Berühmte römische Juristen. Pomponius libro primo ad legem duodecim tabularum (Dig. 1, 1, 2, 2. 35 - 52).

Lat. Text aus: Corpis Iuris Civilis, Bd. 1: Institutionen (hg. von P. Krueger) und Digesten (Hgg. von Th. Mommsen), Berlin 1894, S. 4 - 5. Deutsche Übersetzung: Christian Gizewski


Deutsche Übersetzung:

35 Rechtswissenschaft und -lehre haben zahreiche und sehr bedeutende Männer ausgeübt. An dieser Stelle können allerdings nur diejenigen von ihnen erwähnt werden, die beim römischen Volk ein besonders hohes Ansehen gewannen. Es geht hier nur darum klarzumachen , von welchen wichtigen Persönlichkeiten und von welchen fachlichen Kapazitäten die verschiedenen Gebiete des Rechts juristisch bearbeitet und fortenwickelt wurden. Um nun damit zu beginnen : Tiberius Coruncanius [erster plebejischer Pontifex maximus zwischen 254 und 246 v. Chr.] ist der frühesterwähnte von allen Rechtsgelehrten, die die Jurisprudenz öffentlich als Beruf ausübten. Andere aber, die es neben ihm gegeben hat, waren noch zu seiner Zeit nur darauf bedacht, das für die römischen Bürger geltende Recht für die Öffentlichkeit unzugänglich zu halten und selbst lieber für Ratsuchende nicht zugänglich zu sein, als ihr Wissen Lernwilligen zur Verfügung zu stellen.

36 Einer der ersten [scil. nicht öffentlich praktizierenden] Rechtsgelehrten war PUBLIUS PAPIRIUS, der die Gesetzgebung der Könige in einer Sammlung zusammenfaßte. Als nächster ist APPIUS CLAUDIUS zu erwähnen, einer von den 'Zehnmännern' [die für die Erstellung des 12-Tafel-Gesetzes verantwortlich waren]. Nach ihm hatte der andere APPIUS CLAUDIUS [censor um 312 v. Chr.] aus demselben Geschlecht, der 'Centemmanus' genannt wurde, eine außerordentlich große Rechtskenntnis. Er baute die 'Appische Landstraße' ('via Appia'), legte die 'Claudische Wasserleitung' '(aqua Claudia') nach Rom hinein und erreichte es durch einen von ihm beantragten Senatsbeschluß, daß [der das römische Volk zu einem Konflikt nötigende König von Epiros] Pyrrhos nicht in Rom empfangen wurde. Er soll der Überlieferung nach auch das Recht der Klagen wegen unwirksamen Eigentumserwerbs schriftlich bearbeitet haben; doch ist das Buch nicht mehr erhalten. Ein weiterer Appius Claudius, der wohl von dem hier zweiterwähnten abstammte, hat den Buchstaben R erfunden, sodaß man fortan statt 'Valesii' 'Valerii' oder statt 'Fusii' 'Furii' schreiben konnte.

37 Nach diesen wirkte ein Mann größten Wissens, SEMPRONIUS, den das römische Volk [auf griechisch] 'den Weisen' nannte; niemand vor und nach ihm wurde mit diesem Namen geehrt.[Zu erwähnen ist ferner] GAIUS SCIPIO NASICA, welcher vom Senat den ehrenden Beinamen ' der Beste' ('optimus') erhielt. Ihm wurde vom Staat ein Haus an der 'Heiligen Straße' ('via sacra') geschenkt, damit man ihn dort leichter um Rechtsrat angehen könne. Dazu kommt QUINTUS MUCIUS, jener Mann, der als römischer Gesandter in Karthago [unmittelbar vo dem dritten punischen Kriege], als man ihm dort zwei Stimmsteine vorlegte - einen für 'Fieden ', den anderen für 'Krieg' - und ihm anheimstellte, den Stein, den er sich aussuche, auf die Heimfahrt nach Rom mitzunehmen, beide nahm und erwiderte, die Karthager müßten nun ihrerseits ihm gegenüber erklären, welchen Stimmstein sie wählen wollten, den für Krieg oder den für Frieden.

38 Danach kam der schon erwähnte TIBERIUS CORUNCANIUS [erster plebejischer Pontifex maximus zwischen 254 und 246 v. Chr.], der als erster die juristische Lehre in aller Öffentlichkeit auszuüben (pofiteri) pflegte. An Schriften gibt es von ihm nichts mehr, jedoch waren seine Rechtsgutachten zahlreich und berühmt . Weiterhin zeigten als öffentliche Lehrer des Rechts größte Rechtskenntnis SEXTUS AELIUS, sein Bruder PUBLIUS AELIUS und PUBLIUS ATILIUS, sodaß die beiden Aelii auch Konsuln wurden. Atilius wurde aber als erster vom Senat [auf leteinisch] ehrend als 'der Kenntnisreiche' ('sapiens') bezeichnet. Den Sextus Aelius hat sogar der Dichter Ennius lobend beschrieben. Es gibt noch ein Buch von ihm mit dem Titel 'Drei Beiträge' ('tripertita') [zum 'Zwölftafelgesetz'], das so heißt, weil es die Wiedergabe des 'Zwölftafelgesetzes' mit einer vorangestellten Interpretation dieses Rechts und einer Erörterung der aus ihm hervorgehenden römischrechtlichen Klagemöglichkeiten (legisactiones) am Schluß verbindet. Von ihm gibt es auch noch drei andere Bücher; einige bestreiten allerdings, daß sie von ihm stammen. Dieser Frage ist Cato [der Ältere] in gewissem Umfang nachgegangen. Als nächster ist MARCUS [Porcius] CATO [Cato d. Ä., genannt 'Censorius'] zu erwähnen, der prominenteste Vertreter der Porcier-Familie (familia Porcia). Von ihm gibt es noch einige [juristische] Bücher. Doch hat sein Sohn [der Jurist Marcus Porcius Cato Licininanus] die meisten [juristischen Werke] geschrieben, und auf deren Inhalt bauen die Bücher anderer [heute noch] auf.

39 Nach diesen wirkten PUBLIUS MUCIUS, BRUTUS und MANILIUS, welche die Grundlagen des römischen Recht (ius civile) erarbeiteten. Von ihnen ließ Publius Mucius auch zehn Schriften zurück, Brutus sieben und Manilius drei, und es gibt noch Bände mit schriftlich abgefaßten Urkunden aus der Hand des Manilius. Publius Mucius und Manilius hatten den Rang gewesener Konsuln (consulares), Brutus den eines ehemaligen Prätors (praetorius) , Publius Mucius war außerdem Oberster Priester (pontifex maximus).

40 Nach diesen sind zu erwähnen: PUBLIUS RUTILIUS RUFUS, der in Rom Konsul und in Asien Prokonsul war, PAULUS VERGINIUS und QUINTUS TUBERO, jener stoische Hörer des Pansa und ebenfalls Konsul. Auch SEXTUS POMPEIUS, Oheim des [berühmten] Gnaeus Pompeius, wirkte zu dieser Zeit. [Zu erwähnen ist] auch COELIUS ANTIPATER, der [berühmte] Verfasser der römischen Annalen , der sich aber mehr der [Literatur und] Rhetorik als den Themen des Rechts widmete. [Zu erwähnen ist] ferner LUCIUS CRASSUS, der Bruder des Publius Mucius, der auch Munianus genannt wurde. Von ihm sagt Cicero, daß er einer der kenntnisreichsten Juristen gewesen sei.

41 Nach diesen kam QUINTUS MUCIUS, Sohn des Publius [Mucius] und Oberster Priester (pontifex maximus). Er stellte als erster das gesamte römische Recht (ius civile) nach systematischen Aspekten gegliedert in achtzehn Büchern dar.

42 Mucius hatte sehr viele Hörer. Die berühmtesten von ihnen waren AQUILIUS GALLUS, BALBUS LUCILIUS, SEXTUS PAPIRIUS und GAIUS IUVENTIUS. Von diesen soll Gallus nach Angaben des Servius das größte Ansehen beim Volke gehabt haben. Alle hier genannten werden werden nur bei Servius Sulpicius lobend erwähnt. Andererseits existieren ihre Schriften heute nicht mehr in allgemein zugänglicher Form, ja es sind überhaupt keine Originalschriften von ihnen mehr im Umlauf. Vielmehr hat Servius ihre Werke vervollständigt, und nur über seine schriftstellerische Arbeit ist die Erinnerung an sie gewahrt worden.

43 SERVIUS SULPICIUS aber, der zu seiner Zeit als öffentlicher Redner der fähigste oder wenigstens nach Cicero der zweitfähigste war, soll der Überlieferung nach eines Tages als Ratsuchender in der Sache eines Freundes zu Quintus Mucius gekommen sein und, als er gemeint habe, daß dieser ihm wenig Auskunft über die Rechtslage gebe, [den Rechtsgelehtren] nochmals befragt, die Antwort des Quintus Mucius aber dennoch nicht verstanden haben. Daraufhin sei er von Quintus Mucius heftig getadelt worden; denn dieser habe gesagt, es sei schändklich für einen Patrizier und Senatoren und öffentlichen Redner, das Recht, mit dem er es ständig zu tun habe, nicht zu kennen. Dadurch gewissermaßen beschämt und ein wenig getroffen, strengte er sich nunmehr an, die Kenntnis des römischen Rechts (ius civile) zu erwerben und hörte zumeist diejenigen, von denen oben die Rede war, wobei er von Balbus Lucilius eingeführt, von Gallus Aquilius aber, der sich auf Cercina [Insel an der Küste der Provinz Africa, südlich der Stadt Thapsus] aufzuhalten pflegte, zum größten Teil ausgebildet wurde. So gibt es eine Anzahl Bücher von ihm, die auf Cercina fertiggestellt wurden. Als er bei einer Gesandtschaftsmission ums Leben kam, stellte das römische Volk ihm zu Ehren eine Statue vor der Rednertribüne des Forums auf, und diese steht heute noch auf dem Augustus-Forum. Von ihm existieren noch zahlreiche Werke; er hinterließ aber ursprünglich ungefähr 180 Bücher.

44 Von ihm stammten die meisten schulmäßig ab, und von ihnen haben etwa die folgenden juristische Werke verfaßt: ALFENUS VARUS GAIUS, AULUS OFILIUS, TITUS CAESIUS, AUFIDIUS TUCCA, AUFIDIUS NAMUSA, FULVIUS PRISCUS, GAIUS ATEIUS, PACUVIUS LABEO ANTISTIUS, der Vater des [berühmteren] Labeo Antistius, CINNA und PUBLICIUS GELLIUS. Aus ihrem Kreis stammen achtzehn Bücher, von denen alle, die es gab, von Aufidius Namusa in hundert und vierzig Büchern kommentiert wurden. Von diesen Schülern [des Quintus Mucius] hatten das größte Ansehen Alfenus Varus und Aulus Ofilius; Paulus war auch Konsul, Ofilius verblieb im Ritterstande. Dieser letztere war ein enger Vertrauter des Kaisers und hat zum römischen Recht (de iure civili) eine sehr große Zahl von Büchern hinterlassen, die alle Gebiete der Rechtswissenschaft betrafen. So hat er etwa als erster die Materiei der Erbschaftsteuergesetze [des Augustus; leges vicensimae] behandelt. Im Zusammenhang mit den Thema 'Jurisdiction' hat er als erster ferner das Prätorischen Edikt sorgfältig zusammenfassend erörtert; denn vor ihm gab es dazu zwar schon aus der Hand des Servius zwei Bücher "an Brutus", die allerdings nur in kürzester Form Anmerkungen zum Edikt enthielten.

45 Zu dieser Zeit wirkten auch TREBATIUS, der gleichermaßen Hörer des Cornelius Maximus war, und AULUS CASCELLIUS, ein Hörer des Quintus Mucius Volusius. Letzterer hat schließlich den Enkel des Trebatius zu dessen Ehren testamentarisch als seinen Erben eingesetzt. Er [gemeint ist Trebatius] wurde lediglich Quästor und wollte keine darüber hinausführende Karriere, selbst als ihm Augustus das Konsulatsamt anbot. Von den beiden Erwähnten soll Trebatius kenntnisreicher als Cascellius, dieser aber rhetorisch besser als jener gewesen sein. Ofilius, war gelehrter als dei beiden. Von Cescellius ist nichts erhalten bis auf ein Buch mit dem Titel 'Wohlformulierte Aussagen' ('bene dicta'). Von Trebatius gibt es noch mehrere, aber sie werden nicht häufig benutzt.

46 Nach den Genannten wirkte auch TUBERO, der sich intensiv mit dem Werk des Ofilius befaßte. Er war von Herkunft Patrizier und wechselte von der öffentlichen Tätigkeit als Sachwalter und Prozeßvertreter (a causis agendis) in die rechtswissenschaftliche Profession über, nachdem er den Quintus Ligarius [i. J. 46] wegen Hochverrats angeklagt, aber damit vor dem Gericht des Gaius Iulius Caesar nicht obsiegt hatte. Bei diesem Ligarius handelt es sich um denjenigen, der, als er [als Gegener Caesars] für die Küste Africas militärisch zuständig war, nicht zuließ, daß der [als Teilnehmer an der Bürgerkriegsexpedition Caesars gegen Africa i. J. 47/46] krankgewordene Tubero an der Küste landen und Wasser aufnehmen konnte; aus diesem Grunde klagte er ihn bei Caesar an, und Cicero übernahm die Verteidigung. Tubero galt jedenfalls als außerordentlich beschlagen im öffentlichen und im Privatrecht (doctissimus iuris publici et privati) und hinterließ auf beiden Rechtsgebieten mehrere Werke. Allerdings schrieb er in einer etwas altertümlich-affektierten Ausdrucksweise, und aus diesem Grunde werden seine Bücher recht wenig geschätzt.

47 Nach diesem erlangten höchstes Ansehen ATEIUS CAPITO, der Nachfolger des Ofilius wurde, und ANTISTIUS LABEO, der bei allen eben Genannten Hörer war, aber von Trebatius in die Rechtswissenschaft eingeführt wurde. Ateius war Konsul , Labeo wollte, als ihm das von Augustus angeboten wurde, nicht Ersatz-Konsul ehrenhalber (consul suffectus) werden. Vielmehr konzentrierte er sich auf seine rechtswissenschaftlichen Untersuchungen. Dabei hatte er das Jahr so eingeteilt, daß er sechs Monate in Rom bei seinen Studenten verbrachte und die anderen sechs Monate auf dem Lande weilte, um Bücher zu verfassen. Daher hat er ein Werk von vierzig Bänden hinterlassen, von denen die meisten noch heute im alltäglichen Gebrauch sind. Capito und Labeo bildeten beide als erste so etwas wie juristische Schulen [die sich in folgendem unterschieden]: Ateius Capito pflegte strikt auf die Wahrung der Rechtstradition zu achten, Labeo dagegen erreichte es im Vertrauen auf den erfinderischen juristischen Geist und die systematischen Aspekte der juristischen Lehre als jemand, der sich auf den anderen [üblichen] Gebieten des Rechts aufgrund seiner intensiven Arbeit wohl auskannte, zahlreiche Neuerungen zu entwickeln.

48 Und so folgte auf Ateius Capito MASSURIUS SABINUS, auf Labeo NERVA, welche beide dazu beitrugen, die bis heute entstandenen juristischen Kontroversen erheblich zu vermehren. Nerva war sehr vertraut mit dem Kaiser. Massurius Sabinus gehörte dem Ritterstand an und erstattete in dieser [nicht-senatorischen] Stellung als erster öffentlich Rechtsgutachten. Später wurde ihm sogar das kaiserliche Privileg [der Gutachtenerstattung mit kaiserlicher Autorität] verliehen. Zur Zeit des Tiberius war das allerdings nur in seinem Falle so.

49 Um übrigens dies dem Leser beiläufig zu zur Kenntnis zu bringen: vor der Zeit des Augustus wurde ein Recht zur Abgabe öffentlicher Rechtsgutachten nicht von den Kaisern verliehen, sondern wer immer ein hinreichendes Vertrauen in die Qualität seiner rechtswissenschaftlichen Árbeit genoß, gab Rechtsgutachten gegenüber Ratsuchenden ab. Aber solche Gutachten händigten sie keinesfalls als Schriftstücke an Klienten aus, sondern zumeist schrieben sie persönlich direkt an das Gericht oder sie traten im Prozeß als sachverständige Zeugen aufseiten derer auf, die sie konsultiert hatten. Erst der vergöttlichte Augustus legte fest, daß es eine mit besonderer Autorität ausgestattete Form des öffentlichen Rechtsgutachtens geben solle, und daß die dazu Berechtigten mit seiner kaiserlicher Autorität ausgestattet sein sollten. Und erst von da an pflegten sich Juristen um die entsprechende Konzession als ein besonderes Ehrenrecht zu bemühen. Aus diesem Grunde gab der besonders verehrungswürdige Kaiser Hadrian später auch einmal anläßlich einer Petition einiger gewesener Prätoren an ihn, er möge ihnen die Konzession zu öffentlichen, autoritativen Rechtsgutachten verleihen, die rechtlich verbindliche Auskunft, dieses [mit besonderer kaiserlicher Autorität ausgestattete] Recht könne nicht erbeten oder beantragt, sondern lediglich als kaiserliche Gunst verliehen werden und man möge deswegen bei entsprechendem juristischen Ansehen damit zufrieden sein, öffentlich als [normaler] Rechtsgutachter aufzutreten zu können.

50 Also wurde dem Sabinus von Tiberius die Konzession erteilt, mit kaiserlicher Autorität öffentliche Rechtsgutachten abzugeben. Er gehörte von Geburt an dem Ritterstande an und befand sich bereits im fortgeschrittenen Alter von fünfzig Jahren, als er zu dieser Funktion zugelassen wurde. Er hatte kein großes Vermögen, sondern bestritt seinen Unterhalt überwiegend durch die Hörergelder.

51 An dessen Stelle trat GAIUS CASSIUS LONGINUS, Sohn einer Tochter des Tubero, die ihrerseits eine Nichte des Servius Sulpicius war; und so nannte er Servius Sulpicius seinen Urgroßvater. Dieser war zur Zeit des Tiberius zusammen mit Quartinus Konsul. Aber den größten Einfluß im Gemeinwesen hatte er bis zu dieser Zeit; denn Tiberius schickte ihn in die Verbannung.

52 Von ihm nach Sardinien verbannt, wurde er von Vespansian zurückgerufen und starb bald darauf. An seine Stelle trat PROCULUS. Zur selben Zeit wirkte auch NERVA DER JÜNGERE. Es gab außerdem noch einen anderen Longinus aus dem Ritterstande, dessen Karriere ihn später bis zum Prätorenamt führte. Aber die Autorität des Proculus war die den anderen gegenüber gewichtigere; denn er hatte die größten Fähigkeiten. Sie alle wurden aber teilweise als Cassianer, teilweise als Proculianer bezeichnet - eine Gewohnheit, die die mit Capito und Labeo begonnen hatte. Nachfolger des Cassius wurde CAELIUS SABINUS, der zur Zeit Vespasians die größte Wirksamkeit entfaltete, Nachfolger des Proculus PEGASUS, der zur Zeit Vespasians Hauptsadtpräfekt (praefextus urbi) wurde. An die Stelle des Caelius Sabinus trat dann PRISCUS IAVOLENUS, an die Stelle des Pegasus CELSUS. Diesem - älteren - Celsus folgten DER JÜNGERE CELSUS und PRISCUS NERATIUS, welche beide Konsuln waren, Celsus sogar mehrmals. Auf Iavolenus Priscus folgten ABURNIUS VALENS und TUSCIANUS und ebenso SALVIUS IULIANUS.

Lateinischer Text.

35 Iuris civilis scientiam plurimi et maximi viri professi sunt: sed qui eorum maximae dignationis apud populum Romanum fuerunt, eorum in praesentia mentio habenda est, ut appareat, a quibus et qualibus haec iura orta et tradita sunt. et quidem ex omnibus, qui scientiam nancti sunt, ante Tiberium Coruncanium publice professum neminem traditur: ceteri autem ad hunc uel in latenti ius civile retinere cogitabant solumque consultatoribus vacare potius quam discere volentibus se praestabant. 36 Fuit autem in primis peritus PUBLIUS PAPIRIUS, qui leges regias in unum contulit. ab hoc APPIUS CLAUDIUS unus ex decemviris, cuius maximum consilium in duodecim tabulis scribendis fuit. post hunc APPPIUS CLAUDIUS eiusdem generis maximam scientiam habuit: hic Centemmanus appellatus est, Appiam viam stravit et aquamClaudiam induxit et de Pyrrho in urbe non recipiendo sententiam tulit: hunc etiam actiones scripsisse traditum est primum de usurpationibus, qui liber non exstat: idem Appius Claudius, qui videtur ab hoc processisse, R litteram invenit, ut pro Valesiis Valerii essent et pro Fusiis Furii. 37 Fuit post eos maximae scientiae SEMPRONIUS, quem populus Romanus sófon appellavit nec quisquam ante hunc aut posthunc hoc nomine cognominatus est. GAIUS SCIPIO NASICA, qui optimus a senatu appellatus est: cui etiam publice domus in sacra via data est, quo facilius consuli posset. deinde QUINTUS MUCIUS, qui ad Carthaginienses missus legatus, cum essent duae tesserae positae una pacis altera belli, arbitrio sibi dato, utram vellet referret Romam, utramque sustulit et ait Carthaginienses petere debere, utram mallent accipere. 38 Post hos fuit TIBERIUS CORUNCANIUS, ut dixi, qui primus profiteri coepit: cuius tamen scriptum nullum exstat, sed responsa complura et memorabilia eius fuerunt, deinde SEXTUS AELIUS et frater eius PUBLIUS AELIUS et PUBLIUS ATILIUS maximam scientiam in profitendo habuerunt, ut duo Aelii etiam consules fuerint, Atilius autem primus a populo Sapiens appellatus est. Sextum Aelium etiam Ennius laudavit et exstat illius liber qui inscribitur 'tripertita', qui liber veluti cunabula iuris continet: tripertita autem dicitur, quoniam lege duodecim tabularum praeposita iungitur interpretatio, deinde subtexitur legis actio. eiusdem esse tres alii libri referuntur, quos tamen quidam negant eiusdem esse: hos sectatus ad aliquid est Cato. deinde MARCUS CATO princeps Porciae famlliae, cuius et libri exstant: sed plurimi filii eius, ex quibus ceteri oriuntur. 39 Post hos fuerunt PUBLIUS MUCIUS et BRUTUS et MANILIUS, qui fundaverunt ius civile. ex his Publius Mucius etiam decem libellos reliquit, Brutus septem, Manilius tres et extant volumina scripta Manilii monumenta. illi duo consulares fuerunt, Brutus praetorius, Publius autem Mucius etiam pontifex maximus. 40 Ab his profecti sunt PUBLIUS RUTILIUS RUFUS, qui Romae consul et Asiae proconsul fuit, PAULUS VERGINIUS et QUINTUS TUBERO ille stoicus Pansae auditor, qui et ipse consul. etiam SEXTUS POMPEIUS Gnaei Pompeii patruus fuit eodem tempore; et COELIUS ANTIPATER, qui historias conscripsit, sed plus eloquentiae quam scientiae iuris operam dedit: etiam LUCIUS CRASSUS frater Publii Mucii, qui Munianus dictus est: hunc Cicero ait iurisconsultorum disertissimum. 41 Post hos QUINTUS MUCIUS Publii filius pontifex maximus ius civile primus constituit generatim in libros decem et octo redigendo. 42 Mucii auditores fuerunt complures, sed praecipuae auctoritatis AQUILIUS GALLUS, BALBUS LUCILIUS , SEXTUS PAPIRIUS, GAIUS IUVENTIUS: ex quibus Gallum maximae auctoritatis apud populum fuisse Servius dicit. omnes tamen hi a Servio Sulpicio nominantur: alioquin per se eorum scripta non talia exstant, ut ea omnes appetant: denique nec versantur omnino scripta eorum inter manus hominum, sed Servius libros suos complevit, pro cuius scriptura ipsorum quoque memoria habetur. 43 SERVIUS autem SULPICIUS cum in causis orandis primum locum aut pro certo post Marcum Tullium optineret, traditur ad consulendum Quintum Mucium de re amici sui pervenisse cumque eum sibi respondisse de iure Servius parum intellexisset, iterum Quintum interrogasse et a Quinto Mucio responsum esse nec tamen percepisse, et ita obiurgatum esse a Quinto Mucio: namque eum dixisse turpe esse patricio et nobili et causas oranti ius in quo versaretur ignorare. ea velut contumelia Servius tactus operam dedit iuri civili et plurimum eos, de quibus locuti sumus, audiit, institutus a Balbo Lucilio, instructus autem maxime a Gallo Aquilio, qui fuit Cercinae: itaque libri complures eius extant Cercinae confecti. hic cum in legatione perisset, statuam ei populus Romanus pro rostris posuit, et hodieque exstat pro rostris Augusti. huius volumina complura exstant: reliquit autem prope centum et octaginta libros. 44 Ab hoc plurimi profecerunt, fere tamen hi libros conscripserunt: ALFENUS VARUS GAIUS, AULUS OFILIUS, TITUS CAESIUS, AUFIDIUS TUCCA, AUFIDIUS NAMUSA, FLAVIUS PRISCUS, GAIUS ATEIUS, PACUVIVS LABEO ANTISTIUS Labeonis Antistii pater, CINNA, PUBLICIUS GELLIUS. ex his decem libros octo conscripserunt, quorum omnes qui fuerunt libri digesti sunt ab Aufidio Namusa in centum quadraginta libros. ex his auditoribus plurimum auctoritatis habuit Alfenus Varus et Aulus Ofilius, ex quibus Varus et consul fuit, Ofilius in equestri ordine perseveravit. is fuit Caesari familiarissimus et libros de iure civili plurimos et qui omnem partem operis fundarent reliquit. nam de legibus vicensimae primus conscribit: de iurisdictione idem edictum praetoris primus diligenter composuit, nam ante eum Servius duos libros ad Brutum perquam brevissimos ad edictum subscriptos reliquit. 45 Fuit eodem tempore et TREBATIUS, qui idem Corneli Maximi auditor fuit: AULUS CASCELLIUS, Quintus Mucius Volusii auditor, denique in illius honorem testamento Publium Mucium nepotem eius reliquit beredem. fuit autem quaestorius nec ultra proficere voluit, cum etiam Augustus consulatum offerret. ex his Trebatius peritior Cascellio, Cascellius Trebatio eloquentior fuisse dicitur, Ofilius utroque doctior. Cascellii scripta non exstant nisi unus liber bene dictorum, Trebatii complures, sed minus frequentantur. 46 Post hos quoque TUBERO fuit, qui Ofilio operam dedit: fuit autem patricius et transiit a causis agendis ad ius civile maxime postquam Quintum Ligarium accusavit nec optinuit apud Gaium Caesarem. is est Quintius Ligarius, qui cum Africae oram teneret, infirmum Tuberonem applicare non permisit nec aquam haurire, quo nomine eum accusavit et Cicero defendit: exstat eius oratio satis pulcherrima, quae inscribitur pro Quinto Ligario. Tubero doctissimus quidem habitus est iuris publici et privati et complures utriusque operis libros reliquit: sermone etiam antiquo usus affectavit scribere et ideo parum libri eius grati habentur. 47 Post hunc maximae auctoritatis fuerunt ATEIUS CAPITO, qui Ofilium secutus est, et ANTISTIUS LABEO, qui omnes hos audivit, institutus est autem a Trebatio. ex his Ateius consul fuit: Labeo noluit, cum offerretur ei ab Augusto consulatus, quo suffectus fieret , honorem suscipere, sed plurimum studiis operam dedit: et totum annum ita diviserat, ut Romae sex mensibus cum studiosis esset, sex mensibus secederet et conscribendis libris operam daret. itaque reliquit quadringenta volumina, ex quibus plurima inter manus versantur. hi duo primum veluti diversas sectas fecerunt: nam Ateius Capito in his, quae ei tradita fuerant, perseverabat; Labeo ingenii qualitate et fiducia doctrinae, qui et ceteris operis sapientiae operam dederat, plurima innovare instituit. 48 Et ita Ateio Capitoni MASSURIUS SABINUS successit, Labeoni NERVA, qui adhuc eas dissensiones auxerunt. hic etiam Nerva Caesari familiarissimus fuit. Massurius Sabinus in equestri ordine fuit et publice primus respondit: posteaque hoc coepit beneficium dari, Tiberio Caesare hoc tamen illi concessum erat. 49 Et, ut obiter sciamus, ante tempora Augusti publice respondendi ius non a principibus dabatur, sed qui fiduciam studiorum suorum habebant, consulentibus respondebant: neque responsa utique signata dabant, sed plerumque iudicibus ipsi scribebant, aut testabantur qui illos consulebant. primus divus Augustus, ut maior iuris auctoritas haberetur, constituit, ut ex auctoritate eius responderent : et ex illo tempore peti hoc pro beneficio coepit. et ideo optimus princeps Hadrianus, cum ab eo viri praetorii peterent, ut sibi liceret respondere, rescripsit eis hoc non peti, sed praestari solere et ideo, si quis fiduciam sui haberet, delectari se [si] populo ad respondendum se praepararet . 50 Ergo Sabino concessum est a Tiberio Caesare, ut populo responderet: qui in equestri ordine iam grandis natu et fere annorum quinquaginta receptus est. huic nec amplae facultates fuerunt, sed plurimum a suis auditoribus sustentatus est. 51 Huic successit GAIUS CASSIUS LONGINUS natus ex filia Tuberonis, quae fuit neptis Servii Sulpicii: et ideo proavum suum Servium Sulpicium appellat. hic consul fuit cum Quartino temporibus Tiberii, sed plurimum in civitate auctoritatis habuit eo usque, donec eum Caesar civitate pelleret. 52 Expulsus ab eo in Sardiniam, revocatus a Vespasiano diem suum obit. Nervae successit PROCULUS. fuit eodem tempore et NERVA FILIUS: fuit et alius Longinus ex equestri quidem ordine, qui postea ad praeturam usque pervenit. sed Proculi auctoritas maior fuit, nam etiam plurimum potuit: appellatique sunt partim Cassiani, partim Proculiani, quae origo a Capitone et Labeone coeperat. Cassio CAELIUS SABINUS successit, qui plurimum temporibus Vespasiani potuit: Proculo PEGASUS, qui temporibus Vespasiani praefectus urbi fuit: Caelio Sabino PRISCUS IAVOLENUS: Pegaso CELSUS: patri Celso CELSUS FILIUS et PRISCUS NERATIUS, qui utrique consules fuerunt, Celsus quidem et iterum: Iavoleno Prisco ABURNIUS VALENS et TUSCIANUS item SALVIUS IULIANUS.


 

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LV Gizewski SS 2002