Kap. 1: Einführung (I): Menschliche 'Größe' als historischer Gegenstand.

ÜBERSICHT:

1. 'Größe' (Bedeutung, Ruhm, Prominenz) als Gegenstand der Alten Geschichte: Begriff und Bedeutung.

2. Anthropologischen Grundlagen menschlicher 'Größe'.

3. Ideologie- und Quellenkritik menschlicher 'Größe'.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. 'Größe' (Bedeutung, Ruhm, Prominenz u. a.) als Gegenstand der Alten Geschichte: Begriff und Bedeutung.

Die 'Geschichte', im bewußtseinsbezogenen Sinne verstanden als menschliches Erkennen, wendet sich ganz verschiedenartigen 'erkenntniswesentlich' oder 'erinnerungswert' erscheinenden Momenten im objektiven Sinne 'geschichtlicher' Ordnungen und ihrer Entwicklungen zu. Innerhalb dieses Erkenntnisinteresses geht es in hohem Maße um die Handlungen, Antriebe und Gesinnungen von Menschen und dabei insbesondere auch einzelner, besonders in Erscheinung tretender menschlicher Akteure, die durch ihre Entscheidungen, ihr Können, ihr sittliches Beispiel oder auch nur durch ihr bloßes Prestige wichtigen Einfluß auf das historische Geschehen nehmen oder die geschichtliche Erinnerung bestimmen.

In der historischen Überlieferung aus der Antike spielen derartige historische Individuen eine besonders große Rolle. Sie prägen daher nicht nur unser heutiges Bild von der Antike wesentlich, sondern sie sind ein Teil des ideell fortwirkenden und beispielgebenden kulturellen Erbes der Antike, das noch heute wesentlichen Einfluß auf unser allgemeines und individuelles Bewußtsein und Handeln hat.

Die in diesem Sktipt verwendeten Begriffe 'Größe', 'Bedeutung', 'Ruhm', 'Prominenz', 'Prestige' u. ä. berühren alle auf ihre Weise das Phänomen 'historischer Wichtigkeit einzelner Menschen'. Sie sind dabei nicht bedeutungsgleich und außerdem in sich komplex, aber sie überlappen sich in ihren Bedeutungen. Sie können sich auf religiöse, politische, moralische, fachlich-technische, sozial-hierarchische und marktbedingte Aspkete historischer Wichtigkeit einzelner Menschen beziehen oder auf mehrere nebeneinander.

Um für den Sprachgebrauch dieses Skripts einen kurzen Ausdruck zur Verfügung zu haben, der alle diese Aspekte 'historischer Wichtigkeit einzelner Menschen' zusammenfaßt, erscheint es sinnvoll, das Wort 'Größe' zu wahlen, aber, wenn es in diesem weiteren, sprachlich unüblichen Sinne gebraucht wird, in Probelmatisierungs-Anführungszeichen zu setzen. Durch eine solche ständige Problematisierung wird darauf hingewiesen, daß menschliche 'Größe', wie im folgenden zu erörtern ist, etwas Komplexes und aus verschiedenen Elementen Zusammengesetzes zu sein pflegt, das man historisch-analytisch auseinanderhalten muß, auch wenn die einzelnen Komponenten in dieselbe Richtung - die Hervorhebung eines Menschen für die Mit- und Nachwelt - wirkt.

Zwei prominente Beispiele aus der Alten Geschichte für das, was als historische 'Größe' Thema dieses Skripts sein soll, sind die historischen Persönlichkeiten, um die es in der folgenden Übung geht.

Übung 1 a.

AUFGABEN:

1) Um wen handelt es sich bei den im folgenden wiedergegebenen Persönlichkeiten, wann lebten sie und durch was wurde nach Ihrem jetzigen Wissen ihr antiker Ruhm begründet?

2) Worin würden Sie heute ihre historische Bedeutung und evtl. 'Größe' sehen?

Der Makedonenkönig und 'Welteroberer' Alexander und der römische Aristokrat und 'faktisch erste Kaiser' Caesar sind nur zwei besonders berühmte historische Individuen aus einer ganz unterschiedlich zusammengesetzten Vielzahl für ihre antike Zeit und die Nachwelt geschichtlich wichtig gewordener Individuen. Obschon es so aussieht, als ob jeder einzelne Fall, in dem die Zeitgenossen eines Menschen ihm 'Größe' oder sonstige geschichtliche Wichtigkeit attestieren und die Nachwelt dieses Urteil auf ihre Weise übernimmt oder auch einmal neubildet, unterschiedlich gestaltet ist, so gibt es doch gewisse Rahmenbedingungen antiker Gesellschaften, aus denen sich 'Größe' u. ä. einzelner Menschen entwickelt. Damit befaßt sich die folgende Übung.

Übung 1 b.

AUFGABEN:

1) In welcher Zeit und in welchem Lebensumfeld ist wohl der nachfolgende Text entstanden? Was wissen Sie über den Autor?

2) Welche Kriterien legt Cicero bei der sozialen Bewertung eines Menschen zugrunde? Sind sie Ihres Erachtens gerecht? Warum sind sie Ihres Erachtens so, wie sie sind? Wie würden Sie das dieser Art des Prestige-Denkens zuzuorndende gesellschaftliche Modell begrifflich charakterisieren?

3) Welche Bevölkerungsgruppen haben im Rahmen einer solchen Prestige-Ordnung größere, welche geringere Chancen, zu allgemeinanerkannten Verdiensten, Leistungen, zu Größe, Ruhm oder Nachruhm zu gelangen, und welche weniger?

Der soziale Wert des Menschen: Cicero, De officiis 1, 150 f.

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Cicero, De officiis - Vom pflichtgemäßen Handeln. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Heinz Gunermann, Stuttgart 1978, S. 130 - 133.

2. Anthropologische Grundlagen menschlicher 'Größe'.

Im Hintergrund heutiger Vorstellungen über historische menschliche 'Größe' stehen solche über die menschliche Natur und ihre Leistungsfähigkeit, aber auch über die soziale Disposition oder Determiniertheit der Menschen, in sozialen Hierarchien zu leben und unterschiedliche Formen der Bedeutung und des Ranges von Menschen anzuerkennen. In der Antike - und teilweise auch in verschiedenartigen Glaubensformen und Ideologiebildungen heutiger Zeit - spielen außerdem Hintergrundsvorstellungen über die besondere Stellung einzelner Menchcen in einem 'Kosmos', ihre Anlage zu 'großen Taten', ihre 'göttliche Berufung', ihren 'Genius' oder ihre 'übermenschliche' Natur eine ebenso große, wenn nicht größere Rolle. Obschon man an all diesen Formen gedanklicher Übertreibung menschlicher Fähigkeiten und Bestimmung begründete Kritik üben kann, die auch in ein historisches Urteil eingehen sollte, so handelt es sich bei derartigen Fiktionen doch um offenbar grundlegende, 'rational' kaum, ausscjließbare Elemente menschlichen Denkens und Fühlens, für die an dieser Stelle nur stichwortigartig folgende Gründe benannt seien:

a) Fiktionales Denken, auch im Hinblick auf die menschliche Natur und Leistungsfähigkeit, ist zur Bewältigung grundlegender Unsicherheitssitutationen der Erkenntnis für menschliches Handeln nicht nur unvermeidlich, sondern die Regel.

b) Für die Enstehung fiktionalen Denkens über 'große' Menschen ist eine aktionsbereite Emotionalität ('Glaube, Hoffnung, Liebe') des einzelnen Menschen und der menschlichen Gemeinschaft - als Gemeinschaft auch der Gefühle - grundlegend. Es handelt sich um fundamentale menschliche Gefühlsdispositionen, deren Übertragung auf einzelne Menschen durch deren 'reale' Eigenschaften und Leistungen ausgelöst, aber auch unabhängig davon ('kontrafaktisch'), ja sogar völlig unabhängig davon entstehen kann, wie sich an der 'Größe' niemals existent gewesener Heroen im Mythos zeigt.

c) In vielen geschichtsmächtigen Vorstellungen über 'große' Menschen mischen sich folglich fiktionale Vorstellungen mit solchen über ihre die reale Natur, Leistungen und Fähigkeiten dieser Individuen. Dabei spielen im Bereich fiktionalen Denkens etwa der Typus des 'allseits fürsorglichen und vorausschauenden Herrschers', des 'stets erfolg- und siegreichen Feldherrn', des 'genialen Alleswissers und -könners', des 'wundertätigen Retters, Heilers und Helfers in höchster Not', des 'alle Gefahren furchtlos bewätigenden Helden' oder des 'Gesandten Gottes' eine immer wiederkehrende besondere Rolle.

3. Ideologie- und Quellenkritik menschlicher 'Größe'.

Bei der wissenschaftlich-historischen Beurteilung der 'Größe' oder sonstigen geschichtlichen Bedeutung eines menschlichen Individuums gehört die Kritik an den fiktionalen Bestandteilen der überlieferten Vorstellungen über diese 'Größe' zu den vordringlichen Aufgaben des Historikers.

Dabei ist zu beachten, daß solche überlieferten Vorstellungen nicht nur aus 'ungeplanten', gewissermaßen 'naturwüchsigen' Formierungsprozessen hervorgehen, sondern auch planmäßig erzeugt werden können, wie z. B. durch antike Herrscher- oder Politiker-Figuren, die planmäßig ein Bild von ihrer extraordinären Befähigung, Berufung und Legitimation in der 'Öffentlichkeit' ihrer Gemeinwesen herstellen und verbreiten lassen. Die 'Größe' eines individuellen Menschen kann sogar zum zentralen Element politisch-ideologischer Systeme werden, wie sich zum Beispiel an dem später (Kap. 7) eingehender zu erörternden 'Personenkult' des Kaisers Augustus in aller Deutlichkeit zeigt.

Auch die Nachwelt neigt aus verschiedenartigen, ihrer jeweiligen Gegenwart zuzurechnenden Gründen nicht selten dazu, historischen Individuen eine 'Größe' zuzusprechen, die sie zu Lebzeiten kaum gehabt haben dürften, z. B. sie zu vorausschauenden Gründern von Reichen oder Religionen oder für die ganze Menschheit wichtigen Weisen, Heiligen, Gelehrten oder Erfindern zu machen.

Aus diesem Grunde empfiehlt sich im Umgang mit entsprechenden Überlieferungen das folgende Prüfschema, das systematisch die vielen Möglichkeiten historischer Täuschug und Selbsttäuschung zumindest in das Bewußtsein des heutigen Historikers zu rufen vermag.

PRÜFSCHEMA

für eine kritische Beurteilung menschlicher 'Größe'.

I. Ruhm (zur Lebenszeit eines Menschen entstehende Vorstellungen von seiner 'Größe' i. w. S.).

1. Genauer Gegenstand der Bewunderung oder Anerkennung zur Zeit des Berühmten oder Hocheingeschätzten.

2. Praktikable Maßstäbe der Wertschätzung und sachliche Gründe für ihre Anlegung im konkreten Falle.

3. Kollektive Dispositionen zur Annahme der Größe eines Menschen ('Glaube', 'Hoffnung', 'Liebe').

4. Die zielgerichtete Erzeugung von Prestige und 'Marktwert' im konkreten Falle.

II. Nachruhm. (nach dem Tode eines Menschen entstehende oder bewahrte Vorstellungen von seiner 'Größe' i. w. S.).

1. Gegenstand der Überlieferung oder Neuerinnerung.

2. Zuverlässigkeit der Quellen und textgeschichtliche oder archäologische Gründe für ihre Überlieferung.

3. Ideengeschichtliche (religiöse, politische, bildungsbedingte) Gründe für die Überlieferung des Ruhms früherer Menschen.

4. Ideengeschichtliche Gründe für die Neuanknüfung einer zeitgenössischen Wertschätzung an der angenommenen Bedeutung früher lebender Menschen.

4. Literatur, Medien, Quellen.

L.

Friedrich Gunkel, s. v. 'Ehre, Reputation', in: Otto Brunner u. a. (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2, Stuttgart 1975, S. 9 - 63.

Werner Conze, s. v. 'Adel, Aristokratie', in: Otto Brunner u. a. (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. 1 - 48.

Otto Dann, s. v. 'Gleichheit', in: Otto Brunner u. a. (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2, Stuttgart 1975 , S. 997 - 1064.

German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993 (mit ausführlicher Bibliographie).

Frank Robert Vivelo, Handbuch der Kulturanthropologie. Eine grundlegende Einführung. Mit einer Einleitung hg. von Justin Stangl. Dt. Übersetzung von Erika Stangl, München 1988.

M.

German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981), S. 30 (Alexander d. Gr.) und S. 75 (Caesar).

Q.

Cicero, De officiis 1, 150 f. Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Cicero, De officiis - Vom pflichtgemäßen Handeln. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Heinz Gunermann, Stuttgart 1978, S. 130 - 133.

Büste Alexanders. Entstehung in Pergamon um 200 v. Chr. Heutiger Standort: Istambul. Abb. und Angaben enbtnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 30.

In Tusculum aufgefundener Marmorkopf aus dem 1. Jh. v. Chr.; vermulich Büste Caesars.Abb. und Angaben entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 75 ff .


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)