Kap. 6: Welteroberer und siegreiche Naturen.

ÜBERSICHT:

1. Die 'Größe' des berufenen Eroberers und überlegenen Siegers bei der militärischen Begründung oder Wiederherstellung von Weltreichen.

2. Die 'Größe' Alexanders.

3. Die Größe Caesars.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Die 'Größe' des berufenen Eroberers und überlegenen Siegers bei der militärischen Begründung oder Wiederherstellung von Weltreichen.

In den monarchisch regierten Herrschafts- und Reichsbildungen, aber auch in den republikanisch oder demokratisch verfaßten Gemeinwesen der Antike tritt ein Typus menschlicher 'Größe' besonders hervor, der des 'berufenen Eroberers oder überlegenen Siegers'. Er entwickelt sich sich unter politischen und kriegerischen Bedingungen, welche Begrenzung und Kontrolle schnell entstehender umfassender politischer und insbesondere militätischer Herrschaftsmacht nicht garantieren, ja sie ausschließen können. Die Herrschaftsstellungen 'großer' Eroberer, tyrannischer - d. h. im heutigen Sinne des Wortes 'diktatorischer' - Gewalthaber oder siegreicher Bürgerkriegspotentaten pflegen sich in labilen oder im historischen Wandel befindlichen Machverhätnissen entwickeln, in denen sich bisherige Gegengewichte verlieren oder nach ihrer Zerschlagung nicht mehr neu bilden können. Die typische 'Größe' der genannten Katergorie von Menschen ist daher auch sehr komplex. Sie enthält Elemenete wirklicher - insbesondere politischer und militärischer - Leistung des Herrschaftsinhabers, aber auch solche - später als göttliche oder schicksalshafte 'Berufung' oder 'Bestimmung' gedeuteter - glücklicher Zufälle in unwahrscheinlicher Reihung, ferner allerlei auf systematischer politischer Progaganda beruhenden Prestiges und schließlicg vielfältiger projektiver Legendenbildung (Kap. 1, Abschnitt 2). Bei der Entstehung dieses Typus der 'Größe' lassen sich drei Phasen im Lebenslauf der später 'großen' Persönlichkeit unterscheiden:

I. eine Aufbauphase, in der es dem später 'Großen'gelingt, die Fundamente einer gesicherten Machtstellung gegen Konkurrenz und feindlichen Widerstand und unter Hinnahme auch von Mißerfolgen zu legen,

II. eine Ausbauphase, in der es zu einer erfolgreichen und die Mitwelt überraschenden beachtlichen Abrundung und Erweiterung bestehender gesicherter Herrschaftsmacht mit militärischen Zwangsmitteln kommt, und

III. eine Kulminationsphase, bei der es darum geht, die erreichte Dominanzsrellung durch politische Integration und ideologische Legitimation unangreifbar und akzetabel für die Beherrschten und, wenn möglich, für die Feinde von gestern zu machen.

Mit diesem Typus der 'Größe' befaßt sich die folgende Übung 6, in deren Mittelpunkt die typologische Ähnlichkeit der 'Größe' der schon früher angesprochenen Persönlichkeiten Alexabders und Caesars steht, die auch Plutarch veranlaßt hat, sie in einen biographischen Vergleich miteinander zu stellen.

Ubung 6.

AUFGABEN:

1) Welchen Zweck verfolgt Plutarch Ihres Erachtens mit seinen Biographien über Alexander und Caesar? Auf welche Quellen beruft er sich in den unten wiedergegebene Textauschnitten ?

2) Welche besonderen Eigenschaften, Fähigkeiten und Leistungen Alexanders und Caesars, die ein Reden von ihrer 'Größe' begründen könnten, lassen sich aus den Textauschnitten entnehmen?

3) Welche Tendenzen und Formeln einer Mythopoiese im Zusammenhang mit der Herausbildung des politischen und militärischen Prestiges beider Herrscherfiguren werden von Plutarch erwähnt? Welche Ähnlichkeiten lassen sich im politischen und militärischen Schicksal beider ausmachen?


2. Die 'Größe' Alexanders.

Die Lebensbeschreibung Alexanders bei Plutarch verdeutlicht einerseits die zu seiner Zeit übliche Weise, Alexander als militärisch besonders fähigen und darüber hinaus 'berufenen' 'Sieger und Welteroberer' zu sehen, enthält andererseits zahlreiche kritische Bemerkungen über die legendären und propagandistisch verbreiteten Emelemente dieser 'Größe'. Auch für die heutige Sicht ist die Fähigkeit Alexanders, seine Eroberertätigkeit mit strategischem Blick für die Schwächen seines Gegners systematisch anzulegen und andererseits mindeststes drei kritische, in ihrem Ausgang völlig ungewisse Entscheidungsschlachten mit überlegenem taktischen Geschick zu seinen Gunsten zu wenden, bewunderungswert, auch wenn sie ihn weder zu einem begabten Politiker, noch zu einem Freund der Menschheit und Kultur, einem großen Weisen oder gar zu einem Gott macht. Ein weiteres Moment der 'Größe' Alexanders ist nicht eigentlich seiner Leistung zuzuschreiben , nämlich die bloße, nicht vorhersehbare und folglich auch nicht planbare Auswirkung seiner erfolgreichen Eroberung des ganzen nah- und mittelöstlichen Bereichs für dessen hellenistische Politik- und Kulturgeschichte in den nachfolgenden mindestens drei Jahrhunderten.

Zur Größe Alexanders: Plutarch, Bioi paralleloi, Alexander (Auszüge).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Alexander - Caesar. Lebensbeschreibungen. Aus dem Griechischen übersetzt von Friedrich Salomon Kaltwasser. Überarbeitet von Wolgang Ritschel, Berlin, Weimar 1982, S. 42 - 47, 56 - 59.

Büste Alexanders.

Entstehung in Pergamon um 200 v. Chr. Heutiger Standort: Istambul. Abb. und Angaben entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 30.


Die taktisch-militärischen Fähigkeiten Alexanders.

Abb entnommen aus: Peter Green, Alexander der Große. Mensch oder Mythos? Dt. Übersetzung von Ernst von Podlesnigg, Würzbug 1974, S. 50, 97, 123 und 155


Die Strategie Alexanders und die Bedeutung seiner Reichsbildung für die Entwicklung des 'Hellenismus' im Nahen Osten.

Abb. entnommen aus: dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1. Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, (1964), München 1999 33, S. 64.


Der Nachruhm Alexanders: Historistische Darstellung der 'Alexanderschlacht' (Schlacht bei Issos i. J. 333 v. Chr.).

Pompejanisches Mosaik, Entstehung: 1. Jh. n. Chr. Heutiger Standort: Nationalmusieum Neapel. Abb. entnommen aus: Peter Green, Alexander der Große. Mensch oder Mythos?, dt. Übersetzung von Ernst F. Podlesnigg, Freiburg i. B. 1974, S. 126 f.

3. Die Größe Caesars.

Anders als bei Alexander spielt bei Caesar nicht nur eine militärische, sondern auch eine Politikerkarriere - d. h. nicht nur das Vorhandensein strategischer und taktischer, sondern auch politischer und rhetorischer Fähigkeiten bei der Entwicklung seiner singulärten Herrschaftsstellung eine wichtige Rolle. Über seine Position als 'neupopularer' Machtpolitiker nach der sullanischen Restaurationsepoche bahnt er sich seinen Weg in das erste 'Triumvirat' und wird erst über den gemeinsam mit Pompeius und Crassus ausgeübten maßgeblichen Einfluß auf die römische Innenpolitik in seine von ihm dann systematisch und erfolgreich ausgebaute Machthaberstellung in Gallien gebracht. Seine militärische Begabung erweist sich sowohl im Gallischen als auch im späteren Bürgerkrieg, wobei allerdings die hin und wieder auftretenden Gefährdungsmomente deutlicher hervortreten als bei Alexander. Auch Caesar erkennt aber Schwachstellen der ihm gegenübetretenden feindlichen Kräfte mit ähnlich scharfem Blick wie Alexander und weiß kritische Situationen - etwa des großen Aufstandes in Gallien oder der sersten Phase des Bürgerkriegs - wenn nicht sofort, so doch in späteren Anläufen zu meistern. Da er nach Beendigung des Bürgerkriegs in der Kulminationsphase seiner Herrschaftsstellung einem Attetntat zum Opfer fällt, hängt die von ihm erlangte spätere 'Größe' davon ab, daß seine Anhängerschaft sich nach seinem Tode zusammenfindet und letztlich unter Augustus dann um ihn herum ein auch Augustus in seiner Herrschaftsstellung legitimierender Personenkult entfaltet wird. Daß Caesar dadurch historisch-objektiv in die Rolle eines Gründervaters des römischen Kaisertums gerät, ist nicht seinem Wollen oder gar seiner Planung zuzuschreiben. Noch stärker als später Augustus versteht er sich ja trotz aller Ungewöhnlichkeit seiner Herrschaftsstellung als dennoch verankert in römischen politischen Traditionen, deren Überwindung in wesentlichen Punkten im objektiven, den Protagonisten aber noch nicht völlig bewußten Zuge der Zeit liegt.

Zur Größe Caesars: Plutarch, Bioi paralleloi, Caesar (Auszüge).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Alexander - Caesar. Lebensbeschreibungen. Aus dem Griechischen übersetzt von Friedrich Salomon Kaltwasser. Überarbeitet von Wolgang Ritschel, Berlin, Weimar 1982, S. 92 - 97, 114 - 118, 118 f., 142- 147.

In Tusculum aufgefundener Marmorkopf aus dem 1. Jh. v. Chr.; vermulich Büste Caesars.

Abb. und Angaben entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 75 ff .


Die strategischen und taktischen Fähigkeiten Caesars bei seiner Kriegführung in Gallien.

Abb. entnommen aus: Der große Atlas Weltgeschichte, hg. von E. Stier u. a., Westermann-Verlag, Braunschweig 1997, S. 29.

Die Bedeutung Caesars für die Erweiterung und Sicherung des Terrotorialbestandes des römischen Reiches.

Abb. entnommen aus: Der große Atlas Weltgeschichte, hg. von E. Stier u. a., Westermann-Verlag, Braunschweig 1997, S. 28.

4. Literatur, Medien, Quellen.

L.

Siegfried Lauffer, Alexander der Große, München 19812.

Peter Green, Alexander der Große. Mensch oder Mythos? Dt. Übersetzung von Ernst von Podlesnigg, Würzbug 1974.

Alfred Heuss, Alexander der Große und das Problem der historischen Urteilsbildung, Historische Zeitschrift (HZ) 225 (1977), S. 29 - 64.

Alfred Heuss, Alexander der Große und die politische Ideologie des Altertums, in: ders.. Gesammelte Schriftem in 3 Bänden, Stuttgart 1995, Bd. 1, S. 147 - 186.

Werner Dahlheim, Julius Caesar. Die Ehre des Kriegers und der Untergang der römischen Republik, München 1987.

F. Gundolf, Caesar. Geschichte seines Ruhms, Berlin 1925.

M.

German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 30 (Alexander) und S. 75 ff. (Caesar).

dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1. Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, (1964), München 1999 33, S. 64.

Der große Atlas Weltgeschichte, hg. von E. Stier u. a., Westermann-Verlag, Braunschweig 1997, S. 28.

Q.

Plutarch, Bioi paralleloi: Alexander - Caesar. Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Alexander - Caesar. Lebensbeschreibungen. Aus dem Griechischen übersetzt von Friedrich Salomon Kaltwasser. Überarbeitet von Wolgang Ritschel, Berlin, Weimar 1982, S. 42 - 47, 56 - 59, 92 - 97, 114 - 118, 118 f., 142- 147.

Flavius Arrianos, Anabasis. Deutsche Übersetzung: Arrian, Alexanders des Großen Zug durch Asien,. Eingeleitet und übertragen von Walter Capelle. (1952) ND Stuttgart o. D.

Gaius Iulius Caesar, Commentarii belli Gallici. Lateinisch - deutsche Ausgabe: Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico - Der Gallische kieg. Übersetzt und herausgegeben von Marieluise Deismann, Stutgart 1991.

Caesar, Commentarii Belli civilis. Deusche Übersetzung: Gaius Julius Caesar, Der Bürgerkrieg. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Marieluise Deismann-Merten, Stuttgart 1983.

Büste Alexanders. Entstehung in Pergamon um 200 v. Chr. Heutiger Standort: Istambul. Abb. und Angaben entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 30.

In Tusculum aufgefundener Marmorkopf aus dem 1. Jh. v. Chr.; vermulich Büste Caesars.Abb. und Angaben entnommen aus: German Hafner, Bildlexikon antiker Personen, (1981) Zürich 1993, S. 75 ff .


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)