Grundbegriffe des Denkens: Aristoteles, Kategorien 1, 1 - 5.

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Kategorien. Lehre vom Satz (Organion I / II), übersetzt, mit einerEinleitung und erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes, (1925 2), ND Hamburg 1974, S. 43 - 52.


1. 1. 'Homonym' [d. h.:'gleidnamig'] heißen Dinge, die nur den Namen gemein haben, während der zum Namen gehörige Wesensbegriff verschieden ist. So wird z. B. der Name Sinnenwesen (griech. 'zoon') sowohl vzur Bezeichnung eines [scil. wirklichen] Menschen als auch eines gemalten Menschen oder eines Tieres gebraucht. Denn beide [scil. der wirkliche Mensch und das gemalte Sinnenwesen] haben nur den Namen gemein, während der zum Namen gehörige Wesensbegriff verschieden ist. Wenn man nämlich angeben will, was 'Sinnenwesen sein' bei jedem von beiden bedeutet, so wird man für jedes einen eigenen Begriff angeben.

'Synonym' [d. h.: 'unter die gleiche Benennung und den gleichen Begriff fallend'] heißen Dinge, bei denen sowohl der Name gemeinsam als auch der zum Namen gehörige Wesensbegriff derselbe ist. So wird z. B. sowohl der Mensch als auch der Ochs 'Sinnenwesen' genannt, und Mensch und Ochs werden dabei nicht nur mit dem gemeinsamen Namen Sinnenwesen bezeichnet, sondern gleichzeitig ist hier auch der Begriff des Wesens derselbe. Denn wenn man den Begriff von beiden angeben und sagen will, was das "Sinnenwesen sein" bei jedem von beiden ist, so wird man denselben Begriff angeben.

'Paronym' (d. h.: 'nachbenannt') endlich heißen alle Dinge, die nach etwas anderem benannt werden, aber so, daß ihre Bezeichnung eine abweichende Wortbildungsform erhält. So wird z. B. der Grammatiker [ d. h. hier: der des Lesens und Schreibens Kundige] nach der Grammatik [ d. h. hier: der Kunst des Lesens und des Schreibens] und der Mutige nach dem Mute benannt.

2. Die Worte werden entweder in Verbindung oder ohne Verbindung gesprochen; in Verbindung zum Beispiel die Worte 'der Mensch läuft', 'der Mensch siegt'; ohne Verbindung etwa die Worte: 'Mensch', 'Ochs', 'läuft', 'siegt'.

Die Dinge werden entweder von einem Subjekt ausgesagt, ohne in einem Subjekt zu sein, wie z. B. 'Mensch' [scil als Gattungsbezeichung] von einem bestimmten Menschen als dem Subjekt ausgesagt wird, oder ohne in einem Subjekt zu sein. Oder aber sie sind in einem Subjekt, ohne von einem Subjekt ausgesagt zu werden. Mit 'in einem Subjekt sein' meine ich das, was zwar nicht wie ein Teil in etwas ist, aber doch nicht ohne das sein kann, worin es ist. So .ist z. B. die konkrete grammatische Kunst in der Seele als ihrem Subjekt, ohne von einem Subjekt ausgesagt zu werden, und die konkrete Weißfarbigkeit ist am Körper als seinem Subjekt ist - denn jede Farbe ist an einem Körper -, ohne doch von diesem Subjekte ausgesagt zu werden. Oder sie werden gleichzeitig von einem Subjekt ausgesagt und sind in einem Subjekt. So ist z. B. die Wissenschaft in der Seele als Subjekt wirdund zugleich von der Grammatik als Subjekt ausgesagt. Oder endlich sind sie weder in einem Subjekt, noch werden sie von einem Subjekt ausgesagt. Beispiele seien der konkrete Mensch und das konkrete Pferd; denn nichts derartiges ist in einem Subjekt, noch wird es von einem Subjekt ausgesagt.

Das Unteilbare und der Zahl nach Eine wird schlechthin von keinem Subjekt ausgesagt, doch hindert hier nichts, daß manches in einem Subjekt ist. Denn die 'bestimmte grammatische Kunst' gehört zu den Dingen, die in einem Subjekt sind, wenn sie auch von keinem Subjekt ausgesagt wird.

3. Wenn etwas von Etwas als seinem Subjekt ausgesagt wird, so muß alles, was von dem Ausgesagten gilt, auch von dem Subjekt gelten. So wird z. B. Mensch von einem bestimmten Menschen und Sinnenwesen von Mensch ausgesagt. Mithin muß auch von einem bestimmten Menschen Sinnenwesen ausgesagt werden; denn der bestimmte Mensch ist ein Mensch und auch ein Sinnenwesen.

Was in verschiedenen Gattungen steht, ohne sich untergeordnet zu sein, hat auch der Art nach verschiedene Differenzen, wie z. B. Sinnenwesen und Wissenschaft. Die Differenzen von Sinnenwesen sind Gangtier, Zweifüßler, Flugtier, Wassertier; von diesen Differenzen gilt aber keine für die Wissenschaft; denn eine Wissenschaft unterscheidet sich nicht dadurch von der anderen, daß sie zwei Füße hat. Dagegen können sich untergeordnete Gattungen ganz wohl dieselben spezifischen Unterschiede haben. Denn die übergeordneten Gattungen werden von den ihnen untergeordrieten ausgesagt, und demnach müssen alle Differenzen des prädikats auch für das Subjekt gelten.

Jedes ohne Verbindung gesprochene Wort bezeichnet entweder eine Substanz oder eine Quantität oder eine Qualität oder eine Relation oder ein Wo oder ein Wann oder eine Lage oder ein Haben oder ein Wirken oder ein Leiden. Substanz, um es im Umriß (nur allgemein) zu erklären, ist z. B. ein Mensch, ein Pferd; ein Quantitatives z. B. ein zwei, ein drei Ellen Langes; ein Qualitatives z. B. ein Weißes, ein der Grammatik Kundiges; ein Relatives z. B. ein Doppeltes, 2 a Halbes, Größeres; ein Wo z. B. [auf dem Markt], im Lyzeum; ein Wann z. B. gestern, voriges Jahr; eine Lage z. B. er liegt, sitzt; ein Haben z. B. er ist beschuht, bewaffnet; ein Wirken z. B. er schneidet, brennt; ein Leiden z. B. er wird geschnitten, gebrannt.

Jeder der genannten Begriffe enthält an und für sich keine Bejahung oder Verneinung, sondern die Bejahung oder Verneinung kommt erst durch ihre Verbindung zustande. Denn jede Bejahung und Verneinung ist entweder wahr oder falsch. Das kann aber nicht von Worten gelten, die ohne Verbindung gesprochen werden, wie Mensch, weiß, läuft, siegt.

5. Substanz im eigentlichsten, ursprünglichsten und vorzüglichsten Sinne ist die, die weder von einem Subjekt ausgesagt wird, noch in einem Subjekt ist, wie z. B. ein bestimmter Mensch oder ein bestimmtes Pferd.

Zweite Substanzen heißen die Arten, zu denen die Substanzen im ersten Sinne gehören, sie und ihre Gattungen. So gehört z. B. ein bestimmter Mensch zu der Art Mensch, und die Gattung der Art ist das Sinnenwesen. Sie also heißen Substanzen, Mensch z. B. und Sinnenwesen.

Aus dem Gesagten erhellt, daß bei solchem, was von einem Subjekt ausgesagt wird, der Name und der Begriff gleichmäßig von dem Subjekt ausgesagt werden muß. So wird z. B. der Mensch von einem bestimmten Menschen als Subjekt ausgesagt und demnach der Name von ihm präcli ziert. Denn man muß das Prädikat Mensch dem bestimmten Menschen beilegen. Man muß aber auch den Begriff-, des Menschen von einem bestimmten Menschen aussagen. Denn der bestimmte Mensch ist Mensch und Sinnenwesen gleich, und somit muß von dem Subjekt gleichmäßig Name und Begriff ausgesagt werden. Dagegen wird bei dem, was in einem Subjekt ist, meistens weder der Name noch der Begriff von dem Subjekt ausgesagt, doch mag von ihm hin und wieder der Name ohne Anstand ausgesagt werden, unmöglich aber der Begriff. So wird z. B. das Weiße, wenn es sich an einem Körper als seinem Subjekt findet, von dem Subjekt ausgesagt - denn man nennt den Körper weiß -, dagegen kann der Begriff des Weißen nie von dem Körper ausgesagt werden.

Alles andere wird entweder von den ersten Substanzen als dem Subjekt ausgesagt, oder ist in ihnen als dem Subjekt. Das wird klar, wenn man das einzelne vornimmt. So wird Sinnenwesen von Mensch ausgesagt; folglich muß es auch von dem bestimmten Menschen ausgesagt werden. Denn wenn es von keinem bestimmten Menschen ausgesagt wird, dann auch nicht von 'Mensch überhaupt'. Ebenso ist die Farbe an dem Körper; folglich muß sie auch an dem bestimmten Körper sein. Denn wenn sie an keinem einzelnen Körper ist, dann auch nicht am Körper überhaupt. Alles andere wird mithin entweder von den ersten Substanzen als dem Subjekt ausgesagt, oder ist in ihnen als dem Subjekt. Wenn somit die ersten Substanzen nicht sind, so ist es unmöglich, daß sonst etwas ist.

Von den zweiten Substanzen ist die. Art mehr Substanz als die Gattung. Denn sie steht der ersten Substanz näher. Denn wenn man angibt, was die erste Substanz ist, so wird man es deutlicher und eigentlicher sagen, wenn man die Art, als wenn man die Gattung angibt. So wird man etwa, wenn man einen bestimmten Menschen beschreiben will, es deutlicher tun, wenn man ihn als einen Menschen, wie wenn man ihn als ein Sinnenwesen bezeichnet. Jenes ist dem einzelnen Menschen mehr eigen, dieses ist allgemeiner. Und wenn man angibt, was ein Baum ist, so wird man es deutlicher tun, wenn man ihn als einen Baum, wie wenn man ihn als eine Pflanze bezeichnet. - Überdies heißen die ersten Substanzen deshalb in vorzüglichem Sinne Substanzen, weil sie Subjekt von allem anderen sind und alles andere von ihnen ausgesagt wird. Wie sich aber nun die ersten Substanzen zu allem anderen verhalten, so verhält sich auch die Art zu der Gattung. Denn die Art ist Subjekt der Gattung: die Gattungen werden von den Arten ausgesagt, aber die Arten nicht umgekehrt von den Gattungen. So folgt denn auch hieraus, daß die Art mehr Substanz ist als die Gattung. Von den Arten selbst aber, soweit sie keine Gattungen sind, ist die eine nicht mehr Substanz als die andere. Man sagt, wenn man einen bestimmten Menschen als Menschen bezeichnet, nichts Eigentümlicheres von ihm aus, als man von einem Pferd aussagt, wenn man es als Pferd bezeidmet. Ebenso ist bei den ersten Substanzen das eine nicht mehr Substanz als das andere. Ein bestimmter Mensch ist um nichts mehr Substanz als ein bestimmter Ochs.

Es ist aber wohl begründet, wenn wir nach den ersten Substanzen nur noch die Arten und die Gattungen als Substanzen gelten lassen. Sie sind die einzigen Prädikate, die die erste Substanz nach ihrer Bedeutung erklären. Wenn man angibt, was ein bestimmter Mensch ist, so wird, man mit der Angabe seine,, M. Gat seine Eigntümlichkeit beschrejkeu,. und zwar wird man sie biiS Licht stellen, wenn man den Menschen, als wenn man das Sinnenwesen nennt. Mit sonstigen Angaben dagegen wird die Eigentümlichkeit des Menschen getroffen, wie wenn man sagt: er ist weiß, oder: er läuft, u. dgl. Es ist also wohl begründet, wenn nur noch die Arten und Gattungen Substanzen heißen. - Überdies heißen die ersten Substanzen, weil sie Subjekt von allem anderen sind, im eigentlichsten Sinne Substanzen. Wie sich aber nun die ersten Substanzen zu allem anderen verhalten, so verhalten sich die Arten und die Gattungen der ersten Substanzen zu allem anderen: von ihnen wird alles andere ausgesagt. Man wird einen bestimmten Menschen einen Grammatiker nennen, und mithin wird man auch den Menschen und das Sinnenwesen einen Grammatiker nennen, und gleiches gilt überall sonst.

Von jeder Substanz gilt allgemein, daß sie in keinem Subjekt ist. Die erste Substanz ist weder in einem Subjekt, noch wird sie von einem Subjekt ausgesagt. Bei den zweiten Substanzen erhellt es einmal schon aus folgendem, daß sie in keinem Subjekt sind: Mensch wird zwar von einem bestirnmten Menschen als Subjekt ausgesagt, aber der Mensch ist in keinem Subjekt. Denn der Mensch ist nicht in einem bestimmten Menschen. Und ebenso wird Sinnenwesen zwar von einem bestimmten Menschen als Subjekt gesagt, aber das Sinnenwesen ist nicht in einem bestimmten Menschen. Sodann aber kann bei solchem, was in einem Subjekt ist, der Name hin und wieder ganz wohl von dem Subjekt ausgesagt werden, unmöglich aber der Begriff. Bei den zweiten Substanzen wird aber nun der Begriff ebenso von dem Subjekt ausgesagt wie der Name: man wird den Begriff des Menschen von einem bestimmten Menschen aussagen und ebenso den des sinnlichen Wesens. Es kann mithin die Substanz nicht zu den Dingen zählen, die in einem Subjekt sind.

Dieses ist aber keine Eigentümlichkeit der Substanz: auch die Differenz ist in keinem Subjekt. "Auf Füßen gehend" und "zweifüßig" wird zwar von dem Subjekt Mensch gesagt, ist aber in keinem Subjekt: das auf Füßen Gehende und das Zweifüßige ist nicht in dem Menschen. Es wird aber auch der Begriff der Differenz von dem ausgesagt, von dem die Differenz gilt. Gilt z. B. "auf Füßen gehend" von dem Menschen, so muß auch dieser Begriff von dem Menschen ausgesagt werden: er ist ein sich durch Gehen fortbewegendes Wesen. Wir dürfen aber, wenn die Teile der Substanzen in ihrem jeweiligen Ganzen wie in ihrem Subjekt sind, uns deshalb nicht verwirren lassen, als müßten wir etwa leugnen, daß sie Substanzen sind. Denn wenn wir von Dingen sprachen, die in einem Subjekt sind, so meinten wir damit nicht solche, die als Teile in etwas sind.

Es kommt aber den Substanzen und den Differenzen zu, daß alles von ihnen Abgeleitete in synonyrnem Sinne ausgesagt wird. Denn alle von ihnen abgeleiteten Aussagen werden entweder von den Individuen ausgesagt oder von den Arten. Von der ersten Substanz wird keine Aussage abgeleitet, weil sie von keinem Subjekt ausgesagt wird. Bei den zweiten Substanzen aber wird die Art von dem Individuum ausgesagt und die Gattung von Art und Individuum zugleich. Ebenso werden aber auch die Differenzen von den Arten und den Individuen ausgesagt. Aber die ersten Substanzen nehmen auch den Begriff der Arten und den der Gattungen an, und die Art den der Gattung. Denn alles, was von dem Prädikat gesagt wird, kann auch von dem Subjekt gesagt werden. Ebenso nehmen aber die Arten und die Individuen auch den Begriff der Differenzen an. Nun galt uns aber als synonym dasjenige, bei dem sowohl der Name gemeinsam wie der Begriff derselbe ist. Folglich wird alles von den Substanzen und von den Differenzen Abgeleitete in synonymem Sinne ausgesagt.

Jede Substanz scheint ein Dieses zu bezeichnen, und bei den ersten Substanzen ist es zweifellos und wahr, daß sie das tun. Das, worauf man hier hinweist, ist unteilbar und der Zahl nach eins. Bei den zweiten Substanzen aber wird zwar durch die Art der Benennung der Schein erweckt, als ob es ebenso wäre, wenn man von Mensch oder Sinnenwesen spricht, aber es ist nicht wahr: vielmehr bezeichnet man in diesem Falle ein Qualitatives. Denn hier ist das Subjekt nicht eins wie die erste Substanz, sondern Mensch und Sinnenwesen wird von vielen Subjekten ausgesagt. Indessen bezeichnet das Wort nicht schlechthin ein Qualitatives, wie es z. B. 'das Weiße' tut: 'das Weiße' bezeichnet nichts außer der Qualität, dagegen bestimmt die Gattung und die Art die Qualität mit Bezug auf die Substanz: sie bezeichnet die Substanz als so und so beschaffen. Diese Bestimmung greift aber bei der Gattung weiter als bei der Art; denn wer Sinnenwesen sagt, umfaßt mehr, als wer Mensch sagt.

Es kommt den Substanzen aber auch zu, daß sie kein konträres Gegenteil haben. Denn was könnte der ersten Substanz, einem bestimmten Menschen z. B. oder einem bestimmten sinnlichen Wesen, konträr sein? Ihr ist nichts konträr. Aber auch dem Menschen und dem Sinnenwesen ist nichts konträr. Dieses ist aber der Substanz nicht eigentümlich: es findet sich auch bei vielem anderen, z. B. beim Quantitativen: 'dem zwei und dem drei Ellen Langen' ist nichts konträr entgegengesetzt, ebensowenig der Zehnzahl oder sonst etwas derartigem, man müßte denn sagen, das Viel sei dem Wenig oder das Groß dem Klein konträr. Wo es sich aber um bestimmte Größen handelt, ist keine der anderen konträr.

Die Substanz scheint kein Mehr und Minder zuzulassen. Hiermit meine ich nicht, daß nicht eine Substanz mehr Substanz und weniger Substanz ist als eine andere - das ist nach unserer obigen Erklärung wohl der Fall -, sondern daß die Substanz das, was sie wesenhaft ist, nicht mehr und minder sein kann. Wenn z. B. die fragliche Substanz ein Mensch ist, so wird weder er gegen sich selbst, noch ein Mensch, gegen einen anderen gehalten, mehr und weniger Mensch sein. Der eine ist nicht mehr Mensch als der andere, ist es etwa nicht in der Art, wie 'ein Weißes' mehr und weniger weiß ist als ein anderes und 'ein Schönes' mehr und weniger schön genannt wird als ein anderes. So kann man auch sagen, daß ein Ding etwas mehr ist als es selbst, z. B. daß ein weißer Körper jetzt weißer ist als vorher, und daß ein warmer Körper mehr und minder warm ist. Von der Substanz aber gilt kein Mehr und Minder. Wie der Mensch jetzt nicht mehr Mensch genannt wird als zuvor, so geschieht es auch mit keinem anderen, was Substanz ist. Die Substanz läßt also kein Mehr und Minder zu.

Am meisten aber scheint es der Substanz eigentümlich zu sein, daß sie, wiewohl der Zahl nach ein und dasselbe, für Konträres empfänglich ist. Bei allem anderen, was nicht Substanz ist, kann man nichts derartiges aufweisen, was, wiewohl der Zahl nach eines, für Konträres empfänglich wäre. So kann z. B. die Farbe, die der Zahl nach eine und dieselbe ist, nicht weiß und schwarz sein, noch kann eine der Zahl nach identische und eine Handlung schlecht und gut sein, und gleiches gilt von allem anderen, was nicht Substanz ist. Aber die Substanz ist, obwohl der Zahl nach ein und dasselbe, für Konträres empfänglich. So wird z. B. ein bestimmter Mensch, obwohl er einer und derselbe ist, bald weiß, bald schwarz, warm und kalt, schlecht und gut. Dagegen zeigt sich so etwas bei nichts anderem, man nüßte denn den Einwand machen und sagen, daß die Rede und die Meinung für Konträres empfänglich sei. Dieselbe Rede scheint wahr und falsch zu sein. Ist z. B. die Rede, daß einer sitzt, wahr, so muß dieselbe Rede, wenn er aufgestanden ist, falsch werden. Ebenso ist es mit der Meinung: meint man wahrheitsgemäß, daß einer sitzt, so muß man es, wenn er aufgestanden ist, fälschlich meinen, obschon man dieselbe Meinung über denselben Mann hat.

Allein wenn man das auch gelten läßt, so tritt doch ein Unterschied in der Weise hervor. Denn die Substanzen anlangend, sind sie so für Konträres empfänglich, daß sie sich selbst ändern: Kaltes wird aus Warmem - es erhält eine andere Qualität -, Schwarzes aus Weißem, Gutes aus Schlechtem. Und so ist auch sonst ein jedes dadurch aufnehmendes Prinzip von Konträrem, daß es einen Wandel in sich aufnimmt. Rede und Meinung dagegen bleiben selbst in jeder Beziehung und auf alle Weise unbewegt, und es muß das Ding bewegt werden, damit Konträres für sie zutreffen kann. Denn die Rede, daß einer sitzt, bleibt dieselbe, und nur auf die Bewegung des Dinges wird sie bald als wahr, bald als falsch bezeichnet. Und das Gleiche gilt für die Meinung. Somit wäre es wenigstens der Weise nach eine Eigentümlichkeit der Substanz, wenn sie auf Grund eigener Veränderung für Konträres empfänglich ist.

Wenn man es aber auch gelten lassen wollte, daß die Rede und die Meinung Konträres aufnimmt, so ist es doch nicht wahr. Rede und Meinung werden nicht deshalb als für Konträres empfänglich bezeichnet, weil sie selbst ein Konträres aufnehmen, sondern deshalb, weil ein anderes von diesem Vorgang getroffen wird. Denn darum, weil das Ding ist oder nicht ist, wird auch die Rede als wahr oder falsch bezeichnet, und nicht darum, weil sie etwa selbst für Konträres empfänglich wäre. Denn Rede und Meinung wird schlechthin weder irgendwie noch durch irgendwas bewegt, und so sind sie denn für kein Konträres empfänglich, da kein passiver Vorgang in ihnen stattfindet. Dagegen gilt die Sub stanz aus dem Grunde für das aufnehmende Prinzip des Konträren, weil sie selbst Konträres aufnimmt. Sie nimmt Gesundheit und Krankheit, Weiße und Schwärze auf, und man läßt sie für die konträren Gegensätze insofern empfänglich sein, als sie jedes Derartige selbst aufnimmt. Also muß es der Substanz eigentümlich sein, daß sie, wiewohl der Zahl nach ein und dasselbe, für Konträres auf Grund ihrer eigenen Veränderung empfänglich ist. Und so sei denn von der Substanz so viel gesagt.

6. Die Quantität ist teils diskret, teils kontinuierlich und besteht teils aus Teilen, die eine Lage zueinander haben, teils aus Teilen, die keine Lage haben. Diskret ist z. B. die Zahl und die Rede, kontinuierlich z. B. die Linie, die Fläche, der Körper, außerdem noch die Zeit und der Ort.

Die Teile der Zahl haben keine gemeinsame Grenze, an der ihre Teile zusammenstießen. Wenn z. B. die Fünf ein Teil der Zehn sind, so stoßen die Fünf mit den Fünf an keiner gemeinsamen Grenze zusammen, sondern sind diskret [d. h. getrennt]. Desgleichen stoßen die Drei und die Sieben an keiner gemeinsamen Grenze zusammen. Und so ist überhaupt bei der Zahl keine gemeinsame Grenze der Teile zu finden, sondern sie sind immer getrennt, Die Zahl gehört mithin zu den getrennten Größen.

Gleiches gilt von der Rede. Daß sie eine Größe ist, leuchtet ein. Sie wird ja nach kurzen und langen Silben gemessen. Ich meine aber eben die Rede, die zugleich mit der Stimme zustande kommt. Ihre Teile stoßen oder hängen an keiner gemeinsamen Grenze zusammen. Denn es gibt keine gemeinsame Grenze, bei der die Silben zusammenstoßen, sondern jede Silbe hat ihre Grenze für sich.

Die Linie ist dagegen kontinuierlich [auch: stetig]. Denn man kann eine gemeinsame Grenze namhaft machen, bei der ihre Teile sich berühren, den Punkt; ebenso für die Fläche die Linie. Denn die Teile der Ebene hängen bei einer gemeinsamen Grenze zusammen. Ebenso kann man bei dem Körper eine gemeinsame Grenze namhaft machen, die Linie oder Fläche, bei denen die Teile des Körpers zusammenstoßen.

Aber auch die Zeit und der Ort hat diese Beschaffenheit. Denn die gegenwärtige Zeit stößt mit der vergangenen und der zukünftigen zusammen.

Ferner ist der Ort ein Kontinuum. Denn die Teile des Körpers, die bei einer gemeinsamen Grenze zusammenstoßen, nehmen einen bestimmten Ort ein, und folglich stoßen auch die Teile des Ortes, die jeder Teil des Körpers einnimmt, bei derselben Grenze zusammen wie die Teile des Körpers. Mithin wird auch der Ort kontinuierlich sein, da seine Teile bei einer gemeinsamen Grenze zusammenstoßen.

Die Quantität besteht sodann teils aus Teilen, die eine Lage zueinander haben, teils aus Teilen, die keine Lage haben. So haben z. B. die Teile der Linie eine Lage zueinander: jeder von ihnen liegt an einer bestimmten Stelle, und von jedem kann man im Unterschied von anderen Teilen angeben, wo er in der Fläche liegt und mit welchen anderen Teilen er sich berührt. Ebenso haben auch die Flächenteile eine bestimmte Lage: man kann in derselben Weise angeben, wo jeder Teil liegt und welche Teile sich berühren. Und ebenso ist es mit den Teilen des Körpers und des Ortes.

Dagegen kann man bei der Zahl nicht angeben, wie ihre Teile zueinander gelagert sind oder irgendwo liegen können oder welche Teile aneinander stoßen. Und auch bei den Zeitteilen kann man es nicht: es beharrt ja kein Teil der Zeit, was aber kein Beharrendes ist, wie könnte das eine Lage haben? Eher könnte man sagen, daß die Zeit eine Ordnung hat, indem der eine Teil von ihr früher und der andere später ist, und ebenso, daß die Zahl eine Ordnung hat, indem das Eins früher als die Zwei und die Zwei früher als die Drei gezählt werden, und so mögen sie denn eine Ordnung haben, aber eine Lage trifft man bei ihnen nicht. Für die Rede gilt das Gleiche: keiner von ihren Teilen beharrt: was einmal gesprochen ist, ist gesprochen und läßt sich nicht mehr fassen, und so können denn ihre Teile keine Lage haben, weil sie nicht beharren.

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LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)