Wert und Ansehen des Menschen: Cicero, De officiis 1, 150 f.

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Cicero, De officiis - Vom pflichtgemäßen Handeln. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Heinz Gunermann, Stuttgart 1978, S. 130 - 133.


Deutsche Übersetzung:

(150) Was ferner die handwerklichen Berufe und Erwerbszweige angeht, die als eines Freien würdig, bzw. die als schmutzig zu gelten haben, so haben wir etwa folgendes als geltend anzunehmen. Zunächst werden [scil. nach den für uns geltenden Maßstäben] die Erwerbszweige mißbilligt, die sich der Ablehnung der Menschen aussetzen, wie die der Zöllner oder der Geldverleiher. Eines Freien unwürdig und schmutzig sind ferner die Erwerbsformen aller Tagelöhner, deren reine Arbeitsleistung - und nicht deren besondere Fähigkeiten - erkauft werden. Denn es ist bei ihnen der Lohn ja nichts weiter als einem Handgeld für eine Knechtstätigkeit. Als schmutzig muß man auch diejenigen ansehen, die von den Großhändlern Waren erhandeln, um sie sogleich weiter zu verkaufen. Denn man darf davon ausgehen, daß sie selbst nichts zustandbringen, außer daß sie gründlich lügen. Es gibt aber nichts Schändlicheres als Unwahrhaftigkeit. Auch alle Handwerker befassen sich mit einer schmutzigen Tätigkeit; denn eine Werkstatt kann nichts Edles an sich haben. Am wenigsten kann man die Fertigkeiten gutheißen, die lediglich der menschlichen Genßsucht dienstbar sind: Fischhändler, Metzger, Köche, Geflügelhändler und Fischer wie Terenz sagt. Füge hier, wenn es dir beliebt, hinzu, wie Terenz saht: "Salbenhändler, Tänzer und die ganze Zunft der Schausteller". (151) Diejenigen Fertigkeiten aber, bei denen entweder größere Klugheit beteiligt ist oder durch die ein nicht mittelmäßiger Nutzen angestrebt wird wie bei der Medizin, bei der Architektur und dem Unterricht im Bildungswissen der 'artes liberales', sind für die, zu deren Beruf siegehören, ehrenvoll. Für den Handel gilt folgendes: erfolgt er in kleinem Rahmen, so muß man das als schmutzig bezeichnen; wenn dagegen im großen und umfangreichen Geschäft, das vieles von überallher herbeischafft und es vielen ohne Betrug zur Verfügung stellt,dann darf man ihn durchaus nicht tadeln, und wenn er dann sogar, gesättigt mit Gewinn oder vielmehr zufriedengestellt, sich häufig von hoher See in den Hafen und direkt vom Hafen auf seine Landbesitzungen zu begeben pflegt, scheint er mit vollem Recht Lob zu verdienen. Von allen den Erwerbszweigen aber, aus denen irgendein Gewinn gezogen wird, ist nichts besser als Ackerbau, nichts einträglicher, nichts angenehmer, nichts eines Menschen, nichts eines Freien würdiger. Da ich hierüber in [meiner Biographie über] den älteren Cato genügend mitgeteilt habe, wirst du dort entnehmen, was zu diesem Thema gehört.

Lateinischer Text:

(150) Iam de artificiis et de quaestibus qui liberaleshabendi, qui sordidi sint, haec fere accepimus. Primum improbantur ii quaestus, qui in odia hominum incurrunt, ut portitorum, ut feneratorum. Inliberles autem et sordidi quaestus mercennariorum
omnium, quorum operae, non quorum artes emuntur; est enim in illis ipsa merces auctoramentum servitutis. Sordidi etiam putandi, qui mercantur a mercatoribus, quod statim vendant; nihil enim proficiant, nisi admodum mentiantur; nec vero est quicquam turpius vanitate. Opificesque omnes in sordida arte versantur; nec enim quicquam ingenuum potest habere officina Minimeque artes eae probandae, quae ministrae sunt voluptatum "cetarii, lanii, coqui, fartores, piscatores", ut ait Terentius. Adde huc, si placet, unguentuarios, saltatores, totumque ludum talarium. (151) Quibus autem artibus aut prudentia maior inest aut non mediocris utilitas quaeritur ut medicina, ut architectura, ut doctrina rerum honestarum, eae sunt iis, quorum ordini conveniunt, honestae. Mercatura autem, si tenuis est, sordida putanda est; sin magna et copiosa, multa undique apportans multisque sine vanitate impertiens, non est admodum vituperanda; atque etiam si satiata quaestu et contenta potius, ut saepe ex alto in portum, ex ipso se portu in agros possessionesque contulit, videtur iure optimo posse laudan. Omnium autem rerum, ex quibus aliquid adquiritur, nihil est agricultura melius, nihil uberius, nihil dulcius, nihil homine, nihil libero dignius . De qua in Catone Maiore saltis multa diximus, illinc assumes quae ad hunc locum pertinebeunt.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002