Galen, Über die natürlichen Kräfte Buch 1, Kap. 1 - 13.

Text auszugsweise entnommen aus: Werke des Galenos, Bd. 5, Die Kräfte der Physis. Übersetzt und erläutert von (Prof. Dr. med.) Erich Beintker und (Prof. Dr. phil.) Wilhelm Kahlenberg, Stuttgart 1954, S. 13 - 37.


Kap. 1 [Pflanze und Lebenwesen]

Wahrnehmung und gewollte Bewegung sind nur den Lebewesen eigentümlich, Wachstum und Ernährung aber haben die Lebewesen mit den Pflanzen gemeinsam; das erste dürfte eine Betätigung der Seele, das andere der Natur (Physis) sein. Wer auch den Pflanzen eine Seele zuerkennt und zur Unterscheidung der beiden die eine "Wachstum bedingend", die andere »Wahrnehmung vermittelnd" nennt, sagt auch nichts anderes, er bedient sich nur nicht der gewöhnlichen Ausdrucksweise. Aber weil wir überzeugt sind, daß der größte Vorzug der Ausdrucksweise auf ihrer Deutlichkeit beruht, und weil wir wissen, daß diese durch nichts so gestört wird wie durch ungewöhnliche Benennungen, so bezeichnen wir die Dinge so, wie die Mehrzahl es gewohnt ist, und sagen, daß die Lebewesen durch ihre Seele und ihre Natur gemeinsam geleitet werden, die Pflanzen aber von ihrer Natur allein, und sagen weiter, daß Wachstum und Ernährung Verrichtungen der Natur und nicht der Seele sind.

Kapitel 2 [Bewegung und Veränderung]

So wollen wir denn in diesem Buch untersuchen, von welchen Kräften eben dies verrichtet wird, und ob es vielleicht noch eine andere Leistung der Natur gibt.

Aber zunächst muß man abgrenzen und jede Benennung genau erklären, die wir in dieser Darlegung gebrauchen, und auf welchen Tatbestand wir sie anwenden. Und diese Erklärung der Bezeichnungen wird zugleich eine Belehrung über die natürlichen Betätigungen werden.

Wenn ein Körper in keiner Hinsicht aus seinem bisherigen Zustand heraustritt, dann sagen wir, er befinde sich in Ruhe; tut er es aber in irgendeiner Weise, so sagen wir, er bewege sich nach dieser Richtung hin. Und wenn er nun in vielfältiger Richtung aus seinem bisherigen Zustand heraustritt, wird er sich auch vielfältig bewegen. Wenn also etwas vorher Weißes schwarz wird, und etwas Schwarzes weiß, so wird es hinsichtlich der Farbe bewegt, und wenn das bisherige Süße nachher herb wird, und anderseits das Herbe süß, so könnte man dies eine Bewegung hinsichtlich des Geschmacks nennen. Beides und das vorher Erwähnte wird man qualitative Bewegung nennen, und nicht allein die Veränderungen bezüglich Farbe und Geschmack nennen wir Bewegung, sondern wenn etwas Wärmeres aus dem Kälteren und etwas Kälteres aus dem Wärmeren entsteht, nennen wir auch das Bewegung, ebenso, wenn etwas Trockenes aus dem Feuchten und etwas Feuchtes aus Trockenem wird. Als gemeinsame Bezeichnung für dies alles gebrauchen wir: Veränderung.

Dies ist die eine Art der Bewegung. Eine andere Art gibt es bei Körpern, die ihren Platz andern, von denen man sagt, daß sie von einem Ort zum andern wechseln; hierfür ist die Bezeichnung Ortswechsel.

Das sind die beiden einfachen und ersten Arten von Bewegung; aus ihnen zusammengesetzt sind Wachstum und Schwund, wenn also aus etwas Kleinerem etwas Großeres und aus Größerem etwas Kleineres wird, wobei es die ihm eigene Form behält. Zwei andere Arten sind Werden und Vergehen; Werden ist die Führung ins Sein, Vergehen das Entgegengesetzte.

Allen diesen Bewegungen ist gemeinsam die Veränderung des bestehenden Zustandes, den Ruhezuständen dagegen die Beibehaltung des bestehenden. Die Sophisten nun geben zwar zu, daß die Speisen, wenn sie zu Blut werden, für Aussehen, Geschmack und Gefühl verändert werden; sie leugnen aber, daß dies auch in Wirklichkeit geschieht. Manche von ihnen glauben nämlich, daß alle diese Erscheinungen Täuschungen und Irreführungen unserer Sinneswerkzeuge seien, die bald so, bald anders empfinden, während die zu Grunde liegende Substanz nichts von den Veränderungen annimmt, denen man jene Namen beilegt. Die anderen dagegen wollen, daß die Qualitäten in ihr von Ewigkeit zu Ewigkeit vollkommen unveränderlich vorhanden sind, und sagen, daß die in Erscheinung tretenden Veränderungen durch Trennung und Zusammentreten zustande kommen (wie z. B. Anaxagoras). Wenn ich einen Exkurs machen und diese Leute widerlegen wollte, würde die Nebensache für mich umfangreicher werden als die Hauptsache. Denn wenn sie nicht wissen, was A r i s t o t e l es und später C h r y s i p p o s über die Veränderung der allgemeinen Substanz geschrieben haben, muß man sie auffordern, sich mit ihren Schriften zu befassen. Wenn sie sie aber kennen und dennoch eigensinnig das Schlechtere dem Besseren vorziehen, werden sie ohne Zweifel auch unsere Ansichten für wertlos halten. Daß aber auch H i p p o k r a t e s schon vor A r i s t o t el es diese Ansicht gehabt hat, ist an anderer Stelle von uns bewiesen. Denn dieser hat zuerst von allen Ärzten und Philosophen, die wir kennen, zu zeigen versucht, daß es im ganzen vier gegenseitig auf einander einwirkende Qualitäten gibt, durch die alles erzeugt und vernichtet wird, was dem Werden und Vergehen unterliegt, und weiter, H i p p o k r a t e s hat auch zuerst von allen erkannt, daß sie sich alle ganz und gar miteinander vermischen, und die Prinzipien der Beweisführung, wie sie A r i s t o t e l e s später angewendet hat, kann man bei ihm zuerst beschrieben finden.

Wenn man nun ferner annehmen soll, daß, gleichwie die Qualitäten, so auch die Substanzen sich vollkommen miteinander vermischen, wie später Z e n o aus Kition gesagt hat, so halte ich es nicht für nötig, hier darauf einzugehen. Denn für den vorliegenden Zweck ist es nur nötig, daß man die Veränderung der ganzen Substanz anerkennt, damit niemand auf den Gedanken kommt, das Brot enthalte gewissermaßen eine Vereinigung von Knochen, Fleisch, Nerven und allen anderen Organen, und diese werde dann im Körper aufgelöst und jedes wandere gleichsam zu dem ihm Stammverwandten. Und doch ist offensichtlich schon vor der Auflösung das gesamte Brot zu Blut geworden, und wenn jemand auch ziemlich lange Zeit keine andere Nahrung als Brot zu sich nimmt, werden jedenfalls seine Adern nichtsdestoweniger Blut führen. Offenbar widerlegt diese Tatsache auch die Lehre, daß die Elementen unveränderlich sind, wie zum Beispiel das Öl völlig aufgezehrt wird in der Flamme des Lichtes, und Holzscheite in kurzer Zeit zu Feuer werden.

Ich wollte jedoch davon absehen, sie zu widerlegen, und habe es nur deswegen erwähnt, well das Beispiel aus dem Gebiet der Heilkunde stammt und ich es für die gegenwärtige Darlegung brauche. Wir lassen nun, wie ich sagte, den Streit mit diesen Leuten beiseite, zumal für diejenigen, die es wünschen, die Möglichkeit besteht, die Meinungen der Alten gründlich kennen zu lernen, und zwar auch aus dem, was wir persönlich über sie erforscht haben.

Die ganze nun folgende Erörterung soll, wie wir es uns von Anfang an vorgenommen haben, eine Untersuchung sein über die Anzahl und Art der Kräfte der Natur, und welches die Leistung ist, die jede zu vollbringen ihrem Wesen nach bestimmt ist. Leistung nennen wir natürlich das, was durch die Betätigung der Kräfte bereits hervorgebracht und vollendet wurde, wie Blut, Fleisch, Nerven. Als Betätigung bezeichne ich die aktive Bewegung, und als Kraft ihre Ursachen. Wenn nämlich die Nahrung zu Blut wird, so ist die Bewegung der Nahrung eine passive, die der Vene eine aktive, und wenn ebenso bei der Ortsveränderung der Muskel die Glieder bewegt, die Knochen aber bewegt werden, so nenne ich die Bewegung der Vene und der Muskeln eine aktive Betätigung, die der Nahrung und der Knochen ein dabei in Erscheinung tretendes passives Verhalten. Das eine (die Nahrung) verändert sich, das andere (die Glieder) wird bewegt. Man kann also die aktive Betätigung auch als eine Leistung der Natur bezeichnen, wie z. B. die Verdauung, die Weiterverteilung, die Blutbildung, nicht aber die Leistung in jedem Falle als Betätigung. Es ist also klar, daß die eine Bezeichnung in doppeltem Sinne gebraucht wird, die andere aber nicht.

Kapitel 3 [Ursache derVeränderung]

Die Vene und jedes andere Organ betätigen sich meiner Ansicht nach infolge der bestimmten Mischung, die sie aus den vier Qualitäten erhalten haben, etwa in dieser Weise. Es gibt freilich viele berühmte Männer, Philosophen wie Ärzte, die dem Warmen und Kalten ein aktives Verhalten zuschreiben und ihnen das Trockene und Feuchte als etwas Passives unterordnen. So hat zuerst A r i s t o t e l c s versucht, die Ursachen aller Einzeldinge auf diese Urgründe, zurückzuführen, ihm folgte später die Schule der Stoiker. Weil diese nun die wechselseitige Umwandlung der Elemente selbst auf eine innige Verschmelzung und Zusammendrängung zurückführen, war es auch für sie durchaus logisch, als aktiv wirkende Urgründe das Warme und Kalte anzunehmen, für A r i s t o t e l e s jedoch nicht so; denn da er für die Entstehung der Elemente die vier Qualitäten in Anspruch nahm, so wäre es für ihn richtiger gewesen, auch alle Ursachen auf diese zurückzuführen. Weshalb verwendet er nun in der Schrift "Über Werden und Vergehen" die vier Qualitäten, in der "Meteorologie", in den "Problemata" und oft anderwärts nur die zwei? - Denn wenn jemand behaupten würde, daß bei den Tieren und Pflanzen das Warme und Kalte mehr aktiv ist, das Trokkene und Feuchte aber weniger, so dürfte er vielleicht sogar mit H i p p a k r a t e s der gleichen Meinung sein. Wenn er dies aber ebenso bei allen Dingen behauptete, so glaube ich nicht, daß H i p p o k r a t e s ihm dies zugeben wurde, noch weniger A r i s t o t e 1 e s selbst, wofern er sich daran erinnern will, was er selbst uns in der Schrift "Über Werden und Vergehen" nicht nur in Form einer einfachen Behauptung, sondern unter Beifügung von Beweisen gelehrt hat. Aber darüber haben wir in der Schrift "Über die Mischungen", soweit sic für den Arzt nützlich sind, Betrachtungen angestellt.

Kapitel 4 [Begriff der Kraft]

Die in den Venen vorhandene, als blutbildende bezeichnete Kraft sowie jede andere Kraft ist gedacht als in Beziehung zu etwas anderem stehend. Unmittelbar ist sie [scil. die Kraft] nämlich Ursache der Betätigung, mittelbar auch des Produktes. Aber wenn die Ursache nur in einer Beziehung zu einem anderen existiert, nämlich zu dem allein, was durch sie hervorgebracht wird, und zu nichts anderem, so ist klar, daß auch die Kraft relativ ist. Und solange wir das Wesen der Ursache, die etwas bewirkt, nicht kennen, nennen wir sie Kraft; so sagen wir, daß in den Venen eine blutbildende, ebenso im Magen eine verdauende, im Herzen eine den Puls bewegende vorhanden ist, und in jedem der anderen Organe eine besondere, die der Funktion oder Betätigung dieses Organs entspricht. Wenn wir nun planmäßig Anzahl und Art dieser Kräfte ausfindig machen wollen, müssen wir von ihren Wirkungen ausgehen; denn jede von ihnen entsteht aus einer Betätigung, und bei jeder von diesen geht eine Ursache voraus.

Kapitel 5 [Leistungen der Natur]

Während der Zeit, da das Lebewesen noch im Mutterleib getragen und geformt wird, bildet die Natur alle Organe des Körpers; wenn es geboren ist, besteht ihre Leistung, an der alle gemeinsam teilhaben, in der Weiterentwicklung des einzelnen bis zur endgültigen Größe und danach in der Erhaltung innerhalb der Grenze des Möglichen.

Für diese drei genannten Leistungen gibt es notwendigerweise drei Betätigungen, für jede eine: Entstehung, Wachstum und Ernährung. Aber die Entstehung ist nicht eine einfache Betätigung der Natur, sondern aus Veränderung und Formung zusammengesetzt. Denn damit Knochen, Nerv, Vene und alles andere entsteht, muß die gegebene Substanz, aus der das Lebewesen entsteht, verändert werden; damit es die erforderliche Gestalt, Lage, bestimmte Höhlungen, Auswüchse, Verbindung der inneren Teile und alles Derartige erhält, muß die veränderte Substanz durchgebildet werden, und wenn man diese die Materie des Lebewesens nennt, wie das Holz die des Schiffes, das Wachs die des Bildwerkes, so wird dies wohl richtig sein. Das Wachstum aber ist ein Hinzutun und eine Ausdehnung der festen Glieder des Körpers, die dem Formungsprozeß unterworfen waren nach Länge, Breite und Tiefe. Ernährung endlich ist ein Hinzufügen zu eben diesen Gliedern, aber ohne Vergrôßerung derselben.

Kapitel 6 [Entstehung]

Zunächst wollen wir von der E n t s t e h u n g sprechen, die, wie gesagt, aus Veränderung und Formung zustande kommt. Wenn der Samen in die Gebärmutter gelangt - oder in die Erde, das macht keinen Unterschied -, entstehen nach einem bestimmten Zeitraum zahlreiche Teile des erzeugten Wesens, die sich nach Trockenheit, Feuchtigkeit, Kälte und Wärme von einander unterscheiden, und nach allen anderen Qualitäten, die daraus abgeleitet sind. Diese letzteren erkennst du, wenn du überhaupt über Werden und Vergehen nachdenkst. Als erste und hauptsächlich kommen danach nämlich die übrigen der sogenannten "fühlbaren" Unterschiede, danach diejenigen, welche sich auf den Geschmack, den Geruch und das Aussehen beziehen. Härte und Weichheit, Zähigkeit und Sprödigkeit, Leichtigkeit und Schwere, Dichtigkeit und Porosität. Glätte und Rauheit, Dicke und Dünne sind fühlbare Unterschiede; alle diese werden von A r i s t o t e 1 e s ausführlich behandelt. Die Unterschiede in Geschmack, Geruch und Aussehen kennst du natürlich. Wenn du nun nach den ersten und grundlegenden verändernden Kräften forschest, so sind dies Feuchtigkeit und Trockenheit, Kälte und Wärme. Willst du aber wissen, welche Kräfte aus ihrer Mischung entstanden sind, so wird ihre Zahl bei jedem Lebewesen so groß sein, wie die in ihm vorhandenen erkennbaren Elemente. Als erkennbare Elemente bezeichnet man aber alle gleichartigen Teile [griech.: Homoiomerien] des Körpers. Und das mußt du nicht aus einem theoretischen Lehrgang, sondern aus eigener Anschauung in der Anatomie lernen.

Knochen, Knorpel, Nerven, Häutchen, Bänder, Gefäße usw. bringt die Natur im ersten Stadium der Entstehung des Wesens hervor unter Anwendung einer, um es kurz zu sagen, erzeugenden und verändernden Kraft, im einzelnen durch eine erwärmende, abkühlende, austrocknende und feuchtmachende Kraft und die aus diesen durch Mischung entstehenden Kräfte, wie durch die knochenbildende, nervenbildende und knorpelbildende. Der Deutlichkeit wegen soll man nämlich auch diese Bezeichnungen gebrauchen.

Zu dieser Art gehört nun auch das der Leber eigentümliche Fleisch und das der Milz, der Nieren, der Lunge und des Herzens. So ist auch die eigentümliche Substanz des Gehirns, des Magens, der Speiseröhre, der Gedärme und der Gebärmutter eine erkennbare gleichteilige, einfache und nicht zusammengesetzte Grundsubstanz. Denn wenn du aus jedem die Arterien, Venen und Nerven herauslösest, ist die übrige Substanz für die Wahrnehmung in jedem Organ einfach und wie ein Urorgan beschaffen. Wo aber derartige Organe aus zwei Hüllen zusammengesetzt sind, die zwar einander nicht gleich sind, von denen aber jede einfach ist, da sind diese ihre Hüllen die Grundelemente - ich nenne als Beispiele Speiserohre, Gedärme und Arterien -, und jede der beiden Hüllen besitzt eine besondere verändernde Kraft, die aus dem Monatsfluß der Gebärmutter das Organ hervorbringt, so daß die einzelnen verändernden Kräfte in jedem Lebewesen so zahlreich sind, wie es elementartige Organe hat. Und für jedes einzelne müssen besondere Kräfte vorhanden sein, wie auch besondere Funktionen, wie z. B. bei den von den Nieren in die Blase führenden Gängen, die man bekanntlich Harnleiter nennt. Diese sind weder Arterien, weil sie weder schlagen noch aus zwei Häuten bestehen, noch Venen, well sie weder Blut enthalten, noch bei ihnen die Hülle in irgend einer Beziehung derjenigen der Vene gleicht. Aber auch von den Nerven unterscheiden sie sich noch viel mehr als von den genannten. Was sind sie denn nun? So fragt mancher, als ob es notwendig wäre, daß jedes Organ eine Arterie, eine Vene oder ein Nerv oder aus ihnen geflochten sei, und als ob nicht gerade das eben Gesagte von ihnen gelten würde, daß jedes einzelne Organ sein eigenes Wesen hat. Denn auch die beiden Blasen, die, die den Harn, und die, die gelbe Galle aufnimmt, unterscheiden sich nicht nur von allen anderen Organen, sondern auch untereinander, und auch die Gänge, die wie eine Art von Kanälen von der Gallenblase ausgehen und in die Leber einmünden, gleichen in keiner Weise den Arterien, Venen oder Nerven. Darüber habe ich an einigen anderes Stellen und auch in der Schrift "Über die Anatomie" des H i p p o k r a t es mehr gesagt. Alle verändernden Kräfte der Natur im einzelnen haben die Substanz der Hüllen des Magens, der Därme und der Gebärmutter hervorgebracht, so wie sie ist. Ihre Zusammensetzung aber und die Verknüpfung derjenigen, die ineinander übergehen, und ihre Auswüchse in das Innere und die Gestaltung der Bauchhöhle und alles andere Derartige hat eine andere Kraft hervorgebracht, die wir die bildende nennen, von der wir auch sagen können, daß es eine künstlerische ist, oder besser, eine hervorragende und höchste Kunst, die alles zu einem bestimmten Zweck schafft, so daß nichts unnütz oder überflüssig ist und nichts sich so verhält, daß es auf eine andere Art besser sein könnte. Aber das werden wir in dem Buch "Von der zweckmäßigen Funktion der Organe" zeigen.

Kapitel 7 [Wachstum]

Wenn wir jetzt auf die W a c h s t u m s k r a f t übergehen, so müssen wir zuerst daran erinnern, daß auch sie ebenso wie die ernährende Kraft im Embryonalleben vorhanden ist. Aber diese beiden sind dann gewissermaßen nur Dienerinnen der oben genannten Kräfte und wirken nicht selbständig. Aber wenn das Lebewesen seine vollständige Größe erreicht hat, dann hat in der ganzen Zeit nach der Geburt bis zum Höhepunkt der Entwicklung die Wachstumskraft die Oberhand. Ihre Gehilfen und gewissermaßen ihre Dienerinnen sind dann die verändernde und die ernährende Kraft. Worin besteht nun das Wesen der Wachstumskraft? Nach jeder Richtung hin das bereits "Erschaffene" auszudehnen. So nennt man die festen Organe des Körpers: Arterien, Venen, Nerven, Knochen, Knorpel, Häute, Bänder und alle Hüllen, die wir eben als elementartig, gleichteilig und einfach bezeichnet haben. Auf welche Weise sie nach jeder Seite hin eine Ausdehnung erlangen, werde ich sagen, nachdem ich vorher der Deutlichkeit halber ein Beispiel angeführt habe.

Die Kinder nehmen Schweinsblasen, füllen sie mit Luft und reiben sie in der Asche nahe am Feuer, so daß sie zwar erwärmt, aber nicht beschädigt werden. Das ist bekanntlich ein gebräuchliches Kinderspiel in Ionien und bei vielen anderen Völkern. Dazu sprechen sie beim Reiben bestimmte Worte in einem bestimmten Versmaß, nach einer bestimmten Melodie und in einem bestimmten Takt, und alle diese Sprüche sind eine Aufforderung an die Blase, an Umfang zuzunehmen. Wenn sie ihnen ausreichend gedehnt erscheint, blasen sie wieder hinein, dehnen sie weiter, reiben sie wieder und wiederholen dies so oft, bis ihnen die Blase eine genügende Große zu haben scheint. Aber aus diesem kindlichen Tun wird klar, daß, je mehr der innere Hohlraum der Blase an Ausdehnung wächst, die Hülle der Blase notwendigerweise um so dünner wird, und wenn die Kinder imstande wären, diese dünne Hülle auch dicker werden zu lassen, würden sie, ähnlich wie die Natur, aus einer kleinen eine große Blase machen können. Diese Leistung aber ist ihnen versagt, und sie kann weder von den Kindern noch von sonst jemand nachgeahmt werden; denn sie ist allein der Natur eigen.

Daher ist es bereits klar, daß für alles, was wachsen soll, Aufnahme von Nahrung in das Innere notwendig ist. Denn wenn Körper zwar an Ausdehnung zunehmen, aber nicht entsprechend ernährt würden, würden sie nur eine falsche Vorstellung erwecken, nicht aber ein wahres Wachstum aufweisen. Jedoch ist eine Ausdehnung nach jeder Richtung nur bei denen vorhanden, die unter der Einwirkung der Natur wachsen. Denn die von uns nach einer Dimension hin ausgedehnten Körper nehmen dabei in den übrigen ab, und man kann keinen Körper finden, der den Zusammenhang wahrt und unzerrissen bleibt, wenn wir ihn nach den drei Dimensionen ausdehnen. Nur die Natur vermag den Körper nach jeder Richtung hin auszudehnen, so daß er im Zusammenhang bleibt und seine ursprüngliche Gestalt bewahrt, und darin besteht das Wachstum, das ohne zugeführte und verarbeitete Nahrung nicht vor sich gehen kann.

Kapitel 8 [Ernährung]

Und nun ist es wohl richtig, daß die Rede auf die E r n ä h r u n g kommt, die dritte und letzte Betrachtung, die wir anfangs angekündigt hatten. Wenn nämlich das, was in Form von Nahrung zufließt, jedem Organ des zu ernährenden Körpers hinzugefügt wird, so ist dabei die Ernährung die Betätigung, die ernährende Kraft die Ursache. Die Art der Betätigung besteht zwar auch hier in einer Veränderung, aber nicht so wie bei der Entstehung; denn dort entsteht etwas, was vorher nicht war, bei der Ernährung wird das Zugeführte dem schon früher Entstandenen angepaßt, und deshalb nennt man mit Recht jene Veränderung Entstehung, diese aber Angleichung.

Kapitel 9

[Zusammenfassung der grundsätzlichen Vorbemerkungen]

Da nun über die drei Kräfte der Natur genug gesagt ist und es klar ist, daß das Lebewesen keine weiteren braucht, da es ja die besitzt, durch die es wächst, völlig ausgebildet und möglichst lange erhalten wird, dürfte diese Erörterung vielleicht bereits hinreichend erscheinen und alle Naturkräfte erläutern. Aber wenn man anderseits bedenkt, daß sie sich noch mit keinem einzigen der Organe des Lebewesens befaßt hat - ich nenne z. B. den Magen, den Darm, die Leber und dgl. -, und auch nichts ausgesagt hat über die in ihnen wirkenden Kräfte, so dürfte sie wohl nur als eine Art Vorrede einer brauchbaren Belehrung erscheinen. Im ganzen verhält es sich so: Entstehung, Wachstum und Ernährung sind die ersten und wichtigsten Leistungen der Natur; daher sind auch die Kräfte, die dies bewirken, die drei ersten und hervorragendsten Sie bedürfen aber, wie bereits gezeigt wurde, einer gegenseitigen Unterstützung und einer Mitwirkung anderer Kräfte. Wir haben bereits diejenigen angegeben, welche die erzeugende und Wachstum befördernde nötig haben. Wir gehen jetzt zu denjenigen über, deren die ernährende bedarf.

Kapitel 10

[Die Vielzahl der Organe, die für die Verarbeitung der Nahrung im Körper erforderlich sind]

Ich glaube nun, zeigen zu müssen, daß die Organe. die mit der Verarbeitung der Nahrung zu tun haben, und ihre Kräfte ins Hinblick auf diese Tätigkeit geschaffen sind. Da nämlich die Betätigung dieser Kraft in der Angleichung besteht und da eine Angleichung und eine Verwandlung einer Substanz in eine andere für alles Seiende unmöglich ist, wenn es nicht in seinen Eigenschaften bereits eine bestimmte gemeinsame Beziehung und Verwandtschaft hat, so kann zunächst nicht jedes Lebewesen mit jeder Art von Nahrung ernährt werden und weiterhin auch nicht sofort mit der Nahrung, mit der es dies vermag; auf Grund dieses Naturgesetzes braucht jedes LebeWesen mehrere Organe, die die Nahrung verändern. Damit nämlich das Rötlichgelbe rot und das Rote rötlichgeib wird, bedarf es nur einer einzigen einfachen Veränderung; damit aber das Weiße schwarz und das Schwarze weiß wird, braucht es alle Zwischenstufen. Ferner wird eine sehr weiche Substanz auch nicht auf einmal sehr hart, und eine sehr harte nicht auf einmal sehr weich werden; ebenso wenig wird, was sehr übel riecht, plotzlich sehr wohlriechend, und was sehr gut riecht, auf einmal ganz übelriechend werden.

Wie könnte aus Blut ein Knochen werden, wenn es sieh nicht vorher beträchtlich verdichten und weiß würde, und wie Blut aus Brot, wenn es nicht allmählich die weiße Farbe verlieren und allmählich die rote annehmen würde? - Fleisch kann zwar sehr leicht aus Blut entstehen; denn wenn die Natur es soweit verdichtet, daß es einen gewissen Zusammenhalt bekommt und nicht mehr flüssig ist, wird diese neue festgewordene Masse Fleisch sein. Zur Entstehung von Knochen jedoch sind längere Zeit viele Bearbeitungen und Veränderungen für das Blut nötig. Daß auch für Brot und noch weit mehr für Lattich, Mangold und dergleichen eine gründliche Veranderung zur Entstehung von Blut erforderlich ist, ist völlig klar.

Dies ist die eine Ursache dafür, daß viele Organe für die Veränderung der Nahrung geschaffen sind. Die zweite beruht auf der Beschaffenheit der Übersehußstoffe. Denn wie wir uns nicht allein von Pflanzen ernähren können, obwohl das Weidevieh so ernährt wird, so werden wir zwar von Rettich ernährt, aber nicht in dem Maße wie von Fleisch. Denn dieses bewältigt unsere Natur fast vollständig, verändert und verwandelt es und macht aus ihm nützliches Blut. Was in dem Rettich geeignet ist und allerdings nur mit Mühe unter vielen Veränderungen - verwandelt werden kann, das ist außerordentlich wenig; und es besteht fast ganz aus Überschußstoffen und durchläuft die Verdauungsorgane, wobei nur spärlich Blut daraus in die Venen aufgenommen wird, das noch dazu nicht völlig brauchbar ist. Es wäre also nochmals eine zweite Absonderung der überschüssigen Säfte in den Venen durch die Natur erforderlich, und für diese wären bestimmte andere Wege nötig, die sie zur Ausscheidung führen, damit sie das Gute nicht schädigen, und gewisse Behälter, die sie gleichsam aufnehmen und sie dann, wenn es in diesen zu einer genügenden Ansammlung gekommen ist, ausscheiden. Damit hätten wir dann eine zweite Art von Körperorganen gefunden, da zu diesem Zwecke gleichsam viele Wege durch den ganzen Körper gezogen sind. Denn es gibt zwar nur einen Eingang für alle Speisen, nämlich den durch den Mund; was aber ernährt werden soll, ist nicht ein einzelner Teil, sondern sehr viele und sehr weit voneinander entfernt liegende. Wundere dich also nicht über die Menge der Organe, die die Natur zum Zwecke der Ernährung geschaffen hat. Die einen bereiten die für jedes Organ geeignete Nahrung vor, indem sie sie verändern, die andern scheiden die Überschußstoffe ab, andere senden sie weiter, andere nehmen sie auf, wieder andere scheiden sie aus, andere endlich sind Wege, um die brauchbaren Säfte überall hinzubringen, so daß man, wenn man alle Kräfte der Natur gründlich erkennen will, jedes dieser Organe behandeln muß. Grundsätzlich wollen wir bei dieser Untersuchung beachten, wie weit die Leistungen der Natur, ihrer Organe und Kräfte dem von der Natur gesteckten Ziele nahe kommen.

Kapitel 11 [Die drei Stadien der Ernährung]

Erinnern wir uns noch einmal an den Zweck selbst, um dessentwillen so viele und so geartete Organe von der Natur geschaffen worden sind. Den Vorgang nennen wir, wie schon gesagt, Ernährung; und unter dieser Bezeichnung versteht man die Angleichung der Nahrung an das zu Ernährende. Damit diese erfolgt, muß der Zuwachs vorangehen, und diesem die Anlagerung. Sobald nämlich aus den Gefäßen der Saft herauskommt, der irgendein Organ des Körpers des Lebewesens ernähren soll, verteilt er sich zunächst in das ganze Organ, dann wird er angelagert, dann wächst er hinzu, und schließlich wird er angeglichen.

Den Unterschied zwischen Angleichung und Zuwachs machen die sogenannten weißen Flecken bei Aussatz klar, ebenso kann man bei jener Art von Wassersucht, die man 'Anasarka' [griech: "auf dem Fleische"] nennt, deutlich die Anlagerung von dem Zuwachs unterscheiden. Eine derartige Wassersucht entsteht nämlich nicht aus Mangel an ergänzender Feuchtigkeit, wie manchmal bei Unterernährung und Schwindsucht; denn das Fleisch ist augenscheinlich ausreichend feucht und durchtränkt, und jedes der festen Organe des Körpers ist auch derart beschaffen. Freilich kommt dabei eine Art Anlagerung der zugeführten Nahrung zustande; da sie aber noch zu wässerig und nicht ganz in Nahrungssaft verwandelt ist und noch nicht jenes Viskose und Leimartige, das ja durch die Wirkung der eingeborenen Wärme dazukommt, angenommen hat, kann der Zuwachs sich nicht verwirklichen. Denn infolge der Menge der dünnen, unverarbeiteten Flüssigkeit fließt die Nahrung nur durch und gleitet leicht von den festen Teilen des Körpers ab. Bei den weißen Flecken erfolgt zwar ein Zuwachs der Nahrung, aber keine Angleichung. Und daraus geht hervor, daß das eben Gesagte richtig ist, daß nämlich für das, was ernährt werden soll, zuerst Anlagerung, dann Zuwachs, und schließlich die Angleichung nötig ist.

Genau genommen ist nun zwar das Ernährende schon Nahrung, die Quasi-Nahrung aber, die noch nicht richtig ernährt, wie a. B. das Zugewachsene und Angelagerte, ist zwar keine Nahrung im eigentlichen Sinne, hat aber doch die gleiche Bezeichnung "Nahrung". Auch was in den Venen, ja sogar, was noch im Magen enthalten ist, wird Nahrung genannt, weil es einmal ernähren soll, wenn es richtig verarbeitet ist. Dementsprechend nennen wir auch jedes Nahrungsmittel Nahrung, nicht weil es ein Lebewesen schon ernährt, noch weil es so beschaffen ist wie etwas, das bereits ernährt, sondern weil es ernähren kann und wird, wenn es gut verarbeitet ist. Dies bedeutete auch der Ausspruch des H i p p o k r a t e s : "Nahrung ist das Ernährendc, Nahrung ist aber auch, was ernähren kann und was Nahrung werden soll." Denn das, was bereits angeglichen ist, nannte er Nahrung schlechthin, das, was angelagert und zugewachsen ist, eine Art Nahrung, alles andere, was im Magen und in den Venen enthalten ist, eine zukünftige Nahrung.

Kapitel 12

[Theorien der Ernährung]

Daß nun die Ernährung eine Art Angleichung des Nährstoffes an das zu Ernährende sein muß, ist völlig klar. Nun gibt es freilich Leute, die diese Angleichung nicht für tatsächlich vorhanden, sondern für nur scheinbar bestehend halten; das sind diejenigen, die glauben, die Natur sei weder eine Künstlerin noch treffe sie Vorsorge für das Lebewesen noch habe sie überhaupt irgendwelche ihr eigenen Kräfte, mit deren Hilfe sie das eine verändert, das andere anzieht, das dritte ausscheidet. Es hat - im allgemeinen gesprochen - zwei Lehrmeinungen hierüber in der Heilkunst und in der Philosophie gegeben von Leuten, die sich über die Natur geäußert haben; ich spreche freilich nur von denen, die verstehen, was sie sagen, und die Folgerungen aus ihren Voraussetzungen ziehen und auch an ihnen festhalten. Wer dies aber nicht versteht, sondern nur so daherredet, was ihm auf die Zunge kommt, und weder bei der einen, noch bei der andern Lehrmeinung zu beharren vermag, über den braucht man kein Wort zu verlieren.

Welches sind nun diese zwei Lehrmeinungen, und welche Folgerung ist aus ihren Voraussetzungen zu ziehen? Die eine Art der Lehrmeinungen setzt voraus, daß die dem Werden und Vergehen unterworfene Substanz eine vollkommene Einheit bildet und sich verändern kann, die andere, sie sei unveränderlich und unwandelbar in kleinste Teilchen zerspalten und durch leere Zwischenräume getrennt. Und wer die Folgerung aus dieser Voraussetzung zu ziehen versteht, muß gemäß der zweiten Lehrmeinung annehmen, daß weder eine besondere Substanz noch eine besondere Kraft der Natur oder der Seele vorhanden sei, sondern daß beide durch ein besonderes Zusammenwirken jener ersten, unveränderlichen Körperteilchen [scil. der 'Atome' im antiken Sinne des Wortes] zustande kämen.

Nach der erstgenannten Lehrmeinung ist die Natur nicht etwas, was später ist als die Körper, sondern das weit Frühere und Altere. Sie ist es also nach ihrer Ansicht, die den Körper der Pflanzen und Tiere aufbaut, weil sie gewisse Kräfte besitzt, von denen die einen das, was passend ist, anziehen und zugleich angleichen, die andern das Fremdartige abstoßen; sie bildet alles, was sie erschafft, in künstlerischer Weise und sorgt für das Entstandene wiederum durch gewisse andere Kräfte, von denen die eine in liebevoller Fürsorge das Erschaffene umfaßt, die andere das Gleichartige in Freundschaft zusammenschließt.

Nach den anderen Auffassung hingegen ist davon nichts in den Naturen vorhanden, und es ist der Seele keine ursprüngliche Vorstellung von Anfang an angeboren, kein Begriff von Ubereinstimmung oder Widerspruch, von Trennung oder Vereinigung, von Gerechtem oder Ungerechtem, von Schönem oder Häßlichem, sondern, so behaupten sie, alles dies entstehe in uns auf Grund von Sinneswahrnehmungen und nur durch Sinneswahrnehmungen, und die Lebewesen würden gelenkt durch Sinneseindrücke und Erinnerungsbilder. Einige haben sogar ausdrücklich erklärt, daß es keine Seelenkraft gebe, vermittels weicher wir denken, sondern daß wir nur von Sinneseindrücken geleitet werden wie das Weidevieh, ohne daß wir etwas ablehnen oder dagegen sagen können. Für diese Leute ist offenbar Mut, Verstand, Besonnenheit, Selbstbeherrschung ein großes Gewäsch, und wir lieben weder einander noch unsere Kinder, und die Götter kümmern sich nicht um uns. Sie verachten auch Traumdeutung, Vogelschau, Wahrzeichen und jede Art von Astrologie; über diese Leute haben wir im besonderen ausführlich in anderen Büchern Betrachtungen angestellt, wo wir die Lehren des Arztes A s k 1 e p i a d e s besprochen haben. Wer es wünscht, kann sich mit jenen Untersuchungen beschäftigen; er kann aber auch jetzt schon prüfen, welchen der beiden vorliegenden Wege einzuschlagen besser ist. H i p p o k r a t e s hat sich dem erstgenannten zugewandt; nach dieser Lehre ist die Substanz eine einheitliche und veränderliche, der ganze Körper ist eine Einheit des Atmens und des Fließens, und die Natur macht alles künstlerisch und richtig, weil sie Kräfte hat, durch die jedes Organ den zu ihm passenden Saft anzieht; wenn es ihn angezogen hat, läßt es ihn jedem seiner Teile zuwachsen und gleicht ihn vollkommen an; was aber in ihm nicht verarbeitet werden kann und was keine vollkommene Veränderung und Angleichung mit dem zu ernährenden Teil durchmachen kann, wird durch eine andere, ausscheidende Kraft entfernt.

Kapitel 13

[Funktion der Nieren und der Harnleiter]

Wie sehr die Lehren des H i p p o k r a t e s der Richtigkeit und Wahrheit nahe kommen, kann man nicht allein daraus lernen, daß diejenigen, welche das Gegenteil behaupten, sich mit den klaren Erscheinungsformen in Widerspruch setzen, sondern auch aus Einzeluntersuchungen in der Naturwissenschaft, unter anderem besonders über die den Lebewesen innewohnenden Betätigungen. Alle diejenigen nämlich, die behaupten, kein Organ besitze die Fähigkeit, die ihm eigentümliche Beschaffenheit anzuziehen, sehen sich oft gezwungen, das Gegenteil von dem zu sagen, was deutlich in Erscheinung tritt, wie es z. B. der Arzt A s k 1 e p i a d e s bei den Nieren getan hat; denn nicht allein H i p p o k r a t e s, D i o k l es, E r a s i s t r a t o s, P r a x a g o r a s und andere hervorragende Ärzte haben fest geglaubt, daß sie Ausscheidungsorgane für den Urin sind, sondern auch fast alle Köche wissen es, weil sie alle Tage ihre Lage und den Gang sehen, der von jeder in die Blase führt, den sogenannten Harnleiter, wobei sie aus ihrer Beschaffenheit Schlüsse auf ihre Funktion und ihre Wirkungsmöglichkeit ziehen. Und - lassen wir die Köche beiseite - alle Menschen, die oft an Harnbeschwerden oder überhaupt an Harnverhaltung leiden, bezeichnen sich, wenn sie Schmerzen in den Lenden haben und sandigen Urin lassen, als "nierenleidend".

Ich möchte glauben, daß A s k 1 e p i a d e s weder jemals beobachtet hat, daß bei Leuten mit solchen Beschwerden mit dem Harn ein Stein ausgeschieden wurde, noch daß ein starker Schmerz in der Gegend zwischen Niere und Blase vorhergeht, wenn der Stein durch den Harnleiter hindurchtritt, noch daß, wenn er mit dem Harn entleert wird, die Schmerzen und die Harnverhaltung auf der Stelle aufhören. Wie er nun nach seiner Lehre den Urin in die Blase kommen läßt, das verdient, daß man es hört und die Weisheit dieses Mannes bestaunt, der so breite und deutlich erkennbare Wege verläßt und an ihrer Stelle unsichtbare, enge und ganz und gar unerkennbare angenommen hat. Denn nach seiner Meinung löst sich die getrunkene Flüssigkeit in Dämpfe auf und gelangt so in die Blase, und dort nimmt sie dadurch, daß die Dämpfe sich wieder miteinander vereinigen, ihre ursprüngliche Form an, und es wird wieder Flüssigkeit aus Dampf; dabei stellt er sich einfach die Blase wie einen Schwamm oder wie Wolle vor, aber nicht wie einen Körper, der sehr fest und dicht ist und zwei sehr starke Hüllen besitzt. Und wenn wir auch sagen, daß die Dämpfe durch diese Hüllen hindurchtreten, warum treten sie dann nicht durch Bauchfell und Zwerchfell hindurch und füllen den ganzen Oberbauch und den Brustkorb mit Wasser? - Aber, so sagt er, der Bauchfellüberzug ist offenbar dichter als die Blase, und deshalb hält er die Dämpfe ab, die Blase aber nimmt sie auf. - Aber wenn er jemals eine Sektion vorgenommen hätte, würde er bald gemerkt haben, daß die äußere Hülle der Blase, die vom Bauchfell stammt, dieselbe Beschaffenheit hat wie dieses, daß jedoch die innere, der Blase eigene Hülle mehr als die doppelte Festigkeit als jene besitzt.

Aber vielleicht ist weder die Festigkeit noch die Zartheit der Hüllen, sondern der Sitz der Blase die Ursache, daß die Dämpfe in sie eindringen. Wenn es jedoch wirklich glaubhaft wäre, daß sie durch alle anderen Teile hindurchgehen und sich dort ansammeln, so würde schon der Sitz der Blase allein genügen, sie daran zu hindern. Denn die Blase liegt unten, die Dämpfe aber haben den natürlichen Trieb nach oben, so daß sie viel früher die ganzen Hohlräume des Brustkorbes und der Lunge anfüllen würden, bevor sie in die Blase gelangten.

Aber wozu erwähne ich noch den Sitz der Blase, des Bauchfells und des Brustkorbes? - Denn die Dämpfe, die die Hüllen des Magens und der Därme durchdrungen haben, werden sich in den Zwischenräumen zwischen ihnen und dem Bauchfell sammeln und dort zu Flüssigkeit werden, wie sich ja auch bei den Wassersüchtigen hier die größte Menge Wasser sammelt, oder sie müssen überhaupt vorwärts getrieben werden durch alles, was mit ihnen in Berührung kommt, und dürfen niemals stehen bleiben. Wenn auch jemand dies alles annähme, daß sie so nicht nur das Bauchfell, sondern auch den Oberbauch durchdringen, so würden sie sich in der Umgebung zerstreuen oder aber sich auf jeden Fall unter der Haut ansammeln. Aber die heutigen Anhänger des A s k 1 e p i a d e s geben sich Mühe, dies zu leugnen, obwohl sie stets von allen, mit denen sie zusammenkommen, verlacht werden, wenn sie darüber streiten. Ein so schwer zu bekämpfendes Übel ist die Rechthaberei bei den einzelnen Sekten, sie ist schwerer zu beseitigen als alles andere und schwerer heilbar als jeder Ausschlag.

So kam einer von den heutigen Sophisten, der besonders in der Diskussion hinreichend geschult und redegewandt war, wie kein zweiter, mit mir einmal hierüber ins Gespräch, und er wurde so wenig durch das, was ich sagte, in Verwirrung gebracht, daß er sogar behauptete, er müsse sich über mich wundern, daß ich versuchte, die deutlichen Erscheinungen durch albernes Gewäsch zu, verdrehen. Denn es sei täglich deutlich zu beobachten, daß alle Blasen, wenn man sie mit Wasser oder Luft füllt, dann den Hals abbindet und von allen Seiten drückt, nach keiner Seite hin etwas herauslassen, sondern alles in ihrem Innern genau festhalten. Und sicherlich, sagte er, wenn einige aus den Nieren in sie führende, sichtbare und große Gänge vorhanden wären, würde durch sie die Flüssigkeit, wie sie in die Blasen eintritt, auch beim Druck wieder austreten. Nachdem er dies und ähnliches so, als sei es unfehlbar richtig, gesagt hatte, brach er plötzlich das Gespräch ab, sprang auf und ging schleunigst fort und verließ uns, als ob wir nicht imstande wären, eine glaubwürdige Widerlegung vorzubringen.

So kommt es, daß diese Leute, die ihrer Lehrmeinung sklavisch ergeben sind, nicht nur keine gesunde Einsicht haben, sondern es sogar ablehnen, etwas zu lernen. Anstatt nämlich, wie es nötig wäre, zu hören, aus welchem Grunde die Flüssigkeit zwar aus den Harnleitern in die Blase eintreten kann, weshalb es ihr aber nicht möglich ist, auf dem gleichen Wege nach rückwärts wiederum herauszutreten, und die Kunst der Natur zu bewundern, wollen sie nichts lernen, und spotten noch dazu, indem sie behaupten, daß, ebenso wie vieles andere, so auch die Nieren von der Natur zweck-los geschaffen seien. Einige von ihnen mußten, als in ihrer Gegenwart gezeigt wurde, daß die von den Nieren ausgehenden Harnleiter in die Blase führen, dies zugeben; trotzdem wagten die einen zu behaupten, auch diese seien ohne Zweck geschaffen, andere, sie seien eine Art samenführende Gänge und mündeten daher in den Hals, nicht in die eigentliche Höhlung der Blase. Als wir ihnen nun zeigten, daß die wirklichen Samengänge unterhalb der Harnleiter in den Hals mündeten, da glaubten wir, sie - wenn nicht schon früher - so doch jetzt wenigstens sofort von ihrer falschen Annahme abbringen und zu der entgegengesetzten Ansicht führen zu können. Sie aber haben auch hiergegen zu widersprechen gewagt und sagten, es sei nichts Wunderbares, daß in diesen Gängen, die ja enger seien, der Same länger verweile, aus den von den Nieren ausgehenden jedoch, die ausreichend erweitert seien, schnell herausflösse. Wir waren nun gezwungen, ihnen zum Überfluß zu zeigen, wie beim lebenden Tiere der Urin in die Blase durch die Harnleiter deutlich einfließt, da wir auf diese Weise hofften, doch vielleicht mit Mühe ihr albernes Geschwätz zu hemmen.

Wir zeigten es ihnen auf folgende Weise. Man muß das Bauchfell vor den Harnleitern durchtrennen, an diese eine Ligatur anlegen, dann das Tier verbinden und sich selbst überlassen. Es wird dann keinen Harn mehr lassen. Dann muß man den äußeren Verband lösen und zeigen, daß die Blase leer ist, die Harnleiter gefüllt und gespannt sind und zu platzen drohen, und wenn man dann die Schlinge löst, ist bereits deutlich zu sehen, daß die Blase sich mit Urin füllt. Wenn dies klar geworden ist, muß man, bevor das Tier Harn läßt, eine Schlinge um den Penis legen und dann die Blase von allen Seiten drücken. Dann wird überhaupt nichts mehr in den Harnleitern zu den Nieren aufsteigen. Und daraus wird klar, daß nicht nur beim toten, sondern auch beim lebenden Tier die Harnleiter daran gehindert werden, aus der Blase wieder Harn aufzunehmen. Wenn man dies gesehen hat, gibt man dem Tier die Möglichkeit, Harn zu lassen, indem man die Schlinge um den Penis löst; darauf legt man um den einen Harnleiter wieder eine Schlinge, den Inhalt des anderen aber läßt man in die Blase abfließen, und nach einiger Zeit kann man dann zeigen, wie der eine unterbundene Harnleiter in den nierenwärts gelegenen Abschnitten gefüllt und gespannt, der andere nicht unterbundene schlaff ist und die Blase mit Harn gefüllt hat. Dann muß man zuerst den gefüllten durchschneiden und zeigen, wie der Urin aus ihm herausspritzt, wie das Blut beim Aderlaß, darauf auch den anderen, sodann das Tier, nachdem beide durchschnitten sind, von außen verbinden; wenn dann hinreichend Zeit verstrichen zu sein scheint, löst man den Verband. Man wird dann die Blase leer, den ganzen Raum zwischen Därmen und Bauchfell voll Harn finden, wie wenn das Tier wassersüchtig ware. Wenn dies jeder selbst an einem Tier versuchen will, wird er in energischer Weise - davon bin ich fest überzeugt - den A s k l e p i a d e s der Unbesonnenheit zeihen. Wenn er auch die Ursache erfährt, warum nichts aus der Blase wieder in die Harnleiter aufsteigt, dürfte er auch dadurch von der Fürsorge der Natur für die Lebewesen und ihrer kunstvollen Einrichtung überzeugt werden. H i p p o k r a t e s, soweit wir wissen, der erste von allen, die zugleich Arzte und Philosophen waren, bewundert die Natur, da er ja auch zuerst ihre Leistungen erkannt hat, und preist sie immerfort, er nennt sie "gerecht"und sagt, sie genüge allein allen Bedürfnissen der Lebewesen, indem sie aus sich heraus ohne Belehrung alles Nötige verrichte. Da sie so beschaffen ist, nahm er auch gleich an, daß sie gewisse Kräfte besitze, eine anziehende für das Zugehörige, eine ausscheidende für das Fremdartige, und daß sie die Lebewesen ernährt und wachsen läßt und die Krankheit zur Entscheidung bringt. Und daher sagt er, in unseren Körpern sei ein einziges Zusammenatmen, Zusammenfliesen und eine Gesamtharmonie. Nach A s k 1 e p i a d e s ist in der Natur überhaupt keine Harmonie vorhanden, da die ganze Substanz zerteilt und zermalmt sei in unzusammenhängende Elemente und lächerliche Urkörperchen. Daher mußte er notwendigerweise tausend andere Dinge behaupten, die den klaren Erscheinungen entgegengesetzt sind, und verkannte auch die Kraft der Natur, die das Zugehörige anzieht und das Fremde abscheidet. Bezüglich der Blutbildung und Weiterleitung erfand er ein fades Geschwätz, zu der Reinigung von überschüssigen Säften wußte er durchaus nichts zu sagen und scheute sich nicht, mit den Erscheinungen in Widerspruch zu geraten. Bezüglich der Ausscheidung des Harns leugnete er die Tätigkeit der Nieren und Harnleiter und nahm irgend welche unsichtbaren Gänge zur Blase hin an. Das war wahrhaftig eine stolze Großtat, den sichtbaren Erscheinungen zu mißtrauen und an das Unsichtbare zu glauben!

Bei der gelben Galle ist seine Kühnheit noch großer und jungenhafter; er behauptet nämlich, sie werde in den Gallengängen e r z e u g t, nicht ausgeschieden. Wie kommt es dann, daß bei den Gelbsüchtigen beides zusammentrifft, daß der Stuhlgang gar keine Galle enthält, daß aber der ganze Körper von ihr erfüllt ist? - Er muß auch hier wiederum daherreden ähnlich wie bei dem über den Urin Gesagten. Er redet auch nicht weniger daher über die schwarze Galle und über die Milz, wobei er nichts von dem versteht, was H i p p o k r a t e s gesagt hat, und außerdem versucht, dem, was er nicht versteht, mit dem Mund eines Unbesonnenen und Verrückten zu widersprechen.

Was für einen Gewinn hat er aus einer derartigen Lehre für die Heilkunst gezogen? Er kann weder eine Nierenkrankheit heilen, noch eine Gelbsucht, noch eine Krankheit aus schwarzer Galle, er erkennt nicht einmal eine Tatsache an, der von allen Menschen - nicht nur von H i p p o k r a t e s - zugestimmt wird, daß nämlich einige Heilmittel die gelbe Galle, einige die schwarze Galle entleeren, einige andere den Schleim und wieder andere den dünnen und wässerigen überschüssigen Saft, sondern sagt, daß alles derartige Entleerte von den Heilmitteln selbst erzeugt werde, wie z. B. die Galle von den Gallengängen. Und nach dem wunderlichen A s k 1 e p i a d e s macht es keinen Unterschied, ob man den Wassersüchtigen ein wassertreibendes oder ein galletreibendes Mittel gibt. Denn alles entleere in gleicher Weise und löse den Körper auf, und das Gelöste bringe offenbar etwas derartiges hervor, was in dieser Form nicht vorhanden war. Muß man nicht glauben, daß er verrückt oder aber völlig unerfahren in der Praxis der ärztlichen Kunst ist? - Denn wer weiß nicht, daß, wenn man den Gelbsüchtigers ein schleimtreibendes Mittel gäbe, auch vier Becher davon nichts nützten, ebenso wenig, wenn man ein wassertreibendes gäbe; dagegen wird von einem galletreibenden sehr viel Galle entleert, und sogleich tritt bei derart Gcreinigten die reine Gesichtsfarbe auf. Haben wir doch selbst viele nach Behandlung des Leberleidens durch eine einmalige Reinigung von dem krankhaften Zustand befreit. Du könntest wahrlich auch nichts erreichen, wenn du mit einem schleimtreibenden Mittel reinigtest. Auch ist es nicht etwa nur H i p p o k r a t e s , der weiß, daß dies sich so verhält, während die von der Erfahrung allein ausgehenden Arzte anderer Überzeugung sind; vielmehr denken diese ebenso, und auch alle anderen Arzte, die sich mit der praktischen Medizin befassen, alle außer A s k l e p i a d e s. Er hält es für einen Verrat an seinen angenommenen "Elementen", wenn er mit der Wahrheit über diese Dinge in Übereinstimmung bleibt. Denn wenn sich wirklich ein Mittel findet, das nur einen ganz bestimmten Saft anzieht, besteht offenbar die Gefahr, daß die Meinung die Oberhand gewinnt, daß es in jedem Körper eine Kraft gibt, die die eigene Art anzieht. Daher behauptet er, daß Benediktenkraut und Granatbeeren aus Knidos und Wolfsmilch nicht den Schleim aus dem Körper ziehen, sondern ihn hervorbringen, daß Kupferoxydul und Erzschuppen, gebranntes Erz, Gamander und Maschedistel den Körper in Wasser auflösen, und die Wassersüchtigen hätten Vorteil davon, nicht, well sie gereinigt würden, sondern weil sie von dem entleert werden, was offenbar das Leiden vermehrt. Denn wenn das Mittel die in den Körpern enthaltene wässerige Flüssigkeit nicht entleert, sondern sie selbst erzeugt, verschlimmert es das Leiden. Und ferner das Skammonium, das nach Ansicht des A s k 1 e p i a d e s den Körper der Gelbsüchtigen von der Galle nicht entleert, ja, das außerdem noch das gute Blut in Galle verwandelt, den Körper auflöst, so viel Üblcs bewirkt und das Leiden vermehrt, ist gleichwohl, wie man deutlich sieht, für viele heilsam. - Ja, sagt er, es hilft ihnen, aber nur well es eine Entleerung bewirkt. - Aber wenn du ihnen ein schleimtreibendes Mittel gäbest, würden sie keinen Nutzen davon haben. - Und das ist so einleuchtend, daß selbst die, die nur von der Erfahrung ausgehen, dies erkennen. Und doch ist es für diese Leute ein philosophischer Grundsatz, keiner rein verstandesmäßigen Überlegung zu vertrauen, sondern einzig den deutlich sichtbaren Erscheinungen. Sie sind nun freilich verständig, dem A s k 1 e p i a d e s aber fehlt der Verstand, wenn er verlangt, daß wir unseren Wahrnehmungen mißtrauen sollen, wo die Erscheinungen deutlich seine Annahmen widerlegen. Und doch wäre es weit besser, sich zu den Erscheinungen nicht in Widerspruch zu setzen, sondern alles auf diese zu gründen.

Ist es nun dies allein, was deutlich gegen die Lehren des A s k 1 e p i a d e s spricht, oder kommt nicht noch hinzu, daß von den gleichen Mitteln im Sommer mehr gelbe Galle entleert wird, im Winter aber Schleim, und bei einem Jüngling mehr die Galle, bei einem Alten mehr der Schleim? Offenbar zieht doch jedes Mittel das Vorhandene an und erzeugt nicht selbst, was nicht vorhanden ist. Wenn man also im Sommer einem Jüngling von magerer und warmer Körperbeschaffenheit, der weder untätig noch in Übersättigung dahinlebt, ein schleimtreibendes Mittel geben wollte, würde man auch mit Gewalt nur sehr wenig von diesem Körpersaft entleeren, den Menschen aber ganz schwer schädigen. Wenn man ihm anderseits ein galletreibendes Mittel gäbe, würde man eine reichliche Entleerung herbeiführen und keinen Schaden anrichten. Glauben wir nun immer noch nicht, daß jedes Mittel den ihm entsprechenden Körpersaft anzieht? - Vielleicht werden die Schüler des A s k 1 e p i a d e s dem beistimmen. Eher aber werden sie - nicht vielleicht, sondern bestimmt - behaupten, daß sie nicht daran glauben, um Ihrer geliebten Lehre nicht untreu zu werden.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2003.