Kap. 3: Heroen und Wundertäter kraft göttlichen Auftrags.

ÜBERSICHT:

1. Zum Wesen des gottbegnadeten und gottbeauftragten Menschen in der antiken Mythologie, Religion und religiös-politischen Ideologie.

2. Die Gottmenschlichkeit des Herakles.

3. Die Übermenschlichkeit der Sibyllen.

4. Die Gottmenschlichkeit des Jesus Christus.

5. Die Divinität verdienter Herrscher, Politiker und Heerführer.

6. Literatur, Medien, Quellen.

1. Die Größe des gottbegnadeten und gottbeauftragten Menschen in der antiken Mythologie, Religion und religiös-politischen Ideologie.

Wie bereits in Kap. 1 dargelegt, pflegt im Begriff der 'Größe', aber auch in anderen die besondere Bedeutung von Menschen erfassenden Begriffen, soweit sie die Vorstellung von etwas Wunderbarem, die üblichen menschlichen Fähigkeiten weit Überschreitendem oder das übliche menschliche Schicksal Sprengenden enthalten, ein religiöses Moment eingeschlossen zu sein. Das ist die Vorstellung, der der in dieser Weise besonders Hervortrende tue dies aufgrund eines göttlich bestimmten Schicksals oder Auftrags, ja sogar als ein Mensch gewordener Gott. Die Verbindung von menschlicher Natur und göttlichem Wesen, die den hier gemeinten Typus 'mythischer Größe' erzeugt, findet sich in deutlichster Form in der antiken Mythologie. Dort wird regelmäßig Personen mit im ganzen menschlicher Natur die Fähigkeit zu Helden- und Wundertaten zugeordnet, und diese Fähigkeit nimmt, wie bei Herakles, im Laufe der Entwicklung des sie betreffenden Mythos ggf. sogar ständig zu. Sie stehen ferner, wie Herakles, mit der Götterwelt in enger Beziehung, stammen zumeist von Göttern ab und gehen nach ihrem Tode in die Götterwelt ein. Herakles in unterschiedlichen Zügen vergleichbar sind andere Gestalten der griechischen Heroenmythologie, die ja mit der Göttermythologie und der Schöpfungsmythologie eine Einheit bildet, so zum Beispiel Perseus, Theseus, Kadmos, Orpheus, aber auch die Helden des trojanischen Krieges, in deren Handeln die Götter hineinwirken.

Eine andere Variante des göttlich beeinfußten und von göttlichem Geist erfülten Menschensind die Sibyllen ('Sibylle' = 'Dios boulee' = 'Gottes Rat'), von denen im Laufe der mythologischen Entwicklung mehrere bekanntw erden. Die Gottnähe dieser mythischer Personen mit überwiegend menschlicher Natur beschränkt sich auf wenige, allerdings deutliche übermenschliche Züge, nämlich auf die Fähigkeit, die Zukunft vorherzusagen und ein weit über das menschliche Normamß hinausgehendes hohes Alter zu erreichen.

Für eine dritte Variante steht schließlich der gottmenschliche Erlöser Jesus Christus. Er ist ein Mensch, aber zugleich auch die Entäußerung Gottes in die Gestalt eines Menschen. Wie das christliche Glaubensbekenntnis sagt, kehrt er nach seinem heilsamen Wirken und weltverändernden Leiden zu Gott zurück, hält am jüngsten Tage Gericht über die alte Schöpfungswelt und regiert in Einigkeit mit ihm und dem Heiligen Geiste das schon in der alten Welt neubegründete Reich Gottes.

Mit diesen Varianten des Typus 'mythischer Größe' beschäftigt sich die folgende Übung.

Ubung 3.

AUFGABEN:

1) Worin besteht nach den im folgenden wiedergegebenen Texten die göttliche und die menschliche Qualität des Herakles, der Sibyllen und des Jesus Christus?

2) Worin besteht ihr Ruhm und ihre Bedeutung für das Altertum und aus heutiger Sicht?.


Zu verschiedenartigen religiösen Tradidionen des altorientalischen Alteretums ebenso wie der griechisch-römischen Antike gehört es, auch dem Herrscher (wie in Ägypten oder Mespotamien, in den hellenistischen Monarchien und in der römischen Kaiserzeit ) oder einem wunderbar erfolgreichen und verdienstvollen Heerführer oder Politiker (wie in der Zeit der römischen Republik) ein gewisses Maß an göttlicher Berufung und Bestimmung zuzusprechen, ihn gewissermaßen mit der Größe eines mythischen Heroen auszustatten. Der unter P. 4 wiedergegebene, von Cicero stammende Text, das 'Somnium Scipionis' ist ein Beispiel für diese nicht nur 'orientalisch', sondern auch traditionell römisch mitgeprägte Denkweise. In Vergils 'Aeneis' finden wir sie, bezogen auf Casar und Augustus, in erweiterter, schon den römischen Kaiserkult begründenden Form.

2. Die Gottmenschlichkeit des Herakles.

Herakles ist ein besonders bekannter antiker Heros, dessen Mythos alle Momente des Typus gottmenschlicher Größe in beispielhafter Weise enthält.

Lexikalisches Wissen über Herakles: Blatt 1 - Blatt 2 - Blatt 3.

Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Mit Hinweisen auf das Fortwirken antiker Stoffe und Motive in der bildenden Kunst, Litertur und Musik des abendlandes bis zur Gegenwart, Hamburg 1974, S. 163 - 167.


Abbildung des Herakles, in Begleitung des Hermes den Höllenhund Kerberos an der Leine aus der Unterwelt heraufführend.

Abbildung des Herakles auf weißfigurigem Teller, heutiger Standort: Boston Museum of Fine Art, in: John Pinsent. Griechische Mythologie. Mit 26 farbigen und 100 einfarbigen Abbildungen, München 1969, S. 94.

3. Die Übermenschlichkeit der Sibyllen.

Die Sibyllen stehen hier für eine Variante der Gottmenschlichkeit, nämlich die Existenz bestimmter deutlich 'übermenschlicher' Züge eines Menschen, die nicht zu seiner Aufnahme unter die Götter führt, aber dennoch von diesen in ihrer Bedeutung für die menschliche Mitwelt des 'Übermenschen' deutlich gewollt ist.

Lexikalisches Wissen über die Sibyllen.

Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Mit Hinweisen auf das Fortwirken antiker Stoffe und Motive in der bildenden Kunst, Litertur und Musik des abendlandes bis zur Gegenwart, Hamburg 1974, S. 374 f.


Abbildung der Sibylle von Cumae im Gespräch mit einem Wanderer.

Wandbild aus der Casa dei Dioscuri, Pompeji, Museo Nazionale, Neapel. Aus: R. Etienne, Pompeji, die eingeäscherte Stadt, dt. Übersetzung und Bearbeitung von A. Fiebig und M. Sulzer, Ravensburg 1991, S. 119.

4. Die Gottmenschlichkeit des Jesus Christus.

Die Entäußerung Gottes in die Menschgestalt, sein 'Hinabsteigen in die Welt', um dort in kosmisch bedeutsamer Weise heilend und verändernd zu wirken, ist eine schon vorchristliche religiöse Vorstellung, die sich u. a. auch im Mithras- und im Attis-Kybele-Kult findet. Die Menschennatur des menschgewordenen Gottes hat dabei eine eigentümliche 'Größe', die nicht mehr und nicht weniger ist als die Selbstbestimmung Gottes, in dessen Allmacht es liegt, auch ohnmächtig, schwach und leidend zu werden, ja einen menschlichen Tod zu sterben, wenn er es nach seinem unerforschlichen Ratschluß für das Heil der Welt so beschlossen hat.

Jesus Christus im Nicaenischen Glaubensbekenntnis.

Aus. Die Bekenntnischriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Herausgegeben im Gedenkjahr der Augsburgischen Konfession 1930, berabeitet von H. Volz, ND Göttingen 1963, S. 26 f.


Christus, das A und O.

Abbildung auf einem Wandgemälde in der Katakombe S. Commodilla, südlich von Rom, aus dem 4. Jh. n. Chr., in: John Mc Manners (Hg.), Geschichte des Christentums, deutsche Übersetzung von Wolfdietrich Müller, Frankfurt, New York 1993, S. 45.

5. Die Divinität verdienter Herrscher, Politiker und Heerführer.

An Ciceros 'Somnium Scipionis' zeigt sich in beispielhafter Weise, wie sich der Typus mythischer Größe mit dem Bilde einer politisch-militärisch erfolgreichen und verdienstvollen historischer Persönlichkeit zu verbinden vermag, d. h. nicht nur mit der eines Herrschers in den Herrscherkulten 'orientalischer Tradition', sondern auch im griechisch-römischen Bereich auf dem Boden republikanischer Gemeinwesen bei der Darstellung und Selbstdarstellung ihrer prominenten aristokratischen Führerfiguren. Diese Verbindung macht die Annahme plausibel, daß dort, wo bei solchen historischen Persönlichkeiten von 'Größe' die Rede ist, auch eine mythische Überhöhung im Hintergrunde wirksam sein kann.

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Marcus Tullius Cicero, De republica. Übersetzt und herahsugegeben von Katl Büchner, Lateinisch-deutsch, Stuttgart 1981, S. 334 - 351.

Zur Ergänzung des Cicerotextes: Geozentrische und heliozentrische Vorstellungen über den Kosmos in der Antike.

Abb.entnommen aus: dtv-Lexikon der Antike, Philosophie-Literatur-Wissenschaft, Bd. 1, München 1970 2 ,s. v. 'Astronomie', S. 206 f.

6. Literatur, Medien, Quellen.

L.

Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie, dt. Übersetzung von Hugo Steinfeld, 2 Bde., Hamburg 1960.

Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Mit Hinweisen auf das Fortwirken antiker Stoffe und Motive in der bildenden Kunst, Literatur und Musik des Abendlandes bis zur Gegenwart, Hamburg 1974.

Jean-Pierre Vernant, Mythos und Gesellschaft im alten Griechenland, deutsche Übersetzung von Gustav Roßler, (1974), Frankfurt M. 1987 (Zu den Grundlagen und Methoden wissenschaftlicher Mythenonterpretation).

Fritz Jürß, Vom Mythos der alten Griechen. Deutungen und Erzählungen, Leipzig 1988, S. 21 - 43 (Strukturanalyse, Tiefenpsychologie bei der Mythendeutung).

John Mc Manners (Hg.), Geschichte des Christentums, deutsche Übersetzung von Wolfdietrich Müller, Frankfurt, New York 1993.

Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Grundriß der verstehenden Soziologie. 5. revidierte Auflage, besorgt von Johannes Winckelmann, Tübingen 1972, S. 140 ff. (Zum 'charismatischen' Herrschaftstyp).

M.

John Pinsent. Griechische Mythologie. Mit 26 farbigen und 100 einfarbigen Abbildungen, München 1969.

R. Etienne, Pompeji, die eingeäscherte Stadt, dt. Übersetzung und Bearbeitung von A. Fiebig und M. Sulzer, Ravensburg 1991

Q.

Cicero, Somnium Scipionis (De Republica, Fragment aus dem 6. Buch).Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Marcus Tullius Cicero, De republica. Übersetzt und herahsugegeben von Karl Büchner, Lateinisch-deutsch, Stuttgart 1981, S. 334 - 351.

Die Bekenntnischriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Herausgegeben im Gedenkjahr der Augsburgischen Konfession 1930, berabeitet von H. Volz, ND Göttingen 1963, S. 26 f.

Abbildung des Herakles auf weißfigurigem Teller, heutiger Standort: Boston Museum of Fine Art, in: John Pinsent. Griechische Mythologie. Mit 26 farbigen und 100 einfarbigen Abbildungen, München 1969, S. 94.

Wanderer und Sibylle, Wandbild aus der Casa dei Dioscuri, Pompeji, Museo Nazionale, Neapel. Aus: R. Etienne, Pompeji, die eingeäscherte Stadt, dt. Übersetzung und Bearbeitung von A. Fiebig und M. Sulzer, Ravensburg 1991, S. 119.

Abbildung des Christus auf einem Wandgemälde in der Katakombe S. Commodilla, südlich von Rom, aus dem 4. Jh. n. Chr., in: John Mc Manners (Hg.), Geschichte des Christentums, deutsche Übersetzung von Wolfdietrich Müller, Frankfurt, New York 1993, S. 45.


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)