Kap. 3: Der Zuwachs empirischen und theoretischen Wissens über Natur, Kosmos, Erde, Mensch, Völker und Kulturen in der Antike.

ÜBERSICHT.

1) Typen und historische Triebkäfte des Wissenszuwachses in der Antike.

2) Themenbeispiele für antiken Wissenszuwchs.

a) Zum Erkenntisfortschritt in Geographie und Astronomie.

b) Zu physikalischen und mathematischen Entdeckungen und Beweisgebäuden.

c) Zum Erkenntnisgewinn durch systematische Untersuchungen.

3) Literatur, Medien, Quellen.

1) Typen und historische Momente des Wissenszuwachses in der Antike.

Übung 3.

AUFGABE:

Vergleichen Sie die unten zu 2 a) wiedergegebenen Rekonstruktionen antiker Erdkarten miteinander im Hinblick darauf, was sich an Modellunterschieden über die Erdgestalt und an konkreten geographischen Wissensdifferenzen feststellen läßt.


Typen des Wissenszuwachses in der Antike.

a) Zuwachs in mündlichen Wissenstraditionen aller antiken Lebenbereiche.

b) Schritlich-traditionsvermittelter Erfahrungszuwachs insbesondere religiösen, kosmologischen, naturkundlichen, geschichtlichen, ethnischen, politischen, rechtlichen, geisteskulturellen und alltagskulturellen Wissens.

c) Die planmäßige Steigerung praktischen, i. w. S. technischen und künstlerischen Erfahrungswissens.

e) Praxis- und technikbezogene schriftliche Wissenssammlungen und Archivbildungen.

f) Systematisch-wissenschaftliche Theorie-, Begriffs- und Fachgebietsbildungen.

g) Empirisch-wissenschaftliche Experimente und Autopsien zur systematischen Wissenssteigerung.

h) Erfindungen, Entdeckungen und erkenntnisbezogene Paradigmenwechsel.

Historische Momente antiken Wissenszuwachses.

a) Naturbearbeitung und -beherrschung. Seit der Jungsteinzeit, insbesondere aber seit der Entstehung der antiken Hochkulturen gibt es einen weithin durch den Bedarf größerer Populationen bedingten, sich zirkulär verstärkenden und im Wege der Kulturdiffusion oft weit verbreitenden Zuwachs empirischen und technischen Wissens im Umgang mit den Kräften und Stoffen der Natur (Beispiele: Nutztier- und Pflanzenzucht; Eisengewinn und -verarbeitung; Schiffbau).

b) Handel, Verkehr und Krieg. Die in der Antike ständig fortschreitende Überschreitung regionaler Grenzen ethnischer und kultureller Räume durch Handel, Verkehr oder Kriegführung pflegt zu einer Steigerung geographischen, ethnographischen und naturkundlichen Wissens auf allen beteiligten Seiten zu führen (Beispiel: die geographischen und ethnographischen Erkenntnisgewinne des 'Alexanderzuges' im Hinblick auf Indien).

c) Produktion, Handwerk und Gewerbe. Die markt- und gewinnorientierte Wirtschaftstätigkeit ist auch im Rahmen antik-traditioneller Wirtschaftsweisen nicht selten ein Motor für empirischen und technischen Erkenntnisgewinn (Beispiel: Entdeckung von Rohstoffquellen, Architektur und Städtebau, Fahrzeug- und Gerätebau, Veredelungstechniken).

e) Herrschaft und Politik, Verwaltung und Recht. Die politische, administrative und rechtliche Organisation von Herrschaftsräumen und Gemeinwesen bildet die dafür nötigen speziellen Gebiete praxisbezogenen Wissens aus (Beispiel: das spezielle Wissen von Militärs, Finanzbeamten, Rhetoren oder Juristen).

f) Menschenführung, Erziehung, Bildung, Medizin. Die mit der Erziehung und Bildung, mit Menschenführung und sittlicher Ordnung, mit geistigem Wohl und körperlicher Gesundheit zusammenhängenden Bedürfnisse und Notwendigkeiten führen zu einer Vielzahl sich stark differenzierender Wissensgebiete (Beispiel: Rhetorik, Ethik, Medizin)

g) Rationalisierung und Adaptation von Erklärungsmodellen unter neuen Erkenntnisperspektiven. Die Ansammlung des Erfahrungswissens, die Entstehung neuer Erkenntnisperspektiven aus gesellschaftlichen Veränderungen, der Vergleich miteinander konfrontierter unterschiedlicher Kulturen und Traditionen kann zur Umstellung traditioneller Deutungsmuster in Richtung auf umfassendere oder besser objektivierbare Erklärungsmodelle (Beispiel: Ersetzung mythischer Kosmogonien durch naturphilosophische Erklärungen des Kosmos) oder auch zu antik.wissenschaftlichen Paradigmenwechseln (Beispiel: die Etablierung des geozentrischen Modells) führen.

h) Verschriftlichung, Sammlung, Systematisierung, Verwissenschaftlichung des Wissens. Ein erheblicher Teil antiken Wissensfortschritts ist bedingt durch eine wissensinterne Dynamik welche sich auf der Basis antiker Schriftkulturen durch spezialisierte Wissenssammlung, -systematisierung und Erkenntnismethodik ergibt (Beispiel: Historiographie, philosophische Metaphysik, Mathematik in der Antike)

2) Themenbeispiele für antiken Wissenszuwachs.

a) Zum Erkenntisfortschritt in Geographie und Astronomie.

Erdkartenrekonstruktionen

nach Unger u. a. wiss. Autoren, zum Zwecke ausschließlich wissenschaftlichen Zitats entnommen aus: Großer historischer Weltatlag, hg. vom Bayrischen Schulbuchverlag , I. Teil (Vorgeschichte und Altertum), bearbeitetvon H. Bengtson und zahlreichen anderen Wissenschaftlern, München 1972 5, S. 12 f.

b) Zu physikalischen und mathematischen Entdeckungen und Beweisgebäuden..

Wissenschaftliche Grundlagen der Geometrie und Arithmetik. Euklid, Elementa. Aus Buch 1 und 7: Beispiele für Definitionen, Postulate, Axiome, Konstruktionsaufgaben und Beweise.

Deutsche Übersetzung: Euklid, Die Elemente, Buch I - XIII. Hg. und ins Deutsche übersetzt von Clamens Thaer, (1883 - 1888, 1933 - 1937) ND Darmstadt 1962 2, S. 1 - 4, 32, 141 - 144.

c) Zu technischen Entdeckungen

Zur Technik der Glasfärbung in der Antike.

Entnommen aus: Josef Riederer, Archäologie und Chemie - Einblicke in die Vergangenheit, (SMPK/Rathgen- Forschungslabor) Berlin 1987, S. 169.

d) Zusammenfassungen technischen Wissens.

Vitruv, Zehn Bücher über Architektur. Inhaltsverzeichnis.

Dt. Übersetzung entnommen aus: Vitruv, Zehn Bücher über Architektur. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von C. Fensterbusch, Darmstadt 1976, S. VII - XI.

e) Zum Erkenntnisgewinn durch systematische Untersuchungen.

Grundbegriffe des Denkens: Aristoteles, Kategorien 1, 1 - 5.

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Kategorien. Lehre vom Satz (Organion I / II), übersetzt, mit einerEinleitung und erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes, (1925 2), ND Hamburg 1974, S. 43 - 52.


Exaktes Schlußfolgern: Aristoteles, Lehre vom Schluß (Organon III), 1, 1 - 4.

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Lehre vom Schluuß oder Erste Anqalytik (Organon III), übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes, (1921), ND Hamburg 1975, S. 1 - 9.


Deutsche Übersetzung nach : Aristoteles, Topik (Organaon V). Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes, (1922 2) ND Hamburg 1968, S. 1 - 8. Geringfügige Modifikationen des Ausdrucks und kursive Hervorhebungen vom Hg.

3) Literatur, Medien, Quellen.

L.

Heinz-Guenther Nesselrath (Hg.), Einleitung in die griechische Philologie, Stuttgart, Leipzig 1997.

Fritz Graf (Hg.), Einleitung in die lateinische Philologie, Stuttgart und Leipzig 1997.

F. Jürss u. a. , Geschichte des wissenschaftlichen Denkens im Altertum, Berlin 1982.

Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie mit Quellentexten Bd. I: Altertum. Neu herausgegeben von Herbert Schnädelbach unter Mitarbeit von Anke Thyen. Durchgesehen und mit einem Nachwort versehen von Maximilian Forschner, (Ersterscheinung der von E. Metzke, H. Knittermeyerm, E. Grassi und E. Kessler besorgten Ausgabe1963) Hamburg 1990.

E. Rolfes, Die Philosophie des Aristoteles als Naturerklärung und Weltanschauung, Leipzig 1923.

G. Patzig, Theologie und Ontologie in der Metaphysik des Aristoteles, Kant-Studien 52 (1960), S. 185 - 205.

Richard Hönigswald, Geschichte der Erkenntnistheorie, Darmstadt1976.

Herbert Schnädelbach, Erkenntnistheorie zur Einführung, Hamburg 2002.

N. Hartmann, Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, 1949 4.

O. Neugebauer, The Exact Scienes in Antiquity, Providence 1957 2.

Arpad Szabo, Das geozentrische Weltbild. Astronomie, Geographie und Mathematik der Griechen, München 1992.

Hugo Berger, Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen, Leipzig 1903 2.

Sam Sambursky, Das physikalische Weltbild der Antike, Zürich 1965.

O. Becker, Das mathematische Denken in der Antike, Göttingen 1966 3.

Helmuth Gericke, Mathematik in Antike, Orient und Abendland, (1984) Wiesbaden 2003 6.

Klaus E. Müller, Geschichte der antiken Ethnologie, Reinbek 1997.

J. Kromeyer, G. Veith, Heerwesen und Kriegführung der Griechen und Römer, HdA 4, 3, 2, zwei Teile, München 1928.

J. G. Landels, Die Technik in der antiken Welt, München 1983 3.

Josef Riederer, Archäologie und Chemie - Einblicke in die Vergangenheit, (SMPK/Rathgen- Forschungslabor) Berlin 1987.

W. Müller, G. Vogel, dtv-Atlas zur Baukunst, 2 Bde., München 1983 5, Bd.1: Allg. Teil und Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz.

M. I. Finley, Die antike Wirtschaft, München 1977.

Dieter Flach, Römische Agrargeschichte, Handbuch der Altertumswissenschaft III, 9, München 1990.

H. I. Marrou, Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum, hg. von R. Harder, Freiburg, München 1957.

H. Flashar (Hg.), Antike Medizin, Darmstadt 1971.

Josef Martin, Antike Rhetorik, Technik und Methode, München 1974.

R. Volkmann, Die Rhetorik der Griechen und Römer in systematischer Übersicht, ND Hildesheim 1965.

G. Dulckeit, F. Schwarz, W. Waldstein, Römische Rechtsgeschichte, Köln 1995 9.

M.

Großer historischer Weltatlag, hg. vom Bayrischen Schulbuchverlag , I. Teil (Vorgeschichte und Altertum), bearbeitetvon H. Bengtson und zahlreichen anderen Wissenschaftlern, München 1972 5, S. 12 f. (Erdkartenrekonstruktionen nach Unger u. a. wiss. Autoren).

Josef Riederer, Archäologie und Chemie - Einblicke in die Vergangenheit, (SMPK/Rathgen- Forschungslabor) Berlin 1987, S. 169 (Übersicht über archäologisch festgestellte und chemisch analysierte Glasfärbetechniken der Antike).

Q.

Aristoteles, Kategorien 1, 1 - 5. Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Kategorien. Lehre vom Satz (Organion I / II), übersetzt, mit einerEinleitung und erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes, (1925 2), ND Hamburg 1974, S. 43 - 52.

Aristoteles, Lehre vom Schluß (Organon III), 1, 1 - 4. Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Lehre vom Schluuß oder Erste Anqalytik (Organon III), übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes, (1921), ND Hamburg 1975, S. 1 - 9.

Schlußfolgern aus Wahrscheinlichem. Aristoteles, Topik 1, 1 - 5. Deutsche Übersetzung nach : Aristoteles, Topik (Organaon V). Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes, (1922 2) ND Hamburg 1968, S. 1 - 8. Geringfügige Modifikationen des Ausdrucks und kursive Hervorhebungen vom Hg.

Euklid, Die Elemente, Buch I - XIII. Hg. und ins Deutsche übersetzt von Clamens Thaer, (1883 - 1888, 1933 - 1937) ND Darmstadt 1962 2, S. 1 - 4, 32, 141 - 144 (Aus Buch 1 und 7 entnommene Beispiele für Definitionen, Postulate, Axiome, Konstruktionsaufgaben und Beweise).

Vitruv, Zehn Bücher über Architektur. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von C. Fensterbusch, Darmstadt 1976, S. VII - XI (Inhaltsverzeichnis).


LV Gizewski SS 2003

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de