Religiöse Kritik an fremden Religionen als Form einer Entmythologisierung: Das Buch der Weisheit, Kap. 13 und 14.

Deutsche Übersetzung - mit kleineren sprachlichen Verdeutlichungen durch den Hg.- nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 1404 - 1407.

13 Toren von Natur sind alle Menschen, denen die Unkenntnis Gottes anhaftet, die aus den sichtbaren Gütern Den, der ist, nicht zu erkennen vermochten, und aus der Betrachtung Seiner Werke den Werkmeister nicht kennen lernten, sondern das Feuer oder den Wind und die flüchtige Luft oder den Kreislauf der Sterne oder die große Wasserflut oder die Lichtkörper am Himmel für weltenregierende Götter hielten. Denn wenn sie, durch ihre Schönheit entzückt, in diesen Götter vermuteten, so hätten sie doch erkennen sollen, um wie viel herrlicher deren Gebieter ist; denn der Urheber der Schönheit hat sie erschaffen. Wenn sie von deren Kraft und Wirkungen in Staunen gesetzt wurden, hätten sie auf den Gedanken kommen sollen, um wieviel mächtiger noch ihr Bildner ist; denn aus der Größe und Schönheit der Geschöpfe wird in richtiger Schlußfolgerung deren Urheber erkannt. Gleichwohl verdienen sie darob nur geringen Tadel, denn sie gingen vielleicht in die Irre, während sie Gott suchten und Ihn zu finden begehrten. Indem sie sich nämlich mit Seinen Werken abgeben, forschen sie nach Ihm, aber sie lassen sich durch das, was sie sehen, verführen; denn die sichtbare Welt ist schön. Aber anderseits sind sie auch wieder nicht zu entschuldigen. Wenn sie soviel zu erkennen vermochten, daß sie die Welt zu durchforschen verstanden, wieso haben sie deren Herrn nicht noch eher gefunden?

Unselig aber waren und auf Tote setzten ihre Hoffnung die, welche das Werk von Menschenhänden Götter nannten, goldene und silberne Kunstfiguren und Tierbilder oder einen unnützen Stein, das Werk einer Hand in alter Zeit. Da sägte ein Holzarbeiter einen handlichen Block heraus, schälte ringsum seine Rinde sorgfältig ab, bearbeitete ihn kunstgerecht und schuf ein nützliches Geschirr für den täglichen Lebensbedarf. Abfälle von der Arbeit aber brauchte er, um sich eine Mahlzeit zu bereiten, und er sättigte sich. Ein Überbleibsel davon, das zu nichts mehr taugte, ein Holzstück, krumm und knorrig durch und durch, das nahm er, schnitzte daran in seiner Mußezeit herum und formte es, sich erholend, wie er es verstand; er machte es ähnlich dem Bilde eines Menschen oder glich es einem gemeinen Tiere an, strich es mit Mennig und färbte mit Rötel die Oberfläche und übertünchte alle Flecken, die es hatte. Dann schuf er ihm ein passendes Gehäuse, setzte es an die Wand und befestigte es mit Nägeln. Daß es nicht herunterfalle, dafür trägt er Sorge, weil er ja weiß, daß es sich nicht zu helfen vermag. Es ist nur ein Bild und bedarf fremder Hilfe. Wenn er dann um Besitz und Heirat und Kinder betet, schämt er sich nicht, ein lebloses Ding anzureden. Um Gesundheit ruft er das Kraftlose an, um Leben bittet er das Tote, um Hilfe fleht er zu einem Ding, das sich nicht zu helfen weiß, um gute Reise zu einem Ding, das seine Füsse nicht brauchen kann. Für Erwerb und Geschäft und Erfolg bei der Handarbeit bittet er das um Kraft, was an den Händen ganz kraftlos ist.

14 Da schickt sich einer zur Seefahrt an und plant, die wilden Wogen zu durchfahren: Er ruft zu einem Holzstück, das zerbrechlicher ist als das Fahrzeug, das ihn trägt. Dieses (scil. das Schiff) hat der Erwerbssinn ersonnen, aber als Werkmeisterin hat die Weisheit es gebaut. Deine Vorsehung jedoch, o Vater, steuert es. Du weisest ja auf dem Meere den Weg und auf den Wogen sichern Pfad. Damit zeigst Du, daß aus jeder Not Du retten kannst, auf daß man das Schiff besteige, auch ohne die Kunst des Steuerns zu kennen. Du willst ja, daß die Werke Deiner Weisheit nicht unbenützt bleiben. Darum vertrauen an sich armseligem Holze die Menschen ihr Leben an und durchkreuzen die Flut mit einem Floß und bleiben heil. Auch in der Urzeit, als die übermütigen Riesen zugrunde gingen, flüchtete sich die Hoffnung der Welt auf ein Floß und hinterließ der Welt den Samen für ein neues Geschlecht; durch Deine Hand wurde es gesteuert. Denn gesegnet ist das Holz, das Werken der Gerechtigkeit dient. Das von Menschenhand hergestellte Gebilde jedoch [in dem fälschlich Gott gesehen wird], verflucht ist es selbst und der, der es schuf! Dieser, weil er es verfertigte, jenes, weil es, obschon nur ein vergängliches Ding, Gott genannt wird. Denn in gleicher Weise wird von Gott der Gottlose gehaßt wie sein [scil. Gott beleidigendes]Werk. Daher wird das Werk samt dem, der es schuf, gestraft. Aber auch darum kommt über die Götzen der Heiden ein Strafgericht, weil sie in Gottes Schöpfung ein Greuel [scil. für die Menschen] wurden, ein Ärgernis für die Seelen der [scil. einsichtigen] Menschen und eine Falle für die Füße der Toren.

Denn der Anfang des Abfalles [scil. von Gott] war das Ersinnen von Götzenbildern, und ihre Erfindung ist eine Pest für das Leben. Sie waren ja weder von Anfang [scil. der Schöpfung] an, noch werden sie ewig bleiben. Nur durch den törichten Wahn von Menschen wurden sie in die Welt eingeführt, und darum ist ihnen ein jähes Ende zugedacht. Von vorzeitiger Trauer verzehrt, ließ nämlich ein Vater von dem jäh dahingerafften Kinde ein Bildnis sich machen und verehrte den vordem verstorbenen Menschen nunmehr als Gott und hinterließ seinen Untergebenen geheime Weihen und Bräuche. Im Laufe der Zeit erstarkte darauf die gottlose Sitte und wurde wie ein Gesetz gehalten. Auch auf Befehl von Gewalthabern wurden Schnitzwerke verehrt. Weil die Menschen, weit von ihnen entfernt, sie nicht persönlich ehren konnten, machten sie sich aus der Ferne eine Vorstellung von ihnen und schufen vom verehrten König eine getreue Abbildung, damit sie dem Abwesenden, als wäre er gegenwärtig, um die Wette huldigen könnten. Bei denjenigen, die den König nicht kannten, steigerte dann der Ehrgeiz des Künstlers [mit seinen eindrucksvollen künstlerischen Mitteln] die Verehrung. Wohl aus dem Wunsche, dem Machthaber zu gefallen, bot er alle seine Kunst auf, die Ähnlichkeit noch schöner zu gestalten. Der große Haufe aber, angezogen durch die Anmut des Werkes, hielt den, der eben noch als Mensch geehrt wurde, nunmehr für ein göttlicher Verehrung würdiges Wesen.

Dabei wurde den Lebenden zum Fallstrick, daß die Menschen, dem Unglück oder der Gewaltherrschaft sich fügend, den Namen, der keinem andern gebührt, Gebilden aus Stein und Holz beilegten. Denn es war nicht genug, daß sie in der Gotteserkenntnis irregingen, sondern, von schwerem, der Unwissenheit entsprungenem Kriege erfaßt, nennen sie so große Übel sogar noch Frieden. Denn wenn sie kindermörderische Opfer der Geheimkulte oder tolle Gelage mit absonderlichen Bräuchen abhalten, bewahren sie weder das Leben rein noch die Ehe, sondern der eine schafft den andern meuchlings beiseite oder betrübt ihn durch Ehebruch. Bei allen herrscht ohne Unterschied Bluttat und Mord, Diebstahl und Betrug, Bestechung, Treulosigkeit, Aufruhr, Meineid, Beunruhigung der Guten, Vergessen der Wohltaten, Befleckung der Seelen, Vertauschung der Geschlechter, Zerrüttung der Ehen, Ehebruch und Ausschweifung. Denn die Verehrung der namenlosen Götzen ist alles Übels Anfang, Ursache und Gipfel. Denn entweder rast man in Freudentaumel oder gibt lügenhafte Orakel oder man lebt im Unrecht-Tun oder schwört unehrliche Eide. Wenn sie dabei annehmen, daß ihre Götzen leblos sind, so brauchen sie zwar nicht zu befürchten, wegen eines [scil. bei diesem Götzen] geschworenen Meineid ins Unrecht versetzt zu werden. Dennoch wird sie für beides eine gerechte Strafe sie treffen; nömlich einmal dafür, daß sie von Gott eine verkehrte Meinung hatten, weil sie auf ihre Götzen achteten, und zum anderen dafür, daß sie ungerechte und falsche Eide schwuren, indem sie alles wirklich Heilige geringschätzten. So folgt auf solche Fehltritte der Ungerechten nicht die [scil. angebliche] Macht derer, bei denen sie schwören, sondern die ihnen als Sündern [scil. gegen den wirklichen Gott] bestimmte Strafe.


LV Gizewski SS 2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)