Kap. 2: Einführung (II): Menschliche 'Größe' in lateinisch- und griechischsprachiger Begrifflichkeit und Überlieferung.

ÜBERSICHT:

1. Die Terminologie der 'Größe' in der lateinischen und griechischen Sprache.

2. Die Arten antiker Überlieferung über menschliche 'Größe' und berühmte Menschen.

3. Die nachantike Rezeption antiker Vorstellungen über 'Größe' und berühmte Menschen.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Die Terminologie der 'Größe' in der lateinischen und griechischen Sprache.

Zur Bezeichnung menschlicher 'Größe' oder anderer historischer Wichtigkeit existieren im Deutschen, Lateinischen und Griechischen verschiedene Worte mit unterschiedlichen Bedeutungshöfen. Zwar werden sie einer Person oft wie selbstverständlich kumuliert zugeschrieben. So wird einem Politiker mit Prestige oft auch moralischer Wert zugeschrieben; seinen Taten erkennt man den Charakter der Verdienstlichkeit zu; er scheint zu Höherem berufen, man spricht respektvoll von ihm, er bleibt der Nachwelt wie ein Halbgott in Erinnerung, er scheint eines hohen Einkommens wert usw. Und er glaubt möglicherweise selbst daran. Dabei ist er ja nur ein sterblicher Mensch, wie sich besonders eindrücklich, aber eigentlich selbstverständlich, bei Attentaten zeigt. Bei der Entstehnung seines Prestiges sind zumeist eher zufällige Momente der politischen Umstände, des Reichtsumserwerbs, der persönlichen Beziehungen mitursächlich gewesen; denn seine Arbeit, seine Tüchtigkeit, sein Ensatz, soweit sie vorliegen, unterscheiden ihn ja nicht von vielen anderen so zu bewertenden Menschen. Der Nachruhm eines 'Großen' ist daher zumeist übertrieben. Dasselbe gilt schon für seine Wertschätzuzng zu Lebzeiten. Seine Ehrungen, sein Einkommen, seine Autorität können außer jedem Verhältnis zu seinen Leistungen, Verdiensten und geistigen Fähigkeiten stehen; ja dies ist im politischen und wirtschaftlichen Bereich für 'Prominente' die Regel. Ja, mit einem hohen sozialen Rang kann sich andereseits besondere Unfähigkeit zu politischem Handeln verbinden - wie umgekehrt mit großen Fähigkeiten und Leistungen ungerechtfertigt geringe Geltung.

Das nachfolgende Schema soll die sprachlichen Ausdrücke zur Bezeichnung der verschiedenen begrifflich auseinanderzuhaltenden Aspekte historischer Wichtigkeit von Individuen im Griechischen, Lateinischen und Deutschen nebeneinanderstellen und in ihrer Wortbedeutung klären. Dabei sollen sowohl ihre partielle Bedeutungnachbarschaft als auch ihre teilweise erheblichen Bedeutungsdifferenzenerkennbar werden, die ein Historiker bei einer Übersetzung antiker Texte und bei der kritischen Würdigung überlieferter 'Größe' zu beachten hat. Bedeutungsnachbarschaft im Hinblick auf ihre Bedeutung für die 'öffentliche Meinung' haben etwa die Aspekte 'sozialer Rang'. 'hoher Nutzen', 'öffentliches Prestige' und 'häufige Erwähnung'. Im Hinblick auf 'Ideale des Geistes, der Tradition und der Sitte sind einander benachbart die Aspekte 'moralischer Wert', 'bedeutende Taten' und 'bleibende Erinnerung'. Eine stark religiöse oder mythische Herkunft und Bedeutung hat der Aspekt 'Anlage oder Berufung zu Großem'. Auch die Antike vermag also deutlich zwischem dem zu unterscheiden, was an menschlicher Größe vorwiegend die Meinung anderer, was wirklicher Wert und wirkliches Verdienst und was Beitrag oder Verursachung Gottes oder des Schicksals ist.

Deutsche, lateinische und griechische Worte, mit denen die verschiedenen Arten der 'Größe' eines Menschen ausgedrückt werden können.

Bezug auf:
Deutsch
Lateinisch
Griechisch
sozialen Rang Ansehen, Würde, Prominenz magnitudo, dignitas, eminentia axioma, time
moralischen Wert Größe, Tugend magnitudo, virtus, bonitas, probitas arete, megaleion, ethos
bedeutende Taten Größe, Verdienst, Preiswürdigket magnitudo, merita, facta, perfectio axiosyne, aristeia
Anlage oder Berufung zu Großem Begabung, Genie, Berufung ingenium, illuminatio, [christl.] vocatio proorismos, daimonion
häufige Erwähnung Bekanntheit, Ruf gloria, fama, claritas, nobilitas, celebritas pheme, gnosis
bleibende Erinnerung Ruhm, Denkwürdigkeit memoria doxa, mneme
hohen 'Grenznutzen' hoher Marktwert magni pretii time
öffentlichen Schein hoher Bedeutsamkeit Prestige praestigiae goeteia

2. Die Arten antiker Überlieferung über menschliche 'Größe' und berühmte Menschen.

Anknüpfend an Johann Gustav Droysens Unterscheidung in seiner 'Historik' lassen sich innerhalb der Erkenntnisgrundlagen der Geschichtswissenschaft 'Quellen' - als primär der Erinnerung dienende literarische und daher vor allem sprachwissenschaftlich-philologisch zu analysierende Träger historischer Informationen - einerseits und 'Reste' ('Überreste', 'Denkmäler') - als auch nicht-literarische und daher in hohem Maße auch mit anderen sonderfachlichen Methoden (etwa der Archäologie, Epigraphik oder Numismatik) zu analysierende Träger historischer Informationen andererseits unterscheiden. Dies Unterscheidung kann mancherlei Abgrenzungsprobleme aufwerfen, ist jedoch für den Zweck dieser Darlegungen geeignet. In beiden Gruppen von Informationsträgern gibt es Schwerpunktbereiche, welche eine besonders dicht Überlieferung über menschliche Größe und ihre Maßstäbe enthalten. Der exemplarischen Vorstellung ihrer Vielfalt dient die nachfolgende Übung, bei der es nur um 'Reste' ('Denkmäler') geht'.

Übung 2.

AUFGABEN:

1) Auf was und wen in welcher Zeit beziehen sich die nachfolgend wiedergegebenen antiken Quellen und Reste nach Ihrer Vermutung und Ihrem jetzigen Wissen?

2) Welche Maßstäbe der 'Größe' lassen sich in ihnen ausmachen?

Gesetzestext (nur lateinisch; bitte Textinhalt durch Kombination erschließen, soweit möglich).

Münzbild.

Teil einer Inschrift (lateinisch und deutsch).


Innerhalb der 'Quellen' i. S. Droysens, also der primär der Erinnerung dienenden literarischen Informationsträger, gibt es verschiedene literarische Gattungen, die in besonderem Maße über große oder sonst geschichtlich wichtige Menschen berichten, nämlich

das Epos (Beispiele: Ilias, Odyssee, Aeneis),

die 'Historie', die ob als eher 'narrative' (Beispiel: Herodot) oder als eher pragmatische (Beispiel: Thukydides) in der Antike ihr Augenwerk stets auf erzählerisch bemerkenswerte Persönlichkeiten oder auf wichtige Akteure in Politik und Krieg richtet,

die politische und justizielle, vor allem aber die rhetorische Polemik und die panegyrische Rhetorik, soweit sie schriftlich überliefert sind (Beispiele: Senecas polemische 'Apokolokyntosis des Kaisers Claudius'; Plinius 'Panegyrikus' auf den Kaiser Trajan),

die ethische Philosophie insoweit, als sie sich mit den Maßstäben der Tugend befaßt und dafür Beispiele anführt (Beispiele: Platons 'Politeia', Aristoteles 'Nikomachische Ethik'),

die Memorabilien-Literatur, welche von hervorragenden, erinnerungswürdigen Leistungen und Tugenden einzelner Menschen berichtet (Beispiele: Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia; Frontinus, Strategemata),

die biographische Literatur, welche bedeutende 'Weise' und Philosophen, Herrscher, Politiker und Feldherren als Persönlichkeiten nach ihrem Charaker, ihrem 'Genius' und ihrem Lebensschicksal dartsellt.

die religiöse Legenden-Literatur verschiedener religiöser Tradition einschließlich der christlichen,, in deren Mittelpunkt gottgesandte, gottbegnadete und durch göttlichen Geist geheiligte menschliche Individuen und deren berufenes Wirken in der Welt stehen.

Aber auch in anderen literarischen Gattungen finden sich immer wieder Hinweise auf menschliche Größe und große Menschen, wie das verschiedenartige, in diesem Skript verarbeitete Quellenmaterial zeigt.

Aus dem Bereich der 'Reste' oder 'Denkmale', wie sie Droysen nennt, sind jene erhalten gebliebenen Objekte der antiken Kultur für unser Thema von Bedeutung, die der persönlichen Würdigung und Ehrung, der politischen Hervorhebung und Legotoimation einzelner historischer Persönlichkeiten dienen. Dazu gehören etwa:

Öffentliche Ehreninschriften,

Grab- und Gedenkinschriften,

Münzbilder und -inschriften,

Statuen, Reliefs und andere Abbildungen 'großer' Menschen.

Aber auch etwa ganze Bauwerke, amtliche Urkunden und Gesetzestexte oder materielle Reste luxuriöser, deutlich personenbezogener Lebenshaltung, d. h. ganz unterschiedliche andere Informationsträger können für das Thema 'Menschliche Größe, große Menschen' mit direkten Aussagen oder über Schlußfolgerungen, die sie über ihre sozialen Bedingungen und Auswirkungen enthalten, von Bedeutung sein.

3. Die nachantike Rezeption antiker Vorstellungen über menschliche 'Größe' und über berühmte Menschen.

Innerhalb der nachantiken Aufnahme des antiken Erbes in Politik, Militärwesen, Recht, Religion, Philosophie, Wissenschaft, literarischer und bildender Kunst haben antike Vorstellungen über menschliche Größe und berühmte Menschen eine intensive Tradierung oder immer wieder auch Neuaufnahme (Rezeption) erfahren. Die Bedeutung von Namen wie Perikles, Alexander, Scipio, Hannibal, Cato, Cicero, Pompeius, Caesar, Ausgustus, Konstantin, Justinian, Jesus, Paulus, Augustinus, Sokrates, Platon, Aristotels, Hippokrates, Galen, Vitruv, Homer, Vergil, Herodot, Thulydides, Livius, Phidias mögen als wenige aus vielen möglichen Beispielen, die Prägekraft für das Bewußtsein nachantiker Epochen demonstrieren.Die zeitbedingte rezeptive Neuaufnahme antiker Vorstellungen über menschliche Größe tritt in der Geistesgeschichte, etwa in der Renaissance und im Humanismus mit ihrer Wiederbelebung antiker vochristlicher Ideale, oder auch in der Politikgeschichte, etwa in der Gründungsphase der USA oder in der Epoche der französischen Revolution von 1789 mit ihrer Orientierung an demokratischen und republikanischen Vorbildern der griechischen und römischen Geschichte exemplarisch hervor.

4. Literatur, Medien, Quellen.

L.

Holger Sonnabend, Geschichte der antiken Biographie. Von Isokrates bis zur Historia Augusta, München 2002.

Michael Grant, Klassiker der antiken Geschichtsschreibung, München 1981 (S. 260 - 287 / Biographien).

Hans-Günther Nesselrath (Hg.) unter Mitwirkung zahlreicher Wissenschaftler, Einleitung in die griechische Philologie, Stuttgart, Leipzig 1997.

Fritz Graf (Hg.) unter Mitwirkung zahlreicher Wissenschaftler, Einleitung in die lateinische Philologie, Stuttgart, Leipzig 1997.

W. Schmid, O. Stählin, Geschichte der griechischen Literatur, Handbuch der Altertumswissenschaft VII. Abt., 1. Teil (Die klassische Periode der griechischen Literatur), Bde. 1 - 5, (1929 - 1934) ND München 1946 - 1959.

W. v. Christ, O. Stählin, W. Schmid, Geschichte der griechischen Literatur, Handbuch der Altertumswissenschaft VII. Abteilung, 2. Teil (Die nachklassische Periode der griechischen Literatur), Bde. 1 und 2 (1914 - 1935) ND München 1966 - 1971.

Martin Schanz, Carl Hosius, Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Handbuch der Altertumswissenschaft, VIII. Abt., 4 Teile, (1920 - 1927), ND München 1966 - 1971.

Karl Christ, Antike Numismatik. Einführung und Bibliographie, Darmstadt 19913, S. 24 ff., 55 ff., 59 ff.

Leonhard Schumacher (Hg.), Römische Inschriften. Lateinisch-deutsch, Stuttgart, 1988, S. 174 ff. (Ehreninschriften), S. 232 ff. (Grabinschriften).

R. R. Bolgar, Classical Influence in European Culture (1500 - 1870), 3 Bde., Cambridge 1971 - 1979.

Gilbert Hignet, The Classical Tradition. Greek and Roman Influences in Western Literature, (1949), ND London, Cambridge, New York 1967.

Johann Gustav Droysen, Historik. Rekonstruktion derc ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857). Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedruckten Fassung (1882). Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart-Bad Cannstadt 1977.

M.

K. E. Georges, Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, 2 Bde., Hannover, Leipzig 19138, ND Graz 1959.

W. Pape, M. Sengebusch, Griechisch-deutsches Handwörterbuch, 3 Bde., (1914 ), ND Graz 1954.

Max Miller, Münzen des Altertums, Überarbeitung von Tyll Kroha, Braunschweig 1963 3.

Q.

Augustus, Res gestae. Tatenbericht. Lateinisch, deutsch und griechisch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Marion Giebel, Stuttgart 1975. Eine verwendbare wissenschaftliche Texteditionmit kritischem Apparat ist: P. A. Brunt, J. M. Moore, Res gestae divi Augusti, London 1967.

Bronzemedaillon Kaiser Konstantins in: Max Miller, Münzen des Altertums, Überarbeitung von Tyll Kroha, Braunschweig 1963 3, Tafel XXXII, Nr. 68 (Konstantinus), und S. 184.

Codex Iustinianus 1, 27, 1 (De officio praefecti praetorio Africae et de omni eiusdem dioeceseos statu), ed. Paul Krüger, Berlin 1895, S. 77 ff.


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)