Zum Wesen der Wissenschaft und zu ihrer Entstehung: Aristoteles, Metapysik, Buch 1, Kap. 1 und 2.

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Metaphysik. Schriften zur Ersten Philosophie. Übersetzt und herausgegeben von Franz. F. Schwarz, Stuttgart 1974, S. 17 - 23. - Der primär an Wortgenauigkeit orientierte Schwarzsche Text wurde im Interesse der inhaltlichen Verständlichkeit an mehreren Stellen modifiziert und gegliedert. C. G.


Kap. 1 [Sinneswahrnehmung, Erfahrung, Kunst, Wissen, Weisheit]

[21] Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen. Denn abgesehen vom Nutzen werden diese um ihrer selbst willen geliebt, und von allen besonders die Sinneswahrnehmung, die durch die Augen zustande kommt. Denn nicht nur, um zu handeln, sondern auch, wenn wir keine Handlung vorhaben, geben wir dem Sehen sozusagen [25] vor allem anderen den Vorzug. Das ist darin begründet, daß dieser Sinn uns am meisten befähigt zu erkennen und uns viele Unterschiede klarmacht. Die Lebewesen verfügen zwar von Natur aus über Sinneswahrnehmung: doch nur bei einem Teil von ihnen entsteht daraus Erinnerung, bei dem anderen nicht. Daher sind jene verständiger und gelehrigen als diese, die sich nicht erinnern können. Verständig ohne zu lernen sind diejenigen, die keine Töne hören können; so etwa die Biene und andere derartige Lebewesen; [25] das Lernen ist aber all denen gegeben, die neben der Erinnerung noch über diesen Sinn [scil. ein Gehör] verfügen. So leben die übrigen Lebewesen mit Vorstellungen und Erinnerungen, haben aber an Erfahrung nur geringen Anteil.

Doch das Menschengeschlecht lebt mit Kunst und Nachdenken. Es entsteht aber den Menschen aus der Erinnerung die Erfahrung; denn viele Erinnerungen an ein und denselben Sachverhalt bewirken das Vermögen einer Erfahrung. Und es scheint die Erfahrung nahezu etwas Ahnliches wie Wissenschaft und Kunst zu sein. Wissenschaft und Kunst aber ergeben sich für die Menschen durch Erfahrung. "Erfahrung nämlich bewirkte die Kunst", wie Polos sagt, "Unerfahrenheit hingegen den Zufall". [5] Und Kunstfertigkeit entsteht dann, wenn sich aufgrund von vielen Beobachtungen der Erfahrung eine allgemeine Auffassung von ähnlichen Sachverhalten entwickelt. Denn die Auffassung zu vertreten, daß dem Kallias, als er an der und der Krankheit litt, das und jenes geholfen hat, ebenfalls dem Sokrates und jeweils noch vielen, das ist Sache der Erfahrung. Daß aber all denen von einer bestimmten Beschaffenheit - wobei man sie nach einer Art abgrenzt; [10] denen etwa, die an Verschleimungen, an der Galle oder an Fieber erkrankten -, etwas Bestimmtes zu helfen pflegt, ist Sache der kenntnisreichen Kunstfertigkeit [griech. techne]. Was das Handeln betrifft, so scheint sich die Erfahrung zwar nicht von der Kunstfertigkeit zu unterscheiden. Vielmehr beobachten wir, daß die Erfahrenen eher das Richtige treffen als diejenigen, die ohne Erfahrung sind und nur über den Begriff verfügen. [15] Ursache dafür ist, daß die Erfahrung ein Erkennen der Einzelfälle darstellt, die Kunstfertigkeit aber ein Erkennen des Allgemeinen, daß sich jedoch alle Handlungen und alle Entstehungen um ein Einzelnes drehen. Denn es heilt der Arzt ja nicht den Menschen allgemein, sondern nur den Menschen im akzidentellen Sinne, also den Kallias, den Sokrates oder irgendeinen anderen konkreten Namensträger, für den es ein Akzidens bedeutet, ein Mensch zu sein. [20] Sollte nun jemand über den Begriff verfügen ohne Erfahrung und das Allgemeine kennen, aber über das darin enthaltene Einzelne in Unkenntnis sein, so wird er oft die richtige Heilung verfehlen; heilen muß man nämlich den Einzelfall.

Trotzdem meinen wir, daß das begreifende Wissen mehr als eine Sache der Kunstfertigkeit [25] anzusehen ist als die bloße Erfahrung, und halten diejenigen, die eine Kunstfertigkeit beherrschen, für weiser als die [scil. bloß] Erfahrenen, weil [scil bei ihnen] die Weisheit gewissermaßen aus einem höhergradigen Wissen hervorgeht. Das ist deshalb so, weil die einen die Ursache kennen, die anderen aber nicht. Die Erfahrenen wissen zwar das 'Daß', doch das 'Weshalb' kennen sie nicht. Jene hingegen kennen das 'Weshalb', d. h. die Ursache. [30] Daher schätzen wir auch diejenigen, deren Kenntnisse sie zur Anleitung anderer [scil. an sich geschickter und erfahrener Menschen] befähigen, in jeder Hinsicht höher ein [scil. als die bloß Erfahrenen] und glauben, daß sie mehr wissen und weiser sind als diejenigen, die [scil. etwa] bloß ein Handwerk ausüben; denn sie [diejenigen, die eine Kunst beherrschen], kennen die Ursachen dafpr, warum etwas so wird, wie es wird. Die Handwerker dagegen gleichen manchen unbelebten Dingen, die zwar etwas hervorbringen, aber nicht wissen, was sie hervorbringen, wie etwa das Feuer mit seinen Brandwirkungen. Wie nun die unbelebten Dinge wegen ihrer bestimmten Natur [scil. nichts weiter als unbeeabsichtigte] konkrete Folgen hervorbringen, so die Handwerker infolge ihres gewohnheitsmäßigen Verhaltens. Wir glauben also, daß die [scil. kunstfertigen] Menschen nicht im Hinblick auf ihre Fähigkeit zum Handeln weiser sind, [5] sondern weil sie über den Begriff verfügen und die Ursachen kennen.

Das [scil. sich daraus ergebende] Vermögen zu lehren ist überhaupt ein Zeichen des Wissenden gegenüber dem Nicht-Wissenden. Auch deshalb meinen wir, daß die Kunstfertigkeit in einem höheren Sinne Wissenschaft sei als die [scil. bloße] Erfahrung. Denn die Kunstfertigen vermögen zu lehren, die [scil. bloß] Erfahrenen aber nicht.

Weiter meinen wir, daß keine von den Sinneswahrnehmungen [scil. für sich genommen schon] eine Weisheit sei, [10] obgleich diese hauptsächlich die Kenntnisse der Einzelfälle liefern. Doch sie sagen nichts über das 'Weshalb' eines Dinges aus, zum Beispiel nicht, weshalb das Feuer warm ist, sondern lediglich, daß es warm ist. Derjenige, der zuerst eine Kunst erfand, die die allgemeinen Sinneswahrnehmungen überstieg, gerade deshalb von den Menschen bewundert, [15] und zwar nicht nur, weil sich an seiner Erfindung etwas Nützliches fand, sondern weil er [scil. in seinem Denkvermögen] weise war und sich [scil. insoweit] von den anderen unterschied.

Und weiter: wenn verschiedene Arten von Kunstfertigkeiten entstehen, die einen etwa für die unumgänglichen Notwendigkeiten des Lebens, die anderen aber für eine gehobenere Lebensführung, so halten wir die letzteren gerade deshalb, weil ihr Wissen nicht auf den Nutzen abzielt, [20] für weiser als die ersteren. Erst als bereits alle derartigen Kunstfertigkeiten entwickelt waren, entdeckte man die Wissenschaften, die sich nicht allein auf die Lust und die Lebensnotwendigkeiten bezogen, und das erstmals auf solchen Gebieten, auf denen man sich Muße leisten konnte. Daher entstanden die mathematischen Wissenschaften etwa in Agypten; denn dort gestattete man dem Priesterstand, Muße zu pflegen.

[25] In der [scil. aristotelischen Schrift über die] Ethik ist gesagt worden, welcher Unterschied zwischen Kunstferigkeit und, Wissenschaft und anderem Gleichartigen besteht. Daß wir an dieser Stelle darüber reden, hat seinen Grund darin, daß man allgemein der [scil. hier erörterungsbedürftigen] Ansicht ist, die sogenannte Weisheit drehe sich um die ersten Ursachen und Prinzipien. Deshalb gilt - wie vorhin dargelegt - der Erfahrene für weiser [30] als der, der lediglich über eine Sinneswahrnehmung verfügt, der Kunstfertige für weiser als der bloß Erfahrene, der leitende Kunst-Verständige für weiser als der Handwerker, und schließlich gelten die betrachtenden Wissenschaften mehr als die [scil. bloß] bewirkenden. Es ist also klar, daß die Weisheit eine Wissenschaft von gewissen Prinzipien und Ursachen ist.

Kap. 2. [Die Merkmale der Weisheit]

Da wir die Wissenschaft in diesem Sinne [scil. zu bestimmen] suchen, [5] ist zu überlegen, mit welchen Ursachen und Prinzipien sich ein Wissen befaßt, das [scil. zugleich] Weisheit ist. Größere Klarheit wird man darüber gewinnen, wenn man die Auffassungen, die wir über den Weisen haben, zusammenstellt.

Zuerst nehmen wir einmal an, daß ein Weiser - soweit das möglich ist - alles wisse, ohne über die Wissenschaft vom Einzelnen zu verfügen.

[10] Weiter glauben wir, daß der ein Weiser ist, der imstande ist, schwierige Dinge zu erkennen, Dinge, die der Mensch nicht leicht erkennt. Denn Sinneswahrnehmung ist allen gemeinsam, deshalb auch leicht und keinesfalls Zeichen eines Weisen. Ferner halten wir den in jeder Wissenschaft für weiser, der genauer ist und der besser die Ursachen zu lehren versteht.

Und wir sind der Meinung, daß die Wissenschaft, [15] die um ihrer selbst willen und des Wissens wegen erstrebt wird, eher Weisheit sei als die, die ihrer Resultate wegen gewählt wird. Die beherrschendere Wissenschaft ist eher Weisheit als die untergeordnete. Denn man soll nicht dem Weisen Anordnungen erteilen, sondern er selbst soll anordnen; nicht er soll einem anderen gehorchen, sondern der weniger Weise ihm.

Dergestalt sind die Auffassungen, und so viele gibt es, [20] die wir über die Weisheit und die Weisen hegen. Notwendigerweise trifft darunter das Merkmal, alles zu wissen, auf den zu, der am meisten über die Wissenschaft vom Allgemeinen verfügt; denn dieser kennt gewissermaßen alles, was dem Allgemeinen untergeordnet ist. Doch gerade dies, das Allgemeinste, ist für die Menschen am schwierigsten zu erkennen; ist doch der Abstand zu den Sinneswahrnehmungen am weitesten. [25] Die genauesten Wissenschaften aber sind die, welche sich am meisten auf das Erste beziehen; die nämlich, welche sich auf weniger Prinzipien beziehen, sind genauer als die, welche noch Zusätze beinhalten: so ist die Arithmetik genauer als die Geometrie. Die Wissenschaft aber, die die Ursachen betrachtet, ist in höherem Maße zur Belehrung befähigt. Denn es belehren die, welche die Ursachen jeder Sache angeben.

[30] Doch Wissen und Verstehen um ihrer selbst willen trifft am meisten bei der Wissenschaft des im höchsten Grade Wißbaren zu. Denn wer das Verstehen um seiner selbst willen wählt, wird am meisten die höchste Wissenschaft wählen - das ist aber die Wissenschaft des im höchsten Grade Wißbaren. Und im höchsten Grade wißbar sind das Erste und die Ursachen; denn gerade durch diese und aus diesen wird das andere erkennbar, nicht aber diese aus dem Untergeordneten. Das Wissen aber, das erkennt, weswegen das Einzelne getan werden muß, ist gerade deshalb von größtem Gewicht und steht höher als anderes nachrangiges. [5] Dies [scil. 'das Erste und die Ursachen'] ist in jedem Einzelnen das Gute und überhaupt das Beste in der gesamten Natur.

Aufgrund all dessen, das nun erörtert worden ist, fällt die gesuchte begriffliche Bestimmung auf ein und dieselbe Gattung des Wissens. Es ist diejenige, die die ersten Prinzipien und Ursachen betrachtet,, [10] da doch auch das Gute und das 'Weswegen' zu den Ursachen gehört.

Daß es sich aber dabei nicht um eine bewirkende Wissenschaft handelt, ergibt sich aus den Lehren der frühesten Philosophen. Danach haben nämlich die Menschen, weil sie sich wunderten, zu philosophieren begonnen, wie sie es heute noch tun. Sie wunderten sich anfangs über das Unerklärliche, das ihnen entgegentrat. Allmählich machten sie auf diese Weise Fortschritte und stellten sich über Größeres Fragen, [15] etwa über die verschiedenen Zustände des Mondes und die von Sonne und Sternen und über die Entstehung des Alls. Der jedoch, der voller Fragen ist und sich wundert, vermeint, in Unkenntnis zu sein. So ist auch ein Liebhaber von Mythen in gewisser Hinsicht ein Philosoph, setzt sich doch ein Mythos aus Wunderbarem zusammen. Philosophierte man also, um der Unwissenheit zu entkommen, so suchte man offenbar das Verstehen, [20] um zu wissen, keineswegs aber um eines Nutzens willen.

Das beweist auch der Gang der Dinge; denn erst, als alle Lebensnotwendigkeiten vorhanden waren und alles, was der Erleichterung und einem gehobenen Leben dient, begann man eine derartige Einsicht zu suchen. Es ist klar, daß wir diese nicht um eines anderen Nutzens willen suchen; [25] sondern, wie unserer Meinung nach der ein freier Mensch ist, der um seiner selbst und nicht um eines anderen willen lebt, so ist auch diese Wissenschaft als einzige von allen frei; ist sie doch allein um ihrer selbst willen da. Daher könnte man mit Recht annehmen, ihr Besitz gehe über menschliche Kraft hinaus. Vielfach nämlich ist die Natur des Menschen gebunden, so daß, wie Simonides sagt:

[30] "Gott allein wohl dieses Vorrecht genießt",

daß es aber des Menschen unwürdig sei, nicht nach der ihm zukommenden Wissenschaft zu suchen. Sollte aber an dem, was die Dichter behaupten, doch etwas sein und sind die Götter neidisch, so müßte das hier besonders zutreffen und alle, die in dieser Wissenschaft hervorragten, müßten unglücklich sein. Doch die Gottheit kann nicht neidisch sein , lautet doch das Sprichwort:

"Vieles lügen die Sänger";

und keine andere Wissenschaft ist höher einzuschätzen als diese. [5] Die göttlichste Wissenschaft nämlich ist auch die ehrbarste, und in zweifacher Hinsicht ist sie es: die Wissenschaft nämlich, die die Gottheit am meisten besitzen dürfte, ist eine göttliche Wissenschaft, aber auch die, die vom Göttlichen handelt. Und diese allein umfaßt beides. Denn Gott gilt allen als eine Ursache und ein Prinzip, und Gott besitzt wohl diese Wissenschaft allein oder doch am meisten. Freilich sind alle anderen Wissenschaften notwendiger als diese, [10] aber keine ist besser. In gewisser Hinsicht allerdings muß ihr Besitz gegenüber den anfänglichen Untersuchungen für uns ins Gegenteil umschlagen. Alle nämlich beginnen, wie gesagt, mit der Verwunderung, daß die Dinge so sind, wie sie sind, wie etwa angesichts sich selbst bewegender Marionetten, der Sonnenwende [15] oder der Inkommensurabilität der Diagonale; denn es scheint allen verwunderlich, die noch nicht die Ursache betrachtet haben, daß es etwas gibt, das nicht mit dem kleinsten Maß gemessen werden kann. Doch es muß sich nach dem Sprichwort zum Gegenteil und zum besseren Ende umkehren, auch in diesem Fall, wenn man die Ursache zu verstehen gelernt hat. Über nichts geriete nämlich ein Geometer mehr in Erstaunen, als wenn die Diagonale kommensurabel wäre.

[20] Somit ist gesagt, welches die Natur der hier begrifflich zu bestimmenden Wissenschaft ist und was das Ziel ist, das die [scil. vorliegende] Untersuchung und ihr gesamtes Verfahren erreichen muß.


LV Gizewski SS 2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)