Kap. 4: Wissenschaft und Bildung in der Antike.

ÜBERSICHT.

1) Übersicht über Typen antiker Bildung und ihre antik-wissenschaftlichen Momente.

2) Der Beitrag der Wissenschaften zu den philosophisch-religiösen Ideensystemen in der Antike.

a) Pythagorismus.

b) Platonismus.

c) Stoa.

d) Christentum.

3) Der Beitrag der Wissenschaften zu den 'humaniora' (geistige 'Bestimmung' und 'Verfeinerung' menschlichen 'Wesens') in geisteskulturellen Kernbereichen der Bildung, Sprache und Kunst (''enkyklios paideia', 'artes liberales'). Elemente eines 'Bildungskanons' in der Antike.

a) 'Theoretische' und 'praktische' Philosophie.

b) Sprachwissenschaften und Literatur.

c) Rhetorik.

d) Mathematik.

e) Astronomie.

f) Musik.

4) Der Beitrag der Wissenschaften zu ideellen Formen ständischer oder politischer Selbstdefinition und -darstellung.

a) Herrschaftswissen.

b) Prestigewissen.

5) Themenbeispiele zu 2) - 4).

a) Die religiös-philosophische Maxime 'Erkenne dich selbst'.

b) Literarische und rhetorische Bildung.

c) Die 'arcana imperii'.

d) Spätantike Bildungsstandards höherer Schichten.

6) Literatur, Medien, Quellen.

1) Übersicht über Typen antiker Bildung und ihre antik-wissenschaftlichen Momente.

ÜBUNG 4

Aufgaben:

Untersuchen Sie die unten zu 4, wiedergebenen Auszüge aus Quintilians 'Institutio oratoria' daraufhin

a) welcher Art von Bildung Quintilian sich in seinem Werk verbunden fühlt,

b) welches Wissen und welche anderen Fähigkeiten, Begabungen und Leistungen er von einem Redner erwartet,

c) welches geistige - also etwa künstlerische, philosophische, historische usw. - Profil der von ihm empfohlene Lektüre-Kanon hat. Was findet Ihres Erachtens innerhalb dieses Kanons keine ausreichende B erücksichtigung?

Begriff, Typen und Wissenschaftsbezug antiker Bildung.

Begriff:

Unter antiker Bildung sei hier verstanden ein in kollektives, zumeist gruppen- oder schichtenspezifisches, oder ein persönlich-individuelles Streben nach typischen Formen einer 'Vervollkommnung' menschlicher Persönlichkeit ('humaniora' gegenüber dem 'humanum'). Es geht also nicht primär um eine 'äußere' Gestaltung der Welt durch ihre Gestaltung und Beeinflussung, sondern um charakteritische 'innengeleitete' Prägeprozesse. 'Perfektion' in diesem Sinne kann sich ausrichten an vorgegebenen Idealen religiösen Verhaltens und Denkens, sittlicher Qualitäten, ästhetischer Wahrnehmung, der Erkenntnis und des Wissens oder politischer Verantwortung und Einsatzbereitschaft.

Typen:

1. Religiöse Bildung. Das Perfektionsstreben gilt typischerweise primär der Ausprägung der Frömmigkeit, der gottbezogenen Sittlichkeit, der erkenntnismäßigen und kultischen Nähe zu göttlichem Willen und Wesen (Beispiel: das jüdische oder christliche Ideal derFrömmigkeit und Glaubensstärke).

2. Musische und philosophische Bildung. Das Perfektionsstreben richtet sich typischerweise primär auf eine möglichst vielseitig angelegte (enyklopädische) Meisterschaft in theoretisch- und praktisch-philosophischen und ihnen affine Disziplinen, in literarischen, rhetorischen und sonst kunstbezogenen Kenntnissen, Urteils- und Handlungsfähigkeiten und in einer ausgebildeten Sprachfähigkeit, ggf. auch Polyglossie (z. B. Beherrschung des Lateinischen und Griechischen).

3. Poltische Bildung. Die Vervollkommnung wird typischerweise primär in politischem Engagement gegenüber einem Gemeinwesen, in Loyalität zu staatstragenden Institutionen und Gruppen, in politischer Einsatzbereitschaft und entsprechendem Ehrgeiz, in einer Abhebung von politisch uninterssierten und nicht handlungsfähigen Bevölkerungsgruppen und in einem ausgeprägten Wissen über Geschichte, Wesen und Ordnung des Gemeinwesens gesucht (Beispiel: senatorisches Standesbewußtsein in Rom).

Wissenschaftsbezug der Bildungstypen:

Zu dem den Typen antiken Bildungsstrebens innewohnenden Perfektionsstreben gehört in aller Regel auch das Streben nach gesteigertem, dem Bildungsziel gerechtwerdenden Wissen und methodisch optimierter Erkenntnis.

Der religiöse Bildungstypus verbindet sich etwa mit der Kenntnis und Kommentierung heiliger Schriften, differenzierten Regelwerken kultischer Praxis und Systemen geistiger Erhebung oder Versenkung (Beispiel: die christliche Theologie).

Der musisch-philosophische Bildungstypus ist in starkem Maße literaturbasiert und schließt bestimmte Wissensbereiche ausdrücklich ein (Beispiel: die griechisch-römischen Vorstellungen von den neun Musenkünsten oder von einer 'enkyklios paideia').

Der Typus politischer Bildung setzt an Wissen ein besonderes Interesse an der Geschichte des Staates, seiner tragenden Schichten und prägenden Persönlichkeiten, an kulturellen und ethnischer Traditionen, an rechtlichen Ordnungen und Veränderungen des Gemeinwesens, an wirtschaftlichen, sozialen, geographischen oder militärischen Gegebenheiten voraus, die für politisches Handeln besondere Bedeutung zu haben pflegen.

2) Der Beitrag der Wissenschaften zu den philosophisch-religiösen Ideensystemen in der Antike.

a) Pythagorismus.

b) Platonismus.

c) Stoa.

d) Christentum.

3) Der Beitrag der Wissenschaften zu den 'humaniora' (geistige 'Bestimmung' und 'Verfeinerung' menschlichen 'Wesens') in geisteskulturellen Kernbereichen der Bildung, Sprache und Kunst (''enkyklios paideia', 'artes liberales'). Elemente eines 'Bildungskanons' in der Antike.

a) 'Theoretische' und 'praktische' Philosophie.

b) Sprachwissenschaften und Literatur.

c) Rhetorik.

d) Mathematik.

e) Astronomie.

f) Musik.

4) Der Beitrag der Wissenschaften zu ideellen Formen ständischer oder politischer Selbstdefinition und -darstellung.

a) Herrschaftswissen.

b) Prestigewissen.

5) Themenbeispiele zu 2) - 4).

a) Die Bildung philosophischer Schulen in der griechisch-römischen Antike.

Schulbildungen in der Nachfolge des Sokrates.

Schema entnommen aus: dtv-Lexikon der Antike (von der dtv-LexikonRedaktion umgearbeitete Lizenzausgabe des 'Lexikons der Alten Welt', Zürich, Stuttgart 1979 2, Abt. Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Bd. 3, S. 317.

b) Politische und historische Bildung am Ende der römischen Republik.

Politischer Geist und historische Bildung. Sallust, De coniuratione Catilinae 1 - 6.

Deutsche Übersetzung: Sallust, Die Verschwörung des Catilina. Lateinisch und Deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Essay 'Zum Verständnis des Werkes' sowie einer Biographie hg. von Josef Lindauer.

c) Literarisch-rhetorische Bildung im Rom des 1. Jh. n. Chr.

Rhetorische Bildung und Wissenschaft: Quintilian. Institutio oratoria, Buch 1, proem. 6 - 27 und Buch 10, 1, 37 - 10, 2, 1.

Dt. Übersetzung nach: Quintilian, Über Pädagogik und Rhetorik. Eine Auswahl aus der 'Institutio oratoria. Übertragen, eingeleitet und erläutert von Marion Giebel, München 1974, S.40 - 44 und 122 - 145.

d) Spätantike Standards religiöser und weltlicher Bildung.

Übersicht über Cassiodors 'Insitutiones'.

Zusammenstellung aus: Magni Aurelii Cassiodori Senatoris opera omnia, II tomi, ed. J. Garetius, accuracit J. P. Migne, Patrologiae tomus 70, Sp. 1106 - 1220, Turnhout (Belgien), ND 1962. - Bearbeitet von C. Gizewski.

6) Literatur, Medien, Quellen.

L

Heinz-Guenther Nesselrath (Hg.), Einleitung in die griechische Philologie, Stuttgart, Leipzig 1997.

Fritz Graf (Hg.), Einleitung in die lateinische Philologie, Stuttgart und Leipzig 1997.

W. Schmid, O. Stählin, Geschichte der griechischen Literatur, Handbuch der Altertumswissenschaft VII. Abt., 1. Teil (Die klassische Periode der griechischen Literatur), Bde.1 - 5, (1929 - 1934) ND München 1946 - 1959.

W. v. Christ, O. Stählin, W. Schmid, Geschichte der griechischen Literatur, Handbuch der Altertumswissenschaft VII. Abteilung, 2. Teil (Die nachklassische Periode der griechischen (1914 - 1935) ND München 1966 - 1971.

Martin Schanz, Carl Hosius, Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Handbuch der Altertumswissenschaft, VIII. Abt., 4 Teile, (1920 - 1927), ND München 1966 - 1971.

J. Christes, Bildung und Gesellschaft. Die Einschätzung der Bildung und ihrer Vermittler in der grieschisch-römischen Antike, Darmstadt 1975.

H. I. Marrou, Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum, hg. von R. Harder, Freiburg, München 1957.

Josef Martin, Antike Rhetorik, Technik und Methode, München 1974.

R. Volkmann, Die Rhetorik der Griechen und Römer in systematischer Übersicht, ND Hildesheim 1965.

G. Dulckeit, F. Schwarz, W. Waldstein, Römische Rechtsgeschichte, Köln 1995 9.

Michael Grant, Klassiker der antiken Geschichtsschreibung, deutsche Übersetzung von Lotte Stylow, (1970) München 1981.

Friedrich Klingner, Römische Geschichtsschreibung, in: ders. Römische Geisteswelt, München 1965 5., S. 66 - - 89.

Klaus Meister, Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus, Stuttgart u.a. O. 1990.

Carl Schneider, Geistesgeschichte der christlichen Antike, [aufgrund der ausführlichen, mit Apparat versehenen zweibändigen HdAW-Ausgabe 'Geistesgeschichte des antiken Christentums' gekürzte Sonderausgabe], München 1970 S. 428 ff.

Adolf Harnack, Dogmengeschichte, Freiburg i. B 1898 3.

M

dtv-Lexikon der Antike (von der dtv-LexikonRedaktion umgearbeitete Lizenzausgabe des 'Lexikons der Alten Welt', Zürich, Stuttgart 1979 2, Abt. Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Bd. 3, S. 317 (Schema 'Die sokratsichen Schulen).

Q

Sallust, Die Verschwörung des Catilina. Lateinisch und Deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Essay 'Zum Verständnis des Werkes' sowie einer Biographie hg. von Josef Lindauer.

Quintilian, Über Pädagogik und Rhetorik. Eine Auswahl aus der 'Institutio oratoria. Übertragen, eingeleitet und erläutert von Marion Giebel, München 1974, S.40 - 44 und 122 - 145.

Magni Aurelii Cassiodori Senatoris opera omnia, II tomi, ed. J. Garetius, accuracit J. P. Migne, Patrologiae tomus 70, Sp. 1106 - 1220, Turnhout (Belgien), ND 1962. - Inhaltsübersicht, bearbeitet von C. Gizewski.


LV Gizewski SS 2003

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de