Galens Kommentar zu Hippokrates Schrift 'Über die Epidemien' 7. Teil (V 330, 12 - V 334, 18 L.) in arabischer Rezeption.

Deutsche Übersetzung aus: Galeni in Hippocratis epidemiarum librum VI commentaria I - VIII. Ediderunt Ernst Wenkebach und Franz Pfaff. Leipzig und Berlin 1937, S. 386 - 395.


DER SIEBENTE TEIL DES KOMMEMTARS DES GALEN ZU DEM SECHSTEN BUCH DER "EPIDEMIEN" GENANNTEN SCHRIFT DES HIPPOKRATES.

(V 330, 12 - 332, 2 L.)

Hippokrates. Der Husten begann um die Wintersonnenwende entweder am fünfzehnten oder zwanzigsten Tag infolge häufigen Wecbsels südlicher und nördlicher, eisiger Winde. Manche deswegen auftretende Krankheiten waren kürzer, manche länger. Erkrankungen an Lungenentzündung waren häufig. Nachher, vor der Tag- und Nachtgleiche, kehrten die Erkrankungen der meisten von ihnen wieder. Der Rückfall erfolgte bei den meisten nach 40 Tagen vom Beginn des ersten Falles an gerechnet. Bei manchen war die Erkrankung sehr gering mit guter Krisis, andere bekamen Schwellungen im Schlunde, wieder andere Bräune. Manche erlitten Schlaganfälle und Nachtblindheit, besonders die Jugendlichen unter ihnen.

Galen: Der Wechsel von südlichen und nördlichen Winden pflegt den ganzen Körper zu schädigen, besonders aber entleert er den Kopf, weil dieser Körperteil meistens unbedeckt zu sein pflegt. Die Natur des Südwindes ist, wenn ihr euch an die Angaben der Aphorismen über das, was den Kopf anfüllt, erinnert, Feuchtigkeit Die Natur des Nord windes ist es, ihn durch Zusammenziehen und Pressen dessen, was sich in ihm gesammelt hat, zu entleeren. Wenn der Nordwind nach dem Südwind weht, erzeugt er bei den meisten Menschen Husten und verursacht Bräuneerkrankungen und Lungenentzündungen und andere Krankheiten, denen es eigen ist, daß sie durch Flüsse vom Kopfe herab entstehen. So traten bei diesem von Hippokrates beschriebenen Witterungszustand zuerst Lungenentzündung, nachher andere Krankheiten auf, besonders weil eisige Winde wehten und den Kopf stark abkühlten. Dasselbe bewirkten sie besonders in den Atmungsorganen, dem Schlund und dem Kehlkopf. Dann kehrten diese Krankheiten kurz vor oder kurz nach der Tag- und Nachtgleiche - wir finden den Text nach diesen beiden Lesarten geschrieben - vom Kopfe aus wieder. Die Schädigung der Körper war nunmehr stärker, so daß Erkrankungen von der Art der Schlaganfälle auftraten, weil der Überschuß, der vom Kopfe herabkam, in die Organe des Körpers eindrang. Wir werden bald nachher diese Organe angeben und genauer beschreiben, was mit ihnen war. Ebenso werden wir nachher die Sache der Nachtblindheit genauer behandeln.

(V 332, 2 - 4 L.)

Hippokrates: Was an Lungenentzündung auftrat, war sehr gering.

Galen: Wenn der vom Kopfe nach der Lunge fließende Überschuß sich nach den Augen wendet, bleibt der Husten weg, und es tritt dafür Nachtbundheit auf. Das Wesen der Nachtbundheit besteht darin, daß der damit Behaftete bei Mondschein und Kerzenlicht nichts sieht. Nachtblind heißt bei den Griechen 'nyktalops'. Sie sagen, daß dieses Wort von 'Nyktos', d. i. 'in der Nacht', und 'alaos', d. i. blind, und 'ops', d. i. Sehen, abgeleitet wird. Sie nennen ihn also gewissermaßen 'den in der Nacht Blinden'.

(V 332, 5-7 L.)

Hippokrates: Die Erkrankungen an Bräune und Schlagfluß bestanden darin, daß sie etwas Trockenes und Hartes oder etwas weniges Gekochtes wenige Male auswarfen. Es waren aber auch solche unter ihnen, die sehr auswarfen.

Galen: Diese Worte beziehen sich nur auf das, was durch den Auswurf entfernt wird. Dieser hängt aber nur mit der B r ä u n e zusammen, nicht aber mit dem Schlagfluß. Denn die Bräune sitzt in den Muskeln des Kehlkopfes, der Schlagfluß aber besonders in den Händen und den Füßen, wie H i p p ok r a t e s selbst gleich nachher es schildert. Einige Erklärer kennen den vorangegangenen Text vom Anfang dieses Kommentars bis hierher überhaupt nicht, wie z.B. Z e u x i s. Einer, der ihm in den meisten Lesarten folgt, ist R u f u s. Das, was jetzt folgt, kennen alle Erklärer.

(V 332, 7 - 11 L.)

Hippokrates: Diejenigen, welche mehr an der Stimme litten oder sich erkältet hatten, waren mehr disponiert, Bräune zu bekommen. Wer von ihnen an den Händen litt, den traf Schlagfluß nur an den Händen. Wer aber von zu vielem Reiten oder Wandern oder anderer derartiger Betätigung erschöpft war, die die Beine ermüdet, bei dem trat der Schlagfluß entweder unten am Rücken und in den Beinen auf, oder es zeigten sich Ermüdung und Schmerz in den Hüften und Oberschenkeln.

Galen: Der vom Kopf herabfließende Überschuß ist mehr geneigt, sich nach den schon vorher ermüdeten Gliedern abdrängen zu lassen als nach den anderen. Einige haben seine Worte "waren mehr disponiert, Bräune zu bekommen" etwas abgeändert, und ihr Sinn änderte sich dahin: "waren mehr disponiert, an Bräune zu sterben". Doch Hippokrates hat mit diesen Worten nicht dies im Auge. Zwar waren die Erkrankungen an Bräune in jenem Zustande bösartig, aber als der ganze Sinn in seinen Worten ist nur festzustellen, daß schon vorher mitgenommene Glieder es sind, welche den vom Kopf herabkommenden Überschuß aufnehmen. Mit dem Schlagfiuß in den Beinen meint er ihre Schwäche, die so groß ist, daß es dem Kranken nicht möglich ist, sich auf sie zu stützen und kräftig festzustehen. Mit seiner Bemerkung "es zeigten sich Ermüdung und Schmerz in den Hüften und Oberschenkeln" kann er gemeint haben, daß dies manchen allein, d. h. ohne Schlagfluß, widerfuhr, oder daß manche dies zusammen mit Schlagfluß bekamen. Denn vollständige Lähmung ist nur dann in den Gliedern vorhanden, wenn das Gefühl und die Bewegungsmöglichkeit vollständig verlorengegangen sind. Wir haben schon Menschen gesehen, die an einem ihrer so Glieder die Bewegungsfähigkeit eingebüßt hatten, bei denen aber dieses Glied doch das Gefühl behalten hatte und schmerzte, ganz besonders dann, wenn dieses Glied auf irgendeine Weise bewegt wurde.

(V 332, 12 L.)

Hippokrates: Was am heftigsten und gewalttätigsten von ihr war, das wandte sich zum Schlagfluß.

Galen: Es ist nicht leicht zu sagen, was er mit seinen Worten "was am heftigsten und gewalttätigsten von ihr war" meint. Denn er erwähnte nur den Schmerz. Wenn er aber dies uns hätte lehren wollen, hätte er nicht sagen dürfen: "was das heftigste von ihr war", sondern er hätte sagen müssen: "was das Heftigste von ihm war." Doch es mag auch in diesen Worten gleich am Anfang ein Fehler vorgefallen sein, der sich festsetzte. Man muß sich eben daran erinnern, daß wir in diesem Buche viele Stellen finden, in denen ein offensichtlicher Fehler wie dieser hier oder viele weitere deshalb vorkommen, weil sie eben nur von Notizen abgeschrieben sind, die Hippokrates zu seiner Erinnerung gemacht hat. Vielleicht kam Hippokrates selbst, da er den Schmerz erwähnte und es in der griechischen Sprache noch ein anderes Wort dafür gibt, das feminin ist, dieses Wort in den Sinn. Dabei glaubte er aus Unachtsamkeit oder Irrtum, daß er dieses Wort gebraucht habe, und bezog dann diese Worte darauf. Es kommt ja auch bei uns aus Nachlässigkeit oder Irrtum häufig so etwas wie dieses vor. Vielleicht unterlief ihm aber nicht eine Verwechslung des Geschlechts, sondern er nahm eben die Sache leicht und lässig. Dasselbe finden wir ja an vielen Stellen in den Texten auch anderer Schriftsteller früjerer Zeiten. Ich zitiere hier einige von diesen Stellen aus den Büchern der Alten, damit sie als Beispiel dienen.

Hunain: Darauf führte G a l e n Stellen ans Ho m e r und P l a t o n und anderen Alten an, in denen das Geschlecht anders ist, als es die Ordnung verlangt. Im Arabischen gibt es keine derartigen Beispiele, und ich habe es deshalb unterlassen, sie zu übersetzen, weil im Arabischen aus ihnen kein Nutzen zu ziehen ist. Denn sie würden unverständlich bleiben, so daß man sie nicht für gut und nützlich finden könnte.

Dann fährt Galen fort: Viele der Alten haben sehr viele derartige Sätze geschrieben, so daß ich glaube, wenn ich sie alle hier aufführte, würde ich deswegen eher der Behinderung der Wissenschaft geziehen zu werden verdienen, als daß ich ihre Förderung bewirkte. Deshalb glaube ich an dieser Stelle abbrechen zu sollen.

(V 332. 13-334,1 L.)

Hippokrates: Alle diese Dinge pflegten nach den Rückfällen aufzutreten; im Anfang waren sie aber nur wenig.

Galen: Zu Beginn dieses Lufizustandes und im Anfang, als diese Krankheiten im Winter nach der Wintersonnenwende auftraten, waren alle Symptome, die sich bei den Kranken zeigten, gering. Die meisten Krankheiten kamen gegen die Tag- und Nachtgleiche wieder und waren bösartiger, als sie vorher gewesen waren, weil jener Luftzustand im Gegensatz zum natürlichen Wechsel lange dauerte, so daß die Körper mehr Schaden nahmen als vorher und weil bei den Körpern, welche vorher krank gewesen waren, der Husten erst in der Mitte der Sache nachließ.

(V 334, 1 - 3 L.)

Hippokrates: Was aber das Nachlassen betrifft, so ging es nicht schnell vor sich, sondern vereinigte sich mit dem Rückfall.

Galen: Mit seiner Angabe, daß der Husten nachließ, meint er nicht, daß er vollständig aufhörte, sondern nur daß er sich verminderte, und gerade dieses - ich meine, daß er nicht aufhörte - war ein Zeichen dafür, daß infolge des Rückfalles jene Krankheiten entstanden, denen es eigen ist, daß der Husten nachläßt.

(V 334, 3 - 6 L.)

Hippokrates: Die meisten, bei denen diess Stimme durch den Husten brach, fieberten uberhaupt nicht, und wer von ihnen fieberte, nur wenig. Es bekam auch keiner von diesen Brustfellentzündung und Schlaglluß und überhaupt nichts anderes Schweres, sondern es ließ nach durch die Stimme.

Galen: Da Hippokrates am Ende seiner Darlegung diesen Zusatz - ich meine: "es ließ nach dureh die Stimme" - macht, hat er uns damit die Ursache angegeben für das Symptom, das vorlag, daß nämlich bei denjenigen, bei welchen sich der ganze Übersehuß nach dem Kehlkopf und der Luftröhre hinzog, die Stimme dadurch schweren Schaden nahm, so daß sie vollständig verdorben wurde. Dies ist auch der Sinn des Wortes "brach". Die übrigen Organe der Brust aber gesundeten infolge dieses Katarrhes.

(V 334, 6 - 7 L.)

Hippokrates: Erkrankungen an Nachtblindheit setzten sieh fest wie das, was aus anderen Ursachen auftrat.

Galen: Ich wundere mich, wie einige vermuten konnen, daß er unter dem Wort "sich festsetzen" hätte verstehen können: "nachlassen" oder "sich lösen".. Ist es doch in unserer Sprache Gewohnheit, dieses Wort von dem, was fest und bleibend ist, zu gebranchen. Wir finden, daß er dieses Wort auch hier in diesem Sinne gebrauchte, wie es sich ja gleich nachher aus seinen Worten ergibt.

(V 334, 7 -11 L.)

Hippokrates: An Nachtblindheit erkrankten besonders die Kinder, und von den Augen im allgemeinen besonders die schwarzen und die verschiedenfarbigen und diejenigen, deren Pupille klein war, aber meistens die schwarzen und diejenigen, von denen man sagen konnte, daß sie mehr großäugig als kleinäugig seien. Von ihnen hatten die meisten gerades, schwarzes Haar.

Galen: Wenn man das Verhalten der meisten Ärzte betrachtet, so muß man sich über sie wundern. Denn sie hindern uns zu untersuchen, wie denn das Sehen bei uns vor sich geht. Dabei können sie sich aber nicht enthalten, die Ursachen der sogenannten Nachtblindheit und anderer Augenkrankheiten anzugeben. Bei den Leuten unserer Sprache ist es Gewohnheit, denjenigen nachtblind zu nennen, der weder beim Schein des Mondes noch bei Kerzenlicht des Nachts etwas sehen kann. Sie behaupten, daß solche Kranke mit dem Namen bezeichnet werden, mit dem die Griechen sie bezeichnen, weil sie bei Nacht blind werden. Manche bekommen aber auch eine Krankheit, bei der das Gegenteil davon eintritt, so daß sie bei Nacht mehr sehen als bei Tag. Einige behaupten auch, daß das Wort, mit dem im Griechischen die Nachtblindheit bezeichnet wird, auch diesen Kranken zukomme, so daß dieses Wort beide Arten von Krankheit bezeichne: einmal die Krankheit derjenigen, die bei Nacht, und dann die Krankheit derjenigen, die bei Tage nicht sehen können. Wer aber in der Medizin wissenschaftliche Grundsätze verfolgt, dem liegt es ob, zu fragen und zu erforschen, was das für eine Krankheit ist, bei der dieses Syinptom auftritt. Keinem ist aber dieses möglich, solange er nicht weiß, wie das Sehen bei uns vor sich geht. Jene Ärzte halten uns davon ab, dies zu untersuchen und zu erforschen, weil es nach ihrer Meinung das Maß der Erkenntnis der natürlichen Dinge in der Medizin überschreitet. Sie behaupten, daß der Erkenntnis der Natur in der Medizin Grenzen gesetzt seien, die derjenige welcher Forschung betreibt, nicht so weit überschreiten dürfe, daß er darnach sucht und forscht, wie das Sehen beim Sehenden vor sich geht. Solche Grenzen gibt es; aber wenn ich sie darnach frage, welches denn diese Grenzen seien, so erhalte ich von ihnen keine klare, eindeutige Antwort, sondern sie faseln in ihren Reden und schweifen ab. Denn sie finden für diese Erkenntnis der Natur in der Medizin keinen Maßstab, mit dem sie den Tatbestand umgrenzen könnten, von dem aus man gesicherte Schlüsse ziehen und eine tiefe Kenntnis gewinnen könnte. Und es ist wirklich nicht möglich, den Tatbestand, auf dem die Nachtblindheit beruht, festzustellen, ohne daß man weiß, wie das Sehen beim Sehenden vor sich geht. Ganz besonders muß man sich aber über sie wundern, wenn sie sich bei der Erklärung der Worte, mit denen wir uns gerade befassen, bemühen, die Ursachen darzulegen, warum die Kinder mehr an Nachtbundheit leiden als die übrigen Menschen, und den Grund anzugeben, warum schwarze Augen und diejenigen Augen, deren Pupille klein war, dieser Krankheit mehr ausgesetzt waren und warum diejenigen, die überhaupt sehr schwarz und die größeren waren, und diejenigen, deren Haare aufrecht und schwarz waren, dieser Krankheit mehr zuneigten und diese Krankheit also mehr bekamen als diejenigen Menschen, deren Zustand das Gegenteil jener war. Sie führen dafür sonderbare Gründe an, die nicht richtig und befriedigend sind - weder aufgrund eines Schlusses von den Erscheinungen auf die Erscheinungen, den die Griehen 'Syllogismus' nennen, noch nach dem Schluß aus den Erscheinungen auf das Unbekannte, den die Griechen als 'Analogismus' bezeichnen. Sie kennen nämlich den Unterschied zwischen diesen beiden Schlüssen nicht, geschweige denn daß sie in ihnen bewandert und erfahren wären.

Obwohl ich es abgelehnt habe, ihre falschen Behauptungen zu widerlegen, ist trotzdem mein Kommentar zu diesem Buche zu lang geworden, so daß dieses schon der siebente Kommentar zu diesem Buche ist. Ich verlasse jetzt die Beschäftigung mit jenen Erklärern und mache mich daran, die Ursachen anzugeben für das, was H i p p o k r a t e s gesagt hat. Zu ihrer Auffindung und Begründung suche ich Hilfe bei den sinnlich wahrnehmbaren Dingen, die ich schon in anderen Büchern auseinandergesetzt habe. Daraus ergibt sich für die Menschen, daß sie nicht nur wegen Dunkelheit nicht sehen, sondern daß die schwachen Augen schon vom Schaden geblendet sind, wenn die Angenkrankheit noch nicht lange Zeit bestand. Andauernd in die Sonne zu sehen ist keiner imstande, ohne daß er großen Schaden nimmt, wenn er auch noch so starke Augen hat; naturlich kann es noch viel weniger einer, der schwache Augen hat. Bei normalem Licht sehen die Menschen mit scharfen Augen auf weite Entfernungen, und ihr Auge erfaßt die Dinge mit größter Genauigkeit und Bestimmtheit. Dabei sind sie imstande, in der Nacht bei Mondlicht zu lesen. Wer aber weniger scharfe Augen hat, muß nahe an das, was er sehen will, herangehen, damit er es sieht. Kleine Dinge kann er überhaupt nicht deutlich sehen. Was er bei Mondschein oder Kerzenlicht sieht, gibt nur ein verschwommenes Bild. Dies sind die Tatsachen, auf die man den Schluß vom Sichtbaren auf das Sichtbare bauen muß, es sei denn, daß das, was man sehen will, sowohl für starke als auch für schwache Augen nicht recht sichtbar ist. Was aber nur auf dem Wege des Schlusses vom Sichtbaren auf das Verborgene klar wird, kommt an der vorliegenden Stelle unbedingt auch in Betracht.

Dies ist es, was wir jetzt darlegen wollen: Ich sage, die leuchtende Substanz, welche von dem Gehirn nach den Augen geht, durchdringt die Feuchtigkeiten in ihnen - die Feuchtigkeit nämlich, die dem fließenden Glase gleicht, und die Feuchtigkeit, die dem Eise ähnlich ist -; sie kommt von dem Loche an der Pupille und geht nach dem Hohlraum, der zwischen der Pupille und der Hülle liegt, die mit weichem Horn verglichen wird und mit einer dünnen, wässerigen Flüssigkeit gefüllt ist. Etwas von derselben Substanz geht von dem Körper der beerenähnlichen Hülle nach dem Hohlraum, welcher sich zwischen der beeren- und der hornähnlichen Hülle befindet. Infolge der Vermengung und Vermischung der angeführten Dinge insgesamt entsteht die Verschiedenheit der Farbe der Augenpupillen und des Raumes um sie herum bis zum Weißen des Auges. Am besten ist es nach meiner Meinung, hier von dem auszugehen, was man beim Meer beobachtet. Im Meere entstehen viele verschiedene Farben infolge des Wechsels der Luft und der Wassertiefe. An den Stellen, an denen man den Grund des Meeres unter dem Wasser sieht und an denen die Sonne strahlendes Licht über ihnen verbreitet, scheint das Wasser die Farbe des Grundes unter ihm zu haben, zumal wenn die Tiefe gering ist. Wo aber der Grund des Wassers nicht sichtbar und die Tiefe beträchtlich ist, da wechselt die Farbe des Meeres entsprechend der Luft über ihm. Denn wenn sie dunkel und unklar ist, dann erscheint das Wasser schwarz. Wenn dagegen die Sonne ihr Licht über es ergießt und es klar und hell ist, erscheint es weiß. Ist aber das Sonnenlicht weniger hell, so erscheint seine Farbe blau oder bläulich. Genauso wechselt die Farbe der Sonne in den Teichen und Wasser behältern. Wir sehen also, daß es für die Beschaffenheit der Farbe des Wassers und seiner Substanz drei Ursachen gibt. Man muß ebenso fur die Flüssigkeit im Auge eine jede dieser Ursachen prüfen und untersuchen, welche Hippokrates bei den Nachtblinden meint. Man muß sich also denken, daß die Ursache dafür, daß einer bei Nacht nicht sieht, die Schwäche der Sehkraft ist. Die Ursache dieser Schwäche ist aber die Menge der Flüssigkeit, von der behauptet wird, daß sie vom Kopfe nach den Augen herabfließt. Bei den Menschen mit feuchter Mischung sind die Ursachen für Feuchtigkeit rascher wirksam und bringen die Feuchtigkeit schneller zur Vorherrschaft, so daß das Auftreten feuchter Krankheiten bei solchen leichter erfolgt. Deshalb überkam die Nachtblindheit die Kinder mehr als die anderen Menschen. Denn die Mischung der Kinder ist sehr feucht. Abgesehen von den Kindern waren diejenigen besonders dieser Krankheit ausgesetzt, die s eh w a r z e Augen hatten oder bei denen die Augen die Farbe wechselten, magst du nun diese Eigenschaften für sich allein oder beide zusammen nehmen. Denn das Schwarze im Auge erscheint eben nur wegen der Fülle der Feuchtigkeit und wegen des Mangels an hellem Licht schwarz. Das Auge aber mit verschiedener Farbe zeigt, daß auch die Mischung wechselnd ist. Denn alles, was wechselt, ist unbedingt schwach. Auch in meiner Schrift "Uber die Mischung" ist schon dargelegt, daß die Mischung der Menschen mit krausem Haar mehr zur Trockenheit und die Mischung der Menschen mit geradem Haare mehr zur Feuchtigkeit neigt. Bei denjenigen, deren Pupille sehr klein ist und bei denen das Schwarze sehr weit verbreitet erscheint, weist der Umfang des Schwarzen darauf hin, daß die Mischung ihrer Augen mehr zur Feuchtigkeit neigt, und die Kleinheit der Pupille zeigt, daß das sie erhellende Licht gering ist. Zu der Pupille dringt nämlich, wenn sie größer ist, ein größeres Maß von Licht, außer wenn sie sehr groß ist. Denn wenn sie so ist, ist das Sehen diffus, wie es sich bei der Krankheit zeigt, bei welcher die Weite der Pupille ungewöhnlich groß ist. Die beste Pupille ist also die mittlere, besonders dann wenn in ihr viel leuchtende Substanz vorhanden ist, wie es bei den blauen und graublauen Augen der Fall ist. Leute mit solchen Augen sehen im Mondschein mehr als die anderen Menschen. Im klaren, hellen Lichte ist aber ihre Sehkraft geringer als die der anderen Menschen, und zwar deshalb, weil die Streuung des Lichts bei ihrem Sehen stark ist. Wenn man funkelndes, helles Licht in ihre Nähe bringt, sehen sie weniger als die anderen. Daher kommt es, daß Löwen nichts sehen, wenn man ihnen große Fackeln entgegenhält. Wenn sie es unterlassen, die Menschen zu zerreißen, so tun sie das nicht deshalb, weil sie die Fackeln fürchten, sondern einfach deshalb, weil sie den Gegenstand vor sich nicht sehen. Wie der Blinde nichts anfertigen kann, weil er den Gegenstand, aus welchem er etwas verfertigen will, nicht sieht, ebenso ergeht es dem Löwen, wenn man ihm starkes Feuer vor das Gesicht hält, so daß er die Gegenstände nicht sehen kann. Was nun wieder die Augen der Menschen betrifft, so werden sie durch den Uberschuß an Feuchtigkeit groß, ebenso wie bei denjenigen, deren Knochen groß sind, die Größe von der Trockenheit kommt. Denn das Trockenste im Körper sind die Knochen. Das Feuchteste in ihm ist die gasartige und die eisähnliche Flüssigkeit. Diese beiden Flüssig keiten übertrifft an Feuchtigkeit nur die dünne, wässerige Flüssigkeit zwischen der Pupille und der hornähnlichen Hülle. Alles dieses hilft beim Sehen mit, weil es Organe und Werkzeuge des Sehens sind. Das Blut aber ist nur die Nahrung, aber kein Organ oder Werkzeug, ebensowenig das Fett, das nur durch das Festwerden von fetter Flüssigkeit an den Hüllen ensteht. Und darnach ist meine Behauptung richtig, daß das Feuchteste in dem lebenden Körper die Flüssigkeiten in den Augen sind. Diese Flüssigkeiten sind das wichtigste Werkzeug des Sehens. Das Übrige aber im Auge, was um diese Flüssigkeit herum ist, besteht in Wirklichkeit nur aus Fleisch und Netz und den so-genannten Hüllen für diese. Die Mischung dieser Hüllen, ich meine die Decken der Augen, ist eine trockene. Die Dinge in ihren Hohlräumen aber sind feucht, und von ihnen kommt die Größe und Kleinheit ihrer Augen. Denn wenn sich die Flüssigkeit vermehrt, wird das Auge größer, und wenn sie sich vermindert, wird das Auge kleiner. Deshalb sagen wir notwendigerweise, daß die Größe der Augen nur von der Flüssigkeit kommt. Das mag nun über dies Kapitel genügen. Am besten ist es, wenn der Leser sich mit dieser Darstelilung begnügt und zufrieden gibt, in der wir gezeigt haben, wie das Sehen vor sich geht. Außerdem haben wir es gründlich erklärt in unserem Buch "Über den Beweis", wo wir alles dargelegt haben, was zur Bestätigung ihrer Richtigkeit beiträgt.

(V334, 11--15L.)

Hippokrates: Die Frauen hatten infolge des Hustens keine Schmerzen, wie sie die Männer hatten. Diejenigen von ihnen, die Fieber hatten, waren wenig an Zahl, und diejenigen von diesen Frauen, welche Lungenentzündung bekamen, waren auch sehr wenige. Es waren diejenigen, welche hochbetagt waren, und von denen wurden alle gesund. Die Ursache davon ist nach meiner Meinung, daß sie nicht ausgingen wie die Männer. Aber sie wurden auch sonst nicht von Krankheiten heimgesucht wie die Männer.

Galen: Es war gut von ihm, daß er die Ursachen angegeben hat, aus denen sich die Frauen von den Krankheiten, die die Männer heimsuchten, bewahrten, so daß wir davon enthoben sind, uns auch darüber mit Ungebildeten herumzustreiten. Dabei hat er Klarheit und Deutlichkeit vereint, so daß wir über etwas vorher Unbekanntes richtig urteilen können. Der Sinn dieser Worte ist: Da die Frauen weniger dem Luftwechsel ausgesetzt waren, weil sie sich die meiste Zeit zu Hause aufhielten, war auch der Schaden dieses Luftwechsels bei ihnen geringer. Dies ist aber nur einer der Gründe ihrer Gesundheit. Denn ein anderer Grund dafür, daß sie weniger Krankheiten der Brust und der Lunge bekamen als die Männer, war die Reinigung ihrer Körper durch den Monatsfluß, ganz besonders die Reinigung gerade dieser Stellen durch das Monatliche, wie wir es schon viele Male dargelegt haben. Wenn die Frauen sich in ihrer Lebensweise keine Fehler zuschulden kommen lassen, bekommen sie überhaupt nicht nur von diesen, sondern auch von anderen Krankheiten weniger als die Männer. Er sagt, daß die hochbetagten Frauen unter jenem Luftzustand mehr litten als die übrigen Frauen. Man darf dabei aber nicht außer acht lassen, daß, wenn auch die Frauen weniger von der uns umgebenden Luft geschädigt werden als die Männer - denn diese nehmen schweren Schaden, wenn die Luft voll Feuchtigkeit ist oder die Winde von Süden ohne richtige Bewegung wehen -, doch die Luft in den Häusern beklemmender und erschöpfender wirkt und die Fäulnis stärker fördert als die Luft unter freiem Himmel. Das gilt besonders für die Luft an höheren Orten, wo natürliche Winde wehen, selbst wenn dies im ganzen selten, nämlich nur bei Anbruch des Tages und zu Beginn der Nacht geschieht.


Einleitung des Übersetzers ins Deutsche Franz Pfaff betreffend die nur arabisch überlieferten Bücher VI 6, 5 - VIII des Kommentars Galens zu Hippokrates 6. Buch über die 'Epidemien'.

Aus: Galeni in Hippocratis epidemiarum librum VI commentaria I - VIII. Ediderunt Ernst Wenkebach und Franz Pfaff. Leipzig und Berlin 1937, XIX f.


Wie die Kommentare Galens zu dem II. Buch der 'Epidemien' des Hippokrates nur in der Übertragung Hunains ibn Ishaq ins Arabische auf uns gekommen sind, so sind auch die letzten 2 1/2 von den insgesamt acht Kommentaren, die Galen zu dem VI. Buch der 'Epidemien' verfaßt hat, nur in der Ubersetzung der hunainschen Schule uns erhalten. Diese in der griechischen Sprache verlorenen Teile habe ich aus dem Arabischen ins Deutsche ubersetzt. Zur Bearbeitung dienten die Photographien des Codex Escorialensis arab. 805, am Ende der Handschrift datiert vom "Rabi II des Jahres 607 d. H." (also um 1200 der christl. Zeitrechnung). Dazu waren noch die Photographien des Codex Parisinus RC 5749, einer Abschrit des XIX Jahrhunderts von einer Kopie, die David Colvillus im Jahre 1624 von den griech. verlorenen Teilen offenbar aus dem eben genannten Escorialensis angefertigt hat, in meinen Händen. Selbständigen Wert hat diese Kopie nicht. Die hier benutzte Handschrift zeigt verschiedene Mängel: sie weist mehrere größere und einige kleinere Lücken auf. An einigen Stellen ist auch der Text verdorben uud bedurfte konjekturaler Behandlung. Dabei habe ich große Zurückhaltung geübt und nur da eingegriffen, wo dem Text kein Sinn abzugewinnen war. Die arab. Übersetzung dieses Teils ist keineswegs so flüssig und klar, wie die hunainsche Übersetzung des II. Buches. Über die Verfasser der Übersetzungen ins Syrische und Arabische berichtet Hunain am Ende der Handschrift selbst. Ich gebe seine Worte hier wörtlich wieder.

"Es sagte Hunain ihn Ishaq: Das erste Buch der 'Epidemien' hat Galen in drei Kommentaren erkärt, und Ajjub hat sie ins Syrische und Arabische für Abu Gafar Muhammed ben Musa übersetzt. Das zweite Buch hat Galen in sechs Kornmentaren erklärt. Ich habe diese Schrift griechisch gefunden, aber es fehlte ein Teil [der fünfte]. Außerdem war sie voll von Fehlern, lückenhaft und voll von Umstellungen, so daß ich sie griechisch abschrieb. Dann übersetzte ich sie ins Syrische und dann ins Arabische für Abu Gafar Muhammed ben Musa Aber als nur noch ein kleiner Rest übrig war, geschah mit meinen Büchern, was mit ihnen geschah, und hinderte mich die Arbeit zu vollenden Das 6. Buch von der Schrift 'Epidemien' hat Galen in acht Kommentaren erklart und Ajjub hat sie ins Syrische und Arabische ubersetzt Eine Abschritt von allen diesen Kommentaren zur Erklärung der 'Epidemien' befindet sich unter meinen Büchern. Galen hat aber von der Schrift 'Epidemien' nur diese vier Bücher erklärt, die drei übrigen, nämlich das 4., 5. und 7. hat er nicht erklärt. Man sagt nämlich, daß diese Bücher in der Sprache des Hippokrates verfäIscht seien, aber die FäIschung ist nicht schwer. Ich fügte zu dem, was ich von der Erklärung Galens zum dritten Buch der 'Epidemien' übersetzte, noch den Hippokratestext in dieser Erklärung syrisch und arabisch und denselben Auszug aus seinem Kommentar zu dem 'Buch der Säfte' bei. Ich weiß nicht, ob ein anderer ihn schon übersetzt hat. Galen hat noch andere Schriften verfaßt, in denen sich der Hippokratestext findet. Das, was übrig ist davon, hat mein Interesse, aber ich fand nur weniges davon, und das erwähne ich hier. Der Kommentar ist zu Ende."

Dann folgt ein Segensspruch und das Datum

"dies wurde abgeschrieben im Rabi II des Jahres 607 d. H."

In unserer Handschrift ist das von mir eingesetzte "und ins Arabische" offenbar ausgefallen. Denn Hunain will ja in dieser Subscriptio die Verantwortlichkeit für die Übersetzung angeben.

Die Übertragung des arabischen Textes ins Deutsche machte in diesem Buche besondere Scbwiengkeiten: die von Galen selbst immer und immer wieder beklagte Dunkelheit der hippokratischen Aussprüche und die von Galen zusammengekünsteIte Erklärung, Ausdrücke, für die das deutsche Äquivalent fehlt, die Unzulänglichkeit der vielffach verdorbenen Handschrift und die nicht immer klare Wiedergabe des griechischen Textes durch Ajjub, dessen Uhersetzungskunst hinter der Hunains zurückblieb, stellten größte Anforderungen an meine Arbeit. Die Folge davon ist, daß dieser Teil meiner Übersetzung weniger lesbar und klar ist. Ich habe mich immer bemuht, dem Wortlaut möglichst nahe zu bleiben, ganz besonders im Hippokratestext, um dem Zweck der ganzen Mühe, eine Grundlage für die Neuherausgabe des Hippokratestextes zu schaffen, möglichst zu genügen.

Als Letztes darf ich noch meinem Freund und Mitarbeiter E. Wenkebach meinen innigsten Dank sagen fur die tätige Mitarbeit an meinen Übersetzungen, mehr aber noch für die vielen frohen Stunden, die uns in langen Jahren die gemeinsame Vertiefung in die Gedankenwelt des Hippokrates und des Galen schenkte.

Berlin, im Juli 1937.

Franz Pfaff.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002