Das Gutachten eines Respondierjuristen: Paulus, Quaestiones III = Dig. 12, 1, 40.

Dt. Übersetzung und lat. Text aus: M. Fuhrmann, D. Liebs, Exempla Iuris Romani. Römische Rechtstexte, München 1988, S. 132 - 135.


Deutsche Übersetzung:

Paulus, Untersuchungen Buch 3.

Verlesen wurde vor dem Gerichtshof des Prätorianerpräfekten und Rechtsgelehrten Ämilius Papinian eine Vertragsurkunde folgenden Wortlauts: "Ich, Lucius Titius, erkläre hiermit, von Publius Maevius 15000 Denare aus seinem Hause als Darlehen empfangen zu haben. Daß diese 15000 in guter Münze richtig am nächsten Monatsersten zurückgezahlt werden, hat sich Publius Maevius ausbedungen und habe ich, Lucius Titius, förmlich versprochen. Wenn der Betrag am oben bezeichneten Tage dem Publius Maevius oder seinem Rechtsnachfolger nicht gezahlt, nicht beglichen oder der Gläubiger nicht sonstwie befriedigt ist, dann hat sich darüber hinaus für die Zeit, die ich später zahle, als Strafe für je 30 Tage und je 100 Denare Publius Maevius die Zahlung je eines Denars ausbedungen; dies habe ich, Lucius Titius, förmlich versprochen. Ferner haben wir vereinbart, daß ich verpflichtet bin, von der oben genannten Summe monatlich dreihundert Denare auf Rechnung des Maevius zurückzuzahlen, bis die ganze Summe zu seinen oder seines Erben Gunsten getilgt ist." Man hat wegen der Verpflichtung zur Zahlung von Zinsen angefragt, weil die Zeit, die für die Rückzahlung zur Verfügung stand, verstrichen war.

Ich erklärte: da in engem zeitlichem Zusammenhang getroffene formlose Abreden als Bestandteile eines förmlichen Schuldversprechens gelten, sei es ebenso, als wenn der Gläubiger sich für jeden einzelnen Monat eine feste Summe hätte versprechen lassen und Zinsen für die Zeit hinzugefügt hätte, bis die verspätete Zahlung geleistet ist. Demgemäß begännen nach Ablauf des ersten Monats die Zinsen für die erste Rate zu laufen, und entsprechend kämen nach dem zweiten und dritten Aufschub die Zinsen für die nicht gezahlten Raten hinzu, und man könne nicht eher Zinsen für die nicht zurückgezahlte Gesamtsumme verlangen, als diese Summe hätte verlangt werden können. Von der Zusatzvereinbarung behaupteten einige allerdings, daß sie sich lediglich auf die Zahlung des Kapitals beziehe, nicht auch auf die der Zinsen, die weiter oben uneingeschränkt in das Schuldversprechen aufgenommen worden seien, und aus der Zusatzvereinbarung ergebe sich nur eine Einrede. Und deshalb seien, wenn das Geld entgegen den vereinbarten Raten nicht zuruckgezahlt werde, vom Tage des Schuldversprechens an Zinsen fällig, wie wenn dies ausdrücklich so festgesetzt worden wäre. Da jedoch die Einklagbarkeit des Kapitals aufgeschoben ist, folgt daraus, daß auch Zinsen erst vom Zeitpunkt des Verzuges an hinzukommen. Und selbst wenn sich, wie jener annahm, aus der Zusatzvereinbarung nur eine Einrede ergibt (wiewohl sich die gegenteilige Meinung durchgesetzt hat), dann tritt gleichwohl von Rechts wegen keine Verpflichtung zur Zahlung von Zinsen ein; denn derjenige befindet sich nicht im Verzug, von dem eine Geldsumme wegen einer Einrede nicht gefordert werden kann. Allerdings kommt es vor, daß wir uns den Betrag, der sich in der Zwischenzeit ansammelt, für den Fall, daß die Bedingung eintritt, ausbedingen, z. B. bei Fruchterträgen; ebenso kann man auch bei Zinsen festlegen, daß, wenn das Kapital bei Fälligkeit nicht zurückgezahlt ist, vom Datum des Schuldversprechens an für Zinsen gehaftet wird.


Lateinischer Text:

Paulus, Quaestiones III [79]

Lecta est in auditorio Aemjlii Papiniani praefecti praetorio iuris consulti cautio huiusrnodi: "Lucius Titius scripsi me accepisse a Publio Maevio quindecim rnilia denariorum mutua numerata mihj de domo et haec quindecirn proba recte dan kalendis futuris stipulatus est Pubijus Maevius, spopondi ego Lucius Titius. Si die supra scripta surnrna Publio Maevio eive ad quem ea res pertinebit data soluta satisve eo nomine factum non erit, tunc eo amplius, quo Post solvam, poenae nornine in dies triginta inque denarios centenos denarios singulos dan stipulatus est Publius Maevius, spopondi ego Lucius Titius. Convenitque inter nos, uti pro Maevio ex sumrna supra scripta menstruos refundere debeam denarios trecenos ex omni summa ei heredive eius." Quaesitum est de obligatione usurarum, quoniam numerus mensium, qui solutioni cornpetebat, transierat.

Dicebam, quia pacta in continenti facta stipulationi messe creduntur, perinde esse, ac si per singulos menses certam pecuniam stipulatus, quoad tardius soluta esset, usuras adiecisset; igitur finito prirno mense primae pensionis usuras currere et similiter Post secundum et tertium tractum usuras non solutae pecuniae pensionis crescere nec ante sortis non solutae usuras peti posse quam ipsa sors peti potuerat Pactum autem quod subiecturn est quidarn dicebant ad sortis solutionem tantum pertinere, non etiam ad usurarum, quae priore parte simpliciter in stipulationern venissent, pactumque id tanturn ad exceptionern prodesse et ideo non soluta pecunia statutis pensionibus ex die stipulationis usuras deben, atque si id nominatim esset expressum.

Sed cum sortis petitio dilata sit, consequens est, ut etiam usurae ex eo tempore, quo moram fecit, accedant, et si, ut ille putabat, ad exceptionern tantum prodesset pactum, quamvis sententia diversa obtinuerit, tarnen usurarurn obligatio ipso iure non comrnittetur; non enirn in rnora est is, a quo pecunia propter exceptionern peti non potest. Sed quantitatern, quae medio tempore colligitur, stipulamur, cum condicio exstiterit, sicut est in fructibus. Tdem et in usuris potest exprimi, ut ad diem non soluta pecunia quo competit usurarum nornine ex die interpositae stipulationis praestetur.


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