Kap. 5: Berühmte Heerführer, Politiker und Rhetoren.

ÜBERSICHT:

1. Die 'Größe' politischer und militärischer Führer antiker Gemeinwesen.

2. Die 'Größe' des Themistokles und des Scipio Africanus.

3. Die 'Größe' des Demosthenes und des Cicero.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Die 'Größe' politischer und militärischer Führer antiker Gemeinwesen.

In den Gemeinwesen Griechenlands ebenso wie in der römischen Republik spielt die Konkurrenz prominenter, zumeist aristokratischer Politiker um die hohen Staatsämter eine besondere Rolle bei der Entwicklung einer typischen Form menschlicher 'Größe'. Leistungen, Fähigkeiten, Tugenden und Verdienste politischer und militärischer Führer antiker Gemeinwesen bestimmen sich auch nach Kriterien, die aus einem Regelwerk zur Begrenzung von Machtambitionen und zur Sicherung einer nicht-tyrannischen, gesetzmäßigen Verfassungsordnung hervorgehen. 'Größe' ist damit einerseits - was die ihr zugrundeliegenden Leistungen und Verdienste betrifft - für das allgemeine Wohl etwas politisch Wünschenswertes, andererseits aber im Falle fehlender Kontrolle u. U. auch auch etwas Bedrojilches, weil zur Regelüberschreitung und zum Ansehensmißbrauch Neigendes, dem entgegenzuwirken ebenfalls ein berechtigtes Anliegen der Politik sein kann. Daraus erklärt sich ein auffällig oft wiederkehrendes Merkmal in den Lebensläufen prominenter, deutlich im Lichte der historischen Überlieferung stehender antiker Staatsmänner und Heerführer: nämlich ein auch unter günstigen Umständen des Erfolgs immer wieder durch Konkurrenten gebremster Aufstieg des Prominenten zur 'Größe', ja nicht selten auch ein von politischen Konkurrenten oder Gegnern herbeigeführter Abstieg. Die Zerstörung des öffentlichen Ansehens eines Prominenten durch politisch-persönliche Diskretditierungskampagnen, Strafprozesse und Verbannung bzw. Ostrakisierung gehört auch zum Lebenslauf der in den Texten der folgenden Übung 5 b vorgestellten Persönlichkeiten, von denen zwei eher Heerführer und zwei im wesentlichen Zivilpolitiker sind: Themistokles und Scipio Africanus Maior einerseits, Demosthenes und Cicero andererseits. Darauf dürfte es wiederum zurückgehen, daß der Nachruhm dieser oder derartiger Persönlichkeiten, verglichen mit der 'Größe', die etwa Alexander und Caesar, Augustus und anderen römischen Kaisern in der Antike und oft auch später zuerkannt wurde, geringer ist, obwohl ihre Leistungen vergleichbar, manchmal vielleicht größer sind (z. B. die militärischen Leistungen Scipios gegenüber denen des Augustus). Der Grund dafür dürfte sein, daß sich der Ruhm der in Kap. 6 und Kap.7 erörterten Persönlichkeiten grundsätzlich oder wenigstens eine Zeitlangungebremst durch konkurrierende oder gar destruktive politische Gegenkräfte aufbauen kann.

In den antiken Gemeiwesen republikanischer oder demokratischer Struktur ist dennoch der politische Ehrgeiz ein mächtiges Antriebsmoment für die Politik. Die vorgeschriebene Form wahrend und dennoch immer wieder Ausschau danach haltend, wie die Ehre mit ungewöhnlichen Mitteln vermehrt werden kann, ist dieser Ehrgeiz ein Gegenstand oft höchster Anerkenung und zugleich schärfster Kritik. Mit diesen beiden Aspekten beschäftigt sich die nachfolgende Übung 5 a.

Ubung 5 a.

AUFGABEN:

1) Versuchen Sie den Inhalt der unten wiedergegebenen Sarkophag-Inschrift mit Ihren jetzigen Erkenntnismitteln und auch durch Kombination zu erschließen. In welche Zeit würden Sie sie einordnen? Welcher Zeit würden Sie ferner das in dem unten lateinisch-deutsch wiedergegebenen, von Plinius d. Ä. stammenden Text beschriebene Verhalten des Cato Censorius zuordnen?

2) Welchen Maßstab der Größe sehen Sie in der Sarkphag-Inschrift wirksam? Inwiefern und warum kommt ferner in dem Plinius-Text eine Kritk an übertriebenem Ehrgeiz zum Ausdruck, und wo dürfte Ihres Erachtens demnach Cato Censorius die 'wirkliche Größe' eines Feldherren gesehen haben?


Sarkophag mit Ehreninschrift für Lucius Cornelius Scipio Barbatus.

Abb. entnommen aus: Das alte Rom. Auswahl aus dem lateinischen Schrifttum. Für den Schulgebrauch herausgegeben und erläutert von Hermann Schulz, Frankfurt M. u. a. O. um 1955 2.

Cato d. Ä. über den historisch erwähnenswerten Elephanten Surus (Plinius, nat. hist. 5, 5, 11):

"Cato jedenfalls, obschon er die Namen der Feldherren in seinen Geschichtsbüchern bewußt wegließ, hat überliefert, daß ein Elephant, der im punischen Heere besonders tapfer ganz vorne kämpfte, Surus hieß und einen gebrochenen Stoßzahn hatte."

"certe Cato, cum imperatorum nomina annalibus detraxerit, eum qui fortissime poeliatus esset in Poenica acie tradidit Surum vocatum altero dente mutilato."

Lateinisch-deutscher Text nach: Marcus Porcius Cato. Vom Landbau. Fragmente. Alle erhaltenen Schrifte. Lateinisch-deutsch. Herausgegeben und kommentiert von Otto Schönberger, München 1980, S. 202 f.


Ubung 5 b.

AUFGABEN:

1) Vergleichen Sie anhand der unten wiedergegebenen Quellentexte Themistokles und P. Cornelius Scipio Africanus Maior. Worin bestehen ihre Verdienste um ihre Gemeinwesen? Wie entwickelt sich ihr Prestige und ihr Nachruhm?

2) Vergleichen Sie anhand der unten wiedergegebenen Texte Demosthenes und Cicero. Was hebt Plutarch biographisch an ihnen hervor? Worin besteht ihre historische Bedeutung aus heutiger Sicht?


2. Die 'Größe' des Themistokles und des Scipio Africanus Maior.

Themistokles und Scipio Africanus Maior sind beide Beispiele für im wesentlichen militärpolitisch agierende und erfolgreiche Politiker, deren 'Größe' in der selbstbewußt, vorausschauend und energisch durchgesetzten Rettung des Vaterlandes aus einer kaum abwendbar erscheinenden Notlage besteht und denen beiden ihre Verdienste in ihrem Lande später 'schlecht gedankt' werden, weil man sie für zu mächtig zu arrogant oder zu eigensinnig hält. Andererseits zeigen die hier wiedergegeben Quellen, welch hohes Maß an Verehrung beiden dennoch schon zu ihrer Zeit zuteil und auch späterwird. Für späteren Zeiten ist das historische Beispiel eines 'Retters das Vaterlandes' immer wieder einmal von praktischer, aktueller Bedeutung, und die dramtischen Momente einer solchen Rettung machen sie von selbst zu einem für historische Bildungsinteressen besonders interessanten Thema.

Plutarch hat in seinen Parallelbiographien dem Athener Themistokles in derselben Vergleichsperspektive auf römischer Seite den Camillus gegenübergestellt. Ihm zu folgen erschien an dieser Stelle, wo es um deutlich historische Persönlichkeiten gehen soll, nur deswegen nicht ratsam, weil in der Überlieferung über Camillus einige Elemente sehr unsicher sind und legendären Charakter haben. Scipio Africanis erschien inswoeit als Vergleichsperson besser geeignet.

Antike Büste des Themistokles.

Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 263 f.


Leben und Charakter des athenischen Feldherrn und Politikers Themistokles aus der Sicht Cornelius Nepos (Viri illustres, Themistocles).

Dt. Übersetzung aus: Cornelius Nepos, Berühmte Männer. Aus dem Lateinischen übersetzt und mit einer Einleitung, Erläuterungen, einem Namensverzeichnis und Literaturhinweisen versehen von Gerhard Wirth, München 1992 7, S. 28 - 36.

Antike Büste des Scipio Africanus Maior.

Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 246 f.


Der Friedensschluß mit den Puniern i. J. 202 und der Triumph des Scipio Africanus Maior (Livius, 30, 43 - 45).

Deutsche Übersetzung aus: Livius, Römische Geschichte, Buch XXVI - XXX. Der zweite punische Krieg, III. Übersetzt von Walther Sontheimer, Stuttgart 1969, S. 232 - 235.


Scipios Selbstbewußtsein und die Angriffe auf ihn in Rom (Aulus Gellius, Noctes Atticae 4, 18).

Lat. Text aus: Das alte Rom. Auswahl aus dem lateinischen Schrifttum. Für den Schulgebrauch herausgegeben und erläutert von Hermann Schulz, Frankfurt M. u. a. O. um 1955 2 , S. 83 f. Dt. Übersetzung: Christian Gizewski.


Scipio Africanus Maior bei Cicero ('Somnium Scipionis' in: De Republica, Fragment aus dem 6. Buch).

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Marcus Tullius Cicero, De republica. Übersetzt und herahsugegeben von Karl Büchner, Lateinisch-deutsch, Stuttgart 1981, S. 334 - 353.

Zur Ergänzung des Cicerotextes: Über den Sitz der vergöttlichten Seelen im Himmel.

Abb.entnommen aus: dtv-Lexikon der Antike, Philosophie-Literatur-Wissenschaft, Bd. 1, München 1970 2 ,s. v. 'Astronomie', S. 206 f.

3. Die Größe des Demosthenes und des Cicero.

Die vergleichende Gegenüberstellung des Demosthenes und Ciceros folgt Plutarchs Parallelbiographie undauch deren Motiven: Demosthenes und Cicero sind beide im wesentlichen Politiker der rhetorischen, nicht der militärischen Aktion; d. h. sie müssen mit anderen kooperieren, die militärische Gewalt auszuüben befähigt sind und sind von deren Kooüeration und Erfolgen abhängig. Ciceros langjährige Abhängigkeit von Pompeius oder Caesar drängt ihn wie andere aristokratische Politiker aus der zeitweilig ausgeübten aktiven Politik an der Spitze des Staates in das zweite Glied der politischen Prominenz und schließlich in eine weitgehende politische Enthaltsamkeit. Demosthenes Abhängigkeit von der militärischen Konfliktbereitschaft der griechischen Staaten einschließlich Athens, die er in eine Front zu Makdeoniens König Philipp bringen will, ist offenkundig, und sein politischer Einfluß ist mit deren Niederlage bei Chaironeia i. J. 338 v. Chr. beendet. Beide treten mit ihre rhetorischen Fähigkeiten, die den zivilen Volksführer, den 'Demagogen' im nicht-polemischen Sinne ausmachen, um so deutlicher hervor. Diese Fähigkeit verbindet sich bei beiden mit einer in langjährigen Studien erworbenen hohen literarischen und philosophischer Bildung; in deren praktischer Anwendung auf die rhetorische Praxis besteht ihr politischer Geist, ihr gebildetes politisches Engagement, die schon von ihren Zeitgenossen und später auch on Plutarchals ihre eigentliche 'Größe' verstanden werden. Dieser Typus der 'Größe' hat bei beiden eine tragische Komponente, weil sich beide leidenschaftlich-geistig für etwas engagieren, was durch die politisch-militärisch sich durchsetzenden Tendenzen ihrer Zeit überholt ist und ohne dominierende Machtpositionen nicht verteidigt werden kann: die Freiheit dre griechischen Poleis gegenüber Makedonien hier und die 'aristokratisch-republikanische römische Verfassungstradition dort.

Antike Büste des Demosthenes.

Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 98 ff.


Antike Büste des Cicero.

Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S.84 f.


Biographischer Vergleich des Demosthenes mit Cicero. Plutarch, Bioi paralleloi: Demosthenes - Cicero.

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, mit der Übersetzung von Johann Friedrich Kaltwasser (1799 - 1806) in der Bearbeitung von Hans Flörke (1913) in der Revision von Ludwig Kröner, München um 1960, Bd. 5, S. 227 - 320 (hier 307 - 310, 318 - 320).


Ludwig Kröner, Kurzcharakterisierung des Demosthenes und des Cicero aus heutiger historischer Perspektive.

Entnommen aus: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, mit der Übersetzung von Johann Friedrich Kaltwasser (1799 - 1806) in der Bearbeitung von Hans Flörke (1913) in der Revision von Ludwig Kröner, München um 1960, Bd. 5, S. 318 - 320.

4. Literatur, Medien, Quellen.

L.

A. J. Podlecki, The Life of Themstocles, Montreal, London 1975.

Albrecht Behmel, Themistokles. Sieger von Salamis und Herr von Magnesia: die Anfänge der athenischen Klassik zwischen Marathon und Salamis, Stuttgart 2001 2.

Werner Jaeger, Demosthenes. Der Staatsmann und sein Werden, (1939) Berlin 1963 3.

H. H. Scullard, Scipio Africanus. Soldier and politician, London 1970.

M. Gelzer, Cicero, Wiesbaden 1969.

Friedrich Klingner, Cicero, in: ders., Römische Geisteswelt, München 19655, S. 110 - 159.

Ludwig Kröner, Kurzcharakterisierung des Demosthenes und des Cicero aus heutiger historischer Perspektive. Entnommen aus: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, mit der Übersetzung von Johann Friedrich Kaltwasser (1799 - 1806) in der Bearbeitung von Hans Flörke (1913) in der Revision von Ludwig Kröner, München um 1960, Bd. 5, S. 318 - 320.

K.-J. Hölkeskamp, E. Stein-Hölkeskamp (Hg.), Von Romulus zu Augustus. Große Gestalten der römischen Republik, München 2000.

V. Saladino, Der Sarkophag des Lucius Cornelius Scipio Barbatus, Würzburg 1970.

M.

German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 84 f. (Cicero), 98 ff. (Demosthenes) , 246 f. (Scipio Africanus Maior), 263 f. (Themistokles).

Q.

Plutarch, Bioi paralleloi: Themistokles. Dt. Übersetzung: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, mit der Übersetzung von Johann Friedrich Kaltwasser (1799 - 1806) in der Bearbeitung von Hans Flörke (1913) in der Revision von Ludwig Kröner, München um 1960, Bd. 1, S. 240 - 273; und: Demosthenes - Cicero, Bd. 5, S. 227 - 320 (307 - 310, 318 - 320).

Cornelius Nepos, Viri illustres, Themistocles. Dt. Übersetzung. Cornelius Nepos, Berühmte Männer. Aus dem Lateinischen übersetzt und mit einer Einleitung, Erläuterungen, einem Namensverzeichnis und Literaturhinweisen versehen von Gerhard Wirth, München 1992 7, Themistokles: S. 28 - 36.

Livius, Ab urbe condita, B. 30, Kap. 43 - 45. Dt. Übersetzung aus: Livius, Römische Geschiuichte, Buch XXVI - XXX. Der zweite punische Krieg, III. Übersetzt von Walther Sontheimer, Stuttgart 1969, S. 232 - 235.

Aulus Gellius, Noctes Atticae 4, 18. Lat. Text aus: Das alte Rom. Auswahl aus dem lateinischen Schrifttum. Für den Schulgebrauch herausgegeben und erläutert von Hermann Schulz, Frankfurt M. u. a. O. um 1955 2 , S. 83 f. Dt. Übersetzung: Christian Gizewski.

Sarkophag mit Ehreninschrift für Lucius Cornelius Scipio Barbatus. Aus dem i. J. 1780 entdeckten Erbbegräbis der Scipionen an der Via Appia bei Rom. Abb. entnommen aus: Das alte Rom. Auswahl aus dem lateinischen Schrifttum. Für den Schulgebrauch herausgegeben und erläutert von Hermann Schulz, Frankfurt M. u. a. O. um 1955 2 , vor S.1. - Wiss. Textedition: Corpus Inscriptionum Latinarum I 2, 6/7; Inschrift wiedergegeben und kommentiert auch bei Leonhard Schumacher (Hg), Römische Inschriften. Lateinisch-deutsch, Stuttgart 1988, S. 232 f.

Marcus Porcius Cato. Vom Landbau. Fragmente. Alle erhaltenen Schrifte. Lateinisch-deutsch. Herausgegeben und kommentiert von Otto Schönberger, München 1980, S. 202 f.

Antike Büste des Themistokles. Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 263 f.

Antike Büste des Scipio Africanus Maior. Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 246 f.

Antike Büste des Demosthenes. Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 98 ff.

Antike Büste des Cicero. Abb. entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S.84 f.


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)