Kap. 14: Populäre Athleten, Schauspieler und andere Akteure öffentlicher Spiele und Unterhaltung.

ÜBERSICHT:

1. Die Popularität antiker Athleten, Schauspieler und anderer Unterhaltungskünstler.

2. Zum Ruhm der Sieger in Olympia.

3. Zur Popularität der Schausteller in Rom aus 'heidnischer' und christlicher Sicht.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Die Popularität antiker Athleten, Schauspieler und anderer Unterhaltungskünstler.

Wie in Kap. 8 angesprochen, gibt es in der griechischen und römischen Antike zwischen der Kunst der öffentlichen Spiele und Unterhaltung einerseits und der Kunst des 'höheren Geistes' andererseits eine nicht ganz scharf gezogene, aber dennoch deutliche Grenze. Die Darbietungen ffentlicher Spiele etwa, soweit sie inhaltlich und in Ablauf und Stil einschränkungslos religiös-kultischen Zwecken dienen, gehören der Sphäre des 'höheren Geistes' an; tritt dagegen das Unterhaltungsmoment und auch das Gelderwerbsmoment bestimmend hervor, so handelt es sich um privatgeschäftlich betriebene 'Unterhaltungskunst'. Dient die Veranstaltung 'sportlicher' und musischer Wettkämpfe ausschließlich kultisch-religiösen Zwecken, so kommt diesen 'Agonen' der Charakter einer gottgeweihten und -nahen Kunsttätigkeit zu. Tritt bei ihnen jedoch - und sei es irregulär - in bestimmender Weise das Moment der persönlichen Selbstdarstellung, der rein politischen Propaganda oder der Geldgeschäfte mit sportlichen, kämpferischen oder musischen Fähigkeiten und Erfolgen hervor, so handelt es sich ebenfalls um nur schaustellerische 'Unterhaltungskunst'

'Unterhaltung' ist nach antikem Verständnis ein legitimes Element des Alltagsglücks, jedoch ohne 'höheren Wert', ja immer wieder einmal gefährdet durch unzügelbare Tendenzen zur Unsittlichkeit und kulturellen Dekadenz. Das Verhältnis der 'Gebildeten' und 'Traditionsbewußten' zu ihr ist daher zwiespältig. Billigen Sie dem Alltagsglück eine mehr oder weniger große Rolle in der Rangordnung menschlicher Wertorientierungen zu, wie die Peripatetiker oder die Epikuräer, so ist es ihnen möglich, auch Leistungen der 'Unterhaltungskunst' ggf. als bedeutend anzuerkennen. Halten Sie das Alltagsglück für etwas 'Materielles', in starkem Maße 'irreführenden Leidenschaften und Begierden' Verhaftetes, wie die Akademiker oder die Stoiker - und später die Christen -, so stehen sie zumindest solchen Aspekten des Alltagsglücks sehr kritisch und abwehrend gegenüber, die einem 'wahren Glück' oder einem 'wirklichen Sinn' menschlicher Existenz entgegenstehen oder von ihnen wesentlich ablenken. Diese Zwiespältigkeit zeigt sich vor allem gegenüber der 'Komödie' oder dem 'Mimus', dem im Laufe seiner Entwicklung stark kommerzialisierten und politisierten Athletenwesen Griechenlands oder der 'Zirkusunterhaltung', einschließlich der Gladiatorenspiele Roms. Selbt der Kyniker Diogenes hält Athleten für "stumpfsinnig, weil sie "aus Schweine- und Ochsenfleisch aufgebaut" sein (Diogenes Laertions, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Diogenes 49) und macht damit seine völlige Nichtachtung des zu seiner Zeit üblich gewordenen reinen Unterhaltungssports deutlich.

Dennoch sind alle Einrichtungen der 'Unterhaltung' fest in der Alltagskultur Griechenlands und Roms verankert und bilden ihre eigenen festen Traditionen und wechselnden Moden eines volksnahen Unterhaltungswesens aus. Sie sprechen - wie in unserer Zeit - gelegentlich, aber sicherlich nicht ausschließlich rohe oder nichtsnutzige Bedürfnisse der Menschen an, die an ihnen Gefallen finden - wie etwa Tierhetzen oder Gladiatorenkämpfe -, sondern notwendig ein ganzes Spektrum menschlicher Gefühle, dramatischer Projektionen und alltagskultureller Identifikationsbedürfnisse, die, auch wenn sie außerhalb bestimmender Normen einer 'Geisteskultur' stehen, dennoch nach Ausdruck und Aufnahme, Mitteilung und Verständnis streben. Die heutige Diskussion über Tradition und Wert der in Spanien üblichen Arenen-Stierkämpfe mag im übrigen, auch was die grausamen Aspekte öffentlicher Unterhaltung betrifft, auf ihre untergründigen Sinnmomente hinweisen.

Heitere und grausame Aspekte öffentlicher Spiele:

1) Eine Szene aus der Komödie 'Synaristosai' von Menander und 2) Darstellung einer Tierhetze.

1) Frauen beim Frühstück. Illustration der ersten Szene der Komödie Menandres 'Synaristosai', Mosaik des Dioskurides, aus einer pompejanischen Villa, entstanden um 100 v. Chr. Abb. entnommen aus: T., B. L. Webster, Hellenismus, Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Thimme, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1966), ND Baden-Baden 1979, S. 125. - 2) 'Borghese-Mosaik'. Abb. entnommen aus: Jean-Marie André, Griechische Feste , Römische Spiele. Die Freizeitkultur der Antike. Aus dem Französischen übersetzt von Katharina Schmidt, Leipzig 2002, S. 153.

Die Akteure dieser Interhaltungskunst - Schauspieler, Sänger, Musiker, Sportler im antiken Sinne, Gladiatoren u. a. entwickeln daher ein u. U. großes Maß an Popularität, das sie zu ihrer jeweiligen Zeit berühmter machen kann als politisch oder geistig Prominente. Allerdings wohnen diesem Typus der 'Größe' im wesentlichen nur die Leistungen des seinem Wesen nach illusionserzeugenden, die Leidenschaften und die Phantasie berührenden Schaugeschäfts inne, und es ist deshalb eine im allgemeinen nur kurzfristige persönliche 'Popularität', die diesem Typus von Größe zugrundeliegt.

Damit befaßt sich die folgende Übung 14.

Übung 14.

AUFGABEN:

1) Welcher Zeit ordnen Sie die Entstehung der unten wiedergegebenen Texte zu? Was sagen sie auf ihre jeweilige Weise über Leistungen und Ruhm antiker Athleten, Schauspieler oder anderer Unterhaltungskünstler aus? Welche kritischen Maßstäbe gehen jeweils in diese Aussagen ein?

2) Woraus erklären Sie sich die weitgehende Kritik des Nichtchristen Juvenal hier und des Christen Tertullian dort an den Formen römischer Unterhaltung und ihren Akteuren?

3) Was läßt sich aus der Darstellung des Pausanias über die Veränderung der Art des olympischen Ruhms im Laufe der Jahrhunderte entnehmen?

2. Zum Ruhm der Sieger in Olympia.

Pausanias schildert in seiner Beschreibung der historisch und kulturell bedeutenden Orte Griechenlands auch Olympia und kommt in diesem Zusammenhang auf die prominenten Sieger in olympischen - ursprünglich rein religiös-kultischen - Wettkämpfen, auf die politische Hintergrundsbedeutung olympischer Siege und Weihgeschenke und schließlich auch auf die bei den olympischen Spielen im Laufe der Zeit eintretenden Korruptionsphänomene zu sprechen. Aus der historischen Rückschau sind letztere als Anzeichen einer auch anderwärts in der griechisch-römischen Antike (z. B. im Theaterwesen oder bei den römischen Circuskämpfen) zu beobachtenden langfristigen Entwicklung religiös-kultischer Spiele zu faktischen 'Unterhaltungsveranstaltungen ' i. o. S. - mit zumeist nur noch äußerlich fortbestehendem traditionellen Rahmen - zu deuten.

Weihgeschenke und Siegerstatuen in Olympia: Pausanias, Beschreibung Griechenlands, 5 , 1, 1 - 21 sowie 6, 1, 1 - 7 und 6, 3, 9 - 16.

Deutscher Text nach: Pausanias , Beschreibung Griechenlands. Übersetzt und herausgegeben von Ernst Meyer.. 2 Bde, München 1972, Bd. 1, S. 277 - 280, 294 f. und 300 f.

Das Gedenken an ein Rennpferd und an einen Athleten.

Rennpferd aus Marmor. Teil eines Viergespanns, Weihgeschenk aus Argos für Olympia, entstanden um 485 v. Chr. Heutiger Standort: Akropolis-Museum, Athen und Grabrelief eines Wettkämpfers, aus Paros, entstanden um 455 v. Chr. Beide Abb. entnommen aus: Karl Schefold, Klassisches Griechenland, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1965), Neudruck 19802, vor S. 69.

3. Zur Popularität der Schausteller in Rom aus 'heidnischer' und christlicher Sicht.

Die feste Verankerung und Popularität des 'Mimus' und der Zirkusspiele einerseits und die aus teils sittlichen, teils religiösen Gründen unerbittliche Kritik an ihrem Unwert , ihren Darstellern und ihrem Publikum andererseits geht aus den nachfolgenden Texten Juvenals und Tertullians hervor. Die Sittlichkeitskonzeption und die Schärfe Kritik beider berühren sich und lassen gemeisame ideen- und kulturgeschichtliche Wurzeln erkennen.

Satirisches über beliebte römische Unterhaltungskünstler und ihre weiblichen Bewunderer: Juvenal, 6. Satire, 56 - 81.

Deutsche Übersetzung aus: Juvenal, Satiren. Übersetzung, Einführung und Anhang von Harry C. Schnur, Stuttgart 1969, S. 55.

Der Wert der Zirkus- und anderer öffentlicher Unterhaltung und die Größe ihrer Akteure aus der kritischen Sicht des Kirchenvaters Tertullian (De spectaculis 16 - 23).

Lat. Text und deutsche Übersetzung aus: Quintus Septimus Tertullianus, De spectaculis. Über die Spiele. Lateinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Karl-Wilhelm Weber, Stuttgart 1988, S. 52 - 73

Die Erinnerung an berühmte Gladiatoren.

Mosaik aus Torre Nuova mit namentlicher Erwähnung der am Kampf beteiligten Gladiatoren. Abb. entnommen aus: Jean-Marie André, Griechische Feste , Römische Spiele. Die Freizeitkultur der Antike. Aus dem Französischen übersetzt von Katharina Schmidt, Leipzig 2002, S. 151.

4. Literatur, Medien, Quellen.

L.

Jean-Marie André, Griechische Feste , Römische Spiele. Die Freizeitkultur der Antike. Aus dem Französischen übersetzt von Katharina Schmidt, Leipzig 2002.

Ingomar Weiler, der Sport bei den Völkern der alten Welt, Darmstadt 1981

H. V. Herrmann, Olympia, 1972.

M. Bieber, The History of the Greek and Roman Theatre, Priceton 1961.

J. Carsopino, Römisches Leben und Kultur in der Kaiserzeit, Stuttgart 1986 3.

Ludwig Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms in der Zeit von Augustus bis zum Ausgang der Antonnine, 4 Bde., Leipzig 1921 - 1923 10, Kap. VII (Die Schauspiele).

M.

Karl Schefold, Klassisches Griechenland, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1965), ND 1980 2, vor S. 69 (Rennpferd und Wettkämpfer).

T., B. L. Webster, Hellenismus, Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Thimme, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1966), ND Baden-Baden 1979, S. 125 (Mosaik mit Szene aus Menanders Komödie 'Synaristosai').

Jean-Marie André, Griechische Feste , Römische Spiele. Die Freizeitkultur der Antike. Aus dem Französischen übersetzt von Katharina Schmidt, Leipzig 2002, S. 151 und 153 (Tierhetze und Gladiatorenkampf).

Q.

Pausanias, Perihegesis. Deutscher Text: Pausanias , Beschreibung Griechenlands. Übersetzt und herausgegeben von Ernst Meyer.. 2 Bde, München 1972, Bd. 1, S. 277 - 280, 294 f. und 300 f.

Decimus Iunius Iuvenalis, Saturae. Deutsche Übersetzung aus: Juvenal, Satiren. Übersetzung, Einführung und Anhang von Harry C. Schnur, Stuttgart 1969, S. 55.

Quintus Septimus Tertullianus, De spectaculis. Über die Spiele. Lateinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Karl-Wilhelm Weber, Stuttgart 1988, S. 52 - 73.

Eine Szene aus der Komödie 'Synaristosai' von Menander: Frauen beim Frühstück. Illustration der ersten Szene der Komödie Menandres 'Synaristosai', Mosaik des Dioskurides, aus einer pompejanischen Villa, entstanden um 100 v. Chr.

Darstellung einer Tierhetze. 'Borghese-Mosaik'. Abb. entnommen aus: Jean-Marie André, Griechische Feste, Römische Spiele. Die Freizeitkultur der Antike. Aus dem Französischen übersetzt von Katharina Schmidt, Leipzig 2002, S. 153..

Rennpferd aus Marmor. Teil eines Viergespanns, Weihgeschenk aus Argos für Olympia, entstanden um 485 v. Chr. Heutiger Standort: Akropolis-Museum, Athen. Abb. entnommen aus: Karl Schefold, Klassisches Griechenland, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1965), ND 1980 2, vor S. 69.

Grabrelief eines Wettkämpfers, aus Paros, entstanden um 455 v. Chr. Abb. entnommen aus: Karl Schefold, Klassisches Griechenland, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1965), ND 1980 2, vor S. 69.

Die Erinnerung an berühmte Gladiatoren. Mosaik aus Torre Nuova mit namentlicher Erwähnung der am Kampf beteiligten Gladiatoren. Abb. entnommen aus: Jean-Marie André, Griechische Feste , Römische Spiele. Die Freizeitkultur der Antike. Aus dem Französischen übersetzt von Katharina Schmidt, Leipzig 2002, S. 151.


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)