen Lebenskreisen.

b) Enkyklios Paideia, Artes liberales, Bildungswissen (I. Philosophie, Dialektik, II. Sprachbildung, Grammatik, Literarisches Bildungswissen, III. Rhetorik.IV. Geometrie, V. Arithemetik.VI. Astronomie, VII. Musik).

c) Theoretische Wissenschaften (z. B. Philosophie, Logik, Mathematik).

d) Praktische Wissenschaften (z. B. Rhetorik, Rechtswissenschaft, Politik, Verwaltungswissen, Ökonomie der privaten und öffentlichen Haushalte, Strategie und Taktik).

e) Empirisch-naturkundliche Wissensgebiete (z. B. Astronomie, mathematisch-astronomisch basierte Geographie, Biologie in allen Zweigen, Chemie in allen Zweigen, Physik in allen Zweigen).

f) Empirisch-gesellschaftsbezogene Wissengebiete (z. B. Ethnographie, Geschichte, Sprachkunde und Etymologie).

g) Technologien und technische Wissensgebiete i. w. S. (z. B. Architektur i. w. S., Landwirtschaft, Medizin und Pharmazie, Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen aller Art).

h) Kunstwissen und -techniken (z. B. Dichtkunst, Dramatik, Malerei, Musik).

i) Religiöses Wissen, Theologie.

3. Literatur, Medien, Quellen.

1. Heutige und antike Begriffe der 'Wissenschaft'. Zur allgemeinhistorischen, wissenschaftsgeschichtlichen und geisteskulturellen Bedeutung antiker Wissenschaftsgeschichte.

ÜBUNG 1

Aufgaben:

a) Welche Sprachen und Schriften können Sie auf der unten wiedergegebenen Abbildung ausmachen? Welche Worte können Sie übersetzen oder in ihrer Bedeutung erschließen?

b) In welchem wissenschaftlichen Argumentations- oder Erklärungszusammenhang könnte die Abbildung stehen? Was schlußfolgern Sie daraus ggf. für den Charakter der zuzuordnenden Wissenschaft? Wann ist die Abbildung in ihrer Konzeption Ihres Erachtens enstanden? Wer könnnte ihr Autor sein?


'Wahrheit' und 'Richtigkeit' als Leitideen wissenschaftlicher Erkennntnis.

Als "wahr" seien hier - im Interesse einer geschichtswissenschaftlich praktikablen Begriffsbildung -Aussagen über ein 'Seiendes' bezeichnet, soweit sie in Übereinstimmung mit einer 'Objektivität' (erkenntnisunabhängige 'Selbstgegebenheit', 'Realität') ihrer Erkenntnisgegenstände stehen.

Als "richtig" seien hier solche wertenden oder normativen Aussagen bezeichnet, die a) in Übereinstimmung mit zwingenden subjektiven Überzeugungen ('subjektive Richtigkeit', 'Überzeugungsrichtikeit') oder b) mit intersubjektiv anerkannter Wert- oder Normgeltung ('intersubjektive Richtigkeit', 'soziale Richtigkeit') stehen.

Alle Aspekte dieser Defintionen können in erkenntnistheoretischen Diskussionszusammenhängen problematisch oder gar aporetisch werden. Doch bedeutet die Formulierung solcher Probleme nicht , daß Erkenntnis eines Wahren und Richtigen grundsätzlich ausgeschlossen sei. Denn wäre sie grundsätzlich ausgeschlossen, so wäre gleichzeitig auch der grundsätzliche Zweifel an ihrer Möglichkeit ausgeschlossen, weil unbegründbar, und überhaupt jedes sinnvolle Reden unmöglich. Die prinzipielle Annahme einer dem Denken und Sollen vorgegebenen 'Realität', 'Wert-' und 'Normgeltung' ist vielmehr zu begreifen als eine 'axiomatische' Voraussetzung jedes nicht-beliebigen Denkens und Redens über 'Seiendes' und 'Geltendes'

Für den Bereich des 'selbstgegebenen Seienden' ('Realität') lassen sich vier Klassen bilden:

a) die sinnlich in Erscheinung tretende Selbstgegebenheit von Gegenständen ('sensuelle Objektivität'; z. B. die mit optischen oder akustischen Eindücken verbundenen, als konkret-substanziell erfaßten Erscheinungen),

b) die durch begriffliche Abstraktion oder empirische Beobachtung faßbare Selbstgegebenheit von Gegenständen ('ideale Objektivität': z. B. bei wesenserfassenden Begriffen, Gesetzmäßigkeiten oder Kausalverhältnissen),

c) die axiomatisch auftretende Selbstgegebenheit 'ontischer' (dem 'Sein' immanenter) Strukturen und Gesetze ('Axiomatik des Seins, 'axiomatische Objektivität'; Grundlage z. B. ontologische Kategorien, logischer Regeln oder mathematischer Axiome) und

d) die durch Anwendung axiomatischer Regeln und Kategorien aus sinnlich oder begrifflich oder axiomatisch selbst-gegebenem Realen abgeleitete Objektivität ('deduzierte Objektivität'; z. B. des geometrischen Satzes " a2 + b2 = c2 " oder des Dreisatzes "Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Also ist Sokrates sterblich ").

Für den Bereich des 'Richtigen' - und zwar sowohl des 'Überzeugungs-Richtigen' als auch des 'sozial Richtigen' lassen sich zwei Klassen unterscheiden

a) die 'Werte' - als 'vorgegebene' Orientierungsmomente für 'richtige' Werturteile - und

b) die Nomen - als 'vorgegebene' Orientierungsmomente für 'richtige' Sollensurteile.

Wissenschaft kann sich mit all diesen Klassen der 'Selbstgegebenheit' und der 'vorgegebenen Orientierungsmomente' befassen, wenn sie es unternimmt, wahre oder richtige Aussagen oder Aussagensysteme zu bilden. Ihre Methoden sind darauf gerichtet, wahre oder richtige Aussagen - ggf. neu - zu gewinnen, sorgsam und umfassend zu begründen, intersubjektiv sprachlich zuverlässig zu überrmitteln und gegen konkurrierende Irrtümer hinreichend abzusichern. Insoweit geht wissenschaftliches Erkennen über alltägliche Formen des Denkens und Redens partiell hinaus und kommt vielfach zu andersartigen Ergebnissen.

Kriterien wissenschaftlicher Erkenntnis in der Antike und heute.

1. Eigene Wahrnehmung und Urteilsbildung des Mitteilenden.

2. Prinzipiell uneingeschränkte Vermittelbarkeit, Überprüfbarkeit und Beweisbarkeit einer Erkenntnis.

a) Unbegrenzte Kontroversoffenheit.

b) 'Nicht-mythischer' Charakter.

3. Systematische Anlage einer Erkenntnis.

a) 'Umfassende' Heuristik.

b) 'Dialektische' Überprüfung von Argumenten und Gegenargumenten.

4. Erklärbarkeit einer Erkenntnis aus 'richtigen' begrifflichen Voraussetzungen,, logischen Regeln, überprüften natürlich-empirischen Regelhaftigkeiten, Kausalzusammenhängen oder teleologischen Zusammenhängen.

2. Arten antiken Wissens.

Typen antiken Wissens.

a) Empirisches, praktisches und topisches Alltagswissen in unterschiedlichen Lebenskreisen.

b) Enkyklios Paideia, Artes liberales, Bildungswissen (I. Philosophie, Dialektik, II. Sprachbildung, Grammatik, Literarisches Bildungswissen, III. Rhetorik.IV. Geometrie, V. Arithemetik.VI. Astronomie, VII. Musik).

c) Theoretische Wissenschaften (z. B. Philosophie, Logik, Mathematik).

d) Praktische Wissenschaften (z. B. Rhetorik, Rechtswissenschaft, Politik, Verwaltungswissen, Ökonomie der privaten und öffentlichen Haushalte, Strategie und Taktik).

e) Empirisch-naturkundliche Wissensgebiete (z. B. Astronomie, mathematisch-astronomisch basierte Geographie, Biologie in allen Zweigen, Chemie in allen Zweigen, Physik in allen Zweigen).

f) Empirisch-gesellschaftsbezogene Wissengebiete (z. B. Ethnographie, Geschichte, Sprachkunde und Etymologie).

g) Technologien und technische Wissensgebiete i. w. S. (z. B. Architektur i. w. S., Landwirtschaft, Medizin und Pharmazie, Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen aller Art).

h) Kunstwissen und -techniken (z. B. Dichtkunst, Dramatik, Malerei, Musik).

i) Religiöses Wissen, Theologie.

Wissenschaftlicher und sozialer Rang von Erkenntnissen in der Antike und heute.

1. Grad der Sicherheit, Allgemeingültigkeit, Unwandelbarkeit einer Erkenntnis.

a) Demonstrierbare 'Realitätsangemessenheit'.

b) 'Wesensangemessenheit', 'Idealität'.

c) Logische Nachweisbarkeit.

d) Wahrscheinlichkeit.

2. Existenz von Erkenntnisschranken.

a) Wahrheitsindifferente Verfahrensweisen des Erkenntnisgewinns; 'mythische' Erkenntnisqualität.

b) Von Autoritäten oder Traditionen bewirkte Denk- und Sprachverbote.

c) Erkenntnisverhindende materielle Interessen oder ideelle Zielrichtungen.

d) Erkenntnisimmanente Aporien.

3. Sozialer Rang von Erkenntnissen.

a) 'Freies', prinzipiell 'unbegrenztes' Bildungswissen.

b) Erwerbs- und Geschäftswissen.

c) Herrschaftswissen.

d) Standesbezogenes Prestigewissen.

3. Literatur, Medien, Quellen.

E. Lichtenstein, Die Grundlagen europäischen Bildungsdenkens in der griechisch-römischen Antike, Hannover 1970.

H. J. Störig, Kleine Weltgeschichte der Wissenschaft (1), Stuttgart 1970.

K. v. Fritz, Grundprobleme der Geschichte der antiken Wissenschaft, Berlin, New York 1971.

J. G. Landels, Die Technik in der antiken Welt, München 1983 3.

Herbert Schnädelbach, Erkenntnistheorie zur Einführung, Hamburg 2002.

N. Hartmann, Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, 1949 4.

Richard Hönigswald, Geschichte der Erkenntnistheorie, Darmstadt1976.

T. S. Kuhn, Die Struktur der wissenschaftlichen Revolution, Frankfurt M. 1973.

Arpad Szabo, Das geozentrische Weltbild. Astronomie, Geographie und Mathematik der Griechen, München 1992.

'Sphaira krikote' (Armillarsphäre). Zeichnung aus der 'Geographike Hyphegesis' des Claudius Ptolemaios (2. Jht. n. Chr.), Buch 7, Kap. 6 (ed. C. F. A. Nobbe (1843/45, ND Hildesheim 1966, S. 188.


LV Gizewski SS 2003

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de