Kap. 4: Legendäre Städtegründer, Gesetzgeber und Vorkämpfer für das Vaterland in früher Zeit.

ÜBERSICHT:

1. Die Größe legendärer Gemeinwesengründer, Gesetzgeber und Vorkämpfer für das Vaterland in Griechenland und Rom.

2. Die legendäre Größe Lykurgs als Beispiel für die ältere griechische Geschichte.

3. Die legendäre Größe des Romulus als Beispiel für die ältere römische Geschichte.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Die Größe legendärer Gemeinwesengründer, Gesetzgeber und Vorkämpfer für das Vaterland in Griechenland und Rom.

Eine Gruppe in Griechenland und Rom wohlbekannter antiker Persönlichkeiten, um die herum sich in starkem Maße Legenden über ihr Wirken in der Frühzeit ihrer Gemeinwesen bilden, sind Städtegründer, Gesetgeber oder beispielhafte Vorkämpfer für das Vaterland im Kriege oder für dessen innere Einracht bei inneren Konflikten. Sie befinden sich, was die ihnen zuerkannte 'Größe' betrifft, typologisch zwischen den Heroen (Kap. 3) und den später (Kap. 5) zu erörternden, schon voll im Lichte der historischen Überlieferung stehenden Heerführer und Politiker Griechenlands und Roms. Nach beiden Seiten gibt es einen fließenden Übergang. Ihre in starkem Maße legendenumwobene historische Existenz ist aus vielerlei Gründen zweifelhaft, selbst wenn es historische Persönlichkeiten gegeben haben wird, deren Existenz in die Legendenbildung - allerdings auf nicht mehr genau feststellbare Weise - miteingegangen sein dürfte. Das wird exemplarisch deutlich an den Figuren des spartanischen Gesetzugebers Lykurg und des Gründers der Stadt Rom Romulus, mit denen sich die folgende Übung befaßt.

Ubung 4.

AUFGABEN:

1) Was ist an den unten wiedergegebenen Darstellungen zweier berühmter Gründerfiguren Ihres Erachtens eher historisch, was eher legendär oder gar mythologisch? Wie kommt der Autor zu seinen Mitteilungen über längst vergangene Zeiten? Wo läßt er selbst Zweifel erkennen?

2) Worauf beruht die Größe der Dargestellten genau? Welche unterschiedlichen Maßstäbe der Bemessung der Größe der Dargestellten lassen sich ausmachen?


Zu den hier näher betrachteten Beispielen für den Typus des Gründers und Gesetzgebers lassen sich sowohl in anderen Bereichen der mittelmeerisch-nahöstlichen Altertumsgeschichte (Ägypten: die Pharaonen der 1. Dynastie, Israel: Moses) als auch in anderen Altertumskulturen der Welt (China: die 'weisen Könige' der ältesten Dynastie) Parallelen finden. In Griechenland und Rom gibt es außer Lykurg und Romulus zahlreiche andere Persönlichkeiten mehr oder weniger historischen Charakters, die nicht mehr eigentlich Heroen (wie z. B. Theseus für Athen) sind, aber doch eine besondere Weisheit und Sendung haben (wie z. B. Solon für Athen). So lassen sich für Korinth etwa Kypselos und Periander, für Milet Thrasybulos, für Makedonien Perdikkas oder Alexander Philhellen benennen. Für Rom sind die meisten Könige der Frühzeit Gesetzgeberkönige wie Romulus. Der frühen römischen Republik werden viele legendäre Protagonisten des Vaterlandes wie z. B. Horatius Cocles, Mucius Scaevola, Coriolanus, Cincinnatus, Appius Claudius, Camillus, Titus Manlius Torquatus, Publius Decius Mus und Lucius Papirius Cursor zugeordnet. Bei ihrer legendären Beschreibung spielten oft ihre Selbstaufopferung für das Vaterland, manchmal ihrer besonderen kriegerischen Erfolge und bemerkenswerterweise immer auch ihre menschlichen und politischen Schwächen eine Rolle, die ein wesentliches, in ähnlichen Formen wiederkehrendes Motiv dieser römischen Art der Legendenbildung zu sein scheint.

Derartige Legenden über maßstabsetzende Persünlichkeiten der Frühzeit eines Gemeinwesens erwachsen durchweg aus den Erklärungs- und Selbstvergewisserungsbedürfnissen sehr viel späterer Zeiten, in denen das Gemeinwesen einen Zustand der Entwicklung erreicht hat, innerhalb derer Traditionen und Neuerungen miteinander kollidieren und sich die Frage nach dem stellt, was von den Traditionen weiter gelten soll, weil es schon immer gegolten hat. Diese Frage läßt sich durch personalisierende Hinweise auf Autoritäten eines maßstabsetzenden Altertums leichter - wenn auch nur fiktiv - beantworten, als durch komplizierte oder gar nicht mehr mögliche historisch angemessene Erklärungen.

2. Die legendäre Größe Lykurgs als Beispiel für die ältere griechische Geschichte.

Die Figur des legendären Lykurg erhält in der spartanischen Verfassungsdiskussion des 3. Jh.. v. Chr., als sich Sparta mit den vom Achäischen Bunde und vom Antigoniodenreich ausgehenden Zwängen zu seiner Anpassung seiner Politik an die griechischen Verhältnisse auseinandersetzen muß, als argunmentative Stütze innerer Reformversuche, wie sie etwa etwa von dem König Kleomenes III. (260 - 219 v. Chr.) ausgehen, besondere Bedeutung. Die meisten der ihm persönlich zugeschriebenen 'großen' Verfassungsfestlegungen sind als Taten eines einzlenen Statsmannes in der von Plutrach aufgrund der ihm zu seiner Zeit zugänglichen Überlieferungsliteratur wiedergegeben Form nicht glaubhaft.

Lykurg, der legendäre Gesetzgeber Spartas (Plutarch, Lykurgos 4 - 10. 13. 14. 24. 31).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser, in Neubearbeitungen von Hans Floerke und später Ludwig Kröner, Bd. 1 (Theseus-Romulus, Lykurgos - Numa, Solon-Poplicola, Themistokles - Camillus, Perikles - Fabius Maximus), mit einer Einletung von Otto Seel, München um 1965, S. 108 - 114, 117, 118, 131, 139.


Darstellung des Lykurg auf einer spartanischen Münze, wohl hellenistischer Zeit.

Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981), S. 174.

3. Die legendäre Größe des Romulus als Beispiel für die ältere römische Geschichte.

Die Romulus-Remus-Legende enthält möglicherweise einen - allerdings nicht mehr genau bestimmbaren - historisch-realen Bezug, der die Einführung der etruskischen Stadtverfassung für den alten Siedlungsplatz Rom betrifft, welche im 8. Jh. v. Chr. stattgefunden haben dürfte. Andere Elemente der Legende dürften aus verschiedenen Zeiten und Quellen, darunter vielleicht auch sehr alten (wie z. B. die Legende von der Wölfin) stammen. Die Zusammenstellung dieser Legenden findet in augusteischer Zeit (Livius, Dionysios von Halikarnassos) mit ihrer Tendenz, die römische Vergangenheit als den vorherbestimmten Weg zu einer großen Gegenwart zu verstehen (vgl. Vergils Arneis) den uns bekannten und allein überlieferten Rahmen, zu dem der über sie im Rahmen seiner Romulus-Biographie berichtende Plutarch (45 - 125 n. Chr.) nichts Wesentliches hinzufügt.

Romulus, Gründer und Gesetzgeber Roms (Plutarch, Romulus 8 - 14. 28).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser, in Neubearbeitungen von Hans Floerke und später Ludwig Kröner, Bd. 1 (Theseus-Romulus, Lykurgos - Numa, Solon-Poplicola, Themistokles - Camillus, Perikles - Fabius Maximus), mit einer Einletung von Otto Seel, München um 1965, S. 70 - 76 und 94.

Vermutlich die 'kapitolinische Wölfin' mit Romulus und Remus.

Bronzestatue aus dem Anfang des 5. Jhs. v. Chr.. Fundort und heutiger Standort Rom. Abb. entnommen aus: Guido Mansuelli, Etrurien und die Anfänge Roms. In der Reie 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1963) ND Baden-Baden 1979, S. 116.

4. Literatur, Medien, Quellen.

L.

Oswyn Murray, Das frühe Griechenland, dt. Übersetzung von Kai Brodersen, München 19863.

H. Jeffery, Archaic Greece. The City-States 700 - 500 B. C., London 1976.

Robert G. Ogilvie, Das frühe Rom und die Etrsuker, dt. Übersetzung von Irmingard Götz, München 1988 3.

E. Gjerstad, Legenden und Fakten der frühen römischen Geschichte, in: V. Pöschl (Hg.), Römische Geschichtsschreibung, Darmstadt 1969, S. S. 367 - 458.

K.-J. Hölkeskamp, E. Stein-Hölkeskamp (Hg.), Von Romulus zu Augustus. Große Gestalten der römischen Republik, München 2000.

M.

Das alte Rom. Auswahl aus dem lateinischen Schrifttum. Für den Schulgebrauch herausgegeben und erläutert von Hermann Schulz, Frankfurt M. u. a. O. um 1955 2.

Sagen der Römer. Geschichte und Geschichten aus der Frühzeit Roms. Nach antiken Autoren erzählt von Waledmar Fietz, Leipzig 1980.

Q.

Plutarch, Biographie des Lykurg. Deutsche Übersetzung: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser, in Neubearbeitungen von Hans Floerke und später Ludwig Kröner, Bd. 1 (Theseus-Romulus, Lykurgos - Numa, Solon-Poplicola, Themistokles - Camillus, Perikles - Fabius Maximus), mit einer Einletung von Otto Seel, München um 1965, S. 108 - 114, 117, 118, 131, 139.

Plutarch, Biographie des Romulus.Deutsche Übersetzung: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser, in Neubearbeitungen von Hans Floerke und später Ludwig Kröner, Bd. 1 (Theseus-Romulus, Lykurgos - Numa, Solon-Poplicola, Themistokles - Camillus, Perikles - Fabius Maximus), mit einer Einletung von Otto Seel, München um 1965, S. 70 - 76 und 94.

Darstellung des Lykurg auf einer spartanischen Münze, wohl hellenistischer Zeit. Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 174.

Vermutlich die 'kapitolinische Wölfin' mit Romulus und Remus. Bronzestatue aus dem Anfang des 5. Jhs. v. Chr.. Fundort und heutiger Standort Rom. Abb. entnommen aus: Guido Mansuelli, Etrurien und die Anfänge Roms. In der Reie 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1963) ND Baden-Baden 1979, S. 116.


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)