Thomas von Aquin, De ente et de essentia, 1 - 10.

Lateinischer Text und deutsche Übersetzung aus : Thomas von Aquin, Über Seiendes und Wesenheit. De Ente et de Essentia. Mit Einleitung, Übersetzung und Kommentar herausgegeben von Horst Seidel. Lateinisch - Deutsch, Hamburg 1988, S. 2 - 8.


Deutscher Text.

Vorwort.

[1] Weil nach einem Wort des Philosophen im 1. Buch 'Über den Himmel und die Welt' "ein kleiner Irrtum am Anfang zu einem großen am Ende wird", Seiendes aber und Wesenheit das sind, was vom Intellekt zuerst erfaßt wird, wie Avicenna zu Beginn seiner 'Metaphysik' sagt, muß man, um die Schwierigkeit dieser [beiden Begriffe] zu erschließen und nicht aus Unkenntnis über sie [am Ende] in [großen] Irrtum zu verfallen, erklären, was mit den Worten 'Wesenheit' und 'Seiendes' bezeichnet wird, wie sie auf verschiedenen Gebieten anzutreffen sind, und wie sie sich zu den logischen Bedeutungen [Intentionen] verhalten, nämlich zu Gattung [Genus], Art [Species] und Artunterschied [Differenz].

[2] Da wir aber aus dem Zusammengesetzten die Erkenntnis über das Einfache gewinnen und von dem Späteren zu dem Früheren gelangen müssen, damit uns, wenn wir beim Leichteren anfangen, das methodische Vorgehen [Disziplin] besser möglich wird, so ist ist von der Bedeutung des Seienden zur Bedeutung der Wesenheit fortzuschreiten.

Kapitel I Was allgemein mit den Worten 'Wesenheit' und 'Seiendes' bezeichnet wird.

[3] Man muß also [zunächst] wissen, daß das Wort 'Seiendes', eigentlich, wie der Philosoph [Aristoteles] im 5. Buch der 'Metaphysik' sagt, auf zweifache Weise gebraucht wird: einmal in dem Sinne, daß es sich auf die zehn Gattungen [Kategorien des Seienden] bezieht, zum anderen in dem Sinne, daß es die Wahrheit der Aussagen bedeutet. Der Unterschied dieser [beiden Bedeutungen] ist der, daß Seiendes im zweiten Sinne all das genannt werden kann, worüber sich eine bejahende Aussage bilden läßt, auch wenn dies sich nicht auf etwas wirklich Existierendes beziehen muß; denn auf diese Weise werden auch die Privationen [Ausschließungen] und Verneinungen Seiendes genannt; denn wir sagen zum Beispiel, daß 'die Bejahung der Verneinung entgegengesetzt ist', und daß 'die Blindheit im Auge ist'. In der ersten Bedeutung jedoch kann Seiendes nur so gemeint werden, daß dabei etwas als wirklich existierend voraussetzt ist. Daher sind in dem ersten Sinne das 'Nicht-Sehen' und derartiges kein Seiendes.

[4] Der Name 'Wesenheit' wird nicht von dem auf die zweite Weise genannten Seienden her gewonnen, weil in diesem Sinne einiges auf eine Weise Seiendes genannt wird, daß es keine Wesenheit haben kann. Dies zeigt sich bei den Privationen. Vielmehr wird die Wesenheit von dem auf die erste Weise genannten Seienden her gewonnen. Daher sagt der Kommentator [Porphyrios] an derselben Stelle, daß das auf die erste Weise genannte Seiende das ist, was das Wesen eines Dinges bezeichnet.

[5] Weil nun, wie gesagt, das in dieser Weise genannte Seiende auf zehn Gattungen verteilt ist, muß die Wesenheit etwas Gemeinsames für alle Naturen bedeuten, nach denen das verschiedene Seiende verschiedenen Gattungen zugewiesen wird. So ist zum Beispiel die Menschennatur ['Menschheit'] die Wesenheit des Menschen; und so ist es bei den übrigen Gattungen.

[6] Daher ferner, daß das das, wodurch ein Ding in seiner eigenen Gattung oder Art konstituiert wird, dasselbe ist wie das, was durch deine Definition bezeichnet wird, welche anzeigt, was das Ding ist, kommt es, daß das Wort 'Wesenheit' von den Philosophen [auch] zu 'Washeit 'abgewandelt wird. Letzteres nennt der Philosoph häufig auch das 'wesensmäßige Sosein' [von etwas], d.h. das, wodurch etwas sein 'Wassein' hat. Es heißt auch 'Form', sofern durch die Form die Bestimmtheit eines jeden Dinges bezeichnet wird, wie Avicenna im 2. Buch seiner 'Metaphysik' sagt.

[7] Dies wird auch mit einem anderen Wort 'Natur' genannt, wenn man Natur in der ersten jener vier Bedeutungsweisen nimmt, die Boethius im Buch 'Über die zwei Naturen' angibt. Danach nämlich wird 'Natur' all das genannt, was vom Intellekt auf irgendeine Weise begriffen werden kann. Ein Ding ist ja nur durch seine Definition und seine Wesenheit intelligibel [für den Intellekt einsehbar]. Und so sagt auch der Philosoph im 5. Buch der 'Metaphysik', daß jede Substanz Natur ist.

[8] Doch scheint das Wort 'Natur' in der hier aufgefaßten Weise dieWesenheit eines Dinges [auch] insofern zu bezeichnen, als sie eine Hinordnung auf die eigentümliche Tätigkeit des Dinges hat, da kein Ding ohne eine ihm eigentümliche Tätigkeit ist. Das Wort 'Washeit' dagegen wird aus dem gewonnen, was durch die Definition bezeichnet wird. Wesenheit [Essenz, 'Seinsheit'] aber wird sie genannt, sofern durch sie und in ihr ein Seiendes das Sein hat.

[9] Da wiederum von dem Seienden in absolutem und vorrangigem Sinne bei den Substanzen die Rede ist und erst in nachrangigem Sinne - gleichsam nur eingeschränkt - von den Akzidenzien, ergibt es sich, daß sich die Wesenheit eigentlich und in Wahrheit bei den Substanzen findet, bei den Akzidenzien aber nur gelegentlich, je nach den Umständen. Von den Substanzen sind schließlich einige einfach und einige zusammengesetzt, und bei beiden findet sich eine Wesenheit. Bei den einfachen gibt es diese aber in wahrerer und höherer Weise, weil sie ein höheres Sein haben; denn sie sind Ursache für all das, was zusammengesetzt ist. Die erste einfache Substanz ist schließlich Gott.

[10] Da uns die Wesenheiten dieser [einfachen[ Substanzen weitgehend verborgen sind, müssen wir von den Wesenheiten der zusammengesetzten Substanzen ausgehen, damit unsere methodische Untersuchung [Disziplin] der angesprochenen Fragen mit dem Leichteren beginnt und so möglichst angemessen fortschreiten kann.

Lateinischer Text.

Prooemium.

[1] Quia parvus error in principio magnus est in fine, secundum Philosophum, in I Caeli et mundi, ens autem et essentia sunt quae primo intellectu concipiuntur, ut dicit Avicenna in principio suae Metaphysicae, ideo, ne ex eorum ignorantia errare contingat, ad horum difficultatem aperiendam dicendum est quid nomine essentiae et entis significetur, et quomodo in diversis inveniatur, et quomodo se habeat ad intentiones logicas, scilicet genus, speciem et differentiam. [2] Quia vero ex compositis simplicium cognitionem accipere debemus, et ex posterioribus in priora devenire, ut a facilioribus incipientes convenientior fiat disciplina, ideo ex significatione entis ad significationem essentiae procedendum est.

Capitulum I Quid significetur communiter nomine entis et essentiae.

[3] Sciendum est igitur quod, sicut in V Metaphysicae Philosophus dicit, ens per se dupliciter dicitur: uno modo quod dividitur per decem genera, alio modo quod significat propositionum veritatem. Horum autem differentia est quia secundo modo potest dici ens omne illud de quo affirmativa propositio formari potest, etiam si illud in re nihil ponat; per quem modum privationes et negationes entia dicuntur: dicimus enim quod affirmatio est opposita negationi, et quod caecitas est in oculo. Sed primo modo non potest dici ens nisi quod aliquid in re ponit. Unde primo modo caecitas et huiusmodi non sunt entia.

[4] Nomen igitur essentiae non sumitur ab ente secundo modo dicto; aliqua enim hoc modo dicuntur entia quae essentiam non habent, ut patet in privationibus; sed sumitur essentia ab ente primo modo dicto. Unde Commentator in eodem loco dicit quod ens primo modo dictum est quod significat essentiam rei.

[5] Et quia, ut dictum est, ens hoc modo dictum dividitur per decem genera, opportet ut essentia significet aliquid commune omnibus naturis per quas diversa entia in diversis generibus et speciebus collocantur, sicut humanitas est essentia hominis, et sic de aliis.

[6] Et quia illud per quod res constituitur in proprio genere vel specie, est hoc quod significatur per definitionem indicantem quid est res, inde est quod nomen essentiae a philosophis in nomen quiditatis mutatur; et hoc est etiam quod Philosophus frequenter nominat quod quid erat esse, id est hoc per quod aliquid habet esse quid. Dicitur etiam forma, secundum quod per formam significatur certitudo uniuscuiusque rei, ut dicit Avicenna in II Metaphysicae suae.

[7] Hoc etiam alio nomine natura dicitur accipiendo naturam secundum primum modum illorum quatuor, quod Boetius in libro De duabus naturis assignat; secundum scilicet quod natura dicitur omne illud quod intellectu quoquo modo capi potest. Non enim res est intelligibilis, nisi per definitionern et essentiam suam: et sic etiam Philosophus dicit in V Metaphysicae, quod omnis substantia est natura.

[8] Tamen nomen naturae hoc modo sumptae videtur significare essentiam rei secundum quod habet ordinem ad propriam operationem rei, cum nulla res propria operatio ne destituatur. Quiditatis vero nomen sumitur ex hoc quod per definitionem significatur; sed essentia dicitur quod per eam et in ea ens habet esse.

[9] Sed quia ens absolute et per prius dicitur de substantiis, et per posterius et quasi secundum quid de accidentibus, inde est quod essentia proprie et vere est in substantiis, sed in accidentibus est quodammodo, et secundum quid. Substantiarurn vero quaedam sunt simplices et quaedam compositae, et in utrisque est essentia; sed in simplicibus veriori et nobiliori modo, secundum quod etiam esse nobilius habent; sunt etiam causa eorum quae composita sunt, ad minus substantia prima simplex quae Deus est.

[10] Sed quia illarum substantiarum essentiae sunt nobis magis occultae, ideo ab essentiis substantiarum compositarum incipiendum est, ut a facilioribus convenientior fiat disciplina.


LV Gizewski WS 2002/2003

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)