Kap. 10: Berühmte Architekten, Ärzte und andere Fachleute.

ÜBERSICHT:

1. Der Nutzen und die geistige Bedeutung praktischer und technischer Wissenschaften und die Größe ihrer Vertreter.

2. Die Bedeutung Vitruvs.

3. Die Bedeutung des Hippokrates und des Galen.

4. Berühmte römische Juristen.

5. Bedeutende Spezialisten im 'öffentichen Dienst'.

6. Literatur, Medien, Quellen.

1. Der Nutzen und die geistige Bedeutung praktischer und technischer Wissenschaften und die Größe ihrer Vertreter.

Zu den praktischen und technischen Wissenschaften kann man in der Antike etwa die Medizin, die Architektur - in dem damaligen weiten, Städte-, Brücken-, Straßen- und Maschinenbau mitumfassenden Sinne -, die Jurisprudenz, die Geschäftsbesorgung der Sachwalter und Gerichtsredner, die eingehende Kenntnis der Landwirtschaft, der 'Naturkunde', der praktischen Kartographie, des Schiffahrtswesens (Nautik) und anderer spezieller Wissensgebiete von größerer Ausdehnung und vor allem praktischer Bedeutung rechnen. Teilweise gehören sie dem öffentlichen bzw. militärischen Bereich zu, wie z. B. das Kriegswesen, die Behördenkunde oder die Wasserversorgung). In der Rangordnung menschlicher Geistestätigkeiten, die Aristoteles in seiner Metaphysik (siehe Kap. 9, unter P. 6) entwirft, nehmen die technischen - als eine Verbindung der Empirie mit dem begrifflich ordnenden und gestaltenden Geist - nach der 'Philosophie' - generell nach aller 'reinen. theoretischen Wissenschaft' -, aber vor einem 'begriffslos empirisch' verfahrenden 'Handwerk' einen zweiten Platz ein.

In der Praxis des antiken Alltags haben sie jedoch eine oft sehr viel größere Bedeutung als alles 'reine Bildungswissen'. Schon in der beruflichen und ständischen Einordnung handelt es sich um hochgeschätzte, wegen ihres Wissens und ihrer Fähigkeiten relativ selten vorkommende Tätigkeiten, die im Privatgeschäftsverkehr auf einer reichlich bemessenen 'Honorarbasis' abgerechnet zu werden pflegen und im 'öffentlichen Dienst' zu den höheren Gehältern innerhalb der wichtigeren Behörden führen können. Anschaulich wird das in Quellen wie den Lohn- und Honorarangaben des 'Diokletianischen Preisedikt' oder in den Diensteinkommenslisten für Behördenbeschaftigte in den späatantiken Rechts-Codices. Aber auch der von ihnen ausgehende Nutzen, ihre Wohltaten und ihre großen ebenso gedanklichen wie praktischen Leistungen werden von der Mitwelt oft dankbar anerkannt und bleiben auch der Nachwelt vielfach noch lange bewußt. Von Wichtigkeit ist sicherlich auch ein oft sicherlich sorgfältig gestaltetes und energisch verteidigtes 'Prestige' i. S. der Terminologie in Kap. 2 unter P. 1. Es verbinden sich also in einer 'Größe' der Fachleute, wo von dieser in der Überlieferung die Rede ist, zu ihren Lebzeiten gewöhnlich ein hoher 'Marktwert', anerkannte 'Leistungen' und ein erzeugtes 'Prestige' miteinander, um dann so der Nachwelt zur Kenntnis zu gelangen und in ihr aus überlieferungsgeschichtlichen Gründen (z. B. wegen der Seltenheit der Überlieferung von Fachleute-Publikationen) eine weitere Verstärkung zu erfahren.

Das läßt sich beispielsweise für die Architektur, die Medizin und die Jurisprudenz gut nachweisen, aus denen - wenn auch aus recht verschiedenen Gründen - berühmtgewordene Vertreter ihrer Fachgebiete hervorgegangen sind. Aber auch für die die anderen oben erwähnten Fachgebiete, die in ihrem beruflichen und geistigen Profil weniger konturiert mit ihren überlieferten Autoren oder anonymen Werken - so etwa mit Cato, Columella, Plinius d. Ä., der 'Tabula Peutingeriana', Frontinus oder Johannes Lydos - in Erscheinung treten, ist dieser Typus der 'Größe' mit guten Gründen anzunehmen.

Die Übung 10 widmet sich exemplarisch Vitruv als einem aus dem großen Kreis antiker Architekten vor allem wegen seines Werkes 'De architectura' besonders bekanntgebliebenen Fachmann und seinen Ausführungen über die geistige und praltische Bedeutung seines Faches.

Ubung 10.

AUFGABEN:

1) Welcher Zeit ordnen Sie den unen (zu 3.) wiedergegebenen Quellentext zu?

2) Worin sieht Vitruv den Wert und die Aufgabe der Architektur? Worin unterscheidet sich sein Begriff der Architektur von dem uns heute geläufigen?

3) Welche prominenten Architekten seiner oder früherer Zeit erwähnt Vitruv, und warum ist uns von diesen Ihres Erachtens relativ wenig bekannt?

2. Die Bedeutung Vitruvs.

Bedeutung der Architektur und bedeutende Architekten: Vitruvius, De architectura, Buch 1, Kap. 1 bis 3.

Lateinischer Text und deutsche Übersetzung aus: Vitruv, Zehn Bücher über Architektur. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Curt Fensterbusch, Darmstadt 1976, S. 21 - 45.

3. Die Bedeutung des Hippokrates und des Galen.

Aus dem großen Kreis der zu ihrer Zeit berühmten Ärzte der Antike sind der Nachwelt nur wenige genauer bekannt geblieben, darunter Hippokrates (460 - 375 v. Chr.) und Galen (129 _ 199 n. Chr.); beide deswegen, weil sie Werke über medizinische Themen im weiteren Sinne verfassen, die schon zu ihrer Zeit weite Verbreitung und eingehende Diskussion finden, dann aber vor allem im Rahmen späterer, immer erneuter Kommentierung - einschließlich einer Zuschreibung nicht von ihnen stammender Texte - eine darüber weit hinausgehende Berühmtheit und fachliche Bedeutung als Autoritäten medizinischer Lehre und Praxis erreichen. Die Berühmtheit des Hippokrates etwa beruht insoweit etwa auch darauf, daß Galen ihn in sehr viel späterer Zeit kommentiert hat, die Berühmtheit Galens auch darauf, daß er im mittelalterlich-arabischen Raum rezipiert und kommentiert wurde. Die Überlieferungsgeschichte der Schriften des Hippokrates und des Galen mit ihren bis in das arabische und das europäische Mittelalter fortgesetzten Kommentierungen ist also eine Geschichte auch der Entstehung ihres singulären Nachruhms.

Galens Kommentar zu Hippokrates Schrift 'Über die Epidemien' 7. Teil (V 330, 12 - V 334, 18 L.) in arabischer Rezeption.

Deutsche Übersetzung aus: Galeni in Hippocratis epidemiarum librum VI commentaria I - VIII. Ediderunt Ernst Wenkebach und Franz Pfaff. Leipzig und Berlin 1937, S. 386 - 395.


Einleitung des Übersetzers ins Deutsche Franz Pfaff betreffend die nur arabisch überlieferten Bücher VI 6, 5 - VIII des Kommentars Galens zu Hippokrates 6. Buch über die 'Epidemien'.

Aus: Galeni in Hippocratis epidemiarum librum VI commentaria I - VIII. Ediderunt Ernst Wenkebach und Franz Pfaff. Leipzig und Berlin 1937, XIX f.

Die legendäre 'Größe', die einem Arzt wie Hippokrates schon in der Antike von der Nachwelt zugeschrieben wird, geht aus dem nachfolgend wiedergegebenen Bild aus dem 1. Jh. n. Chr. hervor, das den eigentlich im vollen Lichte der historischen Überlieferung stehenden Hippokrates (sitzende Figur) - wie den Gottmenschen Asklepios - an die Seite des heilkundigen Kentauren Chiron und des heilmächtigen Gottes Apollon rückt.

Hippokrates in Gesellschaft des heilkundigen Kentauren Chiron und des Gottes der Gesundheit Apollon.

Gemälde aus Pompeji. Heutiger Standort: Neapel. Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 138.

4. Berühmte römische Juristen.

Die Berühmtheit römischer Juristen beruht vor allem darauf, daß sie zu ihrer Zeit - wei Philosophen, nur für den Bereich der juristischen Wissenschaft und Praxis - schulbildend tätig sind oder Häupter traditioneller juristischer Schulen werden. Ihre Bedeutung kommt auch aus der rechtsfortbildenden und staatsnahen Funktion der römischen Jurisprudenz zum Ausdruck, die den führenden Juristen ja in der Republik- und der Kaiserzeit eine wesentliche Rolle bei der Rechtsfortbildung, in der Spätantike auch als traditionelle Autoritäten für die Geltung von Rechtssätzen verschafft.

Berühmte römische Juristen. Pomponius libro primo ad legem duodecim tabularum (Dig. 1, 1, 2, 2. 35 - 52).

Lat. Text aus: Corpis Iuris Civilis, Bd. 1: Institutionen (hg. von P. Krueger) und Digesten (Hgg. von Th. Mommsen), Berlin 1894, S. 4 - 5. Deutsche Übersetzung: Christian Gizewski

5. Bedeutende Spezialisten im 'öffentichen Dienst'.

In welchem Maße auch in der Antike ein kombiniertes Spezialistenwissen für bestimmte öffentliche Funktionen nötig ist, zeigt anschaulich und exemparisch das Werk des Sex. Iulius Frontinus über die Wasserversorgung Roms, in dem sich technische, geographische, physikalische, historische und juristische Kenntnisse eng und einmalig verbinden, welche Frontin für sein zeitweiliges Amt als curator aquarum benötigt, aber nirgendwo zusammengefaßt für den Dienstgebrauch vorfindet und deshalb in bedeutender Weise selbst zusammenzustellen unternimmt.

Den großen Einzugs- und Aufgabenbereich der 'cura aquarum' macht die Karte der 13 zur Zeit des Kaisers Nerva bestehenden Wasserleitungen Roms deutlich.

Ein Fachmann der öffentlichen Wasserversorgung Roms: Iulii Frontini de aquis urbis Romae libri II, prologus (1 - 3).

Lateinischer Text aus: The two Books on The Water Supply of the City of Rome of Sextus Julius Frontinus, Water Commissioner of the city of Rome A. D. 97. A photographic reproduction of the sole original Latin manuscript, and its reprint in Latin; also a translation into English, and explanatory chapters, by Clemens Herschel, hydraulic engineer, 2. ed., New York, London, Bombay and Calcutta 1913, S. 2 - 4. - Deutsche Übersetzung: Christian Gizewski..


Die 13 nach Rom führenden Wasserleitungen und ihr Einzugsbereich zur Zeit Frontins.

Abb. entnommen aus: The two Books on The Water Supply of the City of Rome of Sextus Julius Frontinus, Water Commissioner of the city of Rome A. D. 97. A photographic reproduction of the sole original Latin manuscript, and its reprint in Latin; also a translation into English, and explanatory chapters, by Clemens Herschel, hydraulic engineer, 2. ed., New York, London, Bombay and Calcutta 1913, nach S. 184.

6. Literatur, Medien, Quellen.

L.

Curt Fensterbusch, Einleitung zu: Vitruv, Zehn Bücher über Architektutr. Lateinisch-deutsch. Ins Deutsche übersetzt und kommentiert von Curt Fensterbusch, Darmstadt 1976, S. 1 - 16.

H. Plommer, Vitruvius and the later Roman building manuals, Cambridge 1973.

Heinrich Schipperges, Moderne Medizin im Spiegel der Geschichte, Stuttgart 1970, S. 84 ff. (Die Heilkunst des Hippokrates).

Wolfgang Kunkel, Die römischen Juristen. Herkunft und soziale Stellung. Mit einem Vorwort von Detlef Liebs, unveränderter ND der 2. Aufl. von 1967, Köln u. a. O. 2001.

The two Books on The Water Supply of the City of Rome of Sextus Julius Frontinus, Water Commissioner of the city of Rome A. D. 97. A photographic reproduction of the sole original Latin manuscript, and its reprint in Latin; also a translation into English, and explanatory chapters, by Clemens Herschel, hydraulic engineer, 2. ed., New York, London, Bombay and Calcutta 1913.

M.

German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 138 (Hippokrates, Chiron und Apollon).

Q.

Vitruvius, De architectura, Buch 1, Kap. 1 bis 3. Lateinischer Text und deutsche Übersetzung aus: Vitruv, Zehn Bücher über Architektur. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Curt Fensterbusch, Darmstadt 1976, S. 21 - 45.

Galens Kommentar zu Hippokrates Schrift 'Über die Epidemien' 7. Teil (V 330, 12 - V 334, 18 L.) in arabischer Rezeption. Deutsche Übersetzung aus: Galeni in Hippocratis epidemiarum librum VI commentaria I - VIII. Ediderunt Ernst Wenkebach und Franz Pfaff. Leipzig und Berlin 1937, S. 386 - 395.

Pomponius libro primo ad legem duodecim tabularum (Dig. 1, 1, 2, 2. 35 - 52). Lat. Text aus: Corpis Iuris Civilis, Bd. 1: Institutionen (hg. von P. Krueger) und Digesten (Hgg. von Th. Mommsen), Berlin 1894, S. 4 - 5. Deutsche Übersetzung: Christian Gizewski.

The two Books on The Water Supply of the City of Rome of Sextus Julius Frontinus, Water Commissioner of the city of Rome A. D. 97. A photographic reproduction of the sole original Latin manuscript, and its reprint in Latin; also a translation into English, and explanatory chapters, by Clemens Herschel, hydraulic engineer, 2. ed., New York, London, Bombay and Calcutta 1913.

Hippokrates in Gesellschaft des heilkundigen Kentauren Chiron und des Gottes der Gesundheit Apollon. Gemälde aus Pompeji. Heutiger Standort: Neapel. Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 138.


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)