Politischer Geist und historische Bildung. Sallust, De coniuratione Catilinae 1 - 6.

Deutsche Übersetzung: Sallust, Die Verschwörung des Catilina. Lateinisch und Deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Essay 'Zum Verständnis des Werkes' sowie einer Biographie hg. von Josef Lindauer.


(1) Jeder Mensch, der gerne höher stehen möchte als die übrigen Geschöpfe, sollte mit aller Kraft danach streben, nicht unbeachtet durchs Leben zu gehen wie das Vieh, das die Natur so gemacht hat, daß es sich niederbückt und nur dem Freßtrieb gehorcht. Unsere ganze Wesenskraft, die beruht ja doch auf Geist und Körper: der Geist ist das Herrschende, der Körper mehr das Dienende in uns; den einen haben wir mit den Göttern, den andern mit den Tieren gemein. Daher scheint es mir richtiger, daß wir mit den Kräften des Verstandes Nachruhm zu gewinnen suchen statt mit denen des Leibes und daß wir das Andenken an uns so langdauernd wie möglich gestalten; denn das Leben, dessen wir uns freuen dürfen, ist selber ja nur kurz. Und der Ruhm, den uns Geld und gutes Aussehen bringen, ist flüchtig und hinfällig, geistiger Wert aber ein herrlicher und unvergänglicher Besitz.

Übrigens war es lange eine erhebliche Streitfrage unter den Menschen, ob Körperstärke oder Geisteskraft im Kriegswesen mehr erreiche. Denn ehe man etwas beginnt, bedarf es der Überlegung, und wenn man überlegt hat, rechtzeitiger Ausführung. So ist jedes für sich allein unzureichend, eins braucht die Ergänzung durch das andere.

(2) In der Frühzeit gingen daher die Könige - auf der Welt war dies nämlich die erste Regierungsform - entgegengesetzte Wege: einige nützten ihre geistige Kraft, andere ihre körperliche; damals spielte sich das Leben der Menschen ja noch ohne Begehrlichkeit ab, jedem war das Seine gut und genügend. Nachdem später aber Kyros in Asien und die Lakedaimonier und Athener in Griechenland dazu übergingen, andere Städte und Völker zu unterjochen, Herrschsucht als hinreichenden Kriegsgrund herzunehmen und den größten Ruhm in der größten Machtausdehnung zu sehen, da erst wurde bei gefährlichen Unternehmungen die Erfahrung gemacht, daß im Kriege das meiste doch der Geist ausrichtet.

Käme nun die geistige Kraft der Könige und Machthaber im Frieden ebenso zur Wirkung wie im Kriege, dann würde die Menschheitsgeschichte gleichmäßiger und stetiger verlaufen, und man müßte nicht mit ansehen, wie alles in verschiedene Richtungen treibt und drunter und drüber geht. Eine Herrschaft läßt sich nämlich leicht durch dieselben Mittel festhalten, mit denen sie zu Anfang gewonnen wurde. Sobald jedoch statt Arbeitsfreude Müßiggang, statt Selbstzucht und Rechtlichkeit Genußgier und Überheblichkeit eingerissen sind, da wandelt sich mit dem sittlichen Zustand zugleich auch die äußere Stellung. So geht die Herrschaft stets von einem minder Tüchtigen auf den jeweils Tüchtigsten über; was die Menschen durch Ackern, Seefahrt und Bauen schaffen, ist alles bestimmt von der geistigen Kraft.

Trotzdem gehen viele Menschen, nur auf den Bauch und aufs Faulenzen bedacht, ohne Geistes- und Herzensbildung wie Fremdlinge durchs Leben; für sie bedeutet, wahrlich im Gegensatz zu ihrer natürlichen Bestimmung, der Körper bloß Sinnenlust die Seele aber eine Last. Bei ihnen werte ich Leben und Tod gleich, da man über beides schweigt. Denn mir scheint ja erst der wirklich zu leben und sein Dasein auszunützen, welcher, in irgendeine Aufgabe eingespannt, nach der Anerkennung strebt, die eine glanzvolle Leistung oder ein tüchtiges Können einbringt.

(3) Bei der großen Fülle von Betätigungsmöglichkeiten aber weist jedem die natürliche Veranlagung einen anderen Weg. Es ist schön, mit der Tat für den Staat zu wirken, aber auch mit dem Wort zu wirken ist ganz in Ordnung; man kann im Frieden sowie im Krieg berühmt werden; wer selbst Taten vollbracht hat, und auch wer über die Taten anderer geschrieben hat, findet vielfach Anerkennung. Und wenn auch dem, der Geschichte schreibt, durchaus nicht der gleiche Ruhm folgt wie dem, der Geschichte macht, scheint es mir doch höchst schwierig, Geschichte zu schreiben: denn fürs erste müssen die Taten im Wort ihre gemäße Entsprechung finden, sodann betrachten die meisten jede Anprangerung von Fehlern bloß als Äußerung der Böswilligkeit und Mißgunst; berichtet man aber von großer Tüchtigkeit und vom Ruhm aufrechter Männer, so nimmt ein jeder die Leistungen, die er sich auch leicht zutraut, gleichgültig hin, alles darüber hinaus hält er wie Erfundenes für unwahr.

Als ganz jungen Menschen trieb es mich übrigens zunächst, wie die meisten, mit Eifer zur Politik; dort aber gab es für mich viel Widerwärtiges. Denn statt Taktgefühl, Uneigennützigkeit und Tüchtigkeit herrschten Frechheit, Bestechlichkeit und Raffgier. Mochte sich auch mein Empfinden an all dem stoßen,,weil ihm das üble Treiben fremd war, so blieb meine ungefestigte Jugend in einer derartig verderbten Umgebung doch in politischen Ehrgeiz arg verstrickt; und obwohl mir der schlechte Wandel der anderen innerlich widerstrebte, hatte ich infolge meiner Ehrsucht trotzdem unter dem nämlichen mißgiinstig-bösen Gerede zu leiden wie die übrigen. () Als ich dann aus vielen Leiden und Fähmissen heraus zur inneren Ruhe gefunden hatte und es für mich feststand, daß ich mein weiteres Leben fern von der Politik verbringen müsse, da war es nicht meine Absicht, bei tatenlosem Herumsitzen die schöne Zeit der Muße zu vertrödeln, und erst recht nicht, in der Beschäftigung mit Akkerbau oder Jagd, Sklavendiensten, mein Leben hinzubringen; vielmehr kehrte ich zur selben Unternehmung und Bestrebung zurück, von der mich die leidige Ehrsucht abgehalten hatte, und beschloß die Geschichte des römischen volges auszugsweise, wie mir jewils einzelne Abschnitt der Überlieferung wert schienen, genau niederzuschreiben, und zwar um so mehr, als ich mich von Erwartung, Furcht und parteipolitischen Interessen innerlich frei wußte.

So will ich denn über die Verschwörung des Catilina, so wahrheitsgetreu, als ich es vermag, eine kurze Schilderung fertigen; dieses Geschehnis nämlich halte ich persönlich für besonders denkwürdig wegen der Unerhörtheit der Freveltat und Bedrohung. Bevor ich aber mit der eigentlichen Erzählung beginne, muß ich einiges über den Charakter dieses Menschen darlegen.

(5) Lucius Catilina, einer adeligen Familie entstammend, besaß große Geistes- und Körperkraft, aber eine schlechte, mißratene Veranlagung. Von jung auf hatte er an inneren Kriegen, Mord, Raub und Bürgerzwist sein Gefallen, darin übte er sich in seiner Jugendzeit. Hunger, Kälte und Mangel an Schlaf ertrug er mit schier unglaublicher Ausdauer. Er war ein verwegener, heimtückischer, unsteter Mensch, ein Heuchler und Hehlei, wo's nur ging, nach fremdem Gut gierend, das eigene verschwendend, glühend in seinen Leidenschaften; Redefertigkeit besaß er genügend, Verständigkeit aber zuwenig. In seiner Schrankenlosigkeit steckte er sich immer maßlose, verstiegene, allzu hohe Ziele. Diesen Menschen hatte seit Lucius Sullas Gewaltherrschaft stärkstes Verlangen ergriffen, die Macht im Staate an sich zu reißen; mit welchen Mitteln er dieses Ziel erreichen könnte, war für ihn ganz unwichtig, wenn er sich nur die Macht verschaffte. Sein triebhaftes Wesen ward von Tag zu Tag mehr und mehr aufgepeitscht durch seine ausweglose Vermögenslage und durch sein Schuldbewußtsein; beides hatte er infolge der obenerwähnten Eigenschaften noch verschlimmert. Einen Anreiz bot außerdem der sittliche Tiefstand des Volkes, bei dem sich Verschwendungssucht und Habgier - die zwei übelsten, einander entgegengesetzten Laster - verheerend auswirkten.

Nachdem mich der Zusammenhang auf die sittlichen Zustände unseres Staates geführt hat, legt es offenbar mein Stoff an sich schon nahe, weiter zurückzugreifen und mit wenigen Worten die Einrichtungen unserer Vorfahren in Krieg und Frieden zu besprechen, wie sie ihren Staat verwaltet und in welcher Größe sie ihn hinterlassen haben, wie er sich nach und nach gewandelt hat und aus dem schönsten und besten der schlechteste und verworfenste geworden ist.

(6) Die Stadt Rom gründeten und bewohnten, wie ich meinen Quellen entnehme, in der Frühzeit Troer, die unter der Führung des Aeneas als Vertriebene ohne feste Wohnsitze herumzogen, mit ihnen die Aborigifler, ein bäurischer Menschenschlag ohne Verfassung und ohne Staatsgewalt, frei und ungebunden. Diese beiden Völker sind trotz ungleicher Herkunft, unähnlicher Sprache, und obwohl sie verschiedene Lebensweise hatten, überraschend leicht miteinander verschmolzen, nachdem sie sich in ein und demselben Mauerring zusammengefunden hatten. So war in kurzer Zeit aus einer unterschiedlichen, unsteten Menge durch ihr Zusammengehörigkeitsgefühl em echtes Gemeinwesen entstanden.) Als sich aber ihr Staat hinsichtlich Bevölkerungszahl, Gesittung und Landbesitz aufgeschwungen hatte und offensichtlich schon recht blühend und recht stark war, da rief der Wohlstand - so geht's meistens in der Welt - Neid hervor. Daher wurden sie von Königen und Völkern aus den Nachbargebieten in Kriegen angefallen, nur wenige von ihren Freunden boten Hilfe; denn die übrigen blieben aus Furcht den Gefahren fern. Die Römer jedoch, einsatzbereit im Frieden und Krieg, handelten rasch, trafen Vorkehrungen, ermutigten einander, rückten den Feinden entgegen, schirmten Freiheit, Vaterland und Elternhaus mit ihren Waffen. Sobald sie die Gefahren männlich tapfer abgewehrt hatten, brachten sie ihren Verbündeten und Freunden Hilfe und erwarben sich Sympathien mehr durch Erweis als durch Entgegennahme von Dienstleistungen. Sie hatten eine Regierung auf gesetlicher Grundlage: die Form des Königtums. Erwählte Männer, die durch die Jahre zwar körperlich geschwächt, geistig aber einsichtig und rüstig waren, berieten das Gemeinwesen; wegen ihres Alters oder wegen der Gleichartigkeit der Aufgabe nannte man sie Väter. Als dann später die königliche Machtstellung, welche anfangs die Erhaltung der Freiheit und die Förderung des Gemeinwesens bezweckte, in überhebliche Tyrannei umschlug, da änderten sie das Herkommen und schufen sich eine jährlich wechselnde Regierung mit zwei leitenden Persönlichkeiten. Auf diese Weise, meinten sie, könne menschliches Denken am wenigsten in Willkür ausarten. ....


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2003.

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