Kap. 11: Berühmte Heilige, Märtyrer und religiöse Gelehrte.

ÜBERSICHT:

1. Antike Wertmaßstäbe für religiöse 'Größe' im allgemeinen und 'Größe' eines Christen im besonderen.

2. Paulus, der Begründer der Heidenmission.

3. Die Leidensgröße der Märtyrer in Lyon.

4. Die Bedeutung 'großer' Theologen in der Spätantike am Beispiel Augustins.

5. Literatur, Medien, Quellen.

1. Antike Wertmaßstäbe für religiöse 'Größe' im allgemeinen und 'Größe' eines Christen im besonderen.

Generell sind die Maßstäbe, nach denen die Gottheit menschliches Handeln bemißt, nur teilweise dem Menschen verständlich und mit seinen Bedürfnissen und Regungen deckungsgleich. Warum ein Mensch der Gottheit angenehm ist und bei ihr verdienstvoll gilt, ergibt sich daher nur teilweise aus dem, was unter den Menschen so angesehen wird, etwa aus tugendhaftem Verhalten. Die Gottheit schätzt den Menschen, der ihr respektvoll, vertrauensvoll und dankbar gegenübertritt und sich als völlig in ihrem Dienste stehend versteht, auch wenn ihm die Ratschlüsse der Gottheit gelegentlich nicht einleuchten. Was an menschlichem Verhalten dem 'Gottesdienst' entgegensteht, wie z. B. tendenziell übermäßiger Stolz, übermäßiger Eigenwillen, übermäßiges Macht- und Besitzstreben, übermäßiger Genuß, vor allem aber unbedachte oder gar absichtliche Verstöße gegen deutlich geäußerte göttliche Gebote, darf als der Gottheit mißfallend angesehen werden und wird von der Gottheit- jedenfalls prinzipiell - auch in irgendeiner Weise als als 'Verfehlung' bestraft, sei es in seiner irdischen Existenz, sei es nach seinem Tode. Der Mensch andererseits, der durch sein Tun oder einfach deswegen, weil Gott ihn dazu auserwählt hat, Gott nahesteht, tritt auf irgendeine 'übermenschlich' erscheindende Weise als 'Heiliger', d. h. mit göttlichem Geist Begabter hervor, sei es in seiner irdischen Existenz, sei es nach seinem Tode.

Das Christentum hat diese Auffassung von einer 'Frömmigkeit', 'Glaubensgröße', 'Gottwohlgefälligkeit' oder 'Heiligkeit' des Gott nahestehenden oder von ihm erwählten Menschen mit anderen antiken Religionen gemein. Aber als Religion besonderen historischen Charakters und theologischen Inhalts gibt es diesen Eigenschaften eine besondere Gestalt. Charakteristische Inhalte des christlichen Glaubens und Handelns sind vor allem

das bedingungslos parteiergreifende und unermüdliche Eintreten für das 'Reich Gottes' und die 'Gemeinschaft der Heiligen', in welcher der Geist Gottes schon in dieser Welt lebendig ist,

das offen an alle Welt gerichtete Bekenntnis, daß es nur einen Gott gibt und daß Jesus Christus Gottes zur Erlösung der Welt menschgewordener 'Sohn' ist,

die radikale Absage an die Fehlleitungen des Menschen durch das'Böse', als welches gottferne 'weltliche Bedürfnisse und Leidenschaften' ebenso abzulehnen und zu bekämpfen sind wie gottferne Auffassungen über Gott und seinen Heilsplan und die wirkliche Bestimmung und mögliche Befreiung des Menschen.

In dem Maße, wie sich ein Mensch in diesen Hinsichten bemüht, Gottes Anforderungen und Verhißungen gerecht zu werden, und dabei Beispielhaftes 'leistet', erscheint er in der christlich-kirchlichen Tradition als 'groß' im christlichen Sinne. Dieser Typus der 'Größe' ist in besonderer Weise 'weltfern' und 'weltfremd', ja ihm scheint eine Umkehrung der üblichen Sinn- und Wert-Vorstellungen zugrundezuliegen, etwa der Art, wie sie in der 'Bergpredigt' (Matth. 5) zum Ausdruck kommt. Geistig-geistliche Beschäftigung mit dem Willen Gottes, 'Liebestätigkeit' in der christlichen Gemeinde', Mission und Bekehrung der Ungläubigen stehen im Mittelpunkt des idealen christlichen Lebens, und Macht, Besitz oder Ansehen haben in ihm keinen eigenen Wert. Christliche 'Größe' wird außerdem so verstanden, daß sie nicht aus der Persönlichkeit des Menschen hervorgeht, sondern aus der Gnade Gottes kommt, also dem Menschen von Gott 'verliehen' ist.

Die Übung 11 befaßt sich mit einem Text des 'Kirchenvaters', d. h. des später in der kirchlichen Tradition hoch angesehenen christlichen Theologen und Bischofs Augustin (354 - 430 n. Chr.), der in seinen 'Confessiones' den Weg seiner Bekehrung zum Christentum erzählt. Darin werden die Maßstäbe und Motive einer von der 'Welt' sich abkehrenden'christlichen Neugeburt und Vervollkommnung' eines gebildeten und sozial hochgestellten Menschen seiner Zeit anschaulich deutlich, in der das Christentum zur maßgeblichen Religion des römischen Reiches wird.

Ubung 11.

AUFGABEN:

1) Welcher Epoche der der christlich-kirchlichen Entwicklung ist der unten (zu 4.) wiedergegebene Text des 'Kirchenvaters' Augustin zuzuordnen. Wie würden sie die literarische Gattung und den Sprachstil charakterisieren? Welche charakteristischen Einzelheiten des Lebenslaufs und der beruflichen und sozialen Umgebung können Sie feststellen?

2) Wie vollzieht sich die innere Entwicklung Augustins zum Christentum? Mit welchen religiösen und philosophischen Ideen seiner Zeit setzt er sich dabei auseinander? Was bedeutet ihm - mit Ihren Worten formuliert - Gott?

2. Paulus, der Begründer der Heidenmission.

Paulus, der Begründer der christlichen 'Heiden'-Mission und damit einer über den Rahmen des Judentums hinausreichenden, 'ökumenischen' christlichen Kirchenorganisation,gewinnt durch seine gedankliche ebenso wie durch seine organisatorische Arbeit an dieser Aufgabe im Selbstverständnis der christlichen Kirche eine besondere 'Größe'.

Der christliche Heidenapostel und Kritiker der jüdischen Tradition Paulus: Paulus, Römerbrief 1. 8, 28 - 39. 9. 10. 11.

Deutsche Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 1625, 1633 - 1637.

Als besonders aktive Begründer der christlichen Missionsarbeit und Kirchenorganisation nehmen Petrus und Paulus schon früh eine besondere Stellung unter den Aposteln ein. Aber ihre Bedeutung erhält späterhin vor allem auch dadurch Gewicht, daß sie durch ihr legendäres Martyrium eng mit der Geschichte der christlichen Gemeinde der Stadt Rom und ihres Bischofsamtes zusammenhängen. Diese besondere Bedeutung wird mit der Tolerierung des Christentums und seiner Umwandlung in eine Staatsreligion noch vergrößert, weil es bei der christlichen Gemeinde Roms um diejenige der bis zum 4. Jh. einzigen 'Haupstadt' des römischen Reiches geht. Das kommt in der nachfolgenden Abbildung des Petrus und Paulus auf einem Goldglas aus dem 4. jh. n. Chr. zum Ausdruck, auf der die beiden Apostel wie Senatoren dargestellt wirken, hervorgehoben nicht etwa durch ein Kreuzeszeichen oder andere Symbole des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, sondern durch einen Ehrenkranz.

Bild des Petrus und Paulus unter einem Ehrenkranz.

Aufzeichnung auf einem Goldglas aus dem 4. Jh. n. Chr., heute Vatikan-Bibliothek, Rom. Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 205.

3. Die Leidensgröße der Märtyrer in Lyon.

Die 'Größe' im standhaften Leiden bei dem Bekentnis des christlichen Glaubens auch während der immer wieder stattfindenden staatlichen Christenverfolgungen in römischer Zeit und der sie begleitenden Pogrome macht der nachfolgende, in seinen grausamen Einzelheiten durchaus glaubhafte, bei Eusebius von Caesarea (ca. 260 - 340 n. Chr.) in seiner 'Kirchengeschichte' wiedergegebene Bericht über eine Christenverfolgung in Lyon (um 177 n. Chr.) deutlich. Die 'Größe' der Märtyrer bleibt anders als die der 'Gründergestalten' der christlichen Kirche, der 'Kirchenväter' oder anderer berühmter Einzelpersonen oft anonym, hat aber dennoch in der christliche Tradition auch ihre eigene Bedeutung, etwa in der Herausbildung eines Kanons der durch ein Martyrium im Glauben besonders bewährten 'Heiligen'.

Die unvergessenen, im Leide bewährten Märtyrer von Lyon: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte, 5. Buch, 1 und 2.

Deutsche Übersetzung aus: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft. Übersetzung von Philipp Häuser (1932), durchgesehen von Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 233 - 245.

4. Die Bedeutung 'großer' Theologen in der Spätantike am Beispiel Augustins.

In seiner eingehenden Auseinandersetzung mit den philosophischen und religiösen Gedanken und Spekulationen seiner geistigen Herkunft und Umwelt ist Augustinus sicherlich nicht als ein typischer Konvertit zum Christentum zu betrachten. Sein Bericht über seine Konversion macht aber das gedanklich Zwingende an ihr erkennbar - auch wenn es aus heutiger Sicht in seiner Position Aporien zu geben scheint -, welches nicht nur die große geistige Bewegung hin zum Christentum in seiner Zeit erklärt, sondern auch deutlich macht, von welcher Bedeutung das genaue theologische Arumentieren für den Bestand der orthodox-katholischen christlich-kirchlichen Glaubensüberzeugungen in dieser Zeit der Auseinandersetzung mit konkurrierenden 'andersartigen' Ideensystemen ist. Die 'Größe' Augustins ergibt sich insoweit erst aus der dogmen- und kirchengeschichtlichen Rückschau und dürfte seiner Zeit noch nicht so bewußt gewesen sein wie späteren Generationen.

Der innere Weg Augustins vom weltlichen Rhetor zum christlichen Kirchenvater: Augustinus, Confessiones, 7, 1 - 17; 8, 6 f. und 11 f.; 9, 1 - 6.

Deutsche Übersetzung aus: Augustin, Bekenntnisse. Eingeleitet, übertragen und mit Anmerkungen versehen von Wilhelm Thimme, Stuttgart 1977, S. 171 - 193, 212 - 217, 226 - 229, 230 - 241.

Die rechtliche Anerkennung des Christentums als 'religio licita' mit einigen Toleranzedikten zu Beginn des 4. Jhs. n. Chr. (des Galerius und Licinius i. J. 311, des Konstantin und Licinius i. J. 313 n. Chr.), und seine Erklärung zu der auf dem Boden des römischen Reiches allein gülzigen, d. h. allein staatlich anerkannten Religion i. J. 391 (durch Valentinian II und Theodosius) macht eine neue Religionspolitik des römischen Staates nötig, innerhalb derer auch zu religiösen bzw. christlich-dogmatischen Fragen inhaltlich Stellung genommen werden muß. Die dabei eintretende staatlich-rechtliche Abgrenzung des Erlaubten und zu Fördernden von dem Verbotenen und zu Unterdrückenden wird damit ein Seitenaspekt der Tätigkeit christlicher Theologen, durch dessen politisches Gewicht sich auch der Charakter der ihnen später zuerkannten 'Größe' verändert. Er erhält ein politisches Moment, das - was seinen christlichen Charakter betrifft - in der Diskussion über die eigentlichen Aufgaben der christlichen Kirche späterhin oftmals zum Problem geworden ist. Die Ksauistik der Abgrenzungen, zu deren Verständnis auf die u. a. Literatur verwiesen werden muß, hat im übrigen wegen ihrer gesetzlichen Form etwas eher Juristisches als Theologisches.

4. Literatur, Medien, Quellen.

L.

Carl Schneider, Geistesgeschichte der christlichen Antike. (1954), (Gel+rzte Sonderausgabe) München 1970.

Rudolf Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, 7. durchgesehene, um Vorwort und Nachträge erweiterte Auflage, herausgegeben von Otto Merck, Tübingen 1977, S. 187 - 353 (Die Theologie des Paulus).

Jürgen Becker, Christoph Burchard, Carsten Colpe u. a., Die Anfäge des Christentums. Alte Welt und neue Hoffnung, Stuttgart 1987.

Adolf Harnack, Dogmengeschichte, Freiburg i. B. 1898 3.

Hiltgart L. Keller, Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten. Legende und Darstellung in der bildenden Kunst, Stuttgart 1979 4.

Hans Freiherr von Campenhausen, Griechische Kirchenväter, Stuttgart u. a. O. 1967 4.

Hans Freiherr von Campenhausen, Lateinische Kirchenväter, Stuttgart u. a. O. 1972 3.

Tankred Howe, Weisheit und Demut bei Augustinus, in: Andreas Goltz, Andreas Luther, Heinrich Schlange-Schöningen (Hg.), Gelehrte in der Antike. Alexander Demadt zum 65. Geburtstag, Köln, Weimar, Wien 2002, S. 219 - 236.

Heinrich Kraft, Kirchenväterlexikon, 5. Bd. der 'Texte der Kirchenväter', München 1966.

M.

German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 205 (Paulus und Petrus).

Q.

Neues Testament der Bibel, Paulus, Römerbrief 1. 8, 28 - 39. 9. 10. 11. Deutsche Übersetzung nach: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. In ungekürzter Fassung herausgegeben von T. Schwegler und A. Herzog (Große Familien-Bibel), Zürich 1974, S. 1625, 1633 - 1637.

Eusebios von Caesarea, Kirchengeschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft. Übersetzung von Philipp Häuser (1932), durchgesehen von Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 233 - 245.

Augustinus, Confessiones. Deutsche Übersetzung aus: Augustin, Bekenntnisse. Eingeleitet, übertragen und mit Anmerkungen versehen von Wilhelm Thimme, Stuttgart 1977, S. 171 - 193, 212 - 217, 226 - 229, 230 - 241.

Codex Iustinianus 1, 6 (De haereticis et Manichaeis et Samartitanis), 5, ed. Paul Krüger, Berlin 1895, S. 51.

Bild des Petrus und Paulus unter einem Ehrenkranz. Aufzeichnung auf einem Goldglas aus dem 4. Jh. n. Chr., heute Vatikan-Bibliothek, Rom. Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 205.


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)