Hinweise zur Lösung der Übungsaufgaben in Kap. 1 - 14.


Übung 1 a.

AUFGABEN:

1) Um wen handelt es sich bei den im folgenden wiedergegebenen Persönlichkeiten, wann lebten sie und durch was wurde nach Ihrem jetzigen Wissen ihr antiker Ruhm begründet?

2) Worin würden Sie heute ihre historische Bedeutung und evtl. 'Größe' sehen?

ABBILDUNGEN:

Abbildung 1

Abbildung 2

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Es geht einmal um den griechischen König Alexander II. von Makedonien (356 - 323, reg. 336 - 323 v. Chr.), den Sohn Philipps des II. von Makedonien - zumeist 'Philippou' (Sohn des Philipp), nach seiner Eroberung der Perserreichs zunehmend auch 'Megas' (der Große) genannt.

Zum anderen geht es um Gaius Iulius Caesar (100 - 44 v. Chr.), den geschickten und fähigen römischen Zivilpolitiker und Redner der 70er bis 40er der römischen Republik, das Mitglied des gemeinsam mit Pompeius und Crassus gebildeten 'ersten Triumvirats' (60 - 51 v. Chr.), den eindrucksvoll erfolgreichen Militärführer des Gallischen Kriegs (58 - 51) und des Bürgerkriegs in (51 - 46) und schließlich zum unumschränkten Militärbefehlshaber auf Lebenszeit (48/46 - 41) gewordenen faktisch 'ersten römischen Kaiser '.

Alexander beginnt seine Regierung im Jahre 336 im Alter von 20 Jahren und gelangt dann in wenigen Jahren zu seiner 'Größe' ganz überwiegend durch seine Eroberungsaktionen, die seit 335 das ganze Perserreich des bisherigen Großkönigs Dareois III. Kodomannos (reg. 336 - 330 v. Chr.) unter makedonische und damit unter Alexenders Herrschaft bringen. Weder seine später hervorgehobene 'zivilisatorische Leistung' einer 'Annäherung' der makedonischen Erobererschicht nach der Reichseroberung an die aristokratische Schicht des Perserreiches noch seine ihm im Laufe der Jahre zunehmend zuteilwerdenden religiösen Ehren haben aus der Sicht heutiger historischer Bewertung irgendein wirklich beachtliches Eigengewicht dafür, eine 'Größe' Alexanders zu begünden. Sie sind vielmehr zu verstehen als reine Handlungsfolgewirkungen der militärisch aufgebauten und dann zu sichernden Herrschaftsmacht. Erst recht nicht seine ihm in den Jugendjahren (von 344 - 340 v. Chr.) von seinem Lehrer Aristoteles vermittelte Bildung kann irgendeine außerordentliche Bildung oder gar Weisheit bewirkt haben, wie sie Alexeander später legendär nachgesagt wird. Seinen Zeitgenossen allerdings scheint das jugendliche Alter Alexanders bei seinen nicht länger als 10 Jahre dauernden und in vollem Umfang erfolgreichen Eroberungen als ein Wunder, ja als eine Art 'göttlicher Berufung' oder 'Genius' für ein den meisten Menschen nicht gegebenes beispiellos 'erfolg- und siegreiches Handeln'.

Caesars 'Größe' ist breiter angelegt und entwickelt sich etwas langsamer und gegen größere Widerstände als die Alexanders. Er bringt, im Alter von 35 Jahren beginnend, seit dem Jahre 65 v. Chr. eine zunächst primär zivile Amtskarriere vom Ädil bis zum Konsulsamt des Jahres 59 v. Chr.hinter sich. Erst dann übernimmt er als Proconsul neben dem zivilen vor allem den militärischen Oberbefehl in Gallien, der ihn nach acht Jahren nicht nur zu der letztlich gesicherten militärischen Eroberung des gesamten bisher nichtrömischen Galliens, sondern in den letzten Jahren seiner Statthalterschaft auch zu einer faktisch extraordinären militärischen Machtstellung im römischen Reich führt. Deren 'Umsetzung' in die römische Innenpolitik führt seit dem Jahre 51 v. Chr. zu einem langandauernden Bürgerkriegskonflikt mit den ihm entgegenstehenden Kräften aus dem Lager des Pompeius und der Altrepublikaner, und erst am Ende dieser fünfjährigen Auseinandersetzung, d. h. seit dem Jahre 46 nimmt Caesar eine unumschränkte, allerdings, wie auch sein Ende zeigt, instututionell-rechtlich prekäre und praktisch-politisch labile Stellung als faktischer Alleinmachthaber in Rom ein. Über seine besonders bewunderten strategischen und taktischen Fähigkeit hinaus, die Caesar zwar nicht immer, aber doch in entscheidenden Entwicklungslagen die Oberhand gegen seine gallischen ebenso wie seine römischen Bürgerkriegs-Feinde behalten läßt, heben seine - noch nicht der Schmeichelei unterworfenen Zeitgenossen, wie etwa Cicero - an ihm seine außerordentliche rhetorische Begabung und sein zielgerichtet-wirkungsvolles politisches Handeln hervor: ein meisterhaftes Agieren zwischen der Schaffung einer Massenanhängerschaft , der Bedienung der politischen Traditionen Roms und der Teilnahme an der Machtverteilung unter den informell Mächtigen Roms zu seiner Zeit.

Die Personen Alexanders und Caesars lassen, nebeneinander gestellt, erkennen, daß 'Größe' in beiden Fällen vor allem einen durchgreifenden und langfristigen militärischen Erfolg in einem reichsweiten, umfassend angelegten politisch-militärischen Kalkül voraussetzt, d. h. einen Erfolg, der sich sowohl gegen äußere Feinde als auch gegen zivile Widerstände am Ende einschränkungslos zu behaupten vermag. Dazu können auch einige andere Elemente der Bedeutsamkeit treten, die die Person nicht nur aus dem breiten Volke, sondern auch aus der Aristokratie hervorheben und zur im ganzen nicht mehr erschütterbaren Autorität werden lassen, insbesondere etwa, soweit nötig, die Fähigkeit zur öffentlich-rhetorischen Überzeugung und die politische Zielbestimmungs- und Gehorsamserzwingungsfähigkeiit. Ferner gehört essentiell zum politisch-militärischen Typus der 'Größe' auch das 'Prestige' in allen Spielarten und ohne Rücksicht darauf, ob seine Mythen- oder Legendenbildungen, seine religiöse oder politisch-ideologischen Formeln im konkreten Fall unbegründet oder schon in sich widersprüchlich und unglaubhaft sind.

Nicht wesentlich bei diesem politisch-militärischen Typus der 'Größe' sind dagegen offenkundig einige Momente, die unter anderen Bedingungen Menschen 'groß' werden lassen können, wie etwa besondere, beispielhafte Tugenden und ethische Erkenntnisse oder besondere, beispielhafte Äußerungen der Frömmigkeit, des aktiven Glaubens und religiösen Erkenntnis oder hervorragende musische, philosphiische, empirisch-wissenschaftliche oder technischen Taten und Fähigkeiten oder auch ein besonders spaktakulärer Reichtum. Allerdings ist es zweckmäßig, wenn von all dem zumindest ein wenig vorhanden ist oder glaubhaft behauptet werden kann, damit die 'Größe' nicht nur als gewalttätig, schrecklich und übermenschlich, sondern auch als menschlich, d. h. als allgemeinnützlich, freigiebig, pietäts- und traditionsbewußt, vernünftig und tugenhaft in Erscheinung treten kann.

Ist politisch-militärische 'Größe' etabliert, so kommt es als Folgewirkung offenkundig zu kollektiven Projektionen übermenschlicher Fähigkeiten und Leistungen auf den politisch-militärisch 'groß' gewordenen Machthaber, ja zu weit verbreiteten Annahmen über seine seine göttliche Berufung, seine ihm von einem Gott verliehene Weisheit und seine glückhafte Bestimmung. Bei Alexander spielen Vorstellungen von einer 'göttlichen Herkunft' eine zunehmende Rolle, je weiter auf persisches Reichsgebiet er vordringt. Bei Caesar tritt sie zwar erst mit seiner nach seinem Tode erfolgten 'Divinisierung' offen hervor. Bei beiden wird aber schon zu Lebzeiten von einer schicksalhafte 'Glück- und Sieghaftigkleit' gesprochen und sie scheinen sich zumindest gelegentlich - wenn auch nicht immer - selbst so zu sehen. So liegt in den Aussprüchen Alexanders "Nichts ist unüberwindlich für den Mutigen" (Plutarch 58) und Caesars "Ich kam, ich sah, ich siegte" ( Plutarch, Casar 50) letztlich die Überzeugung, die Götter auf seiner Seite zu haben, ja womöglich einer von ihnen zu sein. Hier haben wir mithin eine rein religiös-ideelle Folgewirkung, Erklärung und Legitimation der faktisch erlangten politisch-militärischen Alleinherrschaft vor uns.

Der hier erörterte Typus der 'Größe' illustriert die Entstehung und die Komponenten der 'Größe' in einer typischen Kombination: Ein Moment extraordinären Erfolgs und extraordinärer Herrschaftsmacht verbindet sich mit einer besonderen Begabung für nilitärische und politische Führung und einer mehr oder weniger automatischen religionsnahen 'Mythopoiese' oder sonstigen zumeist verherrlichenden Legendenbildung um den Alleinherrscher, und dies sichert nicht nur Ruhm, sondern auch langelebigen Nachruhm, bei Alexennder etwa im 'Alexanderroman' späterer Epochen, bei Caesar etwa in dem etymologisch von seinem Namen ausgehenden Titel des 'Kaisers'.

Zu 2)

In unserer heutigen Gegenwart haben Alexander und Caesar - zwei exemplarische 'Große' der griechischen und römischen Geschichte - nicht mehr dieselbe Bedeutung wie der Antike.Primär bedeutsam an ihnen erscheinen heute das historische Gewicht der von ihnen eingelieiten beachtlichen historischen Wandlungsprozesse - hin zum 'Hellenismus einerseits, hin zur Institution des römischen Kaisertumsg andererseits - und teilweiseauch ihre politischen, strategischen und taktischen Fähigkeiten. Von göttlicher Begnadung zu reden hat der Historiker außerdem für weit zurückliegende Epochen der Vergangenheit üblicherweise keinen Anlaß; denn man kann ja überhaupt nicht ausschließen, daß Alexander oder Caesar unter geringfügig anderen Weichenstellungen und Bedingungen des Krieges und der Politik größere Mißerfolge hätten haben, also nicht zu der 'Größe' hätten heranwachsen können, die sie schließlich erreichten. Ihre in der Antike vorgestellte und später ideengeschichtlich rezipierte 'Größe' erscheint aus historischer Sicht heute daher im wesentlichen als die auf ihre menschliche Person abgestellte a-posteriori-Erklärung einer jeweils kaum glaublichen Reihe für sie 'glücklicher' Zufälle an entscheidenden Stellen ihrer Lebenslaufbahn. Es ist generell sinnvoll, sich diese Funktion des Begriffs menschlicher 'Größe' - als sachlich unangemessenen, nämlich personalisierten Erklärungsmusters bei 'großen' historischen Persönlichkeiten - hinreichend vor Augen zu halten.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 1.


Übung 1 b.

AUFGABEN:

1) In welcher Zeit und in welchem Lebensumfeld ist wohl der nachfolgende Text entstanden? Was wissen Sie über den Autor?

2) Welche Kriterien legt Cicero bei der sozialen Bewertung eines Menschen zugrunde? Sind sie Ihres Erachtens gerecht? Warum sind sie Ihres Erachtens so, wie sie sind? Wie würden Sie das dieser Art des Prestige-Denkens zuzuorndende gesellschaftliche Modell begrifflich charakterisieren?

3) Welche Bevölkerungsgruppen haben im Rahmen einer solchen Prestige-Ordnung größere, welche geringere Chancen, zu allgemeinanerkannten Verdiensten, Leistungen, zu Größe, Ruhm oder Nachruhm zu gelangen, und welche weniger?

TEXT:

Cicero, De officiis 1, 150 f.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Der Textausschnitt stammt aus dem Werk 'De officiis' von Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.), einer systematischen Darstellung der Ethik, die im Jahre 44 v. Chr. entstand, einige Monate, bevor Cicero als Angehöriger der altrepublikanischen Gegenpartei den Proskriptionen der zur ausschließlichen Herrschaft gelangten Triumvirn Octavian, Mark Anton und Lepidus zum Opfer fiel. Cicero, einer Ritterfamilie entstammend und über eine Amtskarriere in den senatorischen Stand Roms aufgestiegen, von einer umfassenden philosophischen, rhetorischen, juristischen und politisch-historischen Bildung, prominenter Anwalt und Redner in justiziellen und politischen Angelegenheiten, gehört der römischen Aristokratie seiner Zeit an und gewinnt vor allem durch sein politisches und rhetorisches Agieren auf der innenpolitischen Bühne Roms, aber auch durch zahlreiche bedeutende Schriften über Fragen der Politik, Rhetorik und Philosophie Prominenz und schließlich Berühmtheit. Ihm fehlt in seinem Lebenslauf allerdings das anderen 'Großen' seiner Zeit - wie etwa Pompeius, genannt 'Magnus', oder Caesar - eigene Moment des außenpolitisch erfolgreich gehandhabten und dann innenpolitisch umgesetzten militärischen Oberbefehls.

Zu 2)

Schon aus der kleinen Textpassage ist erkennbar, daß der römische Autor dieses Textes sehr standes- und ehrbewußt und, was sein Verständnis der gesellschaftlichen Ordnung und ihrer Normen und Werte betrifft, sehr prinzipielle Auffassungen vertritt: an der vorliegenden Textstelle gegenüber der breiten, auf abhängige Arbeit angewiesenen und insbesondere gegenüber der sich gelegentlich rechtswidrig oder sittlich anstößig ernährenden Bevölkerung. Schon daraus ergäbe sich für eine Charakterisierung des Textautors, ohne daß man ihn kennen müßte, hinreichend sicher, daß er kaum zu den von ihm für nur begrenzt ehrenhaft bzw. für unehrenhaft gehaltenen Bevölkerungsschichten gehören dürfte. Ferner kann man sehen, daß Cicero nur Grundbesitzer mit mindestens selbstunterhaltsfähigem bäuerlichem Eigentum oder Kaufleute mit einem Umsatz,der zweifelsfrei unredliche Formen des geschäftlichen Unterhalts- bzw. Vermögenserwerbs ausschließt, als uneingeschränkt frei und ehrenhaft anerkennt. Daraus folgt indirekt, daß 'Größe' in seinen Augen allen anderen Bevölkerungsgruppen von vornherein nicht zukommen kann.. Unserer Zeit erscheint diese Auffassung sehr eng, ungerecht und darüber hinaus realitätsfern und unpraktisch. Doch muß man berücksichtigen, daß sich dabei die Vorstellung von einer traditionell eingeführten, rechtlichen und insoweit vernünftigen Zweiteilung der Gesellschaft in Oben und Unten, d. h. in ehrenhaftere Menschen (honestiores) und Normalmenschen des breiten Volkes (inferiores, plebeii), bei Cicero verbindet mit einer antik-'naturphilosophischen' Anerkennung, daß die Menschen 'von Natur aus', d. h. ohne daß dafür ihr gesellschaftlicher Status den Ausschlag geben muß, Anlagen zu Tugend, zu innerem Wert und auch zu irgendwelchen Formen insbesondere einer nicht politischen der 'Größe' haben können. Den Typus der gesellschaftlichen Ordnung, in deren Obeschicht sich diese Art des Denkens findet, kann man als agrarisch, maßgeblich durch ihre Aristokratie und zumindest teilweise durch konservative, also an Werten der Vergangenheit ('mos maiorum') orientierte politische Ideen bestimmt kennzeichnen. Was den letzten Punkt betrifft, deutet allerdings die entschlossene Schärfe der Ausführungen Ciceros daraufhin, daß sie in der politischen und geschäftlichen Praxis der gesellschaftlichen Umgebung Ciceros nicht die von ihm gewünschte Anerkennung finden; man muß sie also auch ein wenig als eine Art der 'Kulturkritik' verstehen.

Zu 3)

Für 'Größe' vorausgesetzt wird von Cicero ein von Freiheit und Ehrenhaftigkeit bestimmter 'sozialer' Wert' des Menschen, auf dem sich dann Verdienst um das Gemeinwohl, Ansehen und auch Nachruhm entwickeln können; in diesem Sinne stellt Cicero an anderer Stelle etwa Pompeius ('Pro imperio Cn. Pompei oratio') oder Scipio Africanus Maior ('Somnium Scipionis') als Beispiele vor. Das bedeutet streng genommen - und noch enger gefaßt - sogar , daß 'Größe' prinzipiell nur solchen Menschen zukommen kann, die als Inhaber verantwortlicher Ämter dem Gemeinwesen in hervorragender Weise dienen. 'Größe' dieses Typs hat für Cicero ebenso wie für andere traditions- und standesbewußte römische Aristokraten seiner Epoche vor allen anderen denkbaren Formen menschlicher Größe offenkundig einen Vorrang. Das führt zum einen dazu, daß die Sphäre verdienstvollen politischen Handelns als eine gottnahe erscheint, und zum anderen dazu, daß nur sehr wenige Menschen diese Art gottnaher 'Größe' auch wirklich erreichen können. Die Eigentümlichkeit dieses Typus ist im Vergleich etwa dem einer philosophischen 'Größe' oder dem des bewährten christlichen Glaubens deutlich erkennbar und daher zumindest für das antike Religions- und Geistesleben nicht auschließlich maßgeblich.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 1.


Übung 2.

AUFGABEN:

1) Auf was und wen in welcher Zeit beziehen sich die nachfolgend wiedergegebenen antiken Quellen und Reste nach Ihrer Vermutung und Ihrem jetzigen Wissen?

2) Welche Maßstäbe der 'Größe' lassen sich in ihnen ausmachen?

INTERPRETATIONSOBJEKTE:

Gesetzestext (nur lateinisch; bitte Textinhalt durch Kombination erschließen, soweit möglich).

Münzbild.

Teil einer Inschrift (lateinisch und deutsch).

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Es handelt sich um einige Beispiele aus dem Spektrum unterschiedlicher Kategorien von Quellen i. w. S. (Quellen und Reste), die für die Untersuchung antiker 'Größe' von Individuen in Betracht kommen können, nämlich a) um einen Auszug aus dem Gesetz Justininans C. J. 1, 27 (De officio praefecti praetorio Africae et de omni eiusdem dioeceseos statu) d. J. 534 n. Chr., b) um ein Bronze-Medaillon mit der Darstellung des Kaisers Konstantin (reg. 306 / 308 / 313 / 325 - 337 n. Chr. ), entstanden nach 317 n. Chr., und c) um einen Auszug aus dem 'Tatenbericht des Augustus' ('Res gestae divi Augusti') der von ihm i. J. 13 n. Chr., wenige Monate vor seinem Tode, verfaßt wurde. Der auszugsweise wiedergegebene Gesetzestext befaßt sich mit den Spitzeneinkommen in der römischen Zivilverwaltung des Präfekturbereichs Africa. Das Bronzemedaillon zeigt und preist den Kaiser Konstantin als Augustus zusammen (vermutlich) mit seinem i. J. 317 - gemeijsam mit seinen Brüdern - zum Caesar ernannten Sohn Konstantin. Der epigraphische Text gibt auszugsweise eine Selbtsdarstellung des Kaisers Augustus wieder, die an dieser Stelle vor allem seine Kriegsleistungen und Triumphe betrifft. - Alle Quellenpräsentationen lassen sich aufgrund einerkombinatorischen Formal- und Inhaltsanalyse ohne ungewöhnliche Sprach- und Geschichtskenntnisse sachlich und zeitlich ungefähr identifierren.

Zu 2)

In dem Gesetzestext der Justinianzeit spielt 'Größe' als politiusche und marktmäßige Bedeutung des Leiters der Verwaltung eines Reichsteils und die ihr entsprechende Höhe der Besoldung, die einem praefectus praetorio zusteht, eine Rolle. In dem Medaillon ist es die 'Größe' eines spätantiken, im 'Tatenbericht' die 'Größe' des ersten römischen Kaisers.

a) In der Gehaltsliste des Gesetzes (siehe dort 1, 27 - 42) sind folgende jährliche Gesamteinkünfte festgelegt:

praefectus praetorio: 100 lb. (Gold) = 7200 solidi
consiliarii: je 20 lb. = 1440 solidi
cancellarii: je 7 lb. = 504 solidi
numerarius des Präfekturhauptbüros : 46 solidi
secundus ebda.: 23 solidi
tertius ebda.: 16 solidi
quartus, quintus, sextus ebda.: je 11 1/2 solidi
reliqui quattuor ebda: je 9 solidi.

Das Grundgehalt und damit die niedrigste und häufigste Stufe des Einkommens in der 396 Beamte umfassenden Präfekturverwaltung Carthago beträgt 9 solidi.

Von den in der Präfekturverwaltung beschäftigten Ärzten erhält der medicus primus 99 solidi, der medicis secundus 70 solidi und die folgenden drei Ärzte je 50 solidi. Zwei sprachkundige grammatici und zwei für ide rhetorische Konzeption amtlicher Verlautbarungen zuständige sophisti (oratories) erhalten je 70 solidi.

Es ergibt sich daraus nicht nur das für spätere Zeiten traditionsbildend gewordene charakteristische Steilgefälle zwischen den Angehörigen des 'höchsten', des 'höheren', des 'gehobenen' und des 'einfachen' Verwaltungsdienstes, sondern, was die in Einkommen zu bemessende Bedeutung des praefectus praetorio betrifft, die Feststellung, daß dessen Markt- und Nutzwert auf das 800-Fache desjenigen eines einfachen Beamten geschätzt wird.

Bei dieser Festlegung kann es sich keinesfalls um einen aus individueller, qualifizierter Arbeitsleistung hervorgehenden Betrag handeln. Vielmehr gegen in diese Wert-Schätzung vor allem Aspekte der Loyalitätssicherung in einer besonders verantwortlichen politisch-administrativen Stellung ein sowie der Umstand, daß der Kreis der Persönlichkeiten, die für die zuverlässige Ausübung eines solchen Amtes in Frage kommen, nicht all zu groß ist und nicht unter jeder Bedingung zu jeder Zeit zur Verfügung steht. Es handelt sich bei dieser Art von 'Größen'-Bemessung des Wertes einer Persönlichkeit um eine 'Grenznutzen'-Größe, d. h. um eine 'Größe', die vor allem unter Nutzung von 'Markt- und Politikbedingungen' zu erzielen ist und die Frage nach Leistung und Fähigkeit, nach Tugend und Verdienst usw. nicht notwendigerweise und jedenfalls nicht hauptsächlich stellt; denn sonst dürfte - ein wenig paradox formuliert - ein praefectus praetorio nicht mehr erhalten als etwa ein cancellarius - und dieser wiederum nicht sehr viel mehr als ein energisch, kenntnisreich, umsichtig und initiativreich arbeitender Beamter des Präfekturhauptbüros.

Die Marktwert-'Größe' einer Person ist ebenfalls eines der antiken Erbgüter an spätere Epochen bis hin zur Gegenwart, das sich manchmal stärker, manchmal - infolge gegenläufiger politischer Tendenzen - nur schwächer zu entfalten vermag. Es darf an dieser Stelle einmal illustrationshalber der gegenwärtige Bundespräsident Rau zitiert werden: "In den USA verdiente 1970 ein Manager im Durchschnitt sechsundzwanzigmal so viel wie ein Industriearbeiter. 1999 war es 465mal so viel. Wir sollten in Deutschland einen anderen Weg gehen."

b) Das Medaillon stellt den Kaiser Konstantin dar, und zwar auf der einen Seite einen Porträtkopf mit kaiserlichem Diadem und Chlamysspange, der von der Inschrift CONSTANTINUS MAX(IMUS) AUG(USTUS) ungeben ist, auf der anderen Seite den in der Haltung und mit dem Szepter Jupiters auf einem Thronsessel sitzenden Herrscher, wobei vor ihm einer seiner Söhne, möglicherweise der in einem Feldzug gegen die Franken d. J. 320 hervorgetretene Crispus, im Waffenrock mit Feldherrn-Pallium steht und eine Feldzeichen (Adler) trägt, eine Raubkatze zu seinen Füßen, in der Hand einen Globus mit daraufsitzendem Phönix-Vogel, welchen er als Trophäe dem sitzenden Herrscher überreicht; dies alles ist umgeben von der Inschrift 'GLORIA SAECULI VIRTUS CAESARUM P[opulus] R[omanus].

Die 'Größe' des Kaisers ist hier als eine politisch-ideelle, religiös und zeremoniell formelhafte zum Ausdruck gebracht, d. h. als gedanklich und formal stark stilisierte und in der Anlage auch ein wenig übermenschliche Qualitä des Herrschers, wie sie sich im institutionellen Denken der späteren Kaiserzeit mit dem Amt des Kaisers verbindet. Dabei tritt der Kaiser hier etwa als der verkörperte 'Ruhm des Jahrhunderts', sein Tun als die verkörperte 'Tugend' und als Beispiel für die -in den Jahren seit 317n. Chr. - sukzessive zu Caesares ernannten Söhne in Erscheinung. Die Kriegsleistung des Sohnes, auf die die eine Medaillon-Seite anspielt, wird mit dem Symbol des ewigen, sich immer wieder selbst erneuernden, die Welt besitzenden Phönix als ein Beitrag zur Erneuerung und Kräftigung des ewig gedachten römischen Reiches im Geiste Konstantins dargestellt. Von Bedeutung für das ideelle Selbstverständnis des Kaisertums in dieser Darstellung ist die Abwesenheit dezidiert christlicher Symbolik. Obschon für die Medaillon-Prägung von einem terminus post quem des Jahres 317 n. Chr, auszugehen ist - 5 Jahre nach dem Erlaß des Mailänder Toleranzedikts und zahlreichen bereits vollzogenen Maßnahmen zur Förderung des Christentums - erscheint der Kaiser in der traditionellen nicht-christlichen Herrschaftssysmbolik (Phönix, Adler-Feldzeichen). Allerdings dürfte diese mit christlichem Denken auch nicht ganz unverträglich gewesen sein, wenn man das Phoenix-Symbol und das Adler-Feldzeichen lediglich als konventionelle, nicht religiös akzentuierte Bilder verstand.

c) In seinem 'Tatenbericht' betont Augustus nicht, wie später etwa Konstantin, eine 'kaiserlich-institutionelle', sondern - weil sich das Kaisertum als Institution unter seiner Herrschaft erst herausbildet - seine persönliche 'Größe' als Politiker und Feldherr, der in Krieg und Frieden nie dagewesene Erfolge errungen und dadurch das römische Gemeinwesen und sein Reich erneuert und mit einem allgemeinen, weltweiten Frieden dauerhaft beglückt habe. Die politischen und hintergründig-religiösen Kriterien für diese Größe entstammen einerseits noch den ehrgeizigen Machtkämpfen der späten Republik, gehen aber durch eine ideologische Maßlosigkeit bei der Darstellung der akkumulierten Großtaten im Ansatz über diese hinaus; die spätere Form der 'institutionellen kaiserlichen Größe' zeichnet sich bereits ab.

Diese verschiedenen Arten der 'Größe' demonstrieren, daß schon im politischen Bereich in ganz unterschiedlichem Sinne, zu unterschiedlichen Zwecken und in unterschiedlicher Weise von ihr die Rede sein kann.Gesetzesform, Bildform und monumentale Inschrift sind dabei auf ihre jeweilige Weise besonders geeignet, die - sachlich möglicherweise so gar nicht begründete - Autorität der Aussage über 'Bedeutung' oder 'Größe' eines Menschen bzw. Amtsträgers zu unterstreichen.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 2.


Übung 3.

AUFGABEN:

1) Worin besteht nach den im folgenden wiedergegebenen Texten die göttliche und die menschliche Qualität des Herakles, der Sibyllen und des Jesus Christus?

2) Worin besteht ihr Ruhm und ihre Bedeutung für das Altertum und aus heutiger Sicht?.

TEXTE ZUR INTERPRETATION:

Lexikalisches Wissen über Herakles: Blatt 1 - Blatt 2 - Blatt 3.

Lexikalisches Wissen über die Sibyllen.

Jesus Christus im Nicaenischen Glaubensbekenntnis.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Herakles, Sibylle und Jesus Christus sind auf unterschiedliche Weise 'Gottmenschen'; sie vereinigen in ihrem Wesen göttliche und menschliche Züge.

Herakles ist gezeugt worden in der Verbindung des Göttervaters Zeus mit der - in Theben seit alters göttlich verehrten - Alkmene, dem späteren Mythos nach Gattin des Amphtryon, eines Perseus-Nachommen. Herakles ist ein sterblicher Mensch. hat aber einen rastlosen, nach 'Größe' strebenden, heroischen Geist, der ihn über die anderen Sterblichen hinaushebt. Dieser übermenschliche Geist treibt ihn zu dauernden Großtaten an, welche in der niemandem sonst möglichen Lösung von Problemen und Beseitigung besonders drückender, von menschenfeindlichen Ungeheuern ausgehender Gefahren bestehen. Es gibt kaum eine Landschaft Griechenlands, die er nicht besucht und mit Wohltaten bedacht haben soll, und wenige der lokalen oder bedeutenderen griechischen Herrscherdynastien, mit der er nicht als in irgendeiner Weise verwandt deklariert worden ist. Sein Wirkungskreis bezieht aber nach der in der griechischen Antike allmählich immer umfänglicher werdenden Heraklessage auch etwa die Küsten des Schwarzen Meeres (Kolchis), das Atlas-Gebirge Norafrikas (Gärten der Hesperiden) oder Sizilien und sogar Rom ein. Zum menschlichen Anteil seines Wesens gehört in auffälliger Weise, daß seine Heldentaten immer wieder tragische Verstrickungen und großes Leid mit sich bringen. Insbesondere bereitet die auf Alkmene eifersüchtige Göttermutter Hera ihm von seiner Geburt an immer wieder - rücksichtslos gegen sein edles Wesen, seine trotz aller Berserkerhaftigkeit oftmals geübte Selbstbescheidung und seine heroischen Wohltaten, schwere Schäden und Gefahren. Von Zeus und den anderern Göttern erfährt er dagegen vielfach Unterstützung, die die Eingriffe der Hera im großen und ganzen ausgleichen. Nach seiner Verwundung durch das Nessos-Gewand endet das Leben des Herakles in einem heroischen Selbstmord und mit seiner Auffahrt in den Himmel, wo er unter die Götter aufgenommen und mir Hebe, der Göttin der Jugend, verehelicht wird. Man kann insoweit von der irdischen Existenz eines heroisch-göttlichen Geistes reden, der zum Kampfobjekt zwischen den Göttern, aber auch zum Beispiel für den heroisch veranlagten Menschen wird.

In der mythischen Gestalt der (einer) Sibylle vereinigen sich Göttliches und Menschliches in anderer Weise. Wie ihr Name 'Sibylle' ( entspr. 'Dios boule' = 'Gotts Rat') sagt, verbinden sich in ihr Züge göttlicher Inspiration, Weisheit und Bestimmung mit einer ungewöhnlich langen - weitaus länger als ein Leben währenden - menschlichen Existenz. Ihre besonderen Fähigkeiten zur Weissaggung des Unglücks und zur Raterteilung in solchen Fällen ändern aber nichts an ihrer nichtgöttlichen Herkunft und an ihrem sterblichen Wesen; Sibylle geht nach ihrem Tode, der für die Sibylle von Cumae schon für die Zeit der römischen Republik als geschehen angenommen wird, nicht zu den Göttern ein. Die cumäische Sibylle hinterläßt jedoch - fujktionell gewissermaßen an ihrer Statt - eine Sammlung ihrer Weissagungen (Vergil, Aeneis 6, 10, Dion Hal., ant. 4, 62, 2), die 'sibyllinischen Bücher'.

Jesus von Nazareth, ein Mensch aus dem römisch beherrschten jüdischen Galiläa der Zeit des Augustus und Tiberius, und Christus, der Gottessohn, der von Ewigkeit her mit Gott eines Wesens ist, sind nach christlichem Glaubensbekenntnis eine einzige Person. Der Gottessohn nimmt nach einem göttlichen Heilsplan zur Veränderung der alten, von dem Bösen verdorbenen Welt Menschengestalt an, um Gott mit dem unverbesserlich sündhaften Menschengeschlecht zu versöhnen und das Menschengeschlecht für ein neue, vom Bösen erlöste Welt, das Reich Gottes, zu gewinnen. Die 'Menschwerdung Gottes' ist ein zentrales Moment der christlich-religiöen Dogmatik; sie ist nicht etwa 'historisch', sondern rein theologisch motiviert. Dennoch muß die Menschlichkeit des Gottessohns in vollem Umfang postuliert und in ihrem paradoxen Verhältnis zu seiner Göttlichkeit dogmatisch aufrechterhalten werden, wenn auf ihn bezogene Glaubensaussagen nach dem nikänischen Glaubensbekenntnis d, J. 325 n. Chr. rechtgläubig sein sollen.

Zu 2)

Herakles hat in der Antike die religiöse Rolle eines göttlichen Vermittlers zwischen der Götter- und der Menschenwelt und steht dabei vor allem bei Soldaten in höchstem Ansehen. Daß er sich im Laufe seines Lebens mit mancher Fürstentochter verbindet, macht ihn außerdem zum berühmten Vorfahren mancher griechischer oder hellenistischer Dynastie und wirkt bis in die spätrömische Kaiserzeit hinein, als - wie Diokletian den Beinamen 'Iovius', so sein Mitkaiser Constantius Chlorus den Beinamen 'Herculius' annimmt, um eine Abstammungslinie zu Herakles zu demonstrieren. In heutiger Zeit hat Herakles nur als Figur der griechischen Mythenwelt Bekanntheit und mythengeschichtliches Interesse für Kenner oder Liebhaber der Antike

Die Sibyllen haben im weiteren griechischen und im römischen Raum die religiöse Funktion ungefähr der israelitischen Propheten. Ihre notfalls extraordinäre Befragung in wichtigen Angelegenheiten des Gemeinwohls ergänzt die üblichen Orakel- oder Divinationsverfahrenverfahren ; siehe dazu etwa Livius, Ab urbe condita 22, 57, 5 f über die Bemühungen des römischen Senats, nach der Schlacht bei Cannae den Willen der offenbar zürnenden Götter auf die zuverlässigst mögliche Weise in Erfahrung zu bringen.

Die göttliche und menschliche Person Jesu Christi steht nicht nur am antiken Anfang, sondern dauerhaft im Zentrum des antiken und nachantiken christlichen Glaubens und seiner bis heute andauernden Erlösungshoffnung. Das nikänische Glaubensbekenntnis ist mit seinen christologischen und anderen theologischen Glaubensaussagen (Dogmen) bis in die Gegenwart die verbindende geistliiche Grundlage der gesamten rechtgläubigen Christenheit - über alle ihre Konfessionsgrenzen hinweg - geblieben.

An den hier vorgestellten Beispielen einer 'gottmenschlichen Größe' ist im Hinblick auf das Gesamtthema der menschlichen Größe bemerkenswert, daß sie aolchen 'Menschen zugeschrieben wird, deren irdische Existenz zwar mythologisch oder religiös dezidiert behauptet wird, aber doch einen der Hauptsache nach unhistorischen Charakter hat. Historisch-kritisch betrachtet dürfte es Herakles oder Sibylle in ihrer mythischen Gestalt nie gegeben haben, und die im einzelen und an entscheidenden Stellen stark variierende Evangelienüberlieferung macht die Bedeutung der christlichen Glaubensmomente für die Ausformung der innergemeindlichen Berichterstattung über den 'historischen Jesus' deutlich erkennbar. Das bedeutet, daß eine Vorstellung von 'Größe' nicht auf realen Verhältnissen individuellen menschlichen Handelns beruhen muß, ja prinzipiell sogar völlig losgelöst davon entstehen kann. Ferner liegt die Annahme nahe, daß bestimmte, das menschliche Maß überschreitende Bedeutungselemente des Begriffes 'Größe', wie sie sich in der geschichtlichen Überlieferung ebenso wie in den Bewertungen der Gegenwart auf ganz unterschiedlichen Feldern nicht selten angewandt findet , dem rein mythologischen Begriff der' Größe' nahe verwandt sind (Extrembeispiel: 'die Diva').

Siehe Literaturhineweise zu Kap. 3.


4. Übung

AUFGABEN:

1) Was ist an den unten wiedergegebenen Darstellungen zweier berühmter Gründerfiguren Ihres Erachtens eher historisch, was eher legendär oder gar mythologisch? Wie kommt der Autor zu seinen Mitteilungen über längst vergangene Zeiten? Wo läßt er selbst Zweifel erkennen?

2) Worauf beruht die Größe der Dargestellten genau? Welche unterschiedlichen Maßstäbe der Bemessung der Größe der Dargestellten lassen sich ausmachen?

TEXTE:

Lykurg, der legendäre Gesetzgeber Spartas (Plutarch, Lykurgos 4 - 10. 13. 14. 24. 31).

Romulus, Gründer und Gesetzgeber Roms (Plutarch, Romulus 8 - 14. 28).

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Die hier präsentierten Textauszüge stammen von Plutarch (45 - 125 n. Chr.), hervorgetreten als Moral-, Religions- und Politikphilosoph und Verfasser von Biographien berühmter Persönlichkeiten der griechischen und der römischen Geschichte. Plutarch ist bekannt dafür, daß er die zu seiner Zeit vorhandenen literarischen Quellen über die griechische und die römische Vergangenheit.ausgiebig nutzt, ohne daß der volle Umfang dieser Nutzung und die Brauchbarkeit der Quellen immer deutlich wird. Er steht der ihm zugänglichen Überlieferung erkennbar stellenweise - so auch in den nachfolgenden Texten - durchaus kritisch gegenüber, hält es aber - insoweit Herodot vergleichbar - für vorrangig, auch Überlieferungsgerüchte, Legenden oder Mythen wiederzugeben, die das Publikum interessieren können. Motiv ist aber auch, daß sie ein Licht auf das Wesen und die Entwicklung der von ihm gezeichneten prominenten Persönlichkeiten der Geschichte werfen und daß ihre Kenntnis zu einer Bildung des Charakters und der Sitten, an welcher Plutarch als Autor besonders liegt, gehört.

Historisch ist aus heutiger Sicht in äußerstem Maße Zweifel an der Existenz solcher Figuren wieLykurg oder Romulus angebracht. Zwar kann sowohl für die von Plutarch beschriebene Figur des Lykurg als auch für die des Romulus nicht völlig ausgeschlossen werden, daß sie in irgendeiner partiell zutreffenden Überlieferungsbeziehung zu irgendwelchen historischen Persönlichkeiten der Frühzeit Spartas bzw. Roms stehen; denn gewiß hat es in den ersten Jahrhunderten des 1. Jahrtausend vor Christus irgenwelche frühen 'konstitutiven Phasen' für die später als chrakteristisch geltenden Institutionen das spartanische Gemeinwesens einerseits und andererseits für den frühen, stark nach etruskischem Vorbild geformten römischen Stadtstaat gegeben und dürfte es in deren Rahmen auch wichtige Beiträge einzelner Persönlichkeiten gegeben haben.

Es dürfte sich in beiden Fällen nicht um relativ kurzfristig vollzogenene Gründungsakte einzelner überragender Gründergestalten, sondern um längere Phasen der Entwicklung und das Werk jeweils mehrerer Beteiligter, gehandelt haben. In der antiken Gesamtüberliefeung über Gestalten wie Lykurg oder Romulus, die etwa in Plutarchs Biographien zusammenfließt, kommt erkennbar das Bedürfnis späterer Zeiten zum Ausdruck, in ihnen Identifikationsfiguren für ein politisches Bewußtsein zu finden, dem bestimmte soziale und politische Institutionen und Traditionen als wesentlich für das spartanische bzw. das römische Gemeinwesen erschienen und das sie im Wege einer vereinfachenden, personalisierneden und zugleich legitimierenden Erklärung dem Ingenium und den Großtaten von Gründerfiguren zuschrieb. Der Typus dieser in die Vergangenheit auf einen im wesentlichen Zügen fiktiven 'großen Gründer' zurückprojizierten Größe läßt sich auch an anderen Stellen der antiken Geschichtslegendenbildung ausmachen - z. B. in anderen Günderfiguren griechischer Gemeinwesen (wie partiell etwa Solon, Kypselos und Periander, Thrasyboulos), in den auf Romulus folgenden weiteren Königen, in der biblischen Figur des Moses oder in den Gestalten der ersten ägyptischen Pharaonen - ausmachen.

Für den überwiegend mythischen Charakter der genannten Gründerfiguren spricht am überzeugendsten, wenn auch indirekt die heterogene Fülle und sonstige Unwahrscheinlichkeit dessen, was an Regierungs- und Verfassungsgründungsakten bei Plutarch von ihnen überliefert ist. Plutarch nimmt die zu seiner Zeit vorhandene direkte und indirekte Überlieferung aus griechischen und römischen Quellen ohne grundsätzliche Kritik in ihrer ganzen Komplexität auf. In der plutarchischen Lykurgos-Darstellung vereinigt sich etwa eine traditionelle Form griechisch-patriotischer Sparta-Verehrung mit hellenistisch-philosophischer Kulturkritk einer in vielem offenbar als an falschen Werten orientoert, sittlich dekadent und politisch unfähig empfundenen Normalzivilisation. In dem von ihm gestalteten Romulus-Stoff läßt sich etwa eine Zusammensetzung aus älteren Geschichtslegenden der Republikzeit und aus kaiserzeitlichen politisch-ideologischen Perspektiven auf die römischen Anfänge ausmachen, wie sie sich etwa auch bei Livius oder bei Dionysios von Halikarnassos finden.

So erscheint Lykurg etwa als weit vorausschauender Schöpfer einer spartanischen 'Mischverfassung' (mit diesem Terminus: Plutarch, Lykurg 7), deren verfassungstheoretische Problematik erst bei Platon und Aristoteles im 4. Jh. v. Chr. formuliert wird. Er soll diese Verfassungsreform - Einführung des Rates der Ältesten, Beschränkung der Befugnisse des Doppelkönigtums und Ausschluß eines Gesetzesnitiativrechts bei Garantie eines Gesetzesbeschußrechts der Volksversammlung - in einem putschartigen Alleingang gegen die Gesamtheit der bisherigen Verfassungsfaktoren in Sparta durchgesetzt haben, obschon derartiges anderwärts, etwa in Athen oder Rom, mindestens Jahrzehnte und jedenfalls mehrere Anläufe brauchte. Noch unwahrscheinlicher ist eine von ihm als alleinverantwortlicher Führungsfigur angeblich außerdem noch dekretierte und durchgesetzte Landverteilung unter 9000 spartanische Bürger nach dem 'Gleichheitsprinzip'. Auch die Einschränkung des Geldgebrauchs zum Zwecke der Luxus- und Ungleichheitsvermeidung würde sich eine Gesellschaft, in deren Leben eingewöhnte Vermögensunterschiede und ein geldbasierter Binnen- und Außenhandel traditionell eine nennenswerte Rolle gespielt hätte, kaum widerstandslos von irgendeinem Gesetzgeber haben bieten lassen. All dies und die außerdem als Lykurgs Werk erwähnten Eigentümlichkeiten des spartanischen Erziehungs- und Gemeinschaftslebens oder der spartanischen, prinzipiell ohne schriftliche Gesetzesbeschlüsse auskommenden Rechtsordnung sind nur als Ergebnisse langer Tradition bzw. längeren Wandels, nicht aber als Werk eines überragenden einzelnen Reformators historisch sinnvoll erklärbar.

Wenn sie einem einzelnen Gründervater zugeschrieben werden, so dürften dafür vielmehr im HintergrundSituationen historischen Wandels auslösend sein, in denen alte spartanische Traditionen wie die genannten ins Wanken zu geraten drohen und in denen die Berufung auf Autoritäten einer Anfangszeit mehr an Legitimation für ihre Beibehaltung verspricht als der bloße Hinweis auf die Tradition; solche Lagen hat es erkennbar bereits im 6. Jh. v. Chr. gegeben; ihnen gegenüber gibt es in Sparta einen bis in die Zeit des 'Reform-Königs' Kleomenes III. (ca. 260 - 219 v. Chr. v. Chr.) fortwährenden, sich im wesentlichen auf Lykurg und eine angeblich von ihm herbeigeführte 'große Rhetra' des delphischen Orakels berufenden politisch-sozialen Konservativismus.

Plutarchs Aussage dahingegen, Lykurgs Überzeugung sei gewesen, daß "das Glück eines ganzen Staates so gut wie das eines Privatmannes nur in der Tugend und in der Eintracht mit sich selbst" bestehe und daß "alle Spartaner so lange wie möglich frei, genügsam und der Tugend ergeben bleiben sollten" (Lykurg 31), scheint seiner eigenen Gegenwart und seiner eigenen Überzeugung zu entstammen; sie macht aus Lykurg jedenfalls einen ethischen und politischen Philosophen nach der Art und in der Nachfolge Platons, wie Plutarch selbst einer ist.

Romulus wird von Plutarch in ähnlicher Weise wie Lykurg als eine Gründerfigur von fundamentaler Bedeutung dargestellt. Er ist danach - zunächst gemeinsam mit seinem Bruder - persönlicher Begründer eines nach etruskischem Vorbild (Plutarch, Romulus 11) ummauerten und verfaßten stadtischen Gemeinwesens an einem alten, gewiß schon lange 'vor der Stadtgründung' wichtigen Siedlungsplatz und Flußübergang. Aber er ist auch 'Schöpfer' einer römischen Heeresverfassung (der Legion) und später Befehlshaber in zahlreichen - legitimen - römischen Kriegen mit Nachbarvölkern. Ferner 'konstituiert' er den 'populus' als politische Gemeinde, 'schafft' den Patrizierstand, 'richtet den Senat ein' und ist sogar für die Einrichtung der sozialen Institution des Patronats- und Klientelwesens 'verantwortlich'. Dies alles ist für sich und zusammen als Konzeption und Tat eines großen Einzelnen historisch unmöglich. Wie bei der Figur des Lykurg handelt es sich vielmehr um die kausal simlifizierende und personalisierende Rückprojekton gesellschaftlicher Ordnungsprinzipien und Traditionen auf die fiktive Autorität eines Gründervaters. Man hat ihre Entstehung späteren Epochen zuzuschreiben, in denen diese Werte, durch Ständekampf oder Kulturwandel in Frage gestellt, mit solchen fiktiven Annahmen noch wirksam zu verteidigen waren.

Mythische Elemente treten in beiden Biographien aber auch unmittelbarer hervor, auch wenn sie sich bei dem gegebenen Wissensstand einer historischen Interpretation nicht immer sicher erschließen. So dürfte schon der Name 'Lykurgos' einen mythischen Bezug enthalten, vielleicht in Anknüpfung an eine im griechischen Raum als Gegenspieler des Dionysos auftretende Göttergestalt desselben Namens, möglicherweise auch in Anknüfung an einen archaischen Wolfs-Mythos ('lykos'), der ja auch in der römischen Gründungssage eine Rolle spielt. Auch Lykurgs enge Beziehung zum Orakel von Delphi und dessen 'Große Rhetra', die praktisch den Inhalt des dem Lykurg zugeschriebenen Verfassungsprogramms enthält, weist in diese Richtung.

Die Namen 'Romulus' und 'Remus' (letzterer auch 'Romus' oder 'Rumos' genannt), zumal in ihrer Dopplung, dürften ebenfalls eine mythologische Bedeutung haben und in dieser Bedeutung fiktiven Gründergestalten Roms verliehen worden. In archaischer lateinischer und etruskischer Sprache bedeuten sie beide jedenfalls nicht mehr und nicht weniger als einen Gründer, Herrscher oder rechtmäßigen Bürger Roms, also etwas Ähnliches wie das spätere Wort 'Romanus'. Es handelt sich insoweit vermutlich um zwei gewissermaßen konkurrierende Varianten eines abtrakten Ideennamens, nicht um Individualnamen. Sie sollen in ihrer Konkurrenz vermutlich das mythologisch überlieferte Rivalitätsverhältnis der Brüder widerspiegeln, welches seinerseits eine Reflexion über das 'Laster der römischen Zwietracht' verraten dürfte. Andere deutlichere mythische Elemente im Romulus-Remus-Stoff sind die Abstammung der Brüder von Mars und der Tochter des Königs von Alba Longa, Rhea Sylvia, ihre Aussetzung, die Fürsorge der Wölfin und später der übelbeleumdeten Acca Laurentia für sie, der anfängliche Asylcharakter Roms für alle Heimat- und Rechtlosen der Region, der Raub der Sabinerinnen und schließlich die Himmelfahrt des Romulus.

Daß auch in der Antike und speziell von Plutarch der mythologische Gehalt in derartigen 'Überlieferungen' erkannt wird, deutet sich in gelegentlich milde geäußerten Zweifeln Plutarchs an, wie z. B. in seinem vorsichtigen Offenlassen des Wahrheitsgehalts der Überlieferung von der Himmelfahrt des Romulus.

Zu 2)

Die 'Größe' des Lykurg wie die des Romulus besteht gleichermaßen darin, daß sie den wesentlichen Inhalt und Wert dessen, was ihr Gemeinwesen in späteren Epochen nach deren Verständnis ausmacht oder ausmachen soll, angeblich auf Jahrhunderte voraus vorhersehen, vorherplanen und in einer soliden, auf Entwicklung angelegten Anfangsform einrichten. Die 'Größe' dieser im wesentlichen fiktiven Personen ist also die fiktive nahtlose Übereinstimmung ihres Denkens und Tuns mit dem Denken und Tun - auf unterschiedliche Weise - konservativer Geister späterer Epochen. Demgemäß sind sie insoweit unterschiedlich in ihren Kriterien, als es sich einmal um eine 'Größe für Sparta' (etwa mit den Zielpunkten 'Sicherung der Autarkie' und 'Abwehr der Dekadenz') , das andere Mal um eine 'Größe für Rom' (etwa mit den Zielpunkt 'politische und kriegerische Begründung eines neuartigen Herrschaftsbereichs eines neuen Stadtvolkes') handelt.

Wir haben hier einen weiteren Typus der menschlichen 'Größe' vor uns, dem im wesentlichen kein reales, historisches Äquivalent entspricht. Er berührt sich dabei zwar mit der 'Größe' der mythischen Heroen, stellt aber wegen seines besonderen Geschichts-, Traditions- und Politik-Bezugs doch ein eigene Ausprägung innerhalb einer antiken Typologie menschlicher 'Größe'dar. Er legt - wie der Typus der 'herorischen Größe' die Annahme nahe, daß im Hindergrund des Begriffs 'Größe' selbst dort, wo sie belegbar auf reale historische Figuren und Handlungen Bezug nimmt, mythologische Elemente eine gewisse, nicht unwichtige komplementäre Rolle spielen könne: die Vorstellung menschlicher 'Größe' könnte danach überhaupt, wenn auch in unterschiedlicher Form und Extension, dazu tendieren, irgendwelche mythischen Momente in sich aufzunehmen, die im kollektiven Bewußtsein realitätsunabhängig vorformuliert sind und kontrafaktisch auf konkrete Menschen übertragen werden können.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 4.


Übung 5 a.

AUFBABEN:

1) Versuchen Sie den Inhalt der unten wiedergegebenen Sarkophag-Inschrift mit Ihren jetzigen Erkenntnismitteln und auch durch Kombination zu erschließen. In welche Zeit würden Sie sie einordnen? Welcher Zeit würden Sie ferner das in dem unten lateinisch-deutsch wiedergegebenen, von Plinius d. Ä. stammenden Text beschriebene Verhalten des Cato Censorius zuordnen?

2) Welchen Maßstab der Größe sehen Sie in der Sarkophag-Inschrift wirksam? Inwiefern und warum kommt ferner in dem Plinius-Text eine Kritk an übertriebenem Ehrgeiz zum Ausdruck, und wo dürfte Ihres Erachtens demnach Cato Censorius die 'wirkliche Größe' eines Feldherren gesehen haben?

ZU INTERPRETIERENDE ABBILDUNG UND TEXTE:

Sarkophag mit Ehreninschrift für Lucius Cornelius Scipio Barbatus.

Aus: Marcus Porcius Cato. Vom Landbau. Fragmente. Alle erhaltenen Schrifte. Lateinisch-deutsch. Herausgegeben und kommentiert von Otto Schönberger, München 1980, S. 202 f.:

"Cato jedenfalls, obschon er die Namen der Feldherren in seinen Geschichtsbüchern bewußt wegließ, hat überliefert, daß ein Elephant, der im punischen Heere besonders tapfer ganz vorne kämpfte, Surus hieß und einen gebrochenen Stoßzahn hatte."

"certe Cato, cum imperatorum nomina annalibus detraxerit, eum qui fortissime poeliatus esset in Poenica acie tradidit Surum vocatum altero dente mutilato."

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

a) Die Sarkophag-Inschrift lautet entziffert, nach Worten und Sätzen getrennt folgendermaßen:

CORNELIVS LVCIVS SCIPIO BARBATVS GNOIVOD PATRE PROGNATUS FORTIS VIR SAPIENSQUE. QVOIVS FORMA VIRTVTI PARISVMA FUIT. CONSVL, CENSOR, AEDILIS QVEI FUIT APUD VOS. TAVRASIA, CISAVNA SAMNIO CEPIT. SUBIGIT OMNE LOVCANIAM OPSIDESQVE ABDOVCIT.

Übersetzt lautet der Text : "[Hier ruht] Cornelius [der Angehörige der gens Cornelia] Lucius Scipio Barbatus, Sohn des Gnaeus Scipio, Inbegriff männlicher Tapferkeit und Weisheit, ein Mann, dessen äußeres Wesen seinem Verdienst und Wert vollkommen entsprach. Er war bei euch Konsul, Zensor und Aedil. Taurasia und Cisauna in Samnium nahm er ein. Ganz Lukanien unterwarf er und nahm Geiseln mit."

Die Rede ist auf den ersten Blick von einem Angehörigen der Scipionen-Familie, dessen hervorragender Charakter, seine Amtslaufbahn in Rom (Konsulat, Censur, Aedilität) und seine Kriegstaten in Samnium und Lukania (mittel-südliches Italien) in knapper Form angegeben werden. Der dritte (letzte) Samnitenkrieg, der engültig zur Unterwerfung dieses italischen Stammesbundes durch die Römer führt , dauert von 298 - 290 v. Chr.. Die Unterwerfung der Lukaner erfolgt im Tarentinischen Krieg (282 - 272 v. Chr.), in welchem sie mit Tarent gegen das von den Römern in Schutz genommene Thurii auftreten und schließlich auch aufseiten des Pyrrhos von Epiros i. J. gegen die Römer kämpfen. In beiden Kriegen spielt Scipio Barbatus sei es durch die Eroberung wichtiger befestigter Orte des Gegners - Taurasia und Cisauna lassen sich allerdings nicht mehr sicher identifizieren -, sei es durch die völlige Unterwerfung des Gegners bis zur Geiselstellung durch ihn eine wichtige Rolle.

Der abgebildete Sarkophag (heute: Rom, Vatikanisches Museum) entstammt dem im 17. Jh. wiederentdeckten Familienbegräbnis der Scipionenfamilie an der via Appia vor der alten, aber innerhalb der späteren (aurelianischen) Stadtmauer Roms, wo Lucius Cornelius Scipio Barbatus und weitere Angehörige seiner gens gemeinsam begraben wurden. Die Sarginschrift ist in einr altertümlichen, 'vorklasische' lateinischen Schreibweise formuliert. An der künstlerischen Gestaltung des Sarkophags fällt die Verwendung von Schmuck- bzw. Symbolelementen auf, die vom Tempelbau herstammen: Voluten, Zahnschnitt, Triglyphen. Zu der den Worten nach schlicht und primär politisch formulierten Verehrung des Toten kommt mithin eine bildlich, d. h. zurüvckhaltend, aber dennoch deutlich formulierte religiöse Deutung seiner Person hinzu. Die verschiedenen Blütenmotive zeigen in Variation achtblättrige Blüten, die es in der Natur, zumal unter den prominenten Schmuchpflanzen der Antike nicht gibt. Demnach kommt es auf die Bedeutung der Achterzahl nach antiker Zahlensymbolik an: sie bedeutet allgemein Ewigkeit und Harmonie, konkret: Eingang des Verstorbenen in eine göttliche Sphäre, die seinen politischen Tugenden und Verdiensten entspricht. Es darf hier von Anfängen einer Denkweise ausgegangen werden, wie sie sich im Begräbniszeremoniell der mittleren und späteren Republik - beeinflußt von griechisch-hellenistischen Gebräuchen, aber auf der Basis älterer eigener etrruskisch-römischer Traditionen - in Rom entwickelten; die Gedankenwelt des 'Somnium Scipionis' Ciceros, obschon in späterer Zeit formuliert, dürfte hier eine Vorläuferform haben.

b) Marcus Porcius Cato Censorius lebt von 234 bis 149 v. Chr. Er durchläuft, als 'homo novus' beginnend, die Karrierre der hohen römischen Staatsämter und tritt u. a. immer wieder mit spektakulären sittenpolitisch motivierten Gesetzesanträgen, Strafanträgen und Kampagnen gegen Aristokraten hervor, die die ihm und anderen verteidigungswert erscheinenden alten Traditionen bescheidener Lebensführung, redlicher Amtsbewerbung und -ausübung und unprätentiöser öffentlicher Selbstdarstellung auch der Inhaber höchster ziviler Ämter und militärischer Kommandobefugnisse verletzen. Er lebt in einer Zeit kulturellen Wandels, in der sich nach hellenistischm Vorbild im privaten und im öffentlichen Leben Roms u. a. auch mehr Luxus, mehr Ehrgeiz und persönliche Eitelkeit, mehr Skrupellosigkeit in der politischen Konkurrenz und in der persönlich-privaten Nutzung von Amtsbefugnissen bemerkbar werden und starke Antipathien bei der breiten Bevölkerung und einem eher traditionsbewußten Teil der Aristokratie auslösen. Als 184 v. Chr. gewählter Inhaber des Censoramtes leitet er eine Folge strenger censorischer Rügemaßnahmen gegen s. E. sitten- und traditionsvergessene römische Aristokraten ein, was ihm den Beinamen 'Censorius' einbringt. Zu den von ihm indirekt Angegriffenen gehört auch der damals besonders prominente und um die römischen Selbtsbehauptung gegen Karthago äußerst verdiente Publius Cornelius Scipio Africanus Maior.

Zu 2)

a) Die 'Größe' des Verstorbenen liegt nach Auffassung derer, die sein Begräbnis besorgten, in seinen wirklichen - also nicht in prestigehaft-scheinhaften - Tugenden und Verdiensten, und zwar ausschließlich auf politischem Gebiet. Soziale, famililäre, geistige, religiöse o. a. Qualitäten finden keine Erwähnung. Im Mittelpunkt steht das Verdienst des römischen Aristokraten, der sich - gemeinsam und in Konkurrenz mit den anderen seines Standes hervortut und dafür die gebührende ehrenhafte Anrekennung - und nichts sonst - erwarten darf.

Der weitgehend implizit bzw. rein bildlich bleibende Hinweis auf die religiöse Verehrungswürdigkeit des Verstorbenen ist zwar wie die Formulierung seiner politische 'Größe äußerlich schlicht, aber ihr gegenüber innerlich weitergreifend: in seiner in der göttlichen Sphäre angenommenen Fortexistenz nach dem Tode liegt eine gedankliche Erhebung über seine menschliche Mitwelt. Ferner ist auch die Verwendung des Wortes 'vos' - nicht 'nos' - bei der Ansprache der Trauernden der Nachfahren des Toten und des römischen Volkes generell darf dabei ungefähr so verstanden werden: 'Macht euch klar, was ihr an ihm hattet, und überlegt, ob ihr ihn zu Lebzeiten richtig, mit der angemessenen Ehre gewürdigt habt.' Darin dürfte auch eine gewisse Kritik an Undankbarkeit und Intrigen gegenüber verdienten Männern, wie sie im Rahmen des politischen Konkurrenzkampfes des aristokratisch geprägten politischen Gemeinwesens Rom üblich sind, mitschwingen.

b) Aus dem Geist der Traditionswahrung und der Animosität gegen ein ihm traditionslos und sittenwidrig erscheindendes Maß an Selbstdarstellung ist Catos Stil zu erklären, in einem von ihm verfaßten Geschichtswerk die Namen der römischen Kriegsbefehlshaber nicht zu nennen - ein Akt demonstrativer bIgnorierung eines übertreiben erscheinenden Ehranspruchs, der nach Catos Auffassung allein schon in der Erwartung liegt, in der öffentlichen Aufmerksamkeit als individuelle Person hervorzutreten, d. h. mehr sein zu wollen als der rechtmäßig und moralisch handelnde Vertreter des öffentlichen Interesses in Krieg und Frieden. Diese Position Catos wir dadurch unterstrichen, daß er bewußt einen karthagischen Kampfelephanten mit Namen - er sei hier wiederholt: Surus - nennt und ihm , dem sprachlosen, uneigennützigen und ohne Verpflichtung kampfeseifrigen Tier - anders als den Menschen - ein dauerndes ehrendes persönliches Gedächtnis für angemessen hält. Die Größe des Befehlshabers und hohen Amtsinhabers liegt nach Catos Auffassung demnach in der 'namenlosen' Pflichterfüllung für das gemeine Wohl, und je uneigennütziger und unpersönlicher ein aristokratischer Gewalthaber seine Verantwortung wahrnimmt, um so höheres Ansehen kommt ihm nach Catos Auffassung zu - ein Ansehen allerdings, für das er sich 'nichts kaufen' kann und soll, sondern das für sich genug ist.

Diese Vorstellung kontrastiert zumindest ein wenig schon mit der hundert Jahre älteren, die mit und auf dem Sarkophag des Scipio Barbatus zum Ausdruck kommt,. Erst recht dürfte dies für Catos eigene Epoche, das 3./2. Jh. v. Chr., gelten, das Zeitalter 'weltweiter' und immer ungefährdeterer römischer Erfolge und sich entsprechend entgrenzenden Selbtsbewußtseins der römischen Aristokratie, gegen das Cato d. Ä. und andere ähnlichdenkene Römer in dieser Zeit - wenn auch nicht mit dauerhaftem Erfolg - Front beziehen.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 5.


Übung 5 b.

AUFGABEN:

1) Vergleichen Sie anhand der unten wiedergegebenen Quellentexte Themistokles und P. Cornelius Scipio Africanus Maior. Worin bestehen ihre Verdienste um ihre Gemeinwesen? Wie entwickelt sich ihr Prestige und ihr Nachruhm?

2) Vergleichen Sie anhand der unten wiedergegebenen Texte Demosthenes und Cicero? Was hebt Plutarch biographisch an ihnen hervor? Worin besteht ihre historische Bedeutung aus heutiger Sicht?

TEXTE:

Leben und Charakter des athenischen Feldherrn und Politikers Themistokles aus der Sicht Cornelius Nepos (Viri illustres, Themistocles).

Der Friedensschluß mit den Puniern i. J. 202 und der Triumph des Scipio Africanus Maior (Livius, 30, 43 - 45).

Scipios Selbstbewußtsein und die Angriffe auf ihn in Rom (Aulus Gellius, Noctes Atticae 4, 18).

Scipio Africanus Maior bei Cicero ('Somnium Scipionis' in: De Republica, Fragment aus dem 6. Buch).

Biographischer Vergleich des Demosthenes mit Cicero. Plutarch, Bioi paralleloi: Demosthenes - Cicero.

Ludwig Kröner, Kurzcharakterisierung des Demosthenes und des Cicero aus heutiger historischer Perspektive.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Themistokles und Publius Cornelius Scipio Africanus Maior haben folgende Gemeinsamkeiten, sie sind aristokratische Politiker ihrer Gemeinwesen, Athen und Rom, die zu ihrer Zeit, zu Beginn des 5. Jhs. und am Ende des 3. Jhs. v. Chr. vor allem durch eine jahrelange, letztlich erfolgreich gegen eine schwere äußere Bedrohung gerichtete innere Militärpolitik und äußere Strategie hervortreten und dafür einerseits hohe Anerkennung erfahren, andererseits aber auch kampagneartig gegen diese gerichtete politische Rivalität und Intrigen ertragen müssen, welchen sie letztlich erliegen.

Themistokles, ca. 524 - ca. 450 v. Chr, aus der adligen athenischen Familie der Lykomiden stammend, betreibt als Archon d. J. 493 / 492 v. Chr. im Hinblick auf die drohende persische See-Invasion Attikas, die nach der persischen Niederschlagung des von Athen unterstützten kleinasiatischen Griechenaufstandes d. J. 500 - 493 v. Chr. bevorsteht, den Ausbau eines Kriegshafens und den ersten Aufbau einer Kriegsflotte für Athen. Neben Miltiades nimmt er bereits bei der Abwehr der, wie erwartet, folgenden ersten persischen Invasion in der Schlacht bei Marathon d. J. 490 v. Chr. eine führende Rolle ein. Seit d. J. 482 - nach der Ostrakisierung des Ausgleichspolitikers Aristides - tritt er erneut militärpolitisch hervor, und zwar mit dem Vorschlag einer wirksamen, hauptsächlich flottenbeasierten Verteidigung und Gegenstrategie Athens gegen eine von dem neuen Perserkönig Xerxes erneut angekündigte persische Invasion Griechenlands, hervor. Unter intensiver Nutzung der Silberminen von Laureion in Attika wird die bisherige kleine athenische Kriegsflotte noch vor der Invasion zur Größe von 200 Schiffen ausgebaut. Als das persische Landheer, flankiert von einer flügelbedeckend-defensiven, aber auch offensiv-fähigen Flotte von Norden auf Athen heranrückt und die Sperre an den Thermopyen durchbrochen hat, setzt sich Themistokles in einer innenpolitisch komplizierten Entscheidungslage politisch mit dem wohl lange vorbereiteten Plan durch, die Athener Bevölkerung in die benachbarten Landschaften zu evakuieren und dadurch die Verteidigung Athens ausschließlich über eine Seeschlacht-Entscheidung bzw. durch einen in mehreren weiteren Schlachten fortsetzbaren Seekrieg gegen die persische Flotte zu ermöglichen. Dieses, wie es scheint, wohldurchdachte zeitlich und räumlich flexible stragegische Konzept wird durch besonderes taktisches Geschick in der Seeschlacht bei Salamis d. J. 480 v. Chr. ergänzt; in dieser wird die zahlenmäßige Überlegenheit der persischen Flotte in einen taktischen Nachteil verwandelt. Die weitgehende Vernichtung der persischen Flotte führt zum Fortfall des Flankenschutzes für das perische Heer, seiner isolierten Exposition in feindlichem Gelände und zum Wegfall der Rückbindung an die kleinasiatische Basis. Damit wird die persische Niederlage in der einige Monate später, i. J. 479 v. Chr. folgenden Schlacht bei Plataiai vorbereitet.

Mit der Zurücksschlagung des zweiten und besonders aufwendigen persischen Angriffs auf Griechenland, wird eine Phase gegenoffensiver greichischer Kriegführung gegen die Präsenz der persischen Macht im östlichen Mittelmeerraum unter maßgebliche, Einfluß der athenischen Flottenmacht darauf möglich. Mit dieser grundsätzlichen Veränderung der Machtverhältnisse zwischen Perserreich und Griechenland, speziell Athen, zur See verbindet sich ein Gewichtsverschiebung zwischen den greichischen Staaten selbst, indem der hegemonialen Landmacht Athen eine faktisch ebenbürtige griechische Seemacht zur Seite tritt. Thermistokles verfolgt diese Konsequenz gegenüber Sparta politisch offenkundig planvoll, indem er den Bau von Stadtmauern für Athen und 'langer Mauern' zwischen Athen und dem ebenfalls umauerten Piräus durchsetzt. Athen wird dadurch auch gegenüber Sparta zu Lande wehrhaft.

Gerade dieser Teil der themistokleischen Politik stößt aber bei Vertretern einer traditionellen Politik der Abstimmung mit Sparta auf Widerspruch und führt zwischen d. J. 474 und 471 zu einer Ostrakisierung des Themistokles. Er ist genötigt, ins langjährige, 20 Jahre dauernde Exil zu gehen, zunächst nach Argos, schließlich i. J. 465, als er sein Leben dort bedroht sieht, sogar in den Machtbereich des Perserkönigs Artaxerxes, von dem er gegen das Versprechen, ihm in angmessener Weise gegen griechische Angriffe behilflich zu sein, mit einer kleinen Grundherrschaft an der kleinasiatischen Küste belehnt wird; zu einer Erfüllung dieses Versprechens kommt es aber bis zu seinem Tode nicht nehr.

Publius Cornelius Scipio Africanus Maior (ca. 235 - 183 v. Chr.), aus dem wegen seiner größeren Zahl prominent gewordener Amtsinhaber berühmten Seitenzweig der 'Scipionen' des römischen Adelsgeschlechts der 'Cornelii' ( s. o. Übung 5 a) stammend, wächst in Begleitung seines Vaters und Onkels während des 2. punischen Krieges gewissermaßen im Feldlager auf und ist mit der von Hannibal drohenden Gefahr seit der von ihm selbst miterlebten römischen Niederlage bei Cannae i. J. 216 v. Chr. anschaulich vertraut. Anstelle seines in Spanien mit dem Oberbefehl über die dortigen römischen Truppen betrauten, i. J. 210 gefallenen Vaters wird er vom römischen Senat im Alter von 25 Jahren - im Hinblick auf die bedrohlich labile, befehlshaberlose Ausnahmesituation des spanischen Kriegsschaulatzes - mit dem prokonuslarischen Oberbefehl ausgestattet. Durch eine bereits i. J. 209 strategisch und taktisch geschickt geplante und durchgeführte Eroberung des karthagischen Zentrums in Spanien, Carthago Nova, und durch eine nach jahrelangem, energisch und unbeirrbar geführten Kleinkrieg gegen Hasdrubal gewonnnee Entscheidungsschlacht bei Ilerda i. J. 206 v. Chr. gelingt ihm die militärische Verdrängung der Karthager aus Spanien. Damit ist die Grundlage für eine militärische Sicherung Siziliens und die Vorbereitung einer Invasion des karthagischen Kernlandes in Nordafrika geschaffen. Diese findet i. J. 304 / 203 statt und bedroht Karthago so stark, daß Hannibal, der sich seit d. J. 217 in Italien aufhält, genötigt ist, dorthin zurückzukehren und sich auf eine Entscheidungsschlacht einzulassen. Diese verliert er bei Zama i. J. 202 v. Chr. Das vollkommen geschlagene, auch von seinen Bundesgenossen nach und nach verlassene Karthago muß sich auf die Friedensvertragsbedingungen d. J. 201 v. Chr. einlassen, die seine Vormachtexistenz im westlichen Mittelmeerraum beeenden und es faktisch unter vollkommene römische Disposition stellen (Verzicht auf Spanien und alle anderen außerafrikanischen Besitzungen, Vernichtung der Kriegsflotte von 500 Schiffen, absolute Friedenverpflichtung gegenüber den nordafrikanischen Nachbarn bei faktischer Schiedsrichterschaft Roms im Streitfalle und ein erdrückend hoher, auf Jahrzehnte vorgesehener jährlicher Tribut von 200 Silber-Talenten an Rom).

Die im wesentlichen auf die Führerschaft Scipios zurückzuführende vollkommene Veränderung der römischen Machtlage im Mittelmeerraum von einer langjährigen Existenz am Rande der Vernichtung zu einer nunmehr nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung in Richtung auf eine den gesamten Mittelmeerraum erfassenden Hegemonie bringt Scipio als Ehre und Anerkennenung einen noch nicht dagewesenen Triumph in Rom und eine eigentlich auf Lebenszeit angelegte bevorzugte Stellung als 'princeps' unter den römischen Aristokraten ein. Allerdings erzeugt diese äußerlich vorbehaltlose Anerkennung Gegenbewegungen, die einem Übermaß an innenpolitischem Einfluß und traditionswidriger Selbstdarstellung des verdienten und 'größen' Staatsmannes entgegenwirken wollen. So kommt es zu den bekannten 'Scipionen-Prozessen', in denen unter Mitwirkung etwa Catos d. Ä. im Hintergrund, politisch-kampagneartig wegen angeblicher Veruntreuungen und Eigenmächtigkeiten der Scipionenbrüder Publius und Lucius während des asiatischen Krieges gegen Antiochos III. (192 - 188 v. Chr.) ermittelt und angeklagt wird. Das führt zu einem völligen Rückzug des erst 47-jährigen, schwer gekränkten Publius Scipio aus der römischen Politik; er stirbt im Alter von 50 Jahren aufeinem seiner Landgüter.

Themistokles und Publius Cornelius Scipio Africanus illustrieren mit ihrer politisch-militärischen Laufbahn die Herausbildung und die typische Behinderung der 'Größe' hochverdienter Politiker und Militärführer in antiken Gemeinwesen unter den Bedingungen aristokratischer Konkurrenz und Rivalität. Wenn sie trotz ihrer außerordentlich beachtlichen Leistungen in der Nachwelt weniger Ruhm oder zumindest Bekanntheit haben als etwa Figuren wie Alexander, Caesar oder Augustus, so nicht etwa deshalb, weil ihre Leistungen nicht vergleichbar - oder sogar größer - wären, sondern weil die Konkurrenz und Rivalität die Anerkennung des an sich reichlich vorhandenen Verdienstes um ihre Gemeinwesen nachhaltig schmälert. Der Typus der Größe des verdienten Politikers und Militärführers in antiken republikanische Gemeinwesen ist also ein aus Systemgründen tendenziell geschmälerter. In ihm ist auch der Anteil an mythischer Fiktion und Übertreibung weitaus geringer als etwa bei solchen Persönlichkeiten der Geschichte, deren irgendwann dauerhaft errungene singuläre Herrschaftsmacht Kritik und kampagneartige Angriffe ihrer politischen Gegner nachhaltig ausschließt.

In dieser Hinsicht sind auch die 'typologischen Grundüberlegungen' Plutarchs von Interesse, der der Biographie des Themistokles als Parallelbiographie die des M. Furius Camillus an die Seite stellt und uns über Scipio Africanus Maior nichts hinterlassen hat. M. Furius Camillus, zwischen d. J. 401 und 381 v. Chr. fünfmal 'tribunus militum consulari potestate', einmal 'censor' und dreimal 'dictator', ist einer der in den Kriegen gegen Falerii, Capena und Veii, möglicherweise auch gegen die Kelten und Etrsusker, Volsker und Äquuer erfolgreichen und mit Triumphen hochgeehrten Heerführer der frühen römischen Republik. Auch das Schicksal des wegen Veruntreuung und religiöser Pflichtverletzung beim Triumph angeklagten und exilierten prominenten, an sich hochverdienten Aristokraten fehlt bei ihm nicht. Er gilt späterer Zeit aber vor allem als Inbegriff des großen dictatorischen Retters des Staates ais höchster Gefahr und wird sicherlich deshalb von Plutarch dem Themistokles an die Seite gestellt worden sein. Vieles an seinen Rettungstaten ist ihm aber wohl nachträglich zugeschrieben worden, was ihn typologisch eher zu einem mythischen 'Heros mit historischem Hintergrund' macht, wie wir ihn bei Lykurg oder Romulus vor uns haben. Aus diesem Grunde wurde in diesem Skript davon abgesehen, es beim Vergleich mit Themistokles dem Plutarch nachzutun, und statt dessen der historisch durchweg reale Scipio Africanus Maior als Vergleichsfigur gewählt.

Zu 2)

Der Vergleich zwischen Demosthenes und Cicero, den auch Plutarch vornimmt, stellt in den Mittelpunkt einen Typus von Größe, der solchen Politikern in republikanischen antiken Gemeinwesen eigen ist, die ihre Bedeutung vor allem durch politisch-rhetorische und organisatorische Führungsleistungen, nicht durch die strategisch und taktisch erfolgreiche Handhabung militärischer Kommanden gewinnen.

Demosthenes (384 - 322 v. Chr.), nicht aus altem Adel, aber aus wohlhabender athenischer Familie stammend, nach Studien der Philosophie und Rhetorik, als Rhetoriklehrer, Gerichtsredner in Privatprozessen und in öffentlichen Angelegenheiten tätig, bekleidet sein Leben lang nie eine militärisches Kommando und wird auch nicht durch gelegentlich ausgeübte politische Ämter - etwa das eines Beauftragten für die Flotte, für den Mauerbau oder für das Theaterwesen in Athen, berühmt. Seine Bedeutung gewinnt er vielmehr durch seine die hohe Politik direkt und wirkungsvoll beeinflussende öffentliche Redepraxis. Das wiederum liegt vor allem daran, daß seine politische Redekunst und sonstige politsche Arbeit ein besonderes Ziel hat: die Formierung eines athenischen und später eines allgemeingreichischen Widerstands gegen die makedonische Expension zwischen dem Jahre 353 v. Chr. - dem Beginn der makedonischen Expansion unter Philipp II. von Makedonien - bis zum Jahre 338 - dem Jahr der Niederlage der verbündeten Griechenstaaten gegen ihn in Schlacht bei Chaironeia. Seine Reden gelten schon seiner Zeit - wenn auch mit Einschränkungen (Isokrates) - als vorbildlich, vor allem aber der späteren Antike - etwa Cicero oder Quintilian -, als Inbegriff der politischen und gerichtlichen Redekunst Griechenlands. Politisch bewirkt Demosthenes durch seine berühmten 'philppischen' und durch zahlreiche andere in der Zielrichtung ähnliche Reden eine politische Decouvrierung der Anhängerschaft Philipps in Athen und die Formierung einer Politik athenischer und gemeingriechischer, republikanisch-freiheitlicher Unabhängigkeit von königlichen Herrschaftsinhabern der expansiven Art Philipps, wie sie später im Hellenismus bestimmend werden. Er bringt sogar ein Kriegsbündnis zahlreicher griechischer Staaten gegen Philipp zustande, eine für einen Redner und Unterhändler beachtliche Leistung. Allerdings unterliegt das Bündnis i. J. 338 und ist seither keine politische Alternative mehr zu einer Unterordnung unter die makedonische Hegemonialpolitik in Griechenland und Kriegspolitik gegenüber Persien. Demosthenes bleibt zwar im geheimen entschlossener Gegner der Makedonen, vermag sich aber während der Herrschaft Philipps und später Alexanders, die ihn beide beargwöhnen, aber letztlich ungeschoren lassen, nicht mehr politisch zu betätigen. Ob er in der sog. 'Harpalos-Affäre' im geheimen persische Subsidien annimmt oder sich, wie es ihm in einem diskriminierenden Strafprozeß d. J. 324 in Athen vorgeworfen wird, selbst bereichert, bleibt unklar. Vor dem Vollzug der hohen Geldstrafe geht er ins Exil. Nach Alexanders Tode i. J. 323 organisiert er einen athenischen Aufstand gegen Makedonien, der jedoch niedergeschlagen wird. Wegen Hochverats wird er dann von einem makedonenfreundlichen Gericht in Athen zur Auslieferung nach Makedonien verurteilt und kommt der Urteilsvollstreckung auf der Flucht durch Selbstmord im Poseidon-Heiligtum von Kalaureia zuvor.

Marcus Tullius Cicero ( 106 - 43 v. Chr.) stammt aus ritterlicher, also nicht-senatorischer römischer Familie. Nach umfassenden, einige Jahre dauernden Studien der Philosophie und Rhetorik, welche nach damaligen Verhältnissen auch das Recht, die Politik und die Geschichte einschließen und seine später besonders in Erscheinung tretende rednerische und schriftsellerische Begabung fundieren, beginnt er eine schnell aufsteigende Karriere als Gerichts- und bald auch als politischer Redner in Rom. Über den 'cursus honorum' - Quästur i. J. 75, Ädilität i. J. 69, Prätur i. J. 66, Konsulat i. J. 63 - wird der 'homo novus' zum Mitglied des Senats, wo er der 'Optimatenpartei' und den 'alten Traditionen der römischen Republik' näher zu stehen pflegt als den etwa von Caesar oder Pompeius betriebenen kalkuliert-demagogischen Formen 'popularer' aristokratischer Politik. Als Konsul mit der Notwendigkeit befaßt, wirkungsvoll gegen die 'Catilinarier' vorzugehen, entscheidet er sich - unter Zustimmung nur des Senats - für ein verfassungsrechtlich problematisches, wenn auch traditionsreiches Verfahren notstandsrechtlich-präventiver Tötung von Staatsfeinden, welche an einigen Catilinariern auf seine Anordnung vollzogen wird. Dies führt zu seiner späteren Anklage wegen gesetzwidriger Tötung römischer Bürger durch seinen politischen Kontrahenten P. Clodius Pulcher (i. J. 58 v. Chr.) und seiner Verurteilung zum Exil. Aus diesem wird er zwar nach einem Jahr zurückgerufen; in den internen Machtverhältnissen Roms, die seit d. J. 60 v. Chr. durch das von Pompeius, Caesar und Crassus gegen die optimatische Senatsmehrheit gebildete verfassungsrechtlich informelle 'erste Triumvirat' bestimmt wird, kann er danach jedoch keine führende Rolle mehr spielen. Neben seiner nunmehr ausführlicher betriebenen philosophischen und rhetorischen Schriftstellerei (z. B.'Der oratore' / 55 v. Chr. und 'De re publica / 52 v., Chr.) nimmt er weiterhin als angesehener Senator, aber unterhalb der höchsten faktischen Entscheidungsebene der Politik, am politischen Leben teil, bis i. J. 49 der Bürgerkrieg zwischen Pompeius und Altrepublikanern einerseits, Caesar und seiner Anhängerschaft andererseits eine neue Entscheiungssutuation schafft. Zunächst auf die Seite des Pompeius tretend, muß er nach dessen Niederlage ein Arrangement mit Caesar suchen und zieht sich nunmehr - bis zu dessen Tötung i. J. 44 v. Chr. - weitgehend aus dem politischen Leben zurück. Danach versucht er nochmals, bei der Wiederherstellung einer nicht durch eine militärische Dauerdiktatur bestimmten römisch-republikanischen Ordnung traditioneller Art eine führende Rolle zu spielen, unterliegt aber mit seinen Parteigängern gegen die neue Machtkoalition zwischen Octavian, Antonius und Lepidus, aus der i. J. 43 v. Chr. ein nunmehr gesetzmäßig zustandegkommenes 'Triumvirat zur Wiederherstellung der Republik' hervorgeht. Dessen Proskriptionen fällt Cicero als - in seinen 'philippischen' Reden - öffentlich erklärter Feind des Antonius schließlich zum Opfer.

Demosthenes und Cicero haben über die bereits erwähnten hinaus weitere Gemeinsamkeiten: Sie stammen beide nicht aus der traditionellen Aristokratie, sondern sind politische Aufsteiger, die aufgrund ihrer Bildung, ihrer rhetorischen Fähigkeiten und ihres politischen Traditionsbewußtseins Akzeptanz und zeitweilig eine gewisse innenpolitische Schlüsselstellung in ihren Gemeinwesen gewinnen. Beide müssen jedoch gegen starke Widersacher in der Macht ankämpfen und befinden sich mit ihren Positionen letztlich außerhalb der eigentlichen außenpolitischen oder innenpolitischen Machtdynamik. Diese drängt in beiden Fällen die historische Entwicklung in eine Richtung , die den Demosthenes bzw. Cicero vertretenen traditionellen politischen Positionen nicht entspricht. Nimmt man den schon erwähnten Umstand hinzu, daß beide keine Machterwerbsmöglichkeiten als Militärbefehlshaber nutzen können oder wollen, so ist es kein Wunder, daß ihre 'Größe' schon in der Antike - so etwa von Plutarch - mehr in ihren geistigen Leistungen als in ihrer politischen Fähigkeit und Wirkung gesehen wird. So ist es prinzipiell bis heute geblieben, wobei allerdings eine historische Bewertung den hier vorliegenden Prominenz-Typ wegen der in ihm deutlich hervortretenden Leistungs-Aspekte und wegen seines paradigmatisch 'tragischen' Charakters vielleicht höher einschätzt als die vielfach fiktive Größe der 'Siegertypen' der antiken Geschichte (siehe Kap. 6).

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 5.


Übung 6.

AUFGABEN:

1) Welchen Zweck verfolgt Plutarch Ihres Erachtens mit seinen Biographien über Alexander und Caesar? Auf welche Quellen beruft er sich in den unten wiedergegebene Textauschnitten ?

2) Welche Tendenzen und Formeln einer Mythopoiese im Zusammenhang mit der Herausbildung des politischen und militärischen Prestiges beider Herrscherfiguren werden von Plutarch erwähnt?

3) Welche besonderen Eigenschaften, Fähigkeiten und Leistungen Alexanders und Caesars, die ein Reden von ihrer 'Größe' begründen könnten, lassen sich aus den Textauschnitten entnehmen?Welche Ähnlichkeiten lassen sich im politischen und militärischen Schicksal beider ausmachen?

TEXTE:

Zur Größe Alexanders: Plutarch, Bioi paralleloi, Alexander (Auszüge).

Zur Größe Caesars: Plutarch, Bioi paralleloi, Caesar (Auszüge).

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Plutarch will mit der Doppelbiographie Alexander - Caesar vergleichend einen 'Sieger'-Typus politisch-militärischer Größe darstellen, der begünstigt wird durch besondere persönliche Begabung für politisches und insbesondere militärisches Agieren, aber auch durch jeweils ihren politischen und militärischen Zielen entgegenkommende Gesamtentwicklungen und nicht zuletzt durch eine jeweils unwahrscheinlich wirkende Reihe zu Ihren Gunsten ausgehender, in ihrem Verlauf nicht vorauskalkulierbarer Entscheidungssituationen. Plutarch liegt dabei nicht an der Darstellung der 'großen Taten' des Heerführers und Politikers, sondern an seinem Charakter und dessen Schicksal (Plutarch, Alexander 1), d. h. an der Entwicklung der Persönlichkeit oder des 'Genius' unter den genannten Bedingungen. Diese bringt ja eine spezielle, gelegentlich 'übermenschlich' erscheinende 'Größe'hervor, die jedenfalls im Hinblick auf Macht und Geltung als Maximum dessen gelten kann, was in der Antike auf politischem und militärischem Gebiet für einen Menschen zu erreichen ist: die Größe des 'dauernd siegreichen Welteroberers' und 'Begründers umfassender autokratischer Herrschaftsmacht'.

Was von der Biographie solcher Persönlichkeiten ihrer Zeit bekannt und sogar zum Überlieferungsgut für spätere Epochen wird, hängt in starkem Maße von bewußten Selektionsprozessen ab, gerade weil es sich um Personen im Zentrum des Geschehens handelt. Das gilt vor allem für Zeitzeugenberichte, zumeist mit irgendeiner parteilichen Färbung und für bewußt gestaltete persönliche und dynastische Propaganda, auch religiöser Art.Füt das Überlieferungsbild wichtig werdeb aber auch die bei besonders mächtigen Herrscherfiguren schon zu ihren Lebzeiten, erst recht aber nach ihrem Tode entstehenden kollektiven Projektionen, die ihre Legendenbildungen hervorzubringen pflegen. Ihre Zuverlässigkeit ist, gerade was die charakterlichen Aspekte der zu beschreibenden Person, aber auch was umstrittene, unklare Aspekte ihres Tuns betrifft, unterschiedlich und in ihrer Verbindung und Vermischung im Rahmen der Überlieferung um so schwieriger zu überprüfen, je weiter die Geschichte fortschreitet. Plutarch macht sein Problembewußtsein darüber in seinem Bericht über Alexander durch Hinweis auf zahlreiche Autoren, deren Aussagen man wegen ihrer Bereitschaft, Legenden zu verbreiten, nur bedingt Glauben schenken könne, deutlich (Plutarch, Alexander 46). Dennoch ist offenkundig, daß er in seinem Bericht an vielen Stellen etwa legendären Stoff erzählt, ohne ihn stets kritisch zu kommentieren.

Die von Plutarch erwähnten Quellen sind späteren Zeiten andererseits größtenteils nicht erhalten geblieben.

So steht die 'Größe' des 'siegreichen Welteroberes' und 'autokratischen Herrschaftsbesitzers' auch als grundsätzliches Quellenproblem zur besonderen Diskussion. Bei diesem Typus ist von vornherein mit soviel Legendenbildung und geschönter oder stilisierter Darstellung im verwendeten, nicht mehr genau nachprüfbaren Quellenmaterial zu rechnen, daß man besondere Vorsicht gegenüber der Überlieferung walten lassen muß.

Zu 2)

Sowohl im Alexander- als auch im Caesar-Bericht sind deutlich, wenn auch in unterschiedlicher Weise, einige typische Vorgänge der Mythenbildung erkennbar, wobei erkennbar ist, daß beide nicht durchweg, aber doch gelegentlich daran glauben und jedenfalls aus politischen Gründen diesen Eindruck erwecken. Sie lassen sich sich wie folgt unterteilen:

a) Die mythische Konstruktion der Abstammung des außerordentlichen Herrscher von einer Gottheit (Alexander).

b) Die mythische Erklärung seines besonderen Glücks und Erfolgs (Alexander und Caesar)

c) Die mythische Verbindung seines Tuns mit der Welt der Heroen und übermenschlichen Geistwesen (Alexander).

d) Die mythische Behauptung von Vorzeichen auf das Schicksal des außerordentlichen Herrschers (Alexander und Caesar).

e) Die Vergöttlicung nach dem Tode. Die mythische Annahme einer Vergöttlichung nach dem Tode erübrigt sich bei Alexander, der breits zu Lebzeiten göttliche Qualität in Anspruch nimmt. Von Caesar scheint etwas ähnliches allerdings zu seinen Lebzeiten nicht gefodert oder gefördert worden zu sein.Allerdings gibt es für den getöteten Caesar die offizielle Divination. Diese ist zu erklären als ein propagandistisches Werk des Augustus im Interesse der Legitimation seiner eigenen Herrschaft aus dem göttlichen Geiste seines Adoptivvaters.

Zu 3)

Aus dem reinen, unbezweifelbaren Ablauf des politisch-militärischen Schicksals beider Figuren der bereits zu Übung 1 a zusammengefaßte nüchternere Gesamteindruck von ihren Fähigkeiten und Leistungen. Bei Alexander ist es sein strategisches und taktisches Geschick ebenso wie sein durchweg nicht enttäuschtes, gewissermaßen unternehmerisches Vertrauen auf sein Kriegsglück, vor allem in völlig unüberblickbaren, grundlegenden Entscheidungssituationen, wie sie in den großen Entscheidungsschlachten am Granikos, bei Issos und bei Gaugamela vorliegen müssen. Bei Caesar kommt zu einem etwas weniger 'konsequenten' Kriegsglück ein besonderes politisch-organisatorisches Geschick hinzu, das selbst für die diktatorische Beherrschung der zerfallenden römischen Aristokraten-Republik unabdinbare Voraussetzung ist.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 6.


Übung 7a.

AUFGABEN:

1) Worum geht es in dem unten wiedergegebenen spätantiken Gesetzestext Ihres Erachtens? Nutzen Sie für Ihre Erkenntnis alle vorhandenen lateinischen Sprachkenntnisse und sonstigen Kombinationsmöglichkeiten.

2) Wie stellt , soweit Sie es feststellen können, der Kaiser sich und sein Tun dar? Was bedeuten dabei Ihres Erachtens insbesondere die einzelnen Elemente der Präambel? Auf welche Leistungen weist der Kaiser, soweit Sie es erkennen können, in den anderen Teilen des Textes hin?

3) Wenn Sie die Ihnen verständlichen formelhaften Elemente der kaiserlichen Selbstdarstellung zusammenstellen, welchen historischen Epochen läßt sich ihre Entstehung Ihrer Vermutung nach im einzelnen wohl zuordnen?

TEXT:

Die Constitutio 'Imperatoriam Maiestatem' des Kaisers Justinian.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Es handelt sich um ein im Jahre 533 n. Chr. verkündetes Kaiser-Gesetz, mit dem der Kaiser Justinian (527 - 565 n. Chr.) ein Lehrbuch für Studenten des Rechts im römisch-byzantinischen Reich (Institutiones Iustiniani) nicht nur für den Studiengebrauch an den 'Universitäten' des Reichs ( im Osten neben Konstantinopel und Berytos auch Alexandria, Athen, Antiochia, im Westen Rom und Karthago) als amtliches Lehrbuch in Geltung setzt, sondern zugleich auch seinen Inhalt als geltendes Recht verkündet "(plenissimum nostrarum constututionum robur eis accomodavimus"). Das relativ kleine Gesetz enthält vier Elemente:

eine Anrufung Gottes in der Präambel ,
eine Angabe der Namen und Titel des gesetzgebenden Kaisers und des Zwecks bzw. der Adressaten des Gesetzes in der Präambel,
die Ausführungen des Gesetzestextes und
die Feststellung der Gesetzesverkündung mit Datumsangabe.

Aus der Zweckangabe geht hervor, daß der Kaiser das in Kraft zu setzende Werk der gesetzesbeflissenen Juugend ("cupidae legum iuventuti"), also den Studenten des Rechts, widmet.

Der nachfolgende Passus läßt erkennen, daß sich der Kaiser zu seiner Aufgabe bekennt, nicht nur kriegführend gegen die Feinde des römischen Reiches vogehen zu können, sondern auch durch seine Gesetzgebung für einen Zustand des Rechts und der Gerechtigkeit Sorge zu tragen ("imperatoriam maiestatem non solum armis decoratam, sed etiam legibus oportet esse armatam").

Darauf erwähnt der Text die verschiedenen Gesetzgebungsprojekte, die der Kaiser nach seinen erfolgreich in Africa und anderwärts geführten Kriegen in Angriff genommen und schnell vollendet habe, nämlich die Harmonisierung und Bereinigung des zuvor unübersichtlich gewordenen Kaiserrechts ("sacratissimas constitutiones antea confusas in luculentam ereximus consonantiam") und die Zusammenfassung und Aktualisierung des zuvor in 'hoffnungslose' Verwirrung geratenen alten Juristenrechts ("extendimus curam ad immensa prudentiae veteris volumina et opus desparatum ... iam adimplevimus"). An die damit gemeinte Schaffung des 'Codex Iustinianus' und der 'Digesten' habe sich der Auftrag an die in seinen Diensten stehenden namhaften, bei der Gesetzgebung vielfach bewährten Rechtsgelehrten Tribonianus, Theophilus und Dorotheus angeschlossen, mit seiner kaiserlichen Autorität und mit seiner inhaltlihen Billigung ein taugliches Lehrbuch für Studenten des Rechts zu verfassen ("ut nostra auctoritate nostrisque suasionibus componant institutiones ... prima legum cunabula non ab antiquis fabulis discere..."). Zweck dieses Lehrbuchs sei es, den in 50 Büchern neu zusammengefaßten gewaltigen Stoff der justinianischen 'Digesten' in vier leicht überschaubaren Einführungsbüchern für Studienzwecke zusammenzufassen ("ut sint totius legitimae scientiae prima elementa"), und zwar unter verbessernder Einarbeitung der bisher für den Rechtsunterricht üblichen, aber vielfach veralteten Lehrbücher, etwa der 'Institutionen des Gaius'.

Der letzte Abschnitt des Textes vor dem Datum stellt dann die Vollendung der 'Institutionen' Justinians fest, erteilt ihnen die kaiserliche Billigung und die Gültigkeit eines Gesetzes. Er fordert ferner die Studenten auf, das Werk so eifrig zu studieren, daß ihnen späterhin sogar die Verwaltung des Reiches in seinen Teilen bedenkenlos anvertraut werden könne.

Das Datum besagt über das Jahr, daß Justinian zum dritten Male Konsul ist (533 n. Chr.) und gibt weiterhin den 11. Tag vor Monatsanfang Dezember, also den 19. November an.

Der Text des Einführungsgesetzes ist in einer rhetorisch kunstvollen Sprache formuliert, die den Inhalt als wertvoll und seinen Autor als Autorrität hervorhebt.

Zu 2)

Sowohl in der Präambel als auch im Gesetzestext sind Elemente kaiserlicher Selbstdarstellung enthalten.

Die Päambel enthält außer der Anrufung Gottes den Amtstitel ('Imperator'), die Bezeichnung der Herrschaftstradition, auf die sich der Kaiser beruft ('Caesar'; hier weder Amts- nich Rangtitel i. e. S.), die Bezeichnung der vom Kaiser für sich gewissermaßen programmatisch hervorgehobenen dynastischen Tradition ('Flavius') und den persönlichen Namen des Kaisers ('Iustinianus'). Dann folgen die Triumphal-Namen, welche sich auf die Namen im Kriege unter dem Oberkommando Justininians besiegter feindlicher Völker beziehen ('Alamannicus', 'Gothicus', 'Francicus', 'Germanicus', 'Anticus', 'Alanicus', 'Vandalicus', 'Africanus'; 'Germanicus' und 'Africanus' meinen dabei spezielle Völkerschaften. micht eine Gruppe von solchen). Sodann kommen die das zeremoniell und politisch-ideell angenommene Wesen des Kaisers als Herrschers bezeichnenden und in seiner gottgewollten Größe charakterisierenden Herrscherwesensbezeichnungen (auch Herrscher-'Epitheta' genannt: 'pius', 'felix', 'inclitus', 'victor ac triumphator semper', 'augustus'). 'Augustus' ist zugleich auch die seit der diokletianischen Tetrarchie traditionelle Bezeichnung für einen höchstrangigen kaiserlichen Herrschaftsinhaber im ganzen römischen Reiche bzw. in einem Rechsteile.

In den Herrscher-Epitheta kommt in prägnanter, ja in paradigmatischer Weise der Typus von 'Größe' zum Ausdruck, der der Stellung des römischen Kaisers von Anfang des römischen Kaisertums an politisch-ideell zugeschrieben wird. Der Kaiser ist grundsätzlich 'fromm', d. h. gottesfürchtig und pietätvoll gegenüber sittlichen, rechtlichen und staatlichen Traditionen. Er ist grundsätzlich 'glücksbegabt', d. h. vom Schicksal dazu auserkoren, das von ihm zu verrichtende kaiserliche Werk erfolgreich und zum Segen aller auszuführen. Er ist grundsätzlich 'berühmt', d. h. mit einem guten Ruf zurecht in aller Munde. Er ist und bleibt immer Sieger und Triumphator, d. h. vom Schicksal dazu ausersehen, kriegerische Auseinandersetzungen mit den Feinden des Reiches stets erfolgreich zu bestehen. Und er ist 'erhaben', d. h. von einer politischen Tugend, die über das Normalmaß des Menschlichen weit hinausreicht und ihn zumindest in die Nähe der Götterwelt rückt. Dies alles sind Zuschreibungen, die auf konkrete menschliche Personen als reale Lebewesen nicht zutreffen können. Sie beziehen sich vielmehr auf den Menschen als Träger der kaiserlichen Herrschafts- und Amtsstellung. Ihre Bedeutung macht ihn von selbst 'groß', und nur der ständige und unwiderlegliche Erweis des Gegenteils kann dazu führen, sie ihm zusammen mit dem Amte abzusprechen.

Diesen Typus von 'Größe' kann man im Hinblick auf ihre durchweg fiktiven Momente daher in einer engen Verwandtschaft zu der früher erörterten Größe der mythischen Heroen oder der der legendären Städtegründer, Gesetzgeber und anderen beispielgebenden Vorfahren sehen. Die konkreten Kaiserfiguren der Geschichteund ihre Leistungen sind in einer eventuellen 'Größe' durch diesen Typus daher überhaupt nicht gekennzeichnet ist.

Der Gesetzestext enthält weitere Selbstaussagen des Kaisers, die seine 'Größe' unterstreichen:

Seine Regierungsarbeit in Krieg und Frieden verrichte er "mit höchster Sorgfalt und äußerster Voraussicht " ("summis vigiliis et summa providentia").

Fromme Zwischenbemerkunngen an verschiedenen Stellen ("adnuente deo", "deo propitio", "praestitum a caelesti numine", "caelesti favore") bringen zum Ausdruck , das Handeln sei wegen des ihm stets zugekommenen göttlichen Beistandes stets besonders erfolgreich gewesen.

So habe seine siegreiche Kriegführung zahlreiche Reichsteile, die seit langem unter fremder Herrschaft gestanden hätten, mit göttlicher Hilfe dem Römischen Reiche wieder zugeführt ("Africa aliae innumerosae provinciae nostris victoriis a caelesti numine praestitis itreum dicioni Romanae nostroque additae imperio").

Die Gesetzgebungswerke habe er, der Kaiser, in kürzester Frist mit Gottes Förderung fertiggestellt ("caelesti iam favore adimplevimus").

Sie erscheinen dabei als ein großes kaiserliches Werk , weil er sie initiiert, sachlich gebilligt und ihnen Gesetzeskraft verliehen habe.

Auch hier überall läßt sich eine Stlisierung des faktischen persönlichen Regierungshandelns erkennen: als göttlich gewollte Erneuerung des Römischen Reiches in seinem Territorialbestand und in seiner gesetzlichen Ordnung durch eine überragende Persönlichkeit.

Die Anrufung Gottes zu Beginn des Gesetzes ("in nomine dominmi nostri Iesu Christi") steht dieser Vorstellung von 'Größe' nicht entgegen, sondern ordnet sie lediglich - als von 'Gottes Gnaden' bestehende - der göttlichen Größe unter. Das bedeutetet auch , daß die Gesetzgebung sich als unter dem Geiste Gottes stehend versteht, und unterstreicht - hier in christlichem Sinne - die für den Bestand des Reiches wesentliche 'Pietät' des Kaisers.

Zu 3)

Das älteste Element in der Kaisertitulatur und -selbstbeschreibung ist der Amtstitel 'imperator', der schon in der römischen Republik den Inhaber des vollen militärischen und civilen 'imperium' meint. 'Caesar' führt auf Caesar zurück. 'Flavius' auf die flavische Dynastie des 1. Jhts. n. Chr. 'Pius' läßt sich als Bestandteil des kaiserlichen Namens bei den sog. 'humanitären' Kaisern des 2. Jhs., etwa bei Antononus Pius, zuerst ausmachen, der Sache nach aber schon bei dem ersten Kaiser Augustus. 'Felix', 'inclitus', 'victor' dürften der hellenistischen Herrscher-Ideologie entstammen, während 'triumphator' wieder alter, schon vorkaiserzeitlicher römischer Tradition zuzurechnen ist. 'Augustus' und des 'semper' bei 'triumphator' sind der Sache nach der helenistischen Herrscherideologie zuzuordnen; 'augustus' verweist aber natürlich auch auf den Kaiser Augustus zurück und auf die besondere Bedeutung, die das Wort als Bezeichung kaiserlichen Ranges seit der ersten Tetrarchie (i. J. 286 n. Chr.), um 'Oberkaiser' (Augusti) von 'Unterkaisern' (Caesares) zu unterscheiden.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 7.


Übung 7 b.

AUFGABEN:

1) Vergleichen Sie die folgenden Text- und Bildquellen über den Kaiser Augustus daraufhin, was sie über seinen politischen Werdegang, über seine Verdienste, über seine dunklen Seiten und über die Entstehung und Form seines kaiserlichen Prestiges aussagen.

2) Welche Elemente seiner öffentlichen Geltung machen Ihres Erachtens Augustus zu einem 'Kaiser' - im Unterschied zu einem prominenten Beamten oder militärischen Befehlshaber?

3) Was ist am kaiserlichen Prestige Herrschaftsausübung im Geistigen, was eher ungeplant-mythologischen Charakters?

INTERPRETATIONSOBJEKTE:

Die einmaligen Taten des Kaisers Augustus in seiner eigenen Darstellung: Die 'Res gestae divi Augusti'.

Der Aufstieg des Augustus, Sueton, Vita Caesarum, Augustus (7 - 29).

Der divinisierte Augustus auf der 'Gemma Augustea'

Ehreninschrift für Augustus."Senatus populusque Romanus Imp[eratori] Caesari Divi f[ilio] Augusto co[n]s[uli] VIII dedit clupeum virtutis, clementiae, iustitiae, pietatis erga deos patriam." Edition: AE 1952, 165 (Arles). Entnommen aus: Römische Inschriften. Lateinisch - deutsch. Herausgegeben von Leonhard Schumacher, Stuttgart 1988, S. 183.

Zwei Porträtbüsten des Augustus.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

a) Der 'Tatenbericht des Augustus' ('Res gestae divi Augusti') will nicht nur, wie er zu Beginn sagt, öffentlich - primär offenbar für die stadtrömischen Öffentlichkeit - "die Taten des vergöttlichten Augustus" wiedergeben, "mit denen er den Erdkreis der Herrschaft des römischen Volkes unterwarf, sowie die Aufwendungen, die er für das römische Staatswesen und Volk machte". Vielmehr will sich Augustus rückblickend auf sein Leben auch als überaus erfolgreicher 'Fortsetzer des Werks Caesars' und zugleich 'Wiederhersteller der römischen Republik' darstellen, in der kaum glaublichen Verbindung von Widersprüchen, wie sie sich seiner politischen Vorstellungswelt und der der sie nolens volens teilenden 'römischen Öffentlichkeit' der augusteischen Epoche darstellt. Fernerhin ist das Bestreben erkennbar, ein historisch nie dagewesenes Maß persönlicher Erfolge und Verdienste eines Römers in Krieg und Frieden vor Augen zu führen und damit seine historische Mission ebenso wie seine vom Schicksal gewollte historische Größe, und zwar als eines - nach römischer Tradition neuartigen - faktischen Alleinherrschers zu behaupten. Schließlich kommt es dem Textautor auch darauf an, die Rechtmäßigkeit seines Tuns bei allen von ihm bestandenen inneren und äußeren Konflikten und seine Verbundenheit mit dem Geist und der Tradition alter römischer Sitte und Religion zu betonen.

Man kann den Text daher als ein Stück ausgearbeiteter, stark personenbezogener Kaiserideologie der frühen historischen Entwicklungsphasse des römischen Kaisertums charakterisieren. Die Kriterien für die vom Textautor in Anspruch genommene 'Größe' entstammen, wie schon früher (siehe Übung 2) dargelegt, einerseits noch dem übertreibenen Ehrgeiz, d. h. den außer Kontrolle geratenen Machtrivalitäten der 'großen Männer' der späten Republik. Andererseits gehen sie aber über das - etwa in Triumphalinschriften - traditionell befolgte Gebot einer zumidest äußerlichen Schlichtheit der politischen Selbstdarstellung hinaus. In der politisch und religiös missionsbewußten, hemmungslos akkumulierenden Darstellung der kaiserlichen Großtaten zeichnet sich die spätere Form einer amtsbezogenen und insoweit wesensnotwendigen kaiserlichen'Größe' (siehe Übung 7 a) aber erst in Umrissen ab.

Im ersten Teil des Tatenberichts und dessen Schluß (1 - 14 und 34 f.) beschreibt Augustus seine politische Laufbahn vom 19-jährigen berufenen Erben des C. Julius Caesar bis zu einem in seiner singulären Herrschaftsstellung unangefochtenen, mit höchsten Ehren bedachten und lebenslang als 'princeps'. 'tribunus plebis' und Inhaber einer amtsungebundenen konsularischen Amtsgewalt (Res gestae 8) wirkenden römischen Staatsmann, dessen Autorität so außer Frage steht, daß - auf Vorschlag des Senats in einem Volksbeschluß - sogar seine minderjährigen Söhne auf fünf Jahre im voraus als künftige Konsuln designiert werden - wie wenn sie wegen ihrer Verwandtschaft mit dem 'princeps' unzweifelhaft dafür geeignet wären, in einem Alter von 20 Jahren das höchste traditionelle römische Staatsamt angemessen auszuüben. Augustus unterstreicht merklich die familiäre und politische Verbundenheit mit dem von Widerstands wegen getöteten Caesar, die Berechtigung und Leistung seines Beitrags zum Bügerkrieg gegen die 'Caesar-Feinde' und zu ihrer vollkommenen Entmachtung als politischer Kraft in Rom, den schnellen und, wie er mein, berechtigten Lauf seines Aufstiegs, seine überverfassungsmäßige langjährige Stellung als 'triumvir rei publicae constituendae', verschiedene demonstrative Handlungen politischer Selbstmäßigung trotz seiner faktischen Alleinherrschaft, insbesondere seine Rückgabe der 'Triumviratsgewalt' an die römischen Verfassungsorgane, und seine Maßnahmen zur poltisch-instututionellen und religiös-sittlichen Erneuerung Roms. Eine besondere Rolle im Selbstverständnis des Augustus spielen schließlich die zahlreichen außergewöhnlichen, nach republikanischer Tradition unüblichen Ehrungen - von Senatsgelübden für seine Gesundheit und ähnlichem über zahlreiche Triumphe, Ovationen und Imperator-Ausrufungen bis zu der schon erwähnten, bereits im Geiste einer monarchischen Dynastiegründung vorgenommenen Konsulsdesignation seiner Söhne und der den berufenen Repräsentanten des ganzen Gemeinwesens ehrenden Titulierung 'Vater des Vaterlands'.

Im zweiten Teil (15 - 24) beschreibt er die mehrfachen Geldzahlungen und Getreidedspenden im Betrag von jeweils bis zu 100 Millionen Sesterzen, die er der Bevölkerung Roms "aus meinem Privatvermögen", wie er sagt, habe zukommen lassen. Für den persönlichen Kauf von Ackerland und Geldabfindungen für seine Veteranen gibt er Beträge an, die zusammengerechnet weit über 1 Millarde Sesterzen liegen. Zur Sanierung der Staatskasse trägt er mehrfach Beträge von jeweils 150 Miionen Sesterzen bei, ebenfalls, wie er meint, aus seinem 'Privatvermögen' und zugunsten eines Staates, dessen Mittel für diese Augaben nicht ausreichen. Ferner zählt er zahlreiche aufwendige Baumaßnahmen in Rom, Italien und auch in den Provinzen als von ihm selbst finanzierteauf, insbesondere die Erneuerung politisch-öffentlicher und sakraler Bauwerke, aber auch den Straßen- und Brückenbau. Auch zahlreiche öffentliche Spiele für die Bevölkerung privat finanziert zu haben, führt er als persönliches Verdienst an. Über die Mittelherkunft teilt er dabei gelegentlich mit, daß es sich um ihm persönlich zustehende Kriegsbeute oder auf andere Weise rechtmäßig zur Verfügung stehende Mittel aus 'seinen Lagerhäusern' und seinem 'Privatvermöben' gehandelt habe. Das eine oder andere ihm gemachte Angebot - wie etwa das ihm vonseiten der Stadt- und Landgemeinden freiwillig zu seinen zahlreichen Ausrufungen als Imperator angebotene 'Kranzgold' ('aurum coronarium' - eine aus dem hellenistischen Bereich stammende Geste der Herrscherverehrung) - habe er dabei für nicht angemessen gehalten und deshalb nicht angenommen.

Im dritten Teil (25 - 35) gibt Augustus seine militärischen und außenpolitischen Leistungen und Verdienste an: die erfolgreichen Beendigung des Seeräuberkrieges seiner Zeit, die Befriedung alter und die Eingliederung neuer Provinzen in das römische Reich (Gallien, Spanien, Germanien, Ägypten, Pannanien) und die Ausdehnung des inmdirekten römischen Herrschaftseinflusses auf das Partherreich und sogar Indien.

Ein Nachtrag zu der Inschrift stammt nicht von Augustus selbst, sondern ist nach seinem Tode verfaßt, hebt aber im Geiste der Inschrift und sie im einzelnen verdeutlichend den Nutzen und die Höhe der gewaltigen finanziellen Aufwendungen des Augustus hervor; so etwa für Zuwendungen an die Staatskasse, das römische Volk und die Veteranen den Gesamtbetrag von 600 Millionen Denaren (= 2, 4 Mrd. Sesterzen). In diese Summe seien die unzählbaren Aufwendungen für öffentliche Spiele nicht eingerechnet. Der Nachtragr läßt ferner erkennen, daß der größte Teil der zur Zeit des Todes des Augustus in Rom existierenden Foren, Basiliken, Theater, Wasserleitungen und ca. 100 Tempel von Augustus ganz oder teilweise finanziert worden ist.

Das Konzept der 'Größe', das dem 'Tatenbericht' zugrundeliegt, enthält einmal einen Bezug auf die dargelegten persönlichen politischen und militärischen Leistungen und Verdienste des Augustus. Unabhängig davon steht ein regiöses Moment, soweit die Nähe zu dem vergöttlichten Caesar und - im Hinblick auf das außergwöhnlich erfolgreiche und an Wohltaten reiche Wirken des Kaisers - eine göttliche oder schicksalhafte Berufung impliziert ist. Und schließlich kommt das Kriterium einer außergewöhnlichen, einer Person verliehenen Ehre und Anerkennung zur Wirkung, das mit dem Moment der 'Verdienst-Größe' und mit dem der 'Berufungsgröße' zwar indirekt, nicht aber notwendig zusammenhängt: Ehre und Anerkennung haben in diesem Konzept einen eigenen Wert; sie stehen für den Wert, der einer Person wie Augustus als persönliche Eigenschaft, als ihr 'Genius', gewissermaßen von Anfang an aufgrund ihrer Natur zukommen.

Es ist also erkennbar, daß nur einige Momente des Konzepts der von und für Augustus in Anspruch genommenen Größe auf Leistungen und Verdiensten beruhen. Aber auch hier hat man sowohl aus antiker als auch aus heutiger Perspektive Anlaß, daran zu zweifeln, ob es sich überall um wirkliche Leistungen und Verdienste handelt oder ob deren Bedeutung nicht geschönt dargestellt wird.

Der 'Tatenbericht' läßt zum Beispiel die entscheidenden usurpatorischen Akte unerwähnt, die Augustus in den Bürgerkriegen seit 44. v. Chr. an die Spitze der Machtverhältnisse bringen: so vor allem seine anfängliche Privatkriegsführung und faktische militärische Erpressung des Senats, was die Verleihung eines proprätorischen Imperius, bald danach des Konsulats und schließlich was die von ihm - gemeinsam mit Antonius und Lepidus - durchgesetzte Triumviratsherrschaft gegenüber einem nicht mehr handlungsfähigen, an sich republikanisch gesonnenen Senat und dem manipulierten Volke btrifft. Auch die mehrere tausend Anghörige der bisherigen römischen Obeschicht betreffenden Liquidierungsmaßnahmen, derer er sich im mutinensischen Kriege (43 - 42 v. Chr.) , insbesondere bei den Proskriptionen d. J. 43 v. Chr., schuldig oder mitschuldig macht, verdunkeln das später offiziöse Bild von einem frommen, tugendhaften und göttlich zur Welt- und Reichserneuerung berufenen kaiserlichen Alleinherrscher. - Auch andere Angaben des 'Tatenberichts' sind geschönt: so militärische Niederlagen, die das Reich unter der Herrschaft des Augustus treffen, wie insbesondere die schwere Niederlage .d. J. 9 n. Chr.in Germanien. - Der Aussage, Augustus habe die 'res publica romana ' wiederhergestellt , wiedersprechen völlig auch die verschiedenen - von ihm selbst erwähnten - fundamentalen Neuerungen, wie etwa die lebenslängliche Verleihung des Volkstribunats oder die Beanspruchung einer lebenslänglichen, über den sonstigen staatlichen Gewalten stehenden persönlichen politischen 'Autorität' an den 'princeps' oder die faktische Abqualifizierung des Konsulsamts durch seine Besetzung mit 15-bzw. 20-jährigen und alle dami verbundenen Konsequenzen für das traditionelle römische Verfassungsgefüge.

Insoweit - wegen seiner politisch absichtsvoll gestalteten, zur allgemeinen Verbreitung vorgesehenen und politisch-ideell verbindlich gemachten Aussagen über einen Herrscher und sein Herrschaftssystemist - ist der 'Tatenbericht' auch ein Beispiel für den Aufbau eines in einem antiken Sinne sachlich-willkürlich, propagandistisch und totalitär angelegten Herrscher-Prestiges. Es handelt sich somit um einen Typus von 'Größe', der in starkem Maße scheinhaft ist und nur deswegen mit zentralen Aussagen bzw. Nicht-Aussagen so weitgehend unwahr sein kann, weil aus politischen Gründen jeder essentielle Widerspruch gegen ihn von dem Herrschaftssystem, gegen dessen Selbstverständnis er sich richten würde, wirkungsvoll abgewehrt und generell unterdrückt werden kann. In der systematischen und ständig wiederholten Verbreitung dieses Kaiser-Prestiges in Baukunst und Plastik, in Münzwesen und öffentlicher Symbolik, in religiösen Zeremonien und hochrangiger Dichtkunst durch eine angepaßte, einflußreiche Anhängerschaft der Kaiserherrschaft liegt demgegenüber seine allgemeinkulturelle Verstärkung, in der Mythopoiese über einen angeblichen 'Friedensfürsten' und 'Erneuerer des römischen Staates' seine volkstümliche Verankerung.

Das Augustus-Prestige wird in seiner Epoche dabei so valide, das es in seiner panegyrisch-scheinhaften Form sogar einen bis in ferne Epochen wirkenden Nachruhm inhaltlich bestimmt, dem allenfalls, wenn auch nicht immer, eine vorsichtige historische Quellen- und Ideologie-Kritik beizukommen vermag. So schreibt etwa der Historiker Ronald Syme, in seinem 1939 erstmals erschienen Werk 'Die römische Revolution' zu diesem Punkt eindrucksvoll prägnant : "Vieles, was über Augustus ... geschrieben wurde, sei es einfallsreich oder erbaulich, ist schlichtweg panegyrisch. Es ist jedoch nicht nötig, politischen Erfolg zu preisen oder die Männer zu idealisieren, die durch einen Bürgerkrieg zu Reichtum und Ehre gelangen." (Vorwort).

b) In Suetons wahrscheinlich in der Regierungszeit Hadrians - mehr als hundert Jahre nach dem Tode des Augustus, in der Epoche des 'humanitären Kaisertums' - entstandene Biographie des Kaisers kommen die menschlichen Charakterzüge und die politischen Motive dieser Person deutlicher und ungeschminkter zum Ausdruck als in Augustus' 'Tatenbericht'. So erfahren wir Genaueres über seine usurpatorischen Aktionen, seine systematische und teilweise grausame Liquidierung der politischen Gegner Caesars nach ihrer militärischen Unterwerfung, seine begrenzten militärischen Fähigkeiten, seine kleinen persönlichen Schwächen, über nicht seltene Attentate auf ihn, über militärische Niederlagen, darunter den Verlust der drei Legionen unter dem Oberbefehl des Varus i. J. 9 n. Chr. Auch sympathische politische Aktionen und menschliche Züge finden in der Biographie ihren Niederschlag. Insgesamt macht der Kaiser dabei den Eindruck eines konsequent politisch kalkulierenden, sehr machtbewußten und -sensiblen, aber geistig und sittlich eher ungelenken, etwas zu prinzipiell oder gar einfältig verfahrenden Menschen. Von 'Größe' kann bei ihm danach eigentlich nur, aber immerhin, vor allem insoweit die Rede sein, als er, wie R. Syme an dem o. a. O. sagt, aus einem Bürgerkrieg erfolgreich als unbestrittener Alleinherrscher des gesamten, großen römischen Reiches hervorgeht. Hinzukommt eine Anzahl überzeugend vernünftiger Regierungsmaßnehmen, die er während seiner langen Regierungszeit auf der Grundlage der erlangten und ständig gesicherten Machtfülle durchführt, und nicht zuletzt die Abwesenheit größerer Laster und Fehhlleistungen während seiner Alleinherrschaft.

c) Die in Arles aufgefundene Kopie eines marmornen Ehrenschildes, den der Senat dem Augustus in seinemi 8. Konsulate , d. h. im Jahre 27 v. Chr., widmete, trägt - in deutscher Übersetzung - folgende Inschrift: "Senat und Volk von Rom haben dem Imperator Caesar, dem Sohn des vergöttlichten Augustus, als er zum achten Mal Konsul war, diesen Schild gewidmet wegen sener Tatkraft, Milde, Gerechtigkeit und Pietät gegenüber den Göttern und dem Vaterlande." - Hier sind im wesentlichen die politischen Kardinaltugenden, wie sie in auch in der ethischen Philosophie der Antike Ausdruck finden, als persönliche, zu besonderem öffentlichen Dank verpflichtende Eigenschaften des Kaisers angesprochen. Der Dank hat etwas Abstraktes und zeremoniell Formelhaftes, das sich gut mit der augusteischen Kaiserideologie verträgt, aber möglicherweise eher aus dem Bereich der kaisertreuen Geisteskultur hervorgegangen ist.

d) Die bildlichen Darstellungen des Augustus haben alle einen offiziös-propagandistischen, wenigstens aber panegyrischen Charakter.

Die sog. 'Gemma augustea', ein geschnittener Onyx, zeigt Augustus mit den Attributen des Iupiter (Adler, Nackteit, leichter Mantel, Ölbaumkranz, Langszepter) neben der personifizierten Roma auf einer Bank thronend, über sich und der Roma das Sternbild des Steinbocks, in dem ihm am 16. Jan. d. J. 27 v. Chr. vom Senat der Augustus-Name verliehen wurde. Hinter Augustus steht u. a. die personifizierte Oikumene, an ihrer Mauerkrone erkennbar; sie hält ihm den Herrscherkranz über den Kopf. Auf der linken Seite entsteigt der aufgrund des unteren Teils der Abbildung (Siegesszene mit Aufrichtung eines Tropäums und dem Sternbild des Skorpions [Geburtssternbild des Tiberius] auf Schild) identifizierbare designierter Nachfolger Tiberius, versehen mit Lorbeerkranz, Toga und Langszepter, einer von der Siegesgöttin gelenkten Sieges-Quadriga. Der Sieg ist derjeinigige des Tiberius über die Pannonier und Dalmater i. d. J. 8 und 9 n. Chr. Die Deutung weiterer Figuren ist nicht ganz sicher; sie dürften aber allegorisch Italien, den römischen Senat und den Ozean bezeichnen. - Es ist nicht sicher, ob das Werk von Augustus selbst in Auftrag gegeben oder ihm zum persönlichen Geschenk gemacht wurde. Es paßt mit seinen Momenten der Annäherung eines noch lebenden Kaisers an die Götterwelt jedenfalls durchaus zu den Formen moderater Divinisierung, die, wie oben dargelegt, von Augustus bei der Propagierung einer neuen, sich auf eine schicksalhafte Mission des Kaisers und das Werk des divinisierten Gründervaters Caesar beziehenden Prinzipatsideologie entgegen der republikanischen Tradition zugelassen werden.

Die zweite Abbildung zeigt Augustus mit bedecktem Haupt, d. h. in einer priesterlichen Pietätsgeste bei kultischen Verrichtungen, die auf seine Stellung als XVvir sacris faciundis pontifex maximus (17. v. Chr.) oder später als pontifex maximus (12 v. Chr.), indirekt vielleicht auch als Erneuerer der Sitten Roms (etwa in den Sittengesetzen seit d. J. 18 v. Chr.) hinweisen dürfte.

Die dritte Abbildung zeit Augustus mit dem Olivenktanz des Wohltäters der Menschheit in Krieg und Frieden, der in der Antike traditionsgemäß Zeus / Jupiter, später aber auch griechische und römische Herrscher zu kennzeichnen pflegt.

Zu 2)

Der Unterschied zwischen Augustus und einem Inhaber eines höchsten Amtes oder Kommandos in Rom nach republikanischer Tradition besteht darin, daß er in verschiedenen Entwicklungsphasen eine Herrschaftsstellung aufbaut und behauptet, die ihn zu einem ständigen Herrscher über das römische Gemeinwesen und sein Reich macht: zunächst - in Teilung der obersten Macht mit seinen Triumviratskollegen - als Triumvir für den ihm zugewiesenen Reichsteil, nach dem Sieg über Antonius in der Schacht bei Actium i. J. 31 v. Chr. für das ganze Reich. Seit d. J. 27 v. Chr. entwickelt er eine wirksame Kombination unspektakulärer, nach römischer Tradition unüblicher, lebenslang verliehener staatsrechtlicher Kompetenzen als 'princeps', 'tribunus plebis' und Inhaber einer amtsungebundenen konsularischen Amtsgewalt (res gestae 8) entwickelt, welche ihm in temporärer Verbindung mit traditionellen Amtsbefugnissen die lückenlose Beeinflussung aller wichtigen römischen Regierungsentscheidungen ermöglicht. Man kann von einer anmtiken Form der c'Souveränität' sprechen, auf die in späteren Epochen dann ja auch neuzeitliche Souveränitätskonzepte (J. Bodin) zurückgreifen. Dazu kommen die 'Kaiserideologie' - als oben schon beschriebens Instrument einer antiken systematischen Öffentlichkeitsbeeinflussung i. S. einer exklusiven Durchsetzung eines persönlichen Herrschaftsanspruchs - und eine zuvor nicht übliche, trotz aller immer wieder von Augustus demonstrierten Schlichtheit und Zurückhaltung maßlose und ständige Weise der Inanspruchnahme öffentlicher Ehrung und Aufmerksamkeit. Man kann insoweit von einem antiken Personenkult sprechen, und auch in dieser Hinsicht ist die augusteische politische Praxis für spätere Epochen bis hin zur gegenwart beispielhaft gewesen.

Zu 3)

Augustus erscheint in seinen 'Res gestae', im Münzwesen, in der Baukunst, Platstk und Litetarur seiner Epoche in verschiedener Weise der Deutlichkeit als handelnde Person im Rahmen eines göttlich oder durch Schicksal bestimmten kosmischen Geschehens , deren Handlungen insoweit einen mythischen Charakter haben: er tut nicht nur historisch irgend etwas, sondern er erfüllt eine 'historische Mission', wie sie etwa in der 'Aeneis' Vergils angesprochen wird, oder er führt ein 'neues Zeitalter' herauf, wie es etwa in den sog. Säkularfeier des Jahres 17 v. Chr. zum Ausdruck kommt. Er ist ein 'Friedenfürst' und 'Retter', der der ganzen bewohnten Welt Ordnung und Harmonie bringt ( Beispiel: die 'ara pacis Augustae').

In diesen Vorstellungen ist sicherlich ein gewisses Maß ungesteuerter kollektiver Projektion, an allgemeiner Friedens- und Erlösungssehnsucht in bzw. nach einem Zeitalter der Kriege und ihrer Unmenschlichkeiten, enthalten. Zum größeren Teil dürften sie aber auf direkter oder indirekter politischer Steuerung beruhen. Vergil etwa gehört dem Freundeskreis des Augustus an und ist diesem verpflichtet und schutzbefohlen. Die Säkularfeier d. J. 17 v. Chr. wird von Augustus und Agrippa initiiert und sakral angeleitet. Die 'ara pacis Augustae' d. J. 13 v. Chr. geht - wie ein Altar der 'Fortuna redux' d. J. 19 v. Chr.letztlich auf den politischen Willen des Augustus und des ihm huldigenden Senats zurück, seine militärischen Leistungen mit einer sakralen Bedeutung zu überhöhen und zum Gegenstand des Staatskultus zu machen - eine Ehrung, die weit über einen traditionellen Triumph hinausgeht.

Die Existenz einer gesteuerten 'politischen Religion' nimmt einer in den Geschichtsbildern späterer Epochen nachwirkenden paradigmatische 'Größe' des ersten römischen Kaisers ein Großteil ihrer unberechtigten Weihe und Glaubhaftigkeit. Sie macht sie zu einem historisch und politisch einfacher zu beurteilenden Erzeugnis einer wirkungsvoll gehandhabten Herrschaft im Geistigen, ja eines politisch-ideellen antiken 'Totalistarismus'.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 7.


Übung 8 a.

AUFGABEN:

1) In welcher Zeit ist die unten wiedergegebene Beschreibung der Akropolis durch Pausanias Ihres Erachtens entstanden?

2) Welche Ihnen bekannten prominenten Künstler sind dort erwähnt?

3) Charakterisieren sie in Kürze Art und Inhalt der wiedergegebenen Kunstwerke.

4) Welche Maßstäbe lassen sich bei Pausanias in der Beurteilung der Bedeutung von Kunstwerken und Künstlern erkennen?

TEXT:

Berühmte Werke der bildenden Kunst in Athen und ihre Künstler: Pausanias, Perihegesis 1, 21, 1 - 1, 27, 2.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Obschon bei der Lektüre des hier wiedergegebenen Textes der Eindruck entsteht, es nur mit Bau- und anderen Kunstwerken der klassischen und der hellenistischen griechischen Antike zu tun zu haben und der Autor bewege sich gedanklich im wesentlichen nur im Bereich der griechischen Mythologie und der klassischen und hellenistischen griechischen Geschichte, so macht doch die Erwähnung eines Bildes des Kaisers Hadrian im Parthenon-Tempel - unterhalb des Standbildes der Athene und neben zwei weiteren Bildern, die die Geburt der Pandora und den oftmals zum athenischen Wohle tätig gewesenen Söldnergeneral des 4. Jhs. v. Chr. Iphikrates zeigen - die Zeit deutlich, in der der Text entstanden ist. Es ist das 2. Jahrhundert n. Chr., in dem Hadrian regiert (117 - 138 n. Chr.) und das griechische Städte- und Bildungswesen, insbesondere auch Athens, mit besonderer Förderung bedenkt. Der Autor des Textes, Pausanias (ca. 115 - nach 180 n. Chr.) , genannt 'Perihegetes', entspricht mit seiner ausführlichen Reisebeschreibung ('Perhegesis') der verschiedenen Landschaften und Städte Griechenlands dem kulturell philhellenischen Geist seiner Zeit, dem Hadrian und seine 'humanitären' Kaisernachfolger in besonderem Maße anhängen.

Zu 2)

In dem hier wiedergegebenen Textauszug aus dem Werk des Pausania sind die Bau- und Kunstwerke auf dem Wege vom Theater des Dionysos bis zur Akropolis Athens und auf dieser beschrieben. Man befindet sich also im alten kulturellen und religiösen Zentrum der Stadt, dessen zur Zeit des Pausanias noch teilweise mindestens bis auf das 6. Jh. v. Chr. zurückgehenden Baulichkeiten und Kunstwerke von den besonderen religiösen, politischen und küntslerischen Traditionen der Stadt geprägt sind und im allgemeinen schon deswegen hohes Ansehen genießen. Sie finden Pausanias und seiner Zeitgenossen Aufmerksamkeit dabei auch deswegen, weil sie sich auf Persönlichkeiten und Ereignisse beziehen und von Künstlern stammen, die dem Bildungsbewußtsein der Zeit nahetstehen bzw. in ihm sogar so etwas wie eine kanonische Existenz haben. Teilweise haben sich die 'kanonischen Elemente' des bei Pausanias zutagetretenden Bildungsbewußtseins über die humanistische Reszeption antiken Bildungsgutes bis in unsere heutige Zeit erhalten. Teilweise sind die bei Pausanias genannten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit nur noch ein unklarer Begriff.

Zu den unserer Zeit noch bekannten gehören die gleich zu Beginn des Textauszugs erwähnten Tragödiendichter Aischylos, Sophokles und Euripides und - als einziger Komödiendichter - Menander, denen im Theater des Dionysos jeweils ein Standbild gewidmet sei. Pausanias meint kritisch zu der dortigen Menge von Statuen, es seien viele unbedeutende Dichter dort vertreten, aber viele bedeutende, insbesondere solche der Komödie, nicht.

Der Text gibt ferner einige Maler - Timainetos (Ringkämpfer) , Kritias (Bild des sich im Waffenlauf übenden Epicharinos, Polygnot (Achill und die Mädchen, Odysseus und Nausikaa) und Bildhauer oder Plastiker - Kalamis (Aphrodite) , Lykios, Sohn des Myron (Bronzener Knabe) , Myron (Perseus), Praxitieles (Kultbild der der brauronischen Artemis) , Phidias (bronzener Apollon), Leochares (Zeusstatue), Kallimachos (bronzene Lampe des Athene-Standbildes im Erechtheien), Daidalos (Klappstuhl als Weihgeschenk im Erechtheieon), Endoios, Sohn des daisalos (ein Sitzbild der Athene) - an. Von diesen Namen sind heute nur noch Polygnot,Leochares, Myron, Phidias und Praxiteles und der legendäre Daidalos - allgemeiner bekannt.

Vielfach werden - auch bekanntere - Kunstwerke - wie z. B. das Athene-Standbild im Parthenon - ohne Angabe der sie erschaffenden, offenbar als bekannt vorausgesetzten Künstler beschrieben, oder es wird statt des Künstlers ein promineneter Auftraggeber benannt, der die Aufstellung nahe oder auf der Akropolis veranlaßt hat. Zu diesen gehören u. a.: Sokrates, Sohn des Sophroniskos, der berühmte Philosoph (Statuen des Hermes und der Chariten am Eingang der Akropolis; ob hier gemeint ist, Sokrates, immerhin Sohn eines Steinmetzen, habe die Stautuen gar selbsr gefertigt, oder ob ein Irrtum des Pausanias vorliegt, ist nicht sicher) oder Attalos (I.) von Pergamon, der Gründer der pergamenischen Königs-Dynastie (an der Südmauer der Akropolis befindliche Reliefs des Kampfes gegen die Giganten, des Kampfes der Athener gegen die Amazonen und der Schlacht der Athener bei Marathon gegen die Perser). Es zeigt sich daran, daß der Künstler nicht immer im Mittelpunkt der Bewunderung für die wegen ihrer künstlerischen oder im weiteren Sinne kulturellen Qualität hochgeschätzten Kunsthinterlassenschaften der Vergangenheit steht.

Zu 3) Erwähnt sind in dem Textauszug einmal einige - nicht alle auf dem Besichtigungswege liegenden - Bauwerke: das Theater des Dionysos, das Grab des Kalos, das Asklepieion, der Tempel der Themis, die Propyläen, das Parthenon und das Erechtheion. Ihre Namensgebung und ihre bauliche Funktion ordnet sie durchweg eng dem Bereich der Religion und der Heroen- Mythologie zu.

Dasselbe gilt für die von Pausanias beschriebenen Malereien und Plastiken i. w. S., bis auf wenige, historische Figuren und Ereignisse betreffende Menschen, wie z. B. die Abbildungen des Kaisers Hadrian oder des Söldner-Generals Iphikrates im Parthenon-Tempel. Jedoch stehen die vielen religiösen und mythologischen Motive in einem vielfach offenkundigen Zusammenhang auch mit politischen Selbstdarstellungsabsichten oder an die Öffentlichkeit Athens und die greichisch-kulturelle und politische Welt überhaupt gereichteten Aussagen ihrer Aufsteller. Sie dürfen in der Regel auch dort angenommen werden, wo man sie heute nicht mehr ganz sicher zu ermitteln weiß. So wollen etwa die von Attalos I. aufgestellten Reliefs die Verbundenheit des neu aufgestiegenen Herrschers von Pergamon mit der griechischen Welt und insbesondere der athenischen Kultur- und Polis-Tradition ausdrücken und auf eine Gemeinsamkeit eines 'historischen', gegen die 'Barbaren des Ostens' (Perser, Kelten) gerichteten, schon von den Göttern ernstgenommenen Auftrags zum Ausdruck bringen. Das Bild Hadrians zu Füßen des berühmten Athena-Standbildes im Parthenon soll den römischen Kaiser als Wohltäter Athens zur Geltung bringen, der sich dennoch bescheiden der großen Tradition Arhens und seiner Göttin unterzuordnen weiß. Die Nachbarschaft seines Bildes mit dem des Iphikrates, eines anderen Wohltäters Athens aus früherer Zeit, und mit dem der 'Geburt der Pandora' soll vielleicht zum Ausdruck bringen, daß die Götter - hier Athene - den Menschen - hier der Stadt Athen - je nach ihrer Fähigkeit zur gottgewollten Pietät und Sittlichkeit sowohl das schöne Schlechte in Gestalt der Verführung als auch die Rettung dovon in Gestalt con ihnen gesandter Wohltäter zu bringen vermögen.

Es ist nicht möglich, diesen und der Vielzahl der anderen zumeist religiös-mythologischen Motive und ihren hintergründigen Darstellungsabsichten und Botschaften an dieser Stelle eingehender nachzugehen. Man tut aber gut daran, bei jedem einzelnen an einem so prominenten Ort dauerhaft placierten Kunstobjekt einen differenzierten religiösen und politischen Ideenhintergrund in Rechnung zu stellen.

Zu 4)

Dementsprechend läßt sich auch über den Typus der 'Größe' des Künstlers etwas aussagen, der Kunstwerke erstellt, die aus Pausanias Sicht von besonderer Bedeutung sind. Er muß nicht nur seine Kunst des Ausdrucks bis zum äußersten formal und inhaltlich beherrschen und technisch besonders erfindungsreich sein (wie der im Teext erwähnte Kallimachos -, er muß auch dem Geist und Zweck des von ihm Gefertigten aufgrund seiner Bildung und Überzeugung so nahestehen, daß er ohne Zweifel kenntnisreich, glaubhaft und überzeugend wirkt, auch wenn, ja gerade weil es für den Künstler nach diesem Verständnis immer auch es um Themen der Religion und der Mythologie, der Politik und der Geschichte geht. An dem implizit bei Pausanias hervortretenden Kunstbegriff zeigt sich so auch die Tradition der Kunst als 'Musenkunst': als göttlich inspirierter Geistestätigkeit des Menschen, die zurecht im Mittelpunkt aller 'wirklichen', 'wertvollen' menschlichen Existenz stehe.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 8.


Übung 8 b.

AUFGABEN:

1) Welcher Kulturepoche der Antike ordnen Sie den unten wiedergegeben Text Quintilians zu und warum?

2) Welche Gründe führen den Autor ihres Erachtens dazu, Dichter und andere literarische Autoren in eine Art kanonischer Liste großer Künstler der Sprache aufzunehmen?

TEXT:

Ein Kanon maßstabsetzender Vertreter der höheren Literatur: Quintilian. Institutio oratoria 10, 1, 37 - 10, 2, 1.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1) Eine zeitliche Bestimmung der Textentstehung wird ermöglicht einmal generell durch den Umstand, daß der Textautor die zu seiner Zeit offenbar gleichermaßen, wenn auch auf unterschiedlichen Schwerpunktgebieten entwickelte griechisch- und lateinischsprachige Literatur miteinander vergleicht, zum anderen durch die für die Teilgebiete der Literatur im einzelnen angegebenen Autoren. Weist schon der erstgenannte Umstand darauf hin, daß der Autor des hier teilweise wiedergegebenen Textauszugs wenigstens die erste Phase der klassischen lateinischen Literaturentwicklung - die sog. 'Latinitas aurea' der ciceronischen und augusteischen Zeit - muß überblicken können, so zeigt eine Feststellung der spätesten im Text erwähnten Autoren - etwa des Seneca (Lucius Annaeus Seneca d, J., ca. 4 - 65 n. Chr,) , dessen Tod vorausgesetzt ist , daß die Textabfassung nach 65 n. Chr. liegen muß und nicht allzu weit von diesem Datum entfernt sein d0rfte.

Textautor ist M. Fabius Quintilianus (35 - ca. 100 n. Chr.), der Text, aus dem die Passage stammt, die 'Institution oratoria'. ein Lehrbuch der Rhetorik, dessen Entstehung in die Jahre nach 90 n. Chr. fällt. So erklärt es sich, daß in dieser Zeit bereits wirkende, aber erst später berühmt gewordene Autoren - wie etwa Tacitus oder Plinius d. J. - in der hier wiedergegebenen Textpassage, die einen Überblick über beispielhaft sprachmächtige griechische und römische Künstler des sprachlichen Ausdrucks geben will, keine Erwähnung gefunden haben.

Zu 2)

Quintilian gibt als Grund für seine Zusammenstellung selbst an, von ihm als Lehrer der Rhetorik erwarteten seine Leser, daß er seine Ausführungen darüber, was ein ästhetisch-kunstgemäßes und rhetorisch wirksames sprachliches Werk sei, durch Angabe beispielhafter Autoren der griechischen und römischen Sprache belege. Eigentlich, so meint er, reiche dafür der Hinweis auf Demosthenes einerseits und Cicero andererseits aus. Aber er sieht sich doch in der Pflicht, darüber hinaus für die verschiedenen Gattungen der geisteskulturell wertvollen griechischen und römischen Literatur und für ältere wie jüngere Epochen Beispiele anzugeben, die seinen qualitativen Überzeugungen entsprechen. Indem er diese allgemein charakterisiert, wird deutlich, daß er nur solche Autoren für wirklich wertvoll hält, die "das Ausleseverfahren der Zeit überstanden haben". In indirekter Verbindung damit steht seine erkennbare Antipathie gegen einen sprachlich-stilistischen 'Modernismus', als welchen er einen "gezierten weichlichen Stil unserer Tage, der ganz und gar für das Vergnügen der ungebildeten Masse bestimmt ist", versteht. Zu unterstreichen ist, daß für die Auswahl sowohl die griechische als auch die lateinische Literatur berücksichtigt wird: beide werden als für die Sprachbildung der Zeit Quintilians gleichermaßen wichtig und in ihrem literarischen Wert grundsätzlich vergleichbar behandelt, auch wenn unterschiedliche Schwerpunktbildungen der Litearurentwicklung und oftmals eine Vorausentwicklung und größere Quantität der wertvollen griechischen Literatur festgestellt werden.

Bei der Charakterisierung des Wertes einzelner Autoren finden folgende Kriterien Anwendung, die zusammengenommen den Typus einer geistigen Größe des Künstlers der Sprache - nicht nur aus der Sicht des Pausanias, sondern auch seiner gebildeten Leserschaft - markieren und in der humanistischen Bildung selbst unserer Epoche noch nachwirken.

Von Homer sagt Quintilian etwa, er sei "Ausgangspunkt für alles, was mit Rhetorik zusammenhängt", und zwar "wegen ser Erhabenheit seiner Themen und der Natürlichkeit seiner alltäglichen Szenen,wegen "reicher Fülle ebenso wie Knappheit, Heiterkeit wie Ernst", wegen seines "Überflusses und seiner Kürze". Seine dichterischen und seine rednerischen Vorzüge machten ihn "zum bedeutendsten Autor überhaupt". Auf lateinischer Seite vergleicht er mit Homer Vergil in folgender Weise: "Wenn wir auch unsere Hochachtung bezeugt haben vor dem himmlischen, unsterblichen Genius Homers, so hat Vergil doch mehr Sorgfalt und Gründlichkeit für sein Werk aufgebracht, einfach weil seine Aufgabe schwieriger war. . Und wenn wir [scil. die Lateiner] uns bei den Glanzstellen Homers geschlagen geben müssen, so können wir das vielleicht bei unserem Autor durch die künstlerische Ausgewogenheit wettmachen."

Was die speziell rhetorischen Fähiglkeiten und Leistungen betrifft, so hebt Quintilian etwa Demosthenes als "Muster aller Beredsamkeit" hervor, wegen "Kraftfülle" und "Festgefügtheit" seines Ausdrucks, wegen seiner Konzentration auf das Wesentliche und seiner Ausgewogenheit, "bei der man nichts finden kann, was zuviel, und nichts, was zu wenig ist". Ihm stellt er Cicero mit seinen rhetorischen Qualitäten an die Seite: "Ich glaube, daß die beiden Redner sich in ihren Vorzügen ziemlich ähnlich sind: in Bezug auf ihr kritisches Urteil, ihre Fähigkeit, eine Ordnung herzustellen, in der Vorbereitung der Argumente und Beweusführung, kurz in allem, wa zur Gedankenführung gehört. In ihrem Stil besteht ein gewisser Unterschied: Demosthenes ist kompakter, Cicero ausführlicher, der eine bildet kürzere Perioden, der andere längere, der eine ficht immer mit dem Degen, der andere häufig auch mit dem Knüttel. Von Demosthenes kann man nichts wegnehmen, bei Cicero läßt sich nichts hinzufügen, dieser zeigt mehr Kunst, jener mehr Natur. Im Witz sowie in der Erregung des Mitgefühls, den zwei wichtigsten Dingen auf dem Gebiet der Affekte, sind wir [scil. die lateinische Seite, also Cicero] überlegen. Mag sein, daß Demosthenes durch die in seiner Stadt geltende Vorschrift um einen echten Epilog gebracht wurde, auf der anderen Seite hat uns der andersartige Charakter der lateinischen Sprache nicht die Feinheit gestattet, die die Anhänger des attischen Stils so bewundern. Bei den Briefen, die es von beiden gibt, und den theoretischen Schriften, die es bei Demosthenes nicht gibt, ist kein Vergleich möglich.

An diesen Beispielen wird auch deutlich, daß Quintilian bei seinen Bewertungen die Unterschiedlichkeit der Sprach- und Kultutraditionen mitberücksichtigt. Er stellt dabei auch unterschiedliche Völkercharaktere fest, was die Sprachhandhabung und die darin erreichbare 'Größe' betrifft. Die in Rom gesprochene Sprache erscheint ihm nicht fähig zu sein, den "witzigen Charme" der attischen Komödie wiederzugeben, "der allein Attika geschenkt wurde" und auch in anderen griechischen Dialekten nicht vorkomme. ... "In der Geschichtsschreibung bleiben wir aber hinter den Griechen nicht zurück". und er scheue sich nicht, dem Thukydides den Sallust, dem Herodot den Livius gegenüberzustellen." Und "die Satire ist ganz unsere [scil. der Lateiner] Literaturgattung."

Quintilian spricht bei den von ihm erwähnten Autoren neben Qualitäten oftmals auch Qualitätsschwankungen oder minderes Könnenund minderen Wert im Vergleich mit anderen Autoren an. Mit anderen Worten: 'geistige Größe' des Künstlers der Sprachgestaltung ist fur ihn etwas nicht selten Partielles und Temporäres. "Ennius wollen wir verehren wie Haine, die durch ihr Alter geheiligt sind und in denen riesige uralte Bäume stehen, die wir eher mit ehrfürchtigem Schauder als mit Wohlgefallen betrachten". Ein Gegenstand noch zwiespältigerer Bewertung ist Seneca: "... Seneca [besitzt] viele große Vorzüge: Gewandtheit und Gedankenreichtum, sehr viel Fleiß, umfassende Kenntnisse, obwohl er dabei manchem Irrtum aufgesessen ist durch Leute, die er mit der Erforschung eines bestimmten Gegenstandes beauftragt hatte. Er hat ja sozusagen jedes wissenschaftliche Gebiet behandelt. Denn es sind von ihm Reden, Dichtungen, Briefe und wissenschaftliche Abhandlungen im Umlauf. In der Philosophie ist er zu wenig gründlich gewesen, aber hervorragend ist er, wenn er das Laster anprangert. Seine Werke enthalten eine Vielzahl treffender Aussprüche, vieles ist auch lesenswert wegen seines moralischen Gehalts, aber sein Stil ist größtenteils schlecht und in höchstem Maße gefährlich, weil er so überreich ist an Fehlern, die die Augen blenden. Man könnte wünschen, er hätte sich beim Schreiben von seinem eigenen Talent, aber auch vom kritischen Urteil anderer leiten lassen. Denn hätte er nur einiges verachtet, nicht gar zu wenig begehrt, hätte er all das Seine nicht zu sehr geliebt, seine gewichtigen Themen nicht in möglichst knappe Sentenzen zerstückelt, dann wäre ihm eher die einmütige Anerkennung der Gebildeten anstatt der Enthusiasmus von Knaben zuteil geworden.

Die anderen von Pausanias für die verschiedenen Literaturbereiche von der epischen Dichtung bis zur Philosophie gebrachten Beispiele bedeutender Autoren auf die in ihnen enthaltenen Wertkriterien zu überprüfen, ist an dieser Stelle nicht nötig. Sie machen jedoch allesamt deutlich, daß die Sprachkunst - als Musen-, nicht als Unterhaltungskunst - einen hohen Wert hat, dem gerecht zu werden den Autor und Redner ebenfalls zu einem etwas Großen und Wertvollen machen kann.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 8.


Übung 9.

AUFGABEN:

1) Welcher Zeit ist der unten wiedergegebene Text des Diogenes Laertios zuzuordnen?

2) In welcher systematischen Ordnung stellt der Autor die Philosophen dar? Wieso erwähnt der Autor kaum einen Römer unter den von ihm beschriebenen Philosophen, obwohl sein Thema ganz allgemein eine Beschreibung des 'Lebens und der Gedanken berühmter Philosophen' ist?

TEXT:

Der griechische Charakter der Philosophie und ihrer berühmtesten Vertreter: Diogenes Laertios, Leben und Meinungen großer Philosophen 1, 12 - 21.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Daraus, daß in dem hier präsentierten Textauszug nur Namen griechischer Philosophen genannt werden, also keine lateinischen, und daß außer solchen, die der frühen, der klassischen und der hellenistischen Epoche angehören, andere, spätere schwer zu finden sind, könnte man fälschlich darauf schließen, der Text sei in hellenistischer Zeit, etwa im 3. Jh. v. Chr. entstanden. Doch gibt der am Schluß der Passage erwähnte Potamon aus Alexandria, der in augusteischer Zeit gelebt hat, einen Hinweis auf die weitaus spätere Entstehungzeit.

Nur aus anderen - hier nicht wiedergegebenen - Textstellen des Gesamtwerks geht hervor, daß es am Ende des 2. oder zu Beginn des 3. Jhs. n. Chr. entstanden ist. Sein Autor, Diogenes Laertios, ist mit persönlichen Daten seines Lebens weitgehend unbekannt. Nur das ist überliefert, was er bewußt oder unabsichtkich in seinem Werk über sich hinterlasen hat. Dazu gehört etwa auch die schlu´folgerungsfähige Tazsache, daß er inn seinem Werk über 84 griechischsprachige Philosophen aus ca. 250 unterschiedlichen Quellen zitiert, die, geht man nach dem Namensregister der wissenschaftlichen Edition, ausnahmslos ebenfalls griechischsprachig zu sein scheinen. Dies weist auf einen mit einer reichhaltigen griechischsprachigen Bibliothek versehenen Wirkungsort des Autors im griechischsprachigen Bereich des römischen Reiches hin, etwa Athen, Alexandria (Serapeion), Pergamon oder Antiochia. In Rom, wo eine Doppelbibliothek für griechische und lateinische Literatur (Palatina) existierte, hätte ein anders aufgebautes und umfänglicheres Werk zustandekommen müssen.

Zu 2)

Dies mag bereits ein Teil der Erklärung dafür sein, daß sich der Autor in seiner Philosophendarstellung nur griechischsprachigen Philosophen und im wesentlichen nur solchen der 'älteren Epochen' der Philosophiegeschichte widmet. Doch dürfte es zur Erklärung nicht ausreichen. Zu berücksichtigen ist vielmehr auch eine zur Zeit des Autors wirksame, die Philosophie betreffende Darstellungstradition, die sie in bestimmten Ordnungsschemata, insbesondere in Schulzusammenhängen zusammenzufassen pflegt, wobei aus der Tradition herausführende Fortentwicklungen und Neuerungen lediglich als 'Eklektizismen' oder als Randphänomene an der Grenze zu philosophisch im engeren Sinne bedeutungslosem Bildungsdenken angesehen zu werden pflegen. Deren Verwendung wird in der Textpassage besonders deutlich: so etwa, wenn sie von den beiden benannten großen entwicklungsgeschichtlichen Linien der Philosophie die 'italische' schon mit Epikur (341 - 270 v. Chr.) und die 'ionische' schon mit Kleitomachos (Akademiker, Leiter der Schule i. d. J. 126 - 110 v. Chr.), Chrysippos (Stoiker, 281 - 208 v. Chr., zeitweilig Leiter der stoischen Schulrichtung) und Theophrastos (Peripatetiker, 371 - 287 c. Chr; zeiweilig Leiter der peripatetischen Schulrichtung) enden läßt. Auch wenn die Schulaufzählung des Hippobotos erwähnt wird, welche eine elische, eine kynische und eine dialektische Schule nicht anerkennt, läßt sich ein gewisser Traditionalismus philosophischen Denkens erkennen; Diogenes Laertios selbst berichtet allerdings über die Vertreter dieser Richtungen, etwa über Antisthenes, Diogenes von Sinope, Phaidon aus Elis, Menedemos oder Kleitomachos aus Karthago). Ein weiterer Grund für die Begrenzung könnte darin liegen, daß Diogeness Laertios selbst, obschon nicht bekennender Schul-Philosoph, sondern eher historisierender und philosophisch interessierter Bildungsvermittlungsschriftsteller, eine Gewichtung vornimmt, bei der etwa die römischen Vertreter der Philosophie (wie z. B. Cicero, Lukrez oder Seneca) unbeachtet bleiben. Ein antirömisches Ressentiment des Autors scheint dabei allerings nicht im Spiele. Denn auch den griechischsprachigen Philosophen zwischen dem von ihm angenommenen Ende der griechischen Schulbildungen und seiner eigenen Gegenwart - also in einem Zeitraums von immerhin etwa 300 Jahren - wird er nicht gerecht. Nur finden sie ja - wie etwa Potamon aus Alexandria, ein 'eklektischer' Philosoph der augusteischen Epoche, die Aufmerksamkeit des Autors.

Faktisch läuft das aber darauf hinaus, daß in seiner Darstellung 'große Philosophen' nur im Bereich der griechischen Sprache und Kultur, und zwar im wesentlichen der vorrömischen Zeit, existieren. Die geistige und sprachliche Zugehörigkeit zum Griechentum scheint ihm eine unausgespochene Voruassetzung, ja ein faktisches Kriterium ihrer Größe zu sein.

Ein weiteres Kriterium 'großer Philosophie' ist in der Textpassage explizit angegegeben. Der Philosoph ist nicht nur ein 'Weiser', d. h. ein Mann "von besonderer Geistesschärfe", der sich auch, ja insbesondere "berufsmäßig" mit Fragen der 'Weisheit' befaßt (griech. 'sophos' oder 'sophistes'): ein solcher kann nach griechischre Tradition auch ein Politiker oder ein Dichter sein. Demgegenüber ist ein 'Philosoph' nach Diogenes Laertios vielmehr sein Weiser, der, berufsmäßig ungebunden, und in unbegrenzter geistiger Freiheit zur Erkenntnis ein 'Liebhaber der Weisheit' sein kann. Dazu gehört auch das Prinzip, daß er "einer bestimmten Auffassung im Anschluß an das Erscheinende folgt", also die Dinge nicht unerörtert, unklar und widersprüchlich beläßt und sich in ethischen Fragen klar entscheidet und aus seinem Bekenntnis praktische Konsequenzen zieht.

Unter diesem Gesichtspunkt sind, so Diogenes Lartios, geistige Richtungen, denen es völlig unmöglich erscheint, über die meisten Fragen etwas 'Bestimmtes' auszusagen (Skepsis), und die deshalb Urteilszurückhaltung (Ephektik) empfehlen, in ihrer Qualität als 'Philosophe' strittig. Dasselbe gilt für eine wahrheitsindifferente, primär eristische Dialektik, und auch dem 'Kynismus', welcher das 'Viele-Worte-Machen' und erst recht die Hinterlassung schriftlicher Belehrungen durch den 'Hunde-Philosophen' verschmäht, wird als bekenntnis- und diskussionsunwillig seine Qualität als Philosophie abgesprochen Allerdings teilt Diogenes Laertios selbst diese Auffassung nicht; er vertritt also einen weiteren Philosophie-Begriff.

Nicht erforderlich für 'philosophische Bedeutsamkeit' erscheint ihm ferner offenkundig die Zugehörigkeit eines Philosophen zu einer Schule, auch wenneine solche gewiß die Bekenntnis-, Begründungs- und Diskussionsbereitschaft fördert, ja sie überhaupt vielfach erst ermöglicht. Das zeigt sich an der Hervorhebung der Bedeutung der zahlreichen Schulgründer-Philosophen teils als Namnesgeber der Schulen (Pythagoräer, Epikuräer) , teils im Aufbau des Werkes, wo ihnen die ausführlichste Aufmerksamkeit zu Beginn der einzelnen der zehn Bücher zuteil wird. Platon und Epikur ist sogar - gewissermaßen als singulären philosophischen Größen - jeweils ein besonderes Buch gewidmet.

Die übrigen Einteilungskriterien der Philosophie ( regionale, lehrstättenbezogene, thematische, verhaltenscharakterisiernde), welche diogenes Laertion traditionsgemäß verwendet, sagen über die 'Bedeutung' der mit ihnen gemeinten Philosophen nichts aus, sondern wirken ihren teilweise mit erheblichem Nachdruck vertretenen Geltungsanspruch eher indifferent oder gar ironisch-abwehrend.

Es ergibt sich daraus, daß der Typus gestiger Größe, die der Philosoph zu erreichen vermag, geprägt ist durch den 'esoterischen' Charakter seiner Tätigkeit, welche ihr eigenes Ethos der Wahrheitsliebe und der Verbreitung der Wahheit aus der angenommenen Nähe der wahrheitsorientierten Erkenntnis zu einem göttlichen Geiste herleitet. Dem Alltagsverstand ist die 'Größe' eines Philosophen daher typischerweise nicht faßbar. Wie der sprichwörtliche Prophet, so gilt ach der Philosoph nichts in seinem Vaterlande, bis er gestorben und ggf. durch eine heroisiernde Mythenbildung zum Gefährten der Götter geworden ist.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 9.


Übung 10.

AUFGABEN:

1) Welcher Zeit ordnen Sie den unen wiedergegebenen Quellentext zu?

2) Worin sieht Vitruv den Wert und die Aufgabe der Architektur? Worin unterscheidet sich sein Begriff der Architektur von dem uns heute geläufigen?

3) Welche prominenten Architekten seiner oder früherer Zeit erwähnt Vitruv, und warum ist uns von diesen Ihres Erachtens relativ wenig bekannt?

TEXT:

Bedeutung der Architektur und bedeutende Architekten: Vitruvius, De architectura, Buch 1, Kap. 1und 2.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Die Vorrede mit ihrer Widmung an den 'Imperator Caesar', der auch als Sohn des 'vergöttlichen Vaters Caesar' angesprochen wird, läßt erkennen, daß der Angesprochene der Kaiser Augustus ist. In seine Zeit gehört also das Werk des Vitruvius, der es nach seiner ehrenvollen, mit einer Pension honorierten Entlassung aus seiner Stellung als Architekt im Dienste des Kaisers schreibt - als Dank für die ihm zuteilgewordene, durch die Scchwester des Kaisers vermittelte Ehre einer großzügigen Alterspernsion. Das deutet auch darauf hin, daß Vitruv zu dem Bekanntschaftskreis der kaiserlichen Familie gehört.

Zu 2)

Der von Vitruv verwendete Begriff 'architectura' leitet sich aus den griechischen Wörtern 'archi' (Präfix mit der Bedeutung 'ober' oder 'erster') und 'tektoon' (Baumeister; generell Handwerker) ab. 'Archtektoon' meint in seiner griechischen Ursprungsbedeutung daher vor allem einen besonders qualifizierten, kenntnisreichen, mit Prüfungs-, Entwurfs- und Aufsichtsmaßnahmen betrauten Baumeister, also einen Leiter baulicher Arbeiten.Aber nicht nur die Errichtung oder Ausführung von Bauwerken, sondern auch die sachgerechte, erfindungsreiche Herstellung von Maschinen und Meßgeräten, etwa Sonnen- und Wasseruhren, kann zum Arbeitsgebiet eines 'Architekten' im Sinne des altgriechischen und dann ins Lateinische übernommenen Wortes gehören. So stellt Vitruv es ausdrücklich in der hier präsentierten Textpassage fest.

Die besondere Leistung und und der Wert der Tätigkeit des 'Archtitekten' besteht nach Vitruv darin, daß sie ein vielfältiges, ja ein fast enzyklopädisches Wissen und Urteilsvermögen voraussetzt und ferner die sorgfältige und erfindungsreiche praktische Konzeption und Umsetzung jeweils neuer technischer Aufgaben. Heute würde man dies als den Kern ingenieurwissenschaftlicher Fähigkeit bezeichnen. So kann der antike Architekt es auf recht unterschiedlichen Gebieten zu hervorragenden, allgemein anerkannten Erfindungen, Umsetzungs- und Gestaltungsleistungen bringen. Vitruv meint aber, daß es dafür besonderer Spezialisierung auf bestimmten Wissensgebieren nicht bedürfe, sondern nicht mehr und nicht weniger als einer sorgfältig und energisch erarbeiteten, umfassenden Allgemeinbildung. Wer sich als 'Architekt' auf besonderen Gebieten des Wissens spezialisiere, wachse aus der Architektur fachlich heraus und werde zum 'Mathematiker', oder er sei überhaupt von Anfang an Wissenschaftler uder Künstler auf anderen Gebieten als der Architektur.

Zu 3)

So sind die von Vitruv im der hier wiedergegebenen Passage als Vorbilder genannten Architekten zumeist nicht solche in dem von ihm definierten Sinne: Aristarch von Samos, Philoizos und Archytas aus Tarent, Apollonios von Perge, Eratosthenes von Kyrene, Archimdedes und Skopinas aus Syrakus sind für ihn 'Universalgelehrte' mit architektonischem Hintergrund. Er erwähnt nur einen früheren Architekten in dem von ihm gemeinten strikteren Sinne, nämlich einen Pytheos, Baumeister des Minervatempels in Priene, der auch schriftstellerisch hervorgetreten sei.

Wir wissen jedoch über zahlreiche antike Architekten, vor allem der klassich-griechischen, der hellenistischen und der römischen Baugeschichte aus Autoren wie etwa Strabon, Pausanias, Plinius d. Ä. und auch Vitruv - in anderen Passagen seines Werks - im Zusammenhang mit ihrer Bauleitung für bestimte prominente Gebäude det Antike, wie z. B. über Iktinos als Architekten des Parthenon-Tempels auf der Akropolis, Mnesikles als Architekten der Propyläen oder Kallikrates als Ausführer des Nike-Tempels dort. Solche Architekten sind oft auch mit mehreren Bauwerken bekannt, so etwa der o. e. Pytheos außer mit dem Minerva-Tempel in Priene auch mit dem Mausoleum für Maussolos von Halikarnassos (um 350 v. Chr.). Wie Pytheos dürfte ein Teil von diesen auch architekturbezogene Schriften hinterlassen haben.

Daß uns von antiken Architekturschriftstellern dennoch so wenig überkommen ist, dürfte seinen Grund teilweise darin haben, daß ihre Publikationstätigkeit geringer war als die Vertreter anderer nicht so sehr wissenschaftlich-literarisch als vielmehr praktisch konziperter Fachwissensgebiete. Es dürfte aber auch daran liegen, daß von den dennoch in Umlauf gelangten immer diejenigen sich durchzusetzen pflegten, die 'den letzten Stand' der Architektur-Kenntnisse zusammenfaßten oder aus irgendwelchen eigentlich nicht sachlichen Gründen mehr oder weniger zufällig vor anderen Bekanntheit und Ansehen erlangtten.Das scheint für Vitruvs Werk von der augusteischen Zeit an zuzutreffen.

Daß es in der späteren Antike und in nachantiker Zeit einen fast kanonischen Charakter erhielt und diesen sogar in der Renaissance und danach beibehielt, bis sich die moderne Ingenieurswissenschaft auch im Bauwesen zu entwickeln begann, dürfte seinen Grund daher auch, möglicherweise vorallem darin haben, daß das Werk wegen sener Nähe zu seinem indirekten Förderer Augustus schon in der Antike eine Prominenz und Verbreitung erhielt, die ihm sein Überleben in späteren Epochen ermöglichte und anderen qualitativ vermutlich vergleichbaren Werken nicht zuteil wurde.

Der Typus der Größe des antiken gebildeten Technikers ist damit ein von seinen anschaulich existenten Werken abhängiger, d. h. insoweit auch zeitgebundener Ruhm. Er findet sich in der literarischen Überlieferung aus der Antike nur dort angemessen behandelt, wo geschaffene Bauwerke oder Maschinen genauer beschrieben werden; sonst blieb und bleibt späteren Zeiten immer nur der Rückgriff auf die persönlich zurechenbaren baulichen oder sonst archäologischen Reste. In dieser Hinsicht ist der Ruhm des Architekten exemplarisch für denjenigen zahlreicher Erfinder, Entdecker und gebildeter Praktiker der Antike, deren zu ihrer Zeit stark beachtete Leistungen in der lieterarischen Überlieferung bestenfalls nur fragmentarische Spuren hinterlassen zu haben pflegen, es sei denn, sie sind auch mit eigenen Schriften hervorgetreten, die sich wiederum aus irgendwelchen zufälligen, d. h. nicht eigentlich sachlichen Gründen als Überlieferungsgut halten konnten.

Daran mag es auch liegen, daß ihre an sich bedeutsamen Leistungen seit der Antike ungerechtfertigt als weniger der Größe fähig angesehen wurden als etwa die der Heerführer, Politiker, Kaiser, literarischen Künstler, Philosophen, Fachwissenschaftler und religiösen Bekenner und Lehrer (vor allem des in der lterarischen Überlieferung aus der Antike besonbders präsenten Christentums). Das wiederum dürfte nicht unerheblich für die immer etwas stiefmütterliche Einordnung dieser Arbeitsgebiete in den Rahmen der Hochkulturwerte im Laufe der nachantiken Kulturgeschichte gewesen sein.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 10.


Übung 11.

AUFGABEN:

1) Welcher Epoche der der christlich-kirchlichen Entwicklung ist der unten (zu 4.) wiedergegebene Text des 'Kirchenvaters' Augustin zuzuordnen. Wie würden sie die literarische Gattung und den Sprachstil charakterisieren? Welche charakteristischen Einzelheiten des Lebenslaufs und der beruflichen und sozialen Umgebung können Sie feststellen?

2) Wie vollzieht sich die innere Entwicklung Augustins zum Christentum? Mit welchen religiösen und philosophischen Ideen seiner Zeit setzt er sich dabei auseinander? Was bedeutet ihm - mit Ihren Worten formuliert - Gott?

TEXT:

Der innere Weg Augustins vom weltlichen Rhetor zum christlichen Kirchenvater: Augustinus, Confessiones, 7, 1 - 17; 8, 6 f. und 11 f.; 9, 1 - 6.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Aus der hier präsentierten Textpassage geht hervor, daß das Christentum zur Zeit der geschilcerten Vorgänge eine schon weitreichende Verbreitung, auch im westlichen Teil des römischen Reiches, gefunden hat - es ist häufig etwa von Karthago, Rom und Mailand die Rede. Das spricht dafür, daß die Ereignisse nicht mehr im ersten oder zweiten Jahrhundert n. Chr., sondern später einzuordnen sind. Daraus, daß sich Christen auch unter den kaiserlichen Regierungsbeamten befinden - wennn dies auchzu dieser Zeit offenbar noch nicht die Regel ist oder das Bekenntnis zum Christentum am Hofe wegen der unvermeidlichen Koexistenz mit der traditionellen römischen Religion eher zurückhaltend geäußert wird -, ist zu entnehmen, daß das Christentum zwar schon von Regierungs wegen toleeriert und gefördert, aber noch nicht zur Staatsreligion geworden ist; folglich ist von der Zeit zwischend. J. 313 und 391 n. Chr. auszugehen. Daß schließlich schon christlich-könobitische und -eremitische Lebensweisen üblich, wenn auch noch nicht weit verbreitet und allgemeinbekannt sind, weist auf die zweite Hälfte des 4. Jhs. n. Chr. hin, in der sie sich ausgehend von dem Beispiel des Antonius und des Pachomius entwickeln. - Tatsächlich bezieht sich die hier wiedergegebe Beschreibung der Konversion des späteren Kirchenvaters Augustinus (354 - 430 n. Chr.) im wesentlichen auf 12 Jahre seines Lebens, die der im Jahre 387 n. Chr. von Ambrosius - dem damaligen Bischof von Mailand und geistlichem Ratgeber der Kaiser Valentinian II. und Theodosius - vorgenommenen Taufe vorausgehen.

Der Text hat folgenden 'literarischen' Charakter und Zweck. Einmal ist er ein großes Gebet - im Umfang von 13 Büchern - , das sich an Gott richtet und ihm für die im einzelnen bekannten Wendungen des persönlichen Lebens des Autors hin zun Gott dankt. Zum anderen ist er ein an andere auf dem Wege zum Christentum befindliche Zeitgenossen adressiertes Bekenntnis, das die Schwierigkeiten und den dennoch bestehenden, überwältgend bedeutsamen Sinn einer Bekehrung vor Augen führen soll. Es handelt sich insoweit um eine damals neue Gattung christlicher Literatur, die aber auch verschiedenartige Vorformen außerhalb des christlichen Bereichs hat; so z. B. die Paränese, die traditionsreiche ethisch-philosophische Erziehungs- und Läuterungsschrift, oder die ethische Selbstreflexion, wie sie etwa in Mark Aurels 'Selbstbetrachtungen' vorliegt. Der Stil der Schrift ist nicht nur von einem gläubigen christlichen Geist, sondern auch von logischem Scharfsinn, philosophischer Bildung und rhetorischem Können gekennzeichnet. Auffällig ist etwa die in der Sprachgestaltung die häufige Nutzung der Antithese (Hervorhebung von Widersprüchen oder Kontrasten), der Hyperbel (Übertreibung) , der Metapher (Verwendung von Bildern und Gleichnissen) , der Ekphonesis (Ausruf) , der Apostrophe (Anrede eines wichtigen Gegenübers; hier ständig : Gott), des Paradoxon (die neue Einsichten vermittelnde Nebeneinanderstellung ungewohnter Gedanken; z. B. " o ewige Wahrheit, wahre Liebe, liebe Ewigkeit!") oder der Klimax (stufenweise erfolgende Steigerung der Ausdruckswirkung). In der sachlichen Argumentationsstruktur ist das Zitat aus einer als Autorität geltenden Schrift - nämlich der 'Heiligen Schrift', des 'Wortes Gottes' - neben dem begriffsanalytisch-logischenvon Schlußfolgerungsverfahren - von besonderer und auffälliger Bedeutung. All dies steht für die Geistigkeit eines wortführenden, tonangebenden Theologen der antiken christlichen Kirche, in der sich christliche Frömmigkeit und vorchristliche höhere Bildung mit geistlich-kirchlichen Führungs- und Fürsorgeaufgaben aufs engste verbinden.

Die dabei erreichbare - und von Augustinus erreichte - 'theologische Bedeutung', d. h. vor allem die Vielzahl der bedeutenden, den Weg der Theologie in der katholischen Kirche bestimmenden Schriften (wie z. B. der 'Civitas Dei') , begründet diesen eigentümlichen Typus der theologischen Größe des 'christlichen Kirchenvaters'. Er ist ein trotz einiger Überschneidungen dennoch ein anderer als der des 'Heiligen' oder des 'Märtyrers', deren Bedeutung sich nicht nach ihrer geistlich-literarischen und -gedanklichen Leistung, sondern nach ihrer durch Gott verliehenen Heiligkeit und nach ihrer Selbstaufopferung bei dem das Bekenntnis Gottes in der Welt bestimmt.

Der Lebensweg Augustins führt den Sohn aus angesehener, in größerem Umfanggrundbesitzender Kurialen-Familie der numidischen Stadt Thagaste, dessen Vater Heide und dessen Mutter Monnika Christin ist, nach einer höheren Schulbildung - wohl um das Jahr 373 n. Chr., mit 19 Jahren - zu einem Rhetorik-Studium nach Karthago und im Zusammenhang damit auch zu einer intensiven Beschäftigung mit philosophischen Fragen, die von Aristoteles, den Stoikern und Cicero bis zu den Neuplatonikern seiner Zeit recht. Einer Berufstätigkeit als Rhetor in Karthago folgt die Übersiedlung nach Rom i. J. 383 n. Chr. und von dort bald danach nach Mailand, wo er seit d. J. 384 als Rhetoriklehrer im Dienste wohlhabender und angesehener Familien in der Nähe des kaiserlichen Hofes wirkt.

Nach seiner Herkunft, seiner Ausbildung und seiner Berufstätigkeit gehört Augustinus zur höheren Gesellschaft, den 'honestiores', als er zum Christentum konvertiert; es ist erkennbar, daß andere, ihm vertraute Personen ebenfalls diesen gesellschaftlichen Status haben und sich innerlich in Richtung auf eine Konversion bewegen. Sein Konkubinat mit einer nicht als standesgemäß geltenden, aber von ihm offenbar mehr als ihm bewußt geliebten Frau, das er selbst - wie anderes, nicht näher Bezeichnetes - zu den 'Sünden seiner Jugend' zählt, löst er - mit einer gewissen, der heutigen Zeit unverständlich lieblos erscheinenden Härte - allerdings erst auf, als er sich der christlichen Bekehrung nähert. Auch als bekehrter Christ verliert Augustin seine Standeszugehörigkeit nicht. Selbst mit einem Leben in klosterähnlicher Gemeinschaft verbindet sich zu dieser Zeit noch nicht die später für Mönche gesetzlich vorgesehene Aufgabe subjektiver Rechte, die das weltliche Leben bestimmen. Augustinus gehört also auch als Christ zu den höheren Gesellschaftsschichten. Seine Nähe zum Bischof von Mailand, Ambrosius, und auch zum gesellschaftlichen Umfeld des sich zu dieser Zeit weitgehend christianisiernden Mailänder Kaiserhofes ebenso wie seine spätere Tätigkeit als Bischof von Hippo Regius (heute Bône, Algerien; damals provincia Africa) verstärken diese soziale Position noch noch. Augustinus verkörpert die Bewegung einer Epoche, in der das Christentum auch die oberen Gesellschaftsschichten durchdringt und schließlich zu einer Abstoßung auch der nicht-christlichernTraditionen des staatlichen und öffentlichen Lebens führt, wie sie in dieser Zeit etwa in dem gegen die Vertreter der 'heidnischen Tradition' ausgehenden Streit um den 'Victoria-Altar' d. J. 384 n. Chr.und in vielen ähnlichen Ereignissen zutagetritt.

Zu 2)

Die geistige Entwicklung Augustins, die ihn zum Christentum hinführt, beginnt gefühlsmäßig bei dem Einfluß seiner Mutter, einer frommen Christin, auf sein Leben. Es ist aber auch aus anderen Gründen sinnvoll, einen gefühlsmäßigen Aspekt dieser Entwicklung von einem gedanklichen zu unterscheiden, auch wenn beides ständig zusammenwirkt.

Gedanklich beschäftigt Augustinus nach seinen eigenen Mitteilungen lange Zeit vor allem die Frage nach dem Wesen Gottes und dabei in starkem Maße die Frage nach dem Verhältnis der göttlicher Allmacht zu Wesen und Wirkung des Bösen. Dies ist keine spezifisch christliche Problematik. Es gibt für sie in der antiken Philosophie unterschiedliche Lösungsansätze: z. B. einen 'akademischen', einen 'stoisch-pantheistischen' und einen 'skeptischen'. Zu der Religionsspekulation der Zeit Augustinas gehören ein 'manichäischer', ein strologischer und ein 'neuplatonischer' Ansatz. Augustinus beschreibt in der hier wiedergegebenen Textpassage ausführlich seine Auseinandersetzung mit all diesen Positionen, bei der aber trotz aller allmählichen Klärung der einzelnen Fragen (Nicht-Körperlichket, Nicht-Vergänglichkeit, uneingeschränkte und untangierbare Güte Gottes, grundsätzliche Güte der göttlichen Schöpfung) die grundsätzliche Frage, ja der letztlich unlösbar erscheinende skeptische Zweifel übrigbleibt, wie das Böse zu erklären sei. Der gedankliche Ansatz, der Augustin schließlich eine Lösung ermöglicht, ist die Deutung des 'Bösen' als die 'Abwesenheit des göttlichen, heiligen Geistes' im Menschen. Zum Bösen gehört dabei auch das Nichterkennenkönnen der göttlichen Wahrheit. Die Unfähigkeit dazu beherrscht den Menschen, wie Augustinus meint, dann, wenn sich der Mensch willentlich-selbstursächlich - in einem 'Sündenfall' - dem göttlichen Geiste entzieht. An sich wirft auch dieser Lösungsansatz Zweifel, und zwar nach der Verantwortlichkeit Gottes für die menschliche Willensfreiheit, auf. Augustinus scheint aber der menschliche Wille als so essentiell selbstbestimmt - und damit sogar von Gott unabhängig -, daß sich ihm diese Frage gar nicht mehr stellt. Auch einem zweiten Einwand, den man haben könnte, nämlich wegen der dogmengeschichtlich so folgenreiche, zirkulären, sich selbst verstärkenden Argumentationsstruktur dieses Ansatzes (Das Böse = Abwesenheit des göttlichen Geistes; Nichtanerkennung dieser Aussage = böse; nur Anerkennung dieser Aussage = Anwesenheit des göttlichen Geistes), stellt Augustin sich ebenfalls nicht.

Die Übergehung solcher Einwände weist auf die Bedeutung hin, die das überwiegend gefühlsmäßige Moment in diesen über den Bestand des Glaubens entscheidenden Fragen nicht nur persönlich-individuell, sondern dem Geiste der Zeit nach hat. Im Bericht Augustins kann man eine tiefreichende geistige Unzufriedenheit mit seiner bisherigen geistigen und bürgerlichen Existenz feststellen: "sinnliche Begierden" und "sinnlose Geschäftigkeit" prägen in seinen Augen die eigene und generell die menschliche 'weltliche' Existenz. Der Mensch bleibt ihnen, so Augustinus, verhaftet und unglücklich und findet aus ihnen keinen Ausweg, es sei denn, der Geist Gottes erbarme sich seiner, ergreife ihn und mache ihn davon frei. Die Erwartung einer solchen nur von Gott ermöglichten Befreiung und Erlösung steht im Hintergrund der gefühlsmäßigen Konversion Augustins zum Christentum und führt dazu, daß er am Ende, in einem die bisherige 'weltliche Existenz' abschließenden Akt der Entscheidung 'sündhafte persönliche Beziehungen' auflöst, seine berufliche Existenz als prominenter Rhetorik-Lehrer aufgibt, sich taufen läßt und gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten ein könobitisches Leben beginnt.

Die dabei hervortretenden Gefühle sind eindrucksvoll dicht und überzeugend dargestellt: Gott ist für Augustinus ein überwältigendes 'Licht', das den Menschen durchdringt, ihn in all seinem Tun mit 'höherer Vernunft' bestimmt und von den Fesseln persönlicher Bedrückung erlöst. Es ist insoweit völlig verständlich, daß es für ihn - und die vielen, die in seiner Zeit Christen werden - nichts Wichtigeres und Größeres gibt als Gott.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 11.


Übung 12.

AUFAGABEN:

1) Welcher Zeit gehören jeweils die in den unten wiedergegeben Plutarch-Texten erörterten Persönlichkeiten zu?

2) Wie kommen sie zu ihrem Reichtum? Welche Maßstäbe bei der anerkennenden Bewertung ihres Umgangs mit ihrem Reichtum sind erkennbar? Welche generelle moralisch bewertende Einstellung zum Reichtum steht im Hintergrund?

TEXT:

Aristokratischer Reichtum im Vergleich: Plutarch, Kimon 9 - 11, Lucullus 37 - 41und Vergleich Kimon - Lucullus 1 - 3.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Die hier wiedergegebene Textpassage läßt erkennen, daß Kimon ein Zeitgenosse des Themistokles, des Aristeides und des Ephialtes ist. Sein Leben und seine politische Tätigkeit ist insoweit im ganzen der ersten Hälfte des 5. Jhs. v. Chr. zuzuordnen. Von seiner politischen und militärischen Tätigkeit ist an dieser Stelle einmal sein Kommando über die athenische Flotte bei der Vertreibung der Perser aus Thrakien - anschließend an das Mißlingen der Expedition des Xerxes nach Griechenland infolge der Niederlagen bei Salamis (480 v. Chr.) und Plataiai (479 n. Chr.) - erwähnt, zum anderen sein Umgang mit den Bundesgenossen des i. J. 477 v. Chr. gegründeten 'Attischen Seebundes'. - Kimon (ca. 510 - ca. 460 v. Chr.), Sohn des verantwortlichen athenischen Strategen in der Schlacht bei bei Marathon (490 v. Chr.) Miltiades, ist - wie sein Vater - ein Vertreter der aristokratisch.-konservativen Kräfte Athens, die nach der Zurückschlagung der persischen Invasionen d. J. 490 und 480/479 v. Chr. zwar eine gegen Persien gerichtete Seeherrschaft Athens verteidigen und ausbauen, aber - im Gegensatz zu Themistokles und den ihn unterstützenden eher 'demokratischen' Kräften - eine mit Sparta abgestimmte Politik und eine aristokratische Verfassung in Athen beibehalten wollen. Kimons trägt die gegen Persien gerichtete Kriegspolitik des Themistokles als Stratege insoweit zwar aktiv mit, bestimmt aber nach der Ostrakisierung des Themistokles i. J. 471 v. Chr. mit konservativ-aristokratischer Zielsetzung die Richtlinien seinerseits der athenischen Politik . Infolge eines erneuten Politikwechsels in Athen, der eine demokratische Umformung der Verfassung mit sich bringt, wird Kimon i. J. 461 v. Chr. selbst ostrakisiert. Kimon ist nicht nur ein politischer Vertreter konservativ-aristokratischer Positionen , sondern auch eines aristokratischen Lebensstils in seiner noch 'vordemokratischen' Epoche.

Als Zeitgnosse des L. Licinius Lucullus sind in der hier präsentierten Textpassage etwa Sulla, Pompeius, Catos d. J. und Cicero angegeben. Das ordnet ihn dem 1. Jh. v. Chr. zu. Erwähnt ist der durch innenpolitische Gegner verzögerte Triumph des Lucullus wegen seiner Siege gegen Mithridates von Pontos und Tigranes von Armenien im 3. mithridatischen Kriege (74 - 64 n. Chr.). Auch die Mitwirkung des Lucullus als Flottenkommandant an dem Orient-Feldzug Sullas im ersten mithridatischen Kriege (89 - 85 . Chr.) und die unter der Statthalterschaft des Lucullus in Kilikien und seinem Oberbefehl im 3. mithridatischen Kriege aufgetretenen Disiplinprobleme mit seinen Truppen und Konflikte mit den Interessen der römischen Ritterschaft kommen zur Sprache. Ferner ist von seinem Spannungsverhältnis als Vertreter der Optimatenpartei mit Pompeius und Caesar die Rede, welches zu seinem völligen Rückzug aus der Politik führt. - L. Licinius Lucullus (117 - 56 v. Chr.), nicht aus altadliger, sondern aus der erst im 2. Jh. v. Chr. in den Senatorenstand gelangten gens Licinia stammend, ist einer der prominenten römischen Oberkommandierenden (Sullas, Murena, Lucullus und Pompeius), die zwischen den Jahren 89 und 64 v. Chr. in ständigen Kämpfen die Macht der ihre Unabhängigkeit verteidigenden und teilweise romfeindlichen hellenistischen Herrscher Kleinasiens brechen und zu einer Neuordnung dieser Region nach römischen Interessen beitragen. Seiner politischen Position nach ist er - ähnlich wie Cicero, ein Vertreter der optimatischen Partei und stellt sich insoweit verschiedentlich in Widerspruch zu der nach Auhebung der sullanischen Restaurationsverfassung d. J. 81 v. Chr. im Jahre 71 v. Chr. vor allem von Pompeius und Caesar betriebenen und schließlich im 'ersten Triumvirat' d. J. 60 v. Chr. etablierten 'neupopularen', die republikanische Verfassungstradition schwächenden Politik einer Einflußsicherung für die 'großen Männer' Roms. Allerdings nimmt er die ihm seitens der Kritikern des Pompeius und Caesar im Senat zugedachte Rolle eines Wortführers der optimatischen Partei nicht konsequent wahr, sondern zieht sich, durch verschiedene Mißerfolge seines politischen Wirkens und wohl auch die Perspektive der Ergebnislosigkeit eines Kampfes gegen die sich unter Pompeius und Caesar etablierenden Interessen und Zustände motiviert, schrittweise, seit der Begründung des 1. Triumvirats völlig, aus der Politik zurück, um das Leben eines im Luxus lebenden Privatiers zu führen.

Zu 2)

Kimon und Lucullus sind beide Inhaber - nach den Maßstäben ihrer Zeit - unermeßlich großer Vermögen, die aber nicht aus einem aristokratisch-standesgemäßen Erbe oder gar aus einer - für Aristokraten unschicklichen oder rechtlich unerlaubten - direkten Handelsgeschäftstätigkeit hervorgehen, sondern aus einem Beuteanteil, der ihnen als Oberfehlshabern in einem siegreich beendeten Kriege aus den dem Feinde abgenommenen Reichtümern und Einkommensquellen zusteht.

Die Verwendung ihres - an sich ausschließlich mittels aus einer öffentlichen Amtsfunktion erlangten - erlangten legendär gewordenen Reichtums - ist unterschiedlich. Während Kimon das ihm so zugänglich gewordene Vermögen offenbar überwiegend für öffentliche Belange und für die Unterstützung bedürftiger Mitbürger, aber auch wohl für politische Sympathiewerbung nutzt, ist Lucullus eher wegen seines aus den erworbenen Mitteln betriebenen übermäßigen privaten Luxus-Aufwandes und nur teilweise wegen seiner Freigebigkeit gegen Mitbürger und wegen seiner Förderung des Bibliothekswesens und der philosophischen Bildung bekannt.

In den Augen Plutarchs, aber auch der Zeigenossen des Kimon einerseits und des Lucullus andererseits, von denen er berichtet, verdanken beide ihre Prominenz vor allem ihren politisch-militärischen Verdiensten, und diese geraten trotz ihres mehr oder weniger freiwilligen Ausscheidens aus der Politik bei ihren Zeitgenossen nicht in Vergessenheit. Der erlangte Reichtum steht dieser Prominenz bei Kimon nicht im Wege, weil er ihn politisch nutzt; bei Lucullus gilt sein luxurierendes Privatisieren jedoch als weder politisch-standesgemäß noch im Sinne 'wahrer', d. h. nicht-epikuräischer Philosophie als gebildet und tugendhaft.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 12.


Übung 13.

AUFGABEN:

1) Welchen Epochen ordnen Sie die unten wiedergegebenen Textquellen über Aspasia zu?

2) In welcher Weise, in welchen Zusammenhängen und aus welchen Gründen kommen Ihres Erachtens in beiden Texten der Aspasia gegenüber Anerkennung, Kritk oder Polemik zum Ausdruck?

TEXTE:

Die berühmte Aspasia, Perikles zweite Frau: Plutarch, Perikles, 24 f. und 31 f.

Aspasia, fiktive Verfasserin einer Rede des Perikles: Platon, Menexenos.

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Die Entstehungszeit des hier wiedergegebenen Textausschnitt läßt sich aufgrund seines Inhalts nicht genaus betsimmen. Der Autor behandelt Geschehnisse der Vergangenheit des klassischen Athen im Rahmen einer biographischen Darstellung des Perikles. Die zitierten Gewährsleute für seine Angaben oder Annahmen entstammen ebenfalls dieser Zeit. Lediglich aus der im Präsens gehaltenen bewundernden Beschreibung des von Phidias gefertigten Standbildes der Athena im Parthenon läßt sich indirekt entnehmen, daß der Textautor irgendeiner späteren, ruhiger urteilenden Zeit angehört, in der das Standbild noch existiert und die Darstellung des Perikles und des Phidias auf dem Schild der Athena nicht provozierend wirkt. -

Plutarch (45 - 125 n. Chr.), tritt, wie schon in anderen Übungen erwähnt, als Moral-, Religions- und Politikphilosoph hervor und mit einem Hintergrund antsprechender Motiven auch als Verfasser von Biographien berühmter Persönlichkeiten der griechischen und der römischen Geschichte. Aus diesem Erkenntnis- und Darstellungsinteresse entsteht auch die Biographie des bis in den Anfang des peolponnesischen Krieges hinein wirksamen athenischen Strategen und Politikers Perikles - in paralleler Darstellung zum Leben des beonders im zweiten punischen kriege berühmt gewordenen römischen Feldherrn und Politikers Quintus Fabius Maximus (Verrucosus Cunctator). Neben der maßgeblichen Stellung bei der Beurteilung und Bewältigung schwierigster Entscheidungssituationen ihrer Gemeinwesen ist beiden auch die Belastung durch innenpolitische Parteienkämpfe und Intrigen gemeinsam. Bei Perikles gehören zu den zahlreichen gegen ihn ins Werk gesetzten Angriffen auch die indirekt über eine Verdächtigung oder Verleumdung seiner zweiten Frau Aspasia geführten. Plutarch beschreibt Aspasia und die Gerüchte über sie vor diesem Hintergrund. D. h.: das Interesse gilt eigentlich Perikles, und die mitgeteilte Überlieferung über Aspasia wird als durch den Parteienkampf gefärbt nicht nur erkennbar, sondern bewußt dargestellt.

Die Entstehungszeit des platonischen Dialogs 'Menoxenos' scheint in zeitlicher Nähe zum Leben des Sokrates entstanden zu sein, weil die Rede, welche Sokrates dort als von Aspasia stammend wiedergibt, eine leidenschaftlich-gehässige Persiflage auf die berühmte und - noch heute beeindruckend kunstvoll wirkende - Totenrede des Perikles des Winters 431/430 v. Chr. (Thukydides (2, 34 - 47) ist.

Die Leidenschaft könnte sich theoretisch aus einem dem Ereignis zeitlich nahen parteilichen Engagement erklären. Doch ist ein solches kaum möglich, weil Platon (427 - ca. 367 v. Chr.) zur Zeit des peloponnesischen Krieges erst geboren wurde und heranwuchs, dre Nenexenos-Dialog aber das ausgereifte und bittere Urteil eines politisch und rhetorisch gebildeten Mannes über die Verführungskraft und gleichzeitige inhaltliche Leere demagogischer Rede in der 'demokratischen Politik' Athens voraussetzt, eines Urteils, das sich ausweislich seiner Briefe (Brief 1) bei Päaton erst im Laufe seines Erwachsenenlebens nach dem peloponnesischen Kriege herausbildet. Es könnte sich dabei um ein Lehrbeispiel gehandelt haben, wie es nach Gründung der Akademie in Athen seit etwa 387 v. Chr. dort Anwendung gefunden haben mag; eine ganauere Datierung ist nicht möglich. Geht man - im Hinblick auf die Einleitung und Schlußpassagen des Dialogs und wegen seiner - trotz philologisch festgesstellter schöner sprachlichen Form - inhaltlich-argumentativen Ungeschicklichkeit und Gedankenarmut davon aus, daß Platon dem Perikles aus einer aristokratisch-traditionellen Kritik an dessen 'demokratischer' Kriegspolitik gegenüber Sparta nicht wohlwill, so ist auch hier festzustellen, daß die Aspasia-Rede nicht eigentlich zur Charakterisierung der Aspasia, sondern alleenfallszu ihrer Diffamierung, aber eigentlich der nachträglichen Abwertung des Perikles dient, als einesangeblich unfähigen Mannes, der sich seine Reden von seiner geltungssüchtigen und unbedarften Frau diktieren lasse.

Zu 2)

Plutarch teilt über Aspasia zweierlei mit: einmal die Verdächtigungen und Verunglimpfungen, denen sie asl Frau des Perikles ausgesetzt ist - als machthungriger, unerlaubt politischen Einfluß nehmender, im geheimen unsittlich handelnder und gottlose Ansichten verbreitender Ehefrau des führenden Politikers Athens -. zum anderen das, was er für wahr hält: sie sei eine gebildete und von vielen Athenern und auswärtigen Besuchern Athens deswegen - und wie man hinzufügen darf, wohl auch wegen ihrer Nähe zu Perikles - geschätzt und besucht worden; Perikles habe sie aus Liebe geheiratet. Sie sei im Rahmen einer politischen Kampagnen gegen Perikles wegen Kuppelei angeklagt und in einen Asebie-Prozeß verstrickt worden, deren eigentlicher Adressat Perikles gewesen sei.

Es ergibt sich somit das Bild einer im 'klassisch-demokratischen' Athen prominenten Frau, die ihre Prominenz im wesentlichen von der ihres langjährig an der Spitze des Gemeinwesens stehenden Mannes ableitet und bei deren Beurteilung weder Übertreibungen politischer Schmeichelei noch solche polemischer Parteilichkeit oder verdachtstreuender Intrigen trotz der festen literarischen Überlieferungsform, die sie erhalten haben, ernstzunehmen sind.

Der platonische Dialog 'Menexenos' stellt Aspasia als scheingebildete Faru mit großen Ambitionen vor, der sich gebildete Athener - wie Sokrates - wegen ihrer Prominenz mit der suffisanten Überzeugung nähern, sie sei nicht mehr und nicht weniger als eine paßgenaue Verkörperung des hohlen Geistes der demokratischen Führungsschicht Athens, welcher den Krieg mit Sparta und die daraus hervorgehende Niederlage verschuldet habe. Der Dialog ist daher für eine wirkliche Charakterisierung der Aspasia gänzlich ungeeingnet, gibt aber einen Typus negativer Prominenz wieder, wie er in der griechischen und römischen Geschichte immer wieder einmal prominenten Gattinnen von Politikern und Kaisern durch ihre Zeigenossen zugesprochen und dann im Rahmen der literarischen Überlieferung verfestigt wird.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 13.


Übung 14.

AUFGABEN:

1) Welcher Zeit ordnen Sie die Entstehung der unten wiedergegebenen Texte zu? Was sagen sie auf ihre jeweilige Weise über Leistungen und Ruhm antiker Athleten, Schauspieler oder anderer Unterhaltungskünstler aus? Welche kritischen Maßstäbe gehen jeweils in diese Aussagen ein?

2) Woraus erklären Sie sich die weitgehende Kritik des Nichtchristen Juvenal hier und des Christen Tertullian dort an den Formen römischer Unterhaltung und ihren Akteuren?

3) Was läßt sich aus der Darstellung des Pausanias über die Veränderung der Art des olympischen Ruhms im Laufe der Jahrhunderte entnehmen?

TEXTE:

Weihgeschenke und Siegerstatuen in Olympia: Pausanias, Beschreibung Griechenlands, 5 , 1, 1 - 21 sowie 6, 1, 1 - 7 und 6, 3, 9 - 16.

Satirisches über beliebte römische Unterhaltungskünstler und ihre weiblichen Bewunderer: Juvenal, 6. Satire, 56 - 81.

Der Wert der Zirkus- und anderer öffentlicher Unterhaltung und die Größe ihrer Akteure aus der kritischen Sicht des Kirchenvaters Tertullian (De spectaculis 16 - 23).

ZUR LÖSUNG:

Zu 1)

Wie schon bei früherer Gelegenheit (Übung 8 a) ist aus dem Inhalt des Pausanias-Textes wegen seines primären Interesses für die große griechische Vergangenheit kaum ein Anhaltspunkt für seine Entstehungzeit zu gewinnen. Doch ist u. a. ein 'neuzeitlicher' Verstoß gegen die olympischen Regeln des Faustkampfes während der 226. Olympiade erwähnt. Die erste der alle vier Jahre stattfindenden Olympiaden wurde im Altertum üblicherweise auf ein Jahr datiert, das nach heutiger Zählung dem Jahr 776 v. Chr. entspricht. Die 226. Olympiade hat demnach im Jahre 128 n. Chr. stattgefunden. Pausanias (ca.115 - nach 180 n. Chr.) verfaßt seine griechischen Reiseeindrücke zwischen 160 und 180 n. Chr.. Seine Reisen führen ihn auch nach Olympia. Er gibt wie stets seine Eindrücke über die dortigen Baulichkeiten und Kunstwerke und die mit ihnen zusammenhängende Mythologie und Geschichte in Erfahrung bringt. In Olympia sind das u. a. die großen Sieger und ihre Siege einerseits und andererseits auch die großen skrupel- und pietätlosen Verstöße gegen die olympischen Regeln.

Der Juvenal-Text kann nach seinem Inhalt - wegen der aus ihm hervorgehenden Etabliertheit des Theaters und der Atellanen-Schauspiels in Rom - grob auf die Zeit seit dem 1. Jh. v. Chr. geschätzt werden. Die Erwähnung des Rhetorik-Lehrers Quintilian (35 - ca. 100 n. Chr.) - die anderen erwähnten Personen sind trotz ihrer zeitweiligen Prominenz im römischen Unterhaltungswesen ihrer Zeit heute nicht mehr näher bekannt - grenzt die Zeit auf das 1. Jh. n. Chr. ein. D. Iunius Iuvenalis (ca. 58 - ca. 138 n. Chr.) bringt, soweit bekannt, die erste Hälfte seines erwachsenen Lebens als Rhetor zu, wid unter Kaiser Domitian wegen eines offenbar als politisch aufgefaßten Vergehens verbannt und betätigt sich seit seiner Rückkehr nach Rom unter Kaiser Nerva als Autor von Satiren. Die 'Satire' - etymologisch stammt das Wort wohl von lat. 'satura' {= 'Vielerlei'], nicht von dem griechischen Wort 'satyros' ab - ist eine Literaturgattung, die die Kleinigkeiten des öffentlichen und privaten Alltags in ihrer fehlleitenden oder belastenden Bedeutung für das menschliche Seelenleben und für die menschlichen Tugenden und Untugenden beleuchtet. Diese anschaulich-realistische und zugleich komödienhafte Sitenktitik in Prosaform entsteht als literarische Gattung seit dem 2. Jh. v. Chr. im lateinischen Sprachbereich und ist im wesentlichen auf diesen beschränkt (Quintilian, institutio oratoria 10, 1, 93). Ihre Sprache ist da, wo es um die Bloßlegung von Lastern und groben Unehrlichkeiten geht, oft entsprechend derb-drastisch, wie im vorliegenden Fall einer bissigen Herabsetzung der prominenten Akteure des Atellanen-Schauspiels und des von ihnen faszinierten weiblichen Publikums.

Der Tertullian-Text läßt sich aufgrund seines Inhalts zeitlich grob dadurch bestimmen, daß seine Kritik am Circus-Wesen christlich motviert ist. Es handelt sich dabei um eine Gattung christlicher Traktat-Literatur, die sich seit Ende des 2. Jhts. nach Chr. im Rahmen einer teils kunstgerecht ('dialektisch') argumentierenden, teils aggressiv-polemischen Auseinandersetzung mit heidnischen, jüdischen und häretischen Anschaunngen und Bräuchen herausbildet, welche aus Sicht ihr Autoren einem rechten Geist und einer rechten praktischen Perspektive christlichen Glaubens widerprechen. Einer der frühen Vertreter dieser Gattung ist Tertullian (160 - ca. 220 n. Chr.), der zu den 'Kirchenvätern' gezählt wird. Nach seiner Bekehrung zum Christentum (um 195 n. Chr.) vertritt er mit seinen Publikationenzunächst das nach damaligen Maßstäben katholisch-rechtgläubige Christentum, später, seit d. J. 207 n. Chr., dessen montanistisch-rigorose Richtung. Seine Schrift 'De spectaculis' scheint in die erste Phase seiner christlichen Publikationstätigkeit zu gehören, auch wenn ihre kompromißlos totale Ablehung des damals üblichen Schauspielwesens möglicherweise nicht in allen Aspekten unter den christlichen Gläubigen seiner Zeit Annahme findet.

Zu 2)

Obschon einerseits Juvenals Kritik an prominenten Unterhaltungskünstlern des Atellanen-Schauspiels und seinem weiblichen Publikum literarisch, vernunft- und sittenkritisch, andererseits Tertullians Kritik an den Verhaltensweisen der öffentlich hochgeschätzten Circus-Spiele und ihres Publikums christlich-sittenkritisch motiviert ist, so haben beide doch ähnliche Angriffsziele und lassen sich trotz des religiösen Unterschieds zumindest teilweise auf eine gleichsinnige antike Tradition sittlicher Kritik an ausufernden Formen öffentlicher Unterhaltung zurückführen. Gemeinsam kritisieren beide Autoren - auch Tertullian in seiner zwar christlichen, aber auch dialektisch-'rationalen' Argumentationsweise - einmal die Würde- und Vernunftlosigkeit, mit der verführerischen Illusionen und teilweise nichtswürdigen Antrieben vom Publikum eine unkontrollierte Leidenschaft und eine aufs Äußerste übertriebene Wertschätzung entgegengebracht werden. Daß zur Zeit der Autoren die öffentlichen Spiele zur öffentlichen Unterhaltung geworden, d. h. auch: mit einigen verdummenden und verrohenden Momenten zumeist rechtlich zulässig geworden sind und als ein Art hohen Alltagskulturguts des in Unterhaltungsdingen anspruchsvollen Volkes weite Verbreitung gefunden haben, läßt den beiden Autoren eine aggressive Kritik im Interesse der Wahrung von Verninft und Sitte um so nötiger erscheinen.

Die dahinterstehende Tradition einer Vorsicht und Abwehr gegenüber sittlicher Dekadenz im öffentlichen Spiel- und Unterhaltungswesen (griech.'theatra', lat.'ludi') begründet zum Beispiel sowohl in Athen als auch in Rom zu allen Zeiten eine sittlich und politisch zensierende Beaufsichtigung u. a. des Theaterwesens durch die jeweils zuständigen Leitungs- und Ausichtsbeamten für die öffentlichen Spiele (in Athen etwa zu Zeiten durch einige dafüt zuständige Archonten, in Rom zumeist durch die Ädilen). In Rom gibt es jahrhundertelang - bis zum Theaterbau des Pompeius in 1. Jh. v. Chr. - kein festes Theater-Gebäude; zu den öffentlichen Festspielen werden - trotz ihres stets - zumindest partiellen - religiösen Bezugs, den Tertullian deutlich anspricht - immer wieder - vergleichbar heutigen Zirkuszelten' - transportable Bühnen und Zuschauerränge aufgebaut. Die sittlichen Vorbehalte gegenüber der öffentlichen Unterhaltung dauern auch nach einer Lockerung der ihnen zugrundeliegenden Moralvorstellungen und eines allmählichen Wandels der in ihnen stets wirksam bleibenden religiösen Traditionen (etwa bei Pferderennen, Tierhetzen und Gladiatorenspielen) im öffentlichen Leben antiker Städte durchaus an. Besonders deutlich wird dies auch an der sozialen Einordnung der Schauspieler und anderer mit der öffentlichen Darbietung ihres Körpers für Unterhaltungszwecke arbeitenden Personenkategorien: sie werden in Rom seit der Einführung der verschiedenen 'ludi'vom 3. Jh. v. Chr.an bis zur christlichen Spätantike als sittlich anrüchig und sozial besonders inferior behandelt, obschon ihre Unterhaltungskunst zu ihrer jeweiligen Zeit hohe Wertschätzung bei dem interessierten Publikum zu genießen pflegt und weder durchweg unsittlich noch in gewissen Aspekten einer - all zu weit definierten - 'Unsittlichkeit' durchweg kulturell wertlos gewesen sein dürfte. Manches, was beide Autoren kritisieren, erscheint allerdings auch begründet, sogar für vergleichbare Phänomene heutigen Sports und heutiger Unterhaltungskunst; so unter vielem anderen etwa Tertrullians Charakterisierung des 'leidenschaftlichen Wahnsinns' der Zirkusveransraltungen mit den prägnanten Worten: "unius dementiae una vox" ("ein einziger Schrei, ein einziger Wahnsinn").

Zwischen dieser Art öffentlicher Unterhaltung einerseits und den seit jeher uneingeschränkt als kulturell wertvoll betrachteten, 'freien' Musenkünsten, zuzüglich der deutlich religiös gebliebenen öffentlichen Zeremonien und Darstellungen - wie z. B. auch der Agone der olympischen Spiele - andererseits besteht eine kulturell wichtige Grenze. Ihre antike Bedeutung wird etwa erkennbar, wenn man bedenkt, daß sie rezeptionsgeschichtlich sogar bis in die heutige Unterscheidung zwischen 'Schaugeschäft' und Kunst' /'Kultur' bzw. zwischen 'ernster' und 'Unterhaltungs-Kunst' nachwirkt. Der Typus der Größe der Darsteller und Künstler hier und dort ist daher unterschiedlich: hier die vergängliche, zwiespältige, wenn auch gelegentlich die Leidenschaften des Publikums überwältigende Kunst der Schausteller, dort der auf überzeitliche und allgemeine Geltung angelegte Ruhm der freien, museninspirierten, künstlerischen Vertreter der göttlichen Ideen des Wahren, Guten und Schönen.

Zu 3)

An den hier wiedergegebenen Textausschnitten aus seiner 'Perihegesis' läßt sich Pausanias Interesse einerseits an den Siegern der ursprünglich religiös begründeten olympischen Wettkampfarten (z. B. Ringkampf, Faustkampf, Pankration [weitgehend regelloser Schlagkampf], Pferdewagenrennen, Fünfkampf [Kurzlauf, Langlauf, Speerwurf, Diskuswurf, Ringen], Kurzlauf [ein oder zwei Stadienlängen], Langlauf [7 - 24 Stadien]) , zum anderen aber auch an dem häufigeren Eindringen von Momenten der politischen oder persönlichen Werbung von 'Sponsoren', des Geldgeschäfts und der Korruption in die antiken olympischen Spiele erkennen, die sie auf die Ebene der erwerbsgeschäftlich betriebenen, religiös indifferenten Unterhaltungskunst herabzuziehen drohen. Die Art der 'Größe' antiker Wettkämpfer steht und fällt - vergleichbar der Prominenz der Sportler unserer Zeit - mit dem öffentlichen Vertrauen in den letztlich religiösen Idealismus ihrer Leistungen. Ist dieser nicht gegeben, so erscheinen siezumindest der gildeteren der Antike, für die auch Pausanias steht, lediglich als Hochleistungsmuskelmaschinen im Schaugeschäft mit dem zweispältigen Ruf sozial inferiorer Unterhaltungskünstler.

Siehe Literaturhinweise zu Kap. 14.


LV Gizewski SS 2002.

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)