Einleitung

In dem vorliegenden Skript zu der Vorlesung / Übung des Sommersemesters 2002 mit dem Titel 'Große Griechen und Römer' geht es nicht nur um die historische Bedeutung einiger auf unterschiedliche Weise zu ihrer Zeit geschichtlich hervorgetretener oder in späteren Epochen prominent gewordener Einzelpersonen der Antike, sondern mehr noch um die 'Größe' oder sonstige 'Prominenz' dieser Personen als soziales Phänomen historischer Dimension, das sich

  • sowohl aus typischen Lebensläufen und gesellschaftlichen Bedingungen als auch auch aus einmaligen Bedingungen persönlicher Entwicklung,
  • sowohl aus eher natürlichen Vorgängen als auch aus Planung und Propaganda,
  • sowohl aus tatsächlichen Leistungen und Verdiensten als auch aus reiner kollektiv-projektiver Phantasie oder Gläubigkeit

ergeben kann. Der Titel des Skripts lautet deswegen - in Zuspitzung des Titels der Vorlesung - "Die Größe berühmter Griechen und Römer".

Die verschiedenartige Wertschätzung der Antike für ihre Heroen, Städtegründer und Gesetzgeber, Heer- und Volksführer, Könige und Kaiser, Musenkünstler, Philosophen, Ärzte und Architekten, Heilige, Märytyrer und Kirchenväter, auch ihre Reichen, Frauen, Wettkämpfer und Schauspieler, findet in unterschiedlichen Überlieferungsresten aus der Antike ihren Ausdruck: Es können Baumonumente, Kunstwerke, Münzen, Inschriften und andere historisch-terminologisch nicht im engeren Sinne oder nur partiell als 'Schriftquellen' geltenden Überlieferungsreste aus der Antike Grndlage historischer Erkenntnis über die 'Größe' antiker Personen sein. Am anschaulichsten und dichtesten erfahren wir über sie aber etwas durch die überlieferten ausführlicheren antiken Schriftquellen, darinter vor allem ihre Literatur, darunter wiederum vor allem die aus der klassich-griechischen Kultur hervorgegangene biographische Literaturgattung einschließlich ihrer christlich-geistlichen Fortentwicklung.

Aber nicht nur wegen ihres historischen Aussagewertes geht es um diese Schriftquellen. Für die europäische Geistesgeschichte - vor allem für die Praxis ihrer Moral- und Ethik-Traditionen - spielen die im weiteren Sinne literarisch-biographischen Überlieferungen aus der Antike - verba docent - exempla trahunt.- eine prägende Rolle. Schon in die geistige Orientierung der nachantiken Epochen gehen - unter christlichem Vorzeichen - auch einige als 'groß' geltende nicht-christliche Griechen (wie etwa Homer oder Alexander) und Römer (wie Vergil oder Augustus) - neben den primär maßgeblichen Figuren des jüdisch-biblischen und des christlichen Glaubenslebens - ein. Seit der Renaissance wirdsodann die umfängliche nicht-christlich-biographische Überlieferung der Antike mit Autoren wie zum Beispiel Plutarch oder Sueton neuentdeckt, geistig neu aufgenommen und zur Grundlage praktischer Orientierungen gemacht.

Mit dieser aus dem griechischen und dem römischen Bereich hervorgegangenen Literatur soll sich das Skript in den dafür notwendig zu setzenden Grenzen primär befassen. Es sei dabei hervorgehoben, daß bei der Ausarbeitung eines Konzepts insbesondere die Parallelbiographien Plutarchs gedankliche Anstöße gegeben haben, nicht zuletzt deswegen, weil sie im Vergleich die 'Größe' der in ihnen beschriebenen Persönlichkeiten typisieren. An einigen Stellen waren auch die christlichen Biographien des Altertums anzusprechen. Aus Gründen der Arbeitsökonomie und der o. e. literarischen Gattungsgeschichte - kann sich dies Skript jedoch nicht mit der an sich ebenfalls für die Fragestellung interessanten Literatur des Alten Orients, insbesondere etwa den Lebensbeschreibungen des Alten Testaments der Bibel, befassen.

Das Skript enthält 14 Kapitel, davon zwei zur Einführung in das Gesamtthema und weitere zwölf, die sich verschiedenen Typen der 'Größe' und 'Prominenz' antiker Persönlichkeiten widmen.

Der Verlauf der Darstellung folgt dabei dem Grundgedanken, daß Vorstellungen von 'Größe' oder 'Prominenz' i. w. S. aus unterschiedlichen Quellen menschlichen Denkens und Vorstellens hervorzugehen pflegen, nämlich

  • aus kollektiven Projektionen des Glaubens, der Hoffung, der Liebe bzw. eines auf ihrer Grundlage personalisierten Weltverständnisses im Verhältnis zu Menschen, die für andere Menschen irgendeine Bedeutung gewinnen,
  • aus dem Selbstlauf eines traditionell festgelegten, autoritätsverleihendem sozialen Ansehens gegenüber abhängigen, gesellschaftlich Niedrigerstehenden,
  • aus der allgemeinen Anerkennung politischer oder militärischer Leistungen, Fähigkeiten und Verdienste im Hinblick auf ein Gemeinwesen oder einen gesellschaftlichen Stand,
  • aus der nicht mehr zu behindernden oder zu kritisierenden Selbstdarstellung und Propgaganda einer außerordentlicher Herrschaftsmacht,
  • aus dem allgemeinen Bekanntwerden besonders kenntnisreicher und nützlicher Leistungen für die Mitmenschen,
  • aus dem allgemeinen Bekanntwerden besonderer Fähigkeiten der Frömmigkeit und des Zugangs zur göttlichen Sphäre,
  • aus dem allgemeinen Bekanntwerden beispielgebender Mitmenschlichkeit, Pietät und Tugendhaftigkeit,
  • aber auch aus der in irgendeiner Öffentlichkeit erfolgreich verfolgten maximalistischen Umsetzung eines 'persönlichen Grenznutzens' in soziales Ansehen und Vermögen
  • oder aus der erfolgreichen Verbreitung eines scheinhaften, nur auf der geschickten Instrumentierung allgemeiner Meinungen beruhenden, weitreichenden 'Prestiges'.

um sich unter Kombination jeweils verschiedener von diesen Quellen in typischer Weise miteinander zu verbinden, so

  • in der typischen Größe des gottmenschlichen Heros, den es real nie gegeben haben dürfte,
  • in der typischen Größe antiker Militärs und Politiker aristokratisch bestimmter antiker Gemeinwesen,
  • in der typischen Größe der alleinherrschenden Könige und Kaiser der Antike,
  • in den typischen , wenn auch im einzelnen sehr unterschiedlichen Formen geistiger, geistlicher und sittlicher Größe
  • und schließlich in der typischen Prominenz des Reichtums und des systematisch erzeugten einflußreichen gesellschaftlichen Prestiges, d. h. eines erzeugten Scheines der 'Größe' oder 'Bedeutung'..

Dem Historiker stellt sich die sinnvolle und nötige Aufgabe, derartige komplexe Formen historisch überlieferter menschlicher 'Größe' - notfalls in Entgegensetzung zur Überlieferung und jedenfalls stets mit gebotener Aufmerksamkeit - zu analysieren. Allerdings soll er so nicht nur wertvolle Anhaltspunkte für eine u. U. radikale historische Kritk an antiker Berichterstattung gewinnen, sondern auch einen besseren Zugang zu dem, was sie der Gegenwart an wirklich Wertvollem mitzuteilen hat. Auch wenn es bei dem historischen Menschen immer nur um seine menschlichen Qualitäten gehen kann, niemals aber um irgendetwas 'Göttliches' - auf das der Begriff der 'Größe', aufgefaßt i. S. von 'Übermenschlichem', zumeist hinauszulaufen scheint - so ist er doch - als Mensch - des beispielhaft Guten und Bewundernswerten durchaus fähig, und dieses vermag ihm gelegentlich auch zu Recht Ansehen, Gedächtnis und ein menschengemäßes Maß an Verehrung oder Liebe zu verschaffen.

Die einzelnen Kapitel dieses Skripts enthalten im wesentlichen nur ausgewählte Quellentexte und andere Quellen, relativ wenig verbindenden Text und jeweils ein weiterführendes Literatur-, Medien- und Quellenverzeichnis, dessen Inhalt sich im 'Allgemeinen Literatur-, Medien- und Quellenverzeichnis' - in Zusammenfassung mit den Angaben für die anderen Kapitel - wiederfindet. Die Übungen zu den einzelnen Kapiteln dienen der vom Leser, wenn er will, selbst vorzunehmenden Bearbeitung des jeweiligen Kapitelthemas anhand eines Übungsbeispieles. Sie sind mit Lösungshinweisen außerhalb der einzelnen Kapitel zusammengefaßt.

Christian Gizewski, im September 2002.


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)