Der innere Weg Augustins vom weltlichen Rhetor zum christlichen Kirchenvater: Augustinus, Confessiones, 7, 1 - 17; 8, 6 f. und 11 f.; 9, 1 - 6.

Deutsche Übersetzung aus: Augustin, Bekenntnisse. Eingeleitet, übertragen und mit Anmerkungen versehen von Wilhelm Thimme, Stuttgart 1977, S. 171 - 193, 212 - 217, 226 - 229, 230 - 241.


7. Buch

1. Schon war sie hingeschwunden, meine böse, gottlose Jugend, und ich trat ins Mannesalten ein. Je älter ich ward an Jahren, um so schimpflicher meine Wahngedanken: konnte ich mir Wesenhaftes doch nur so denken, wie man es mit diesen unseren Augen erblickt. Zwar dachte ich mir dich, Gott, nicht in menschlich-leiblicher Gestalt. Seitdem ich etwas von Weisheit in mich aufgenommen, habe ich das immer gemieden und freute mich nun, es im Glauben unserer geistlichen Mutter, der katholischen Kirche, ebenso zu finden. Aber wie ich mir sonst dich denken sollte, das wollte mir nicht einleuchten. Wohl versuchte ich dich zu denken, ich ein Mensch und was für ein Mensch, dich, den höchsten, einzigen, wahren Gott, und glaubte mit ganzer Inbrunst meines Herzens, du seiest unvergänglich, unverletzlich und unwandelbar. Denn das sah ich klar und war dessen gewiß - wußte ich auch nicht, woher und wie mir die Einsicht kam -, daß, was vergehen kann, schlechter sein muß, als was nicht vergehen kann, und daß, was nicht verletzt werden kann, ohne Zaudern dem Verletzlichen vorzuziehen ist, und was keinen Wandel erleidet, besser ist, als was sich wandeln kann. Laut schrie mein Herz gegen all meine Wahnvorstellungen, und mit diesem einen Schlage suchte ich den unreinen Schwarm, der mich umflatterte, vom hellen Auge meines Geistes wegzuscheuchen. Aber kaum für einen Augenblick vertrieben, war er zusammengebaut schon wieder da, drang auf mich ein und verdunkelte meinen Blick. Denn selbst das Unvergängliche, Unverletzliche, Unwandelbare, das ich dem Vergänglichen, Verletzlichen und Wandelbaren vorzog, konnt ich mir, wenn auch nicht in menschlicher Leibesgestalt, so doch nicht anders als körperlich und räumlich ausgedehnt denken, sei es die Welt durchströmend, sei es noch über die Welt hinaus ins Unermeßliche sich verströmend. Denn hätte ich einem Wesen auch diese Räumlichkeit entzogen, wäre es mir als nichts erschienen, und zwar als ein völliges Nichts, nicht etwa bloß als etwas Leeres, wie wenn aus einem Raum der Körper, sei er nun aus Erde, Wasser, Luft oder himmlischer Natur, entfernt wird und nur noch der entleerte Raum bleibt, immerhin ein leerer Raum und gleichsam ein ausgedehntes Nichts.

So hielt ich denn stumpfen Geistes und unfähig, mein eigenes Wesen zu erfassen, alles, was sich nicht irgendwie räumlich dehnte oder ergoß, sich ballte oder blähte oder was nicht etwas Derartiges umschloß oder umschließen konnte, für ganz und gar nichts. Wie die Gestalten waren, über die meine Blicke hingingen, so waren auch die Bilder, in denen mein Herz sich erging, und ich merkte nicht, daß gerade die geistige Kraft, vermöge deren ich diese Bilder gestaltete, nichts dergleichen ist. Und doch könnte sie dieselben nicht gestalten, wenn sie nicht selbst etwas Großes wäre. So dachte ich mir auch dich, meines Lebens Leben, gewaltig, unermeßlich und überall die ganze Masse dieser Welt durchdringend und noch darüber hinaus nach allen Seiten unendlich und grenzenlos sich ausbreitend, so daß Erde und Himmel und alles dich in sich faßten und in dir begrenzt wären, du aber nirgends. Gleichwie dem Sonnenlicht die körperliche Luft oberhalb der Erde keinen Widerstand leistet, so daß es sie strahlend durchdringen kann, ohne sie zu zerbrechen oder zu zerreißen, sondern sie ganz erfüllt, so meinte ich, für dich sei nicht nur des Himmels, der Luft und des Meeres, sondern auch der Erde Körper durchlässig und in seinen größten und kleinsten Teilen durchdringlich und fähig, deine Gegenwart zu fassen, so daß du nun mit geheimnisvollem Geisteswehen drinnen und draußen alles ordnend durchwalten könnest, was du schufest. So vermutete ich, weil ich anders es nicht denken konnte. Aber es war falsch. Denn auf diese Weise würde ein größerer Teil der Erde einen größeren Teil von dir in sich enthalten, und ein kleinerer einen kleineren, und alles wäre dermaßen von dir erfüllt, daß eines Elefanten Leib mehr von dir erfaßte als der eines Sperlings, weil er größer ist und größeren Raum einnimmt, und so würdest du stückweise großen Teilen der Welt mit großen, kleinen mit kleinen Teilen von dir gegenwartig sein. Nein, so ist's nicht. Doch du hattest meine Finsternis noch nicht erleuchtet.

2. Indessen genügte mir, o Herr, zur Widerlegung jener betrogenen Betrüger und stummen Schwätzer - darum stumm, weil nicht dein Wort aus ihnen ertönte -, genügte mir, was schon lange, als wir noch in Karthago waren, Nebridius vorzubringen pflegte, womit er uns alle, die es hörten, außer Fassung brachte. Was hätte dir, sagte er, jenes wunderliche Nachtgezücht, entsprungen aus der entgegengesetzten Masse des Bösen, das sie dir gegenüberzustellen pflegten, tun können, wenn du mit ihm nicht hättest kämpfen wollen? Antwortete man darauf, es würde dir Schaden getan haben, wärest du verletzlich und verderblich gewesen. Sagte man aber, es hätte dir nichts schaden können, wäre kein Grund ausfindig zu machen gewesen, weswegen du hättest kämpfen, noch dazu so kämpfen sollen, daß ein Teil oder Glied von dir oder Sprößling deines eigenen Wesens sich mit den feindlichen Mächten, nicht von dir geschaffenen Naturen, hätte vermischen müssen und von ihnen dermaßen verderbt und zum Schlechteren verkehrt worden wäre, daß seine Seligkeit in Qual sich gewandelt und sein hilfsbedürftiges Verlangen nun nach Rettung und Reinigung ausgeschaut hätte. Das sollte die Seele sein, der dann, wie es hieß, dein Wort zu Hilfe gekommen sei, das freie der geknechteten, das reine der befleckten, das unversehrte der verderbten, das aber selbst dem Verderben ausgesetzt gewesen wäre, da es angeblich wesensgleich mit ihr war. Sagten sie also, du seiest, so wie du bist, das heißt, deinem Wesen nach, unverderblich, so waren all diese Behauptungen falsch und lästerlich; sagten sie aber, du seist verderblich, so war ebendies falsch und augenblicks mit Abscheu zurückzuweisen. Das genügte also, die bedrängte Brust zu erleichtern und diejenigen gänzlich auszuspeien, die, wenn sie so von dir dachten und redeten, keinen Ausweg finden konnten, ohne mit Herz und Mund schändlich zu lästern.

3. Aber obschon ich nunmehr behauptete und fest davon überzeugt war, daß du jeder Befleckung, Veränderung und Wandlung unzugänglich seiest, du, unser Herr und wahrer Gott, der du nicht nur unsere Seelen, sondern auch unsere Leiber, nicht nur unsere Seelen und Leiber, sondern alle und alles geschaffen hast, blieb mir doch noch ganz unklar und verworren die Ursache des Bösen. Doch welches sie auch sein mochte, ich sah, daß keine Antwort auf meine Frage tragbar war, die mich genötigt hätte, den unwandelbaren Gott für wandelbar zu halten; sonst wäre ich ja selbst das geworden, worüber ich grübelte. So war ich bei meinem Forschen bereits gesichert und gewiß, daß nicht wahr sein konnte, was jene sagten, mit denen ich nun nichts mehr zu tun haben wollte. Denn ich sah, daß sie bei ihrem Suchen nach dem Ursprung des Bösen selbst voller Bosheit waren, da sie lieber glauben wollten, dein Wesen leide Böses, als daß ihr Wesen Böses tue.

Und ich bemühte mich einzusehen, was ich sagen hörte, freie Willensentscheidung sei die Ursache unseres bösen Tuns und dein gerechtes Urteil Ursache unseres Leidens, aber klar einsehen konnte ich es nicht. Suchte ich mit Geisteskraft mich aus der Tiefe aufzuschwingen, sank ich wieder herab. Häufig versuchte ich's, aber wieder und wieder sank ich herab. Eins hob mich empor zu deinem Lichte: Daß ich einen Willen hatte, wußte ich so gewiß, wie daß ich lebte. So war ich denn auch ganz gewiß, daß, wenn ich etwas wollte oder nicht wollte, kein anderer als ich selbst es wollte und nicht wollte, und mehr und mehr leuchtete es mir ein, daß hier die Ursache meiner Sünde liegen mußte. Was ich aber wider Willen tat, das war, wie ich sah, mehr ein Leiden als Tun. Ich urteilte, daß das nicht Schuld, sondern Strafe sei, und da ich dich gerecht dachte, gab ich bald zu, sie werde mir nicht ungerecht auferlegt. Aber wiederum sagte ich: Wer schuf mich denn? Schuf mich nicht mein Gott, der nicht nur gut, sondern das Gute selbst ist? Woher kommt es denn, daß ich Böses will und Gutes nicht will? Sollte etwa ein Grund vorhanden sein, weswegen ich gerechterweise bestraft werden könnte? Wer hat ihn in mir angelegt und besät, diesen Garten voll Bitternis, in mir, der doch ganz und gar geschaffen ward von meinem süßesten Gott? War's der Teufel, woher dann der Teufel selbst? Und wenn auch er durch Willensverderbnis aus einem guten Engel zum Teufel ward, wie konnte denn in ihm der böse Wille entstehen, der ihn zum Teufel machte, wo doch der beste Schöpfer ihn ganz und gar zum Engel gemacht? Solche Gedanken drückten mich immer von neuem nieder und drohten mich zu ersticken, doch stürzten sie mich nicht in den Abgrund des Irrtums, "wo niemand deiner gedenkt", daß ich eher geglaubt hätte, du littest Böses, als daß der Mensch es tue.

4. Ich strengte mich nun an, auch das übrige ebenso zu finden, wie ich bereits gefunden hatte, das Unverderbliche sei besser als das Verderbliche, und wie ich demzufolge bekannte, daß du, was du sonst auch sein mögest, jedenfalls unverderblich seiest. Denn nie hat eine Menschenseele sich etwas erdenken können, wird's auch niemals können, was besser wäre als du, das höchste und beste Gut. Wird aber mit voller Wahrheit und Gewißheit das Unverderbliche dem Verderblichen vorgezogen, wie ich das bereits tat, so hätte ich mit meinen Gedanken etwas erreichen können, das besser wäre als mein Gott, wärst du nicht unverderblich. Da also, wo ich sah, das Unverderbliche sei dem Verderblichen vorzuziehen, da mußte ich dich suchen und von da aus ergründen, wo das Böse ist, das heißt, woher die Verderbnis stammt, die doch dein Wesen auf keine Weise schädigen kann. Denn nie und nimmer schädigt Verderbnis unsern Gott, kein Wille, keine Notwendigkeit, kein unvorhergesehener Zufall kann das bewirken. Denn er ist Gott, was er will, ist gut, und er selbst das Gute. Verderbnis aber ist nichts Gutes. Auch kannst du nicht wider Willen zu etwas gezwungen werden, denn dein Wille ist nicht größer als deine Macht. Nur dann wäre er größer, wenn du größer wärest als du selbst. Denn Wille und Macht Gottes, das ist Gott selbst. Was könnte unvorhergesehen dich treffen, der du alles weißt? Besteht doch alles und jedes nur dadurch, daß du es weißt. Doch wozu so viele Worte, zu beweisen, das Wesen, das Gott heißt, sei nicht verderblich, da er doch, wäre er's, nicht Gott wäre?

5. Ich suchte ausfindig zu machen, woher das Böse, aber ich suchte böse und sah das Böse in meinem Suchen nicht. Ich stellte vor das Auge meines Geistes die ganze Schöpfung, alles, was wir in ihr wahrnehmen können, wie Land, Meer, Luft, Gestirne, Bäume und sterbliche Lebewesen, dazu was unsichtbar ist in ihr, wie die Feste des Himmels droben und alle seine Engel und die ganze Geisteswelt, was ich in meiner Einbildung mir ebenfalls, als wären es Körper, nur räumlich und räumlich verteilt vorstellen konnte. So faßte ich deine Schöpfung auf als eine gewaltige, aus verschiedensten Körpern zusammengesetzte Masse, mochten es nun wirkliche Körper sein oder Geister, die ich mir körperlich vorstellte. Ich dachte sie mir mächtig groß, nicht so, wie sie wirklich war, was ich nicht wissen konnte, sondern nach meinem Belieben, jedoch auf allen Seiten begrenzt. Dich aber, Herr, dachte ich nach allen Seiten unbegrenzt und jene Masse überall umgebend und durchdringend. Wie wenn da ein Meer wäre, überall und nach allen Seiten ungemessen sich ausdehnend, nichts als ein unendliches Meer, und hätte einen großen, aber begrenzten Schwamm in sich, und dieser Schwamm wäre in all seinen Teilen von dem unermeßliehen Meere voll, so dachte ich mir deine endliche Kreatur voll von dir, dem Unendliehen, und sprach: Siehe, das ist Gott, und siehe, das ist's, was Gott geschaffen hat, und Gott ist gut, unvergleichlich besser und vortrefflicher als all das. Dennoch hat er, selbst gut, nur Gutes geschaffen, und siehe, wie er alles umfaßt und erfüllt! Aber wo bleibt denn da das Böse, von woher und wie hat sich's eingeschlichen? Was ist seine Wurzel und was sein Same? Oder ist es überhaupt nicht? Aber warum fürchten wir es denn und scheuen uns vor dem, was gar nicht ist? Oder wenn wir uns ohne Grund fürchten, dann ist wohl die Furcht selber das Böse, wodurch unser Herz sinnlos gepeinigt und gemartert wird, um so bösartiger, als gar nichts existiert, wovor wir uns fürchten müßten, und wir fürchten uns doch. Dann gibt es also entweder ein Böses, wovor wir uns fürchten, oder das Böse besteht darin, daß wir uns fürchten. Aber woher kommt das, da doch Gott selbst gut ist und alles gut geschaffen hat? Mag es ein größeres, ja das größte Gut sein, das das geringere Gut hervorgebracht hat, so ist doch alles, Schöpfer und Geschaffenes, gut. Woher also das Böse? Oder war da ein böser Stoff, aus dem er alles bildete, und hat er ihn gestaltet und geordnet, aber etwas ist geblieben, das er nicht in Gutes verwandelte? Aber warum das? Hatte er nicht die Macht, es gänzlich zu ändern und umzuwandeln, so daß nichts Böses zurüchblieb, er, der doch allmächtig ist? Warum endlich wollte er überhaupt aus diesem Stoff etwas machen und bewirkte nicht vielmehr durch seine Allmacht, daß er völlig aufhörte zu sein? Oder konnte er gar gegen seinen Willen dasein? Oder wenn er ewig war, warum ließ er ihn durch ungemessene Zeiträume bleiben, wie er war, und faßte erst so viel später den Entschluß, etwas daraus zu machen? Oder wenn er schon plötzlich in Tätigkeit treten wollte, warum wirkte der Allmächtige dann nicht dies, daß jener Stoff zu nichts ward und er selbst allein zurückblieb, das durch und durch wahre, höchste und unendliche Gut? Oder wenn es nicht gut gewesen wäre, daß er, der Gute, nicht auch Gutes gebildet und bereitet hätte, warum beseitigte und vernichtete er nicht zuerst den bösen Stoff, um dann einen guten hervorzubringen, aus dem er alles hätte schaffen können? Er wäre ja nicht allmächtig gewesen, hätte er nichts Gutes herstellen können, ohne dabei jenen Stoff zu verwenden, den er nicht selbst geschaffen. Dergleichen wälzte ich hin und her in meiner elenden Brust, beschwert von nagenden Sorgen, die der Todesfurcht und unbefriedigtem Wahrheitsdrang entsprangen. Dennoch haftete fest in meinem Herzen der Glaube der katholischen Kirche an deinen Christus, unsern Herrn und Heiland, wenn auch in vielen Stücken noch unfertig und von der Richtschnur wahrer Lehre abweichend. Aber meine Seele ließ ihn nun nicht mehr fahren, sondern sog ihn von Tag zu Tag immer mehr in sich ein.

6. Schon hatte ich auch von den trügerischen Weissagungen und gottlosen Wahnvorstellungen der Astrologen mich losgesagt. Auch für dies dein Erbarmen, mein Gott, will ich aus innerstem Herzen dich preisen. Du warst es, du allein! Wer anders könnte uns wohl aus dem Tode jeglichen Irrtums zurückrufen als das Leben selbst, das vom Tode nichts weiß, die Weisheit, die, selber keines Lichtes bedürftig, bedürftige Seelen erleuchtet und die Welt durchwaltet bis hin zum verwehenden Laub der Bäume? ...

7. So hattest du, mein Helfer, mich aus diesen Banden befreit, doch noch fragte ich, woher das Böse komme, und fand keinen Ausweg. Aber ich glaubte nun - und durch keinen Wogenschlag unruhigen Nachdenkens ließest du mich von dem Glauben abbringen - , daß du bist, dein Wesen unwandelbar ist, daß du für die Menschen sorgst und sie richtest und daß du in Christo, deinem Sohn, unserem Herrn, und den heiligen Schriften, die das Ansehen der katholischen Kirche empfiehlt, den Heilsweg zum künftigen Leben nach dem Tode eröffnet hast. Fest und unerschütterlich hatte ich mir das zu eigen gemacht, aber in ruheloser Sorge forschte ich noch, woher das Böse. Welch qualvolle Geburtswehen mußte mein Herz aushalten, welche Seufzer, mein Gott, stieß es aus! Deine Ohren vernahmen es, ob ich's schon nicht wußte. Derweil ich so in der Stille angestrengt grübelte, waren die stummen Qualen meines Geistes ein lautes Schreien zu deinem Erbarmen. Du allein wußtest, was ich litt, kein Mensch. Wie wenig war's doch, was ich aussprechen und meinen vertrautesten Freunden zu Gehör bringen konnte! Oder drang er etwa zu ihren Ohren, jener stumme Aufruhr meines Geistes? Weder Zeit noch Stimme langten, ihn kundzutun. Aber dein Ohr vernahm es alles, 'was hervorstöhnte aus meines Herzens Unruhe. Vor dir war all mein Verlangen, und das Licht meiner Augen war nicht bei mir'. Denn es war drinnen, ich aber draußen. Nein, im Raume war es nicht. Ich aber dachte nur an das, was in Räumen sich ausbreitet, und fand da keine Ruhestätte, nichts, was mich hätte aufnehmen können, daß ich sagen könnte: 'Nun ist's genug, hier ist mir wohl.' Doch ließ es mich auch nicht los, daß ich hätte dorthin gehen können, wo es mir wohl gewesen ware. Denn ich stand höher als diese Dinge, doch du standest über mir. Dir untertan sollte ich wahre Freude finden, unterworfen aber mir nach deinem Willen sein, was du unter mir geschaffen. Das war das richtige Verhältnis und die goldene Mittelstraße meines Heils; so hätte ich dein Ebenbild bewahrt, wäre dein Knecht gewesen und zugleich Herr über meinen Leib. Aber da ich stolz mich wider dich erhob und anlief gegen meinen Herrn, 'schildbewehrt mit steifem Nacken', gewann das Niedere die Oberhand und drückte mich zu Boden, und es gab keine Linderung, kein Aufatmen. Blickte ich um mich, so drang es von allen Seiten massenhaft und zusammengeballt auf mich ein, wollte ich nachdenkend bei mir selbst einkehren, traten mir die körperlichen Abbilder in den Weg, als ob sie sprächen: 'Wo willst du hin, unwürdig und schmutzig, wie du bist?' Das aber kam von meiner Wunde; 'denn gleich als wäre er wund, hast du den Stolzen gedemütigt'. Meine Aufgeblasenheit hielt mich fern von dir, und mein gedunsenes Gesicht ließ mich nicht aus den Augen sehen.

8. Du aber, Herr, bleibest ewiglich, doch ,nicht ewiglich zürnst du über uns'. Du erbarmtest dich der Erde und Asche, und es hat dir gefallen, umzugestalten vor deinem Angesicht meine Mißgestalt. Mit inneren Stacheln triebst du mich, daß ich keine Ruhe fände, bis du mir durch innere Schau gewiß geworden wärest. Unter der heilenden Kraft deiner geheimnisvoll wirkenden Hand schwand meine Geschwulst dahin, und meines Geistes getrübte und verdüsterte Hellsicht ward durch die scharfe Salbe heilsamer Schmerzen allmählich geheilt.

9. Zuerst wolltest du mir zeigen, wie du 'den Hoffärtigen widerstehst, den Demütigen aber Gnade gibst', und mit welcher Barmherzigkeit du den Menschen den Weg derDemut kundgetan,da 'dasWort Fleisch ward und unter uns Menschen Wohnung nahm'. So verschafftest du mir durch einen von ungeheuerlichem Hochmut aufgeblähten Mann einige Schriften der Platoniker, aus der griechischen in lateinische Sprache übersetzt. Daselbst las ich, zwar nicht mit den gleichen Worten, aber im Grunde ganz dasselbe und mit vielen und vielfältigen Vernunftgründen gestützt: 'Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm ist das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.' Ferner, daß des Menschen Seele, wiewohl sie 'Zeugnis gibt von dem Licht', doch 'nicht selbst das Licht ist', sondern 'das Wort, Gott selbst, ist das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen'. Ferner: 'Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht, und die Welt kannte es nicht.' Jedoch 'er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben', das las ich daselbst nicht.

Desgleichen las ich dort, daß das Wort, Gott, 'nicht aus dem Fleisch noch aus dem Geblüt, noch aus dem Willen eines Mannes, noch aus dem Willen des Fleisches, sondern aus Gott geboren ist. Aber daß 'das Wort Fleisch ward und unter uns wohnte', das las ich dort nicht. Ich fand zwar, daß in jenen Schriften manchmal und auf vielerlei Weise gesagt ist, daß 'der Sohn in des Vaters Gestalt sei, und es nicht für einen Raub gehalten habe, Gott gleich zu sein', weil er von Natur dasselbe ist. Aber, 'daß er sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm und ward wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden, daß er sich selbst erniedrigte und gehorsam ward bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz, und daß Gott ihn darum erhöht hat und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, daß im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters', das steht nicht in jenen Schriften. Daß vor allen Zeiten und über allen Zeiten unwandelbar, gleichewig wie du, beharrt dein eingeborener Sohn und daß 'aus seiner Fülle' die Seelen ihre Seligkeit empfangen, daß sie durch Anteilnahme an der in sich beharrenden Weisheit selbst zur Weisheit erneuert werden, das findet sich da, aber daß er 'nach der Zeit für uns Gottlose gestorben ist' und daß 'du deines eigenen Sohnes nicht verschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben hast', das findet sich da nicht. Denn 'solches hast du den Weisen verborgen und hast es den Unmündigen geoffenbart', auf daß 'zu ihm kommen die Mühseligen und Beladenen und er sie erquicke'. Denn 'er ist sanftmütig und von Herzen demütig' und 'leitet die Sanftmütigen in Gerechtigkeit und lehrt die Bescheidenen seine Wege, sieht an unsere Demut und unser Elend und vergibt uns alle unsere Sünden'. Die aber stolz einherschreiten auf dem Kothurn ihrer vermeintlichen höheren Weisheit, hören nicht auf ihn, der spricht: 'Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.' 'Obschon sie Gott erkennen, preisen sie ihn nicht als Gott noch danken sie ihm, sondern werden eitel in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz wird verfinstert. Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden.'

So las ich denn dort auch, daß sie 'verwandelt haben die Herrlichkeit deines unvergänglichen Wesens in allerlei götzenhafte Gestalten und Figuren, in ein Bild gleich dem der vergänglichen Menschen und der Vögel und vierfüßigen und kriechenden Tiere'. Das war die Agyptische Speise, für die Esau seine Erstgeburt hingab. Denn dein erstgeborenes Volk verehrte statt deiner eines Vierfüßlers Kopf, 'wandte sich um mit seinem Herzen nach Agypten' und beugte seine Seele, dein Bild, vor dem Bilde 'eines Ochsen, der Gras frißt'. Das fand ich da und aß nicht davon. Denn es hat dir gefallen, Herr, die Schmach der Zurücksetzung von Jakob hinwegzunehmen, 'daß der Ältere dem Jüngeren diene', und hast die Heiden berufen in dein Erbe. Auch ich war zu dir gekommen von den Heiden und richtete meine Blicke auf das Gold, das dein Volk nach deinem Willen aus Agypten mitnehmen sollte; denn wo es auch war, es war dein. Und du verkündetest den Athenern durch deinen Apostel, 'daß in dir wir leben, weben und sind, wie es auch etliche von ihnen gesagt haben', und von daher stammten jene Bücher. Aber auf die Götzenbilder der Agypter, denen sie mit deinem Golde dienten, warf ich meine Blicke nicht. 'Sie aber verwandelten Gottes Wahrheit in Lüge und ehrten und dienten dem Geschöpfe mehr denn dem Schöpfer.'

10. Hierdurch gemahnt, zu mir selbst zurückzukehren, trat ich, geführt von dir, in mein Innerstes ein. Ich vermochte es, denn 'du warst mein Helfer'. Ich trat ein und sah mit dem Auge meiner Seele, so schwach es war, über diesem meinem Seelenauge, über meinem Geiste ein unwandelbares Licht. Es war nicht das gewohnte, allem Fleisch sichtbare Licht, auch nicht bloß von seiner Art - nur gewaltiger, wie wenn dies Licht heller und immer noch heller leuchtete und mit seiner Strahlenmacht alles erfüllte. Nein, so war es nicht, sondern anders, ganz anders als all das. Nicht so war es über meinem Geiste wie das Öl über dem Wasser oder wie der Himmel über der Erde, sondern darum höher, weil es mich schuf, und ich darum niedriger, weil ich sein Geschöpf war. Wer die Wahrheit kennt, der kennt es, und wer es kennt, kennt die Ewigkeit. Die Liebe kennt es. O ewige Wahrheit, wahre Liebe, liebe Ewigkeit! Du bist mein Gott, zu dir seufze ich Tag und Nacht. Und als ich dich zum erstenmal erkannte, zogst du mich an dich heran, daß ich sähe, da sei etwas zu sehen, aber ich sei noch nicht so, es sehen zu können. Mit Macht drangen deine Strahlen auf mich ein, mein schwacher Blick prallte zurück, und ich erbebte in Liebe und Angst. Ich begriff, daß ich fern war von dir, ganz unähnlich noch, aber mir war, als vernähme ich von oben her deine Stimme: 'Ich bin Speise der Starken; wachse, und du wirst mich genießen. Nicht wirst du mich in dich verwandeln wie die Speise deines Fleisches, sondern wirst verwandelt werden in mich.' Und ich erkannte, daß 'du um der Sünde willen den Menschen züchtigst und hinschwinden lässest wie Spinngewebe meine Seele', und sprach: Ist die Wahrheit nichts, weil sie sich nicht dehnt in begrenzten und unbegrenzten Weiten und Räumen? Da riefst du von fern: 'Ich bin, der ich bin.' Ich aber hörte es, wie man mit dem Herzen hört; all mein Zweifel war geschwunden, und eher hätte ich an meinem Leben gezweifelt als daran, daß eine Wahrheit ist, 'die an den Werken der Schöpfung erkannt und ersehen wird'.

11. Nun faßte ich ins Auge auch das übrige, das unter dir ist, und sah, daß es weder schlechthin ist noch schlechthin nicht ist. Es ist zwar, weil von dir geschaffen, aber ist doch auch nicht, weil nicht dasselbe, was du bist. Denn wahrhaft ist nur, was unwandelbar beharrt. 'Für mich aber gibt's nur eins, was gut: Gott anzuhangen.' Denn bliebe ich nicht in ihm, könnte ich's auch nicht in mir. 'Er aber bleibt in sich und macht alles neu'; und 'das bist du, Herr, denn meiner Güter bedarfst du nicht'.

12. Und es ward mir klar, daß es Gutes gibt, das verderbt wird. Wäre es das höchste Gut, könnte es nicht verderbt werden, aber ebensowenig könnte es verderbt werden, wenn es nicht doch auch ein Gut wäre. Denn wäre es das höchste Gut, wär es unverderblich, wäre es aber überhaupt kein Gut, gäbe es an ihm nichts zu verderben. Denn Verderbnis schadet, und kein Schaden ohne Minderung des Guten. Also entweder schadet die Verderbnis nichts, was doch nicht möglich ist, oder aber, und das ist ganz gewiß, alles was verderbt wird, verliert etwas Gutes. Verlöre es aber alles Gute, würde es überhaupt zu sein aufhören. Denn wenn es wäre und nicht mehr verderbt werden könnte, ware es ein Besseres geworden, weil es nun unverderblich bliebe. Und was könnte man Tolleres sagen, als durch Verlust alles Guten werde etwas besser? Verliert es also alles Gute, ist's überhaupt nicht mehr, und solange es ist, ist's auch gut. Also was ist, ist auch gut, und das Böse, nach dessen Ursprung ich fragte, ist nichts Wesenhaftes, denn wäre es ein Wesen, wäre es gut. Denn entweder wäre es ein unverderbliches Wesen - fürwahr ein großes Gut! - oder aber ein verderbliches Wesen, das nicht verderblich sein könnte, wäre es nicht auch gut. So sahi ch denn und ward es mir klar, daß alles Gute du geschaffen hast und daß es kein Wesen gibt, das du nicht schufst. Und weil du nicht alles überein erschaffen hast, darum muß auch alles dasein. Denn jedes einzelne ist gut, und alles zusammen sehr gut. Denn was unser Gott erschaffen hat, war 'alles sehr gut'.

13. Und für dich gibt's überhaupt nichts Böses, und nicht nur für dich nicht, sondern auch nicht für das All deiner Schöpfung. Denn es ist nichts draußen, das in sie einbrechen und deine für sie gestiftete Ordnung stören könnte. In ihren Teilen freilich ist manches, was nicht zusammenstimmt und darum für böse gehalten wird; doch ebendies stimmt wieder zu anderem, ist insofern gut und ist auch in sich selbst gut. Und alle diese Dinge, die eins zum andern nicht zusammenstimmen, stimmen doch zum niederen Teil der Schöpfung, den wir Erde nennen, die ihren Himmel hat mit seinen Wolken und Stürmen, der zu ihr paßt. Fern sei es, daß ich sagte: 'Dies sollte nicht sein!' Denn wenn ich nur dies vor Augen hätte, würde ich zwar nach Besserem verlangen, müßte aber allein um seinetwillen dich preisen. Denn daß du preiswürdig bist, tun kund auf Erden 'die Drachen und alle Tiefen, Feuer, Hagel, Schnee, Eis, Sturmwinde, die dein Wort ausrichten, Berge und alle Hügel, fruchtbare Bäume und alle Zedern, wilde Tiere und alles Vieh, Gewürm und Vögel, die Könige auf Erden und alle Völker, Fürsten und alle Richter auf Erden, Jünglinge und Jungfrauen, Alte mit den Jungen, die sollen loben deinen Namen'. Da man aber auch im 'Himmel dich preist, da dich, unsern Gott, loben in der Höhe alle deine Engel, alle deine Kräfte, Sonne und Mond, alle Sterne und das Licht, der Himmel Himmel und alle Wasser über den Himmeln', da auch dies alles deinen Namen lobt, verlangte ich schon nicht mehr nach einzelnem Besserem, weil ich an alles dachte. Denn besser ist zwar das Höhere als das Niedere, aber besser als das Höhere allein ist alles zusammen. Das war es, was ich nun mit gesunderem Urteil erwog.

14. Denen fehlt gesundes Urteil, welchen etwas an deiner Schöpfung mißfällt, wie es auch mir damals fehlte, als vieles mir mißfiel, was du geschaffen. Und weil meine Seele sich nicht so weit erfrechte, daß auch mein Gott mir mißfiele, wollte sie nicht, daß dein sei, was ihr mißfiel. So war sie auf die Meinung gekommen, es gebe zwei Wesenheiten, aber sie fand keine Ruhe und redete irre. Davon sich abwendend, hatte sie sich einen durch die unendlichen Weiten aller Räume hingedehnten Gott gemacht und gewähnt, das seist du, hatte ihn in ihrem Herzen aufgestellt und war so wiederum zum Götzentempel geworden, ein Greuel für dich. Aber nachher nahmst du mein Haupt in freundliche Pflege, und ich wußte es nicht, und 'schlossest meine Augen, daß sie nicht Eitles erblickten', da bekam ich ein wenig Ruhe vor mir selbst, und mein Wahn schlummerte wie betäubt. Und nun erwachte ich zu dir und schaute dich Unendlichen ganz anders, und diese Schau kam nicht vom Fleische.

15. Dann blickte ich zurück auf das andere und sah, daß es dir sein Dasein verdankt und daß alles in dir beschlossen ist, freilich nicht wie in einem Raum, sondern anders: weil du alles hältst in deiner Hand, der Wahrheit. Und alles ist wahr, soweit es ist, und Falschheit gibt es nicht, es sei denn, man halte für seiend, was doch nicht ist. Und ich sah, daß nicht nur an seinem Ort ein jedes passend ist, sondern auch zu seiner Zeit, und daß du, der du allein ewig bist, nicht erst nach Ablauf ungezählter Zeiträume zu wirken begannst. Denn alle Zeiräume, die vergangen sind und noch vergehen werden, könnten nicht gehen und nicht kommen, wirktest und bliebest nicht du.

16. Und ich machte mir klar, wie ich ja aus Erfahrung weiß, daß es kein Wunder ist, wenn dem kranken Gaumen das Brot nicht schmeckt, das doch dem gesunden mundet, und daß entzündete Augen das Licht hassen, das den hellen Augen lieblich ist. So mißfällt deine Gerechtigkeit den Bösen, und nicht minder Natter und Gewürm, die du doch gut geschaffen hast und passend zu den niederen Teilen deiner Kreatur. Zu ihnen passen auch die Bösen, um so besser, je unähnlicher sie dir sind. Doch je ähnlicher sie dir werden, um so besser werden sie zu den höheren Teilen passen. Und ich forschte, was Sünde sei, und fand kein Wesen, sondern die Verkehrtheit des vom höchsten Wesen, von dir, O Gott, dem Niedersten sich zuwendenden Willens, der 'sein Innerstes wegwirft' und draußen sich aufbläht.

17. Und ich wunderte mich, daß ich dich nunmehr schon liebte und nicht ein Trugbild statt deiner, trotzdem aber nicht im Genusse meines Gottes verharrte. Sondern deine Schönheit riß mich wohl zu dir empor, aber bald ward ich wieder hinweggerissen von dir durch mein eigenes Schwergewicht und fiel mit Seufzen ins Irdische zurück. Das Gewicht aber war meine fleischliche Gewohnheit. ...

8. Buch

6. Wie du mich nun von der Fessel sinnlichen Liebesverlangens, die mich so eng umschnürte, und von der Knechtschaft weltlicher Geschäfte befreit hast, das will ich jetzt erzählen und 'deinem Namen danken, Herr, mein Hort und mein Erlöser'. Ich ging der gewohnten Arbeit nach, während meine Bangigkeit wuchs und ich täglich zu dir seufzte, auch besuchte ich oft deine Kirche, soweit meine Geschäfte das zuließen, unter deren Last ich stöhnte. Alypius war bei mir und zur Zeit ohne Beschäftigung in seinem Beruf, nachdem er die dritte Sitzungsperiode als Beisitzer hinter sich hatte. Er wartete nun auf solche, die sich seinen juristischen Rat erkaufen wollten, wie ich die Redefertigkeit verkaufte, soweit man sie überhaupt durch Unterricht vermitteln kann. Nebridius aber, unserm freundschaftlichen Drängen nachgebend, hatte sich dem Verecundus, einem Mailänder Bürger und Sprachlehrer, der unser aller vertrauter Freund war, als Hilfskraft zur Verfügung gestellt, da dieser sehr danach verlangte und mit dem Recht der Freundschaft von unserm Kreis die Hilfe, deren er dringend bedurfte, forderte. So war es nicht etwa Gewinnsucht, was den Nebridius dahin zog - denn er hätte, wenn er wollte, auf Grund seiner wissenschaftlichen Leistungen mehr erreichen können -, sondern nur aus Gefälligkeit wollte er, ungemein liebenswürdig und nachgiebig, wie er war, unsere Bitte nicht abschlagen. Er verrichtete aber diesen Dienst mit größter Klugheit, suchte nicht die Bekanntschaft weltlich einflußreicher Männer und ging so jeder Beunruhigung des Geistes aus dem Wege. Denn der sollte nach seinem Wunsch und Willen frei bleiben und möglichst viel Muße haben zu forschen, zu lesen und weisen Gesprächen zu lauschen.

Eines Tages nun, als Nebridius - ich erinnere mich nicht weshalb - abwesend war, besuchte mich und Alypius ein gewisser Ponticianus, der als Afrikaner unser Landsmann war und ein hervorragendes Amt bei Hofe bekleidete. Ich weiß nicht mehr, was er von uns wollte. Wir setzten uns zum Gespräch nieder. Da erblickte er auf einem Spieltische vor uns ein Buch, nahm es zur Hand, schlug es auf und fand, sicher ganz wider Erwarten, den Apostel Paulus. Er hatte nämlich gedacht, es sei eins der Bücher, mit denen ich mich berufsmäßig zu plagen hatte. Da lächelte er, schaute mich verwundert an und wünschte mir Glück, daß er gerade diese und nur diese Schrift unvermutet vor mir liegen sehe. Denn er war ein gläubiger Christ und warf sich oft in der Kirche vor dir, unserm Gott, in häufigen und langen Gebeten nieder. Ich berichtete ihm, daß ich diesen Schriften die größte Aufmerksamkeit schenke, und dann kam das Gespräch, indes er das Wort führte, auf Antonius, den ägyptischen Mönch, dessen Name damals bei deinen Knechten in höchsten Ehren stand, von dem wir aber bisher noch nichts vernommen hatten. Als er das merkte, verweilte er länger bei dem Gegenstande und schilderte uns, deren Unkenntnis ihn in Erstaunen setzte, diesen hochbedeutenden Mann. Wir aber waren aufs höchste überrascht, daß noch vor kurzem und fast zu unserer Zeit solch sicher bezeugte Wunder im wahren Glauben und in der katholischen Kirche sich zugetragen hatten. So wunderten wir uns alle, wir ob solch großer Dinge, er darüber, daß sie uns noch unbekannt waren.

Darauf wandte sich seine Rede den Klöstern zu, und er sprach von ihrer Menge, der Lebensführung ihrer Bewohner, die von deinem Wohlgeruch duftet, und den fruchtbaren Einöden der Wüste, wovon wir nichts wußten. Gab es doch sogar in Mailand außerhalb der Mauern ein Kloster voll frommer Brüder unter Obhut des Ambrosius, und auch das war uns unbekannt. Er fuhr fort und sprach weiter, während wir in gespannter Aufmerksamkeit lauschten. So traf sich's, daß er erzählte, er sei einst, ich weiß nicht wann, jedenfalls aber bei Trier, während der Kaiser bei den nachmittäglichen Zirkusspielen weilte, mit drei anderen Zeltgenossen in den vor den Mauern gelegenen Gärten spazierengegangen. Zu je zweien wandelnd, er selbst mit dem einen und die beiden andern für sich, hätten sie sich zufällig voneinander getrennt. Da seien jene beim Umherschweifen in eine Hütte eingetreten, in der einige deiner Knechte wohnten, 'Arme im Geiste, derer das Himmelreich ist', und dort hätten sie ein Buch mit der Lebensbeschreibung des Antonius gefunden. Einer von ihnen fing an, darin zu lesen, staunte, geriet in Flammen und ward, während er noch las, von dem Gedanken ergriffen, auch solch ein Leben zu erwählen, die weltliche Laufbahn zu verlassen und dir zu dienen. Sie gehörten aber zur Zahl der kaiserlichen Hofbeamten. Plötzlich erfüllt von heiliger Liebe und in ernster Scham sich selbst grollend, blickte er seinen Freund scharf an und rief. 'Sag doch, ich bitte dich, was wollen wir mit all unsern Mühen erreichen? Was suchen wir denn? Wozu stehen wir im Dienst? Haben wir am Hof mehr zu erhoffen, als daß wir des Kaisers Gunst erlangen? Und welch zerbrechliches, gefährliches Gut ist das! Gerät man nicht durch lauter Gefahren hindurch in immer größere Gefahr? Und wie lange soll das dauern? Ein Freund Gottes aber, wenn ich nur will, kann ich jetzt gleich werden.' So sprach er, und erschüttert von den Geburtswehen des neuen Lebens, heftete er wieder seine Augen auf die Seiten des Buches. Er las, ward innerlich umgewandelt - du sahest es - und sein Geist löste sich von der Welt, wie sich alsbald zeigen sollte. Denn während er noch las und die Wellen innerer Erregung hoch gingen, seufzte er einige Male tief auf, wog ab und erwählte das Bessere und sprach, nun bereits dein Diener, zu seinem Freunde. 'Jetzt habe ich sie über Bord geworfen, unsere alte Hoffnung, bin entschlossen, Gott zu dienen, und will heute, in dieser Stunde, hier an diesem Ort den Anfang machen. Wenn du dich scheust, mir zu folgen, so halte mich doch nicht zurück.' Jener erwiderte, er schließe sich ihm an und wolle solchen Lohn und Dienst mit ihm teilen. So waren sie beide dein und brachten für den 'Turmbau die erforderlichen Kosten auf', da sie alles verließen und dir nachfolgten. Sodann kamen auch Ponticianus und sein Begleiter, die sich in andern Teilen des Gartens ergangen hatten, auf der Suche nach ihnen an denselben Ort, fanden und ermahnten sie, umzukehren, da der Tag bereits zur Neige gegangen sei. Jene aber berichteten von ihrem Entschluß und Vorhaben und wie dieser Wille in ihnen entstanden und fest geworden sei, und baten, sie möchten ihnen nicht im Wege stehen, wenn sie ihnen auch nicht folgen wollten. Diese aber, nicht umgewandelt und an ihren früheren Plänen festhaltend, beweinten zwar, wie Ponticianus erzählte, sich selbst, beglückwünschten sie fromm und empfahlen sich ihren Gebeten, begaben sich jedoch alsdann mit ihrem am Irdischen hängenden Herzen wieder an den Hof. Jene aber, deren Herz dem Himmel verschrieben war, blieben in der Hütte. Beide hatten Bräute. Als diese davon erfuhren, weihten auch sie dir ihr jungfräuliches Leben.

7. So erzählte Ponticianus. Du aber, Herr, während er sprach, drehtest du mich um, hin zu mir selber, so daß ich mir nicht länger den Rücken zukehrte, wie ich tat, solange ich mich selbst nicht sehen wollte. Jetzt stelltest du mich Auge in Auge mir selbst gegenüber, daß ich schaute, wie häßlich ich sei, wie entstellt und schmutzig, voller Flecken und Schwären. Ich sah's und schauderte und wußte nicht, wohin ich vor mir selbst hätte fliehen sollen. Und wenn ich den Blick von mir abzuwenden suchte, fuhr er in seiner Erzählung fort, und wiederum stelltest du mich mir selbst gegenüber und rücktest mit Gewalt mein eigen Bild vor meine Augen, daß ich meine Sünde erkenne und hasse. Ich kannte sie ja wohl, aber ich leugnete sie ab, schloß vor ihr die Augen und vergaß sie.

Nun aber, je glühender ich jene Männer liebte, die, wie ich vernommen, voll heiligen Eifers sich ganz dir ergeben hatten, daß du sie heilest, um so abscheulicher und hassenswerter erschien ich mir selbst, wenn ich mich mit ihnen verglich. Denn so viele Lebensjahre waren mir schon dahingeflossen, wohl zwölf, seit ich, neunzehn Jahr alt, Ciceros Hortensius gelesen und dadurch zum Streben nach Weisheit erweckt war. Und immer hatte ich's verschoben, das Erdenglück zu verschmähen und mich für diese Aufgabe frei zu machen. Und doch war schon das Suchen nach Weisheit, geschweige das Finden, weit vorzuziehen dem Besitz von Schätzen und Königreichen und allen erdenklichen, jeden Augenblick zur Verfügung stehenden leiblichen Genüssen. Ich elender Jüngling aber, so jammervoll elend schon im Beginn meines Jünglingsalters, hatte von dir Keuschheit erbeten und gesagt: 'Gib sie mir, die Keuschheit und Enthaltsamkeit, aber noch nicht gleich!' Denn ich war bange, du möchtest mich rasch erhören und rasch von der Krankheit meiner Begehrlichkeit heilen, die ich doch lieber sättigen als austilgen lassen wollte. So war ich böse Pfade gewandelt in gotteslästerlichem Aberglauben, war seiner freilich nicht gewiß geworden, zog ihn aber dem anderen vor, das ich, statt fromm zu suchen, feindlich bestritt.

Ich hatte geglaubt, nur deshalb verschöbe ich's von einem Tag auf den andern, den weltlichen Hoffnungen zu entsagen und dir allein zu folgen, weil sich mir nichts Sicheres zeigen wollte, wohin ich meinen Lauf hätte richten können. Nun aber war der Tag gekommen, an dem ich nackt dastand vor mir selbst und das Gewissen mich schalt: 'Was sagst du nun?...'

11. ... Nun zeigte sich mir auf der Seite, wohin ich mein Gesicht gewandt, obschon ich ängstlich noch nicht hinüberzueilen wagte, die reine Würde der Keuschheit, freundlich heiter, aber nicht ausgelassen, sittsam mich lockend, daß ich kommen und nicht langer zögern sollte. Sie streckte, mich an sich zu ziehen und zu umfangen, fromme Hände aus und hielt in ihnen mir entgegen ganze Scharen edler Vorbilder. So viel Knaben waren da und Mädchen, Jugend in Fülle und alle Lebensalter, ernste Witwen und ergraute Jungfrauen, und in allen die Keuschheit, keineswegs unfruchtbar, sondern eine gesegnete Mutter. Und ihre Kinder waren die heiligen Freuden, von dir, Herr, ihrem Gatten, empfangen. Sie lächelte mich an, und in ihrem Lächeln lag eine Mahnung, als sagte sie: 'Und du kannst es nicht, was diese alle, Männer und Frauen, gekonnt? Konnten sie es etwa in eigener Kraft und nicht vielmehr in dem Herrn, ihrem Gott? Der Herr, ihr Gott, hat's ihnen gegeben. Was stellst du dich auf dich selbst und kannst so doch nicht stehen? Wirf dich auf ihn und fürchte dich nicht! Er wird sich dir nicht entziehen, dich nicht fallenlassen. Ja, wirf dich getrost hin, er wird dich auffangen und gesund machen.' Und ich errötete in brennender Scham, daß ich immer noch das Geflüster jener Torheiten hörte und zaudernd schwankte. Und wiederum war's, als wenn die Keuschheit spräche: "Verschließe deine Ohren gegen das, was von deinen unreinen Gliedern kommt, und laß sie sterben. Sie verheißen dir Freuden, 'aber nicht wie das Gesetz des Herrn, deines Gottes, sie verheißt'." Das war das Streitgespräch in meinem Herzen, und nur ich selbst war's, der so gegen sich selbst ankämpfte. Alypius aber, dicht neben mir sitzend, harrte schweigend auf das Ende meiner seltsamen Erregung.

12. Jetzt aber, da eindringende Betrachtung aus verborgenen Tiefen mein ganzes Elend hervorgezogen und mir vor das Seelenauge gerückt hatte, erhob sich ein gewaltiger Sturm und trieb einen gewaltigen Regenguß von Tränen heran. Damit er ungehemmt strömen und tosen könne, erhob ich mich von Alypius - denn der Weinende ist, deuchte mich, am besten allein - und entfernte mich so weit von ihm, daß seine Nähe nicht mehr stören konnte. So stand es mit mir, und er begriff. Denn ich hatte wohl auch einiges gesagt, ich weiß nicht mehr was, und der Ton meiner Stimme verriet die aufsteigenden Tränen. So war ich denn aufgestanden. Er blieb zurück, wo wir gesessen, starr vor Staunen. Ich aber warf mich, ich weiß nicht wie, unter einem Feigenbaum zur Erde und ließ den Tränen freien Lauf. Sie flossen in Strömen aus meinen Augen, ein dir gefälliges Opfer, und nicht mit diesen Worten, aber dem Sinne nach sprach ich zu dir: 'Ach du, Herr, wie lange!' 'Wie lange, Herr, willst du so gar zürnen? Gedenke nicht unsrer alten Missetaten!' Denn ich fühlte, daß sie es waren, die mich festhielten, und jammervoll ertönte mein Rufen: 'Wie lange noch, wie lange immer bloß: 'Morgen, morgen!' Warum nicht jetzt, warum nicht in dieser Stunde ein Ende meiner Schmach?'

So sprach ich und weinte in bitterster Zerknirschung meines Herzens. Und sieh, da höre ich vom Nachbarhause her in singendem Tonfall, ich weiß nicht, ob eines Knaben oder eines Mädchens Stimme, die immer wieder sagt: 'Nimm und lies, nimm und lies!' Sogleich wandelte sich meine Miene, und angestrengt dachte ich nach, ob wohl Kinder bei irgendeinem Spiel so zu singen pflegten, doch konnte ich mich nicht entsinnen, dergleichen je vernommen zu haben. Da ward der Tränen Fluß zurückgedrängt, ich stand auf und konnte mir's nicht anders erklären, als daß ich den göttlichen Befehl empfangen habe, die Schrift aufzuschlagen und die erste Stelle zu lesen, auf die meine Blicke träfen. Denn ich hatte von Antonius vernommen, daß er bei der Verlesung des Evangeliums, der er zufällig beigewohnt, sich durch ein Wort, als wär es zu ihm gesprochen, hatte aufrufen lassen: 'Geh hin und verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach.' Von dieser Gottesstimme angesprochen, erzählte man, habe er sich sogleich zu dir bekehrt. So kehrte ich schleunigst dahin zurück, wo Alypius noch saß, denn dort hatte ich, als ich fortging, die Schrift des Apostels liegen lassen. Ich griff sie auf, öffnete und las stillschweigend den ersten Abschnitt, der mir in die Augen fiel: 'Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und hütet euch vor fleischlichen Gelüsten.' Weiter wollte ich nicht lesen, brauchte es auch nicht. Denn kaum hatte ich den Satz beendet, durchströmte mein Herz das Licht der Gewißheit, und alle Schatten des Zweifels waren verschwunden.

Darauf legte ich den Finger oder ein anderes Zeichen in das Buch, schloß es und machte mit nunmehr ruhiger Miene dem Alypius Mitteilung. Er aber tat, was in ihm vorging und ich nicht wußte, auf folgende Weise kund. Er wollte sehen, was ich gelesen. Ich zeigte es ihm, und er las aufmerksam noch über jene Stelle hinaus. Ich wußte nicht, was folgte, und das war: 'Den Schwachen aber im Glauben nehmet auf.' Das wandte er auf sich an und sagte es mir. Durch diese Mahnung gefestigt, schloß er sich, ohne im mindesten zu schwanken und zaudern, dem guten Plan und Vorsatz an, der so ganz zu seinen Sitten paßte, die die meinen schon längst weit in den Schatten stellten. Sodann gehen wir zur Mutter hinein und berichten; sie freut sich. Wir erzählen, wie sich's zugetragen, da jubelt und triumphiert sie und pries dich, 'der du mächtig bist zu tun weit über unser Bitten und Verstehen'. Denn sie sah, daß du ihr so viel mehr verliehen, als sie mit kläglichem Weinen und Seufzen für mich zu erbitten pflegte. Denn nun hattest du mich zu dir bekehrt, daß ich nach keinem Weibe noch sonst einer weltlichen Hoffnung mehr Verlangen trug, und ich stand auf jenem Richtscheit des Glaubens, auf dem du mich ihr vor so viel Jahren gezeigt hattest. So 'hattest du ihre Trauer in Freude verwandelt', eine Freude, weit reicher noch, als sie selbst gewollt, und viel lieber und keuscher, als wie sie sich einst von leiblichen Enkeln sie erhofft.

9. Buch

1. O Herr, ich bin dein Knecht; ich bin dein Knecht, deiner Magd Sohn. Du hast meine Bande zerrissen. Dir will ich Dank opfern. Preisen sollen dich mein Herz und meine Zunge, und 'alle meine Gebeine sprechen: Herr, wer ist dir gleich?' So sollen sie sprechen, du aber antworte mir und 'sprich zu meiner Seele: Ich hin dein Heil'. Denn wer bin ich, und wie bin ich doch? Was hab ich nicht Böses getan, und wenn nicht getan, so doch gesagt, und wenn nicht gesagt, so doch gewollt? Du aber, Herr, bist gut und barmherzig, du sahest die Tiefe meines Todes und hast mit deiner Rechten bis zum Grunde meines Herzens den Abgrund des Verderbens ausgeschöpft. Und das war's, was du gewirkt: ganz und gar nicht mehr wollen, was ich wollte, und wollen, was du wolltest. Aber wo war er all die vielen Jahre, und aus welcher dunklen, geheimnisvollen Tiefe ward er urplötzlich herausgerufen, mein freier Wille, daß ich meinen Nacken beugte deinem sanften Joch und meine Schultern deiner leichten Last, Christus Jesus, 'du mein Hort und mein Erlöser'? Wie war er mir alsbald so süß, der Verzicht auf all die süßen Nichtigkeiten! Die ich einst zu verlieren bangte, denen gab ich nun mit Freuden den Abschied. Denn du warfst sie hinaus, weg von mir, du meine wahre und höchste süße Wonne, warfst sie hinaus und tratest an ihrer Statt selbst herein, süßer als alle Lust, doch nicht für Fleisch und Blut, heller als alles Licht, doch verborgener als das tiefste Geheimnis, höher als jegliche Ehre, doch nicht für die, die hoch von sich selber halten. Schon war mein Geist frei von den nagenden Sorgen des sich Bewerbens und Erraffens, des sich Wälzens und Schabens im Aussatz der Begierden, und ich lallte dir entgegen, meinem Sonnenlicht, meinem Reichtum und Heil, meinem Herrn und Gott.

2. Vor deinem Angesichte faßte ich nun den Entschluß, nicht geräuschvoll abzubrechen, sondern sacht den Dienst meiner Zunge dem Jahrmarkt der Geschwätzigkeit zu entziehen, daß nicht länger Knaben, 'die nichts fragen nach deinem Gesetz', auch nichts nach deinem Frieden, sondern nur nach verlogenem Unsinn und Streithändeln, aus meinem Munde sich Waffen verschafften für ihre törichte Leidenschaft. Da traf sich's günstig, daß es nur noch ganz wenige Tage waren bis zu den Ferien der Weinlese, und ich beschloß, so lange noch auszuhalten und dann in aller Form meinen Abschied zu nehmen und, losgekauft von dir, nie wieder ein käuflicher Sklave zu werden. Das also war mein Plan. Dir war er bekannt, von den Menschen aber wußten ihn nur, die zu unserm engeren Kreise gehörten. Und wir waren übereingekommen, ihn nicht jedem Beliebigen auszuplaudern, obschon du uns, die wir nun aus dem 'Tränental' aufstiegen und den 'Stufengesang' anstimmten, bereits 'scharfe Pfeile und glühende Kohlen gegeben hattest wider die falsche Zunge', die scheinbar wohlwollend widerspricht und liebreich verschlingt, so wie man's mit den Speisen macht.

Mit den Pfeilen deiner Liebe hattest du unser Herz durchbohrt, und in unserm Innersten hafteten deine Worte. Die Vorbilder deiner Knechte, deren schwarze Farbe du in helles Weiß, deren Tod du in Leben verwandelt hattest, trugen wir im Schoße unseres Denkens, und sie verbrannten und verzehrten die schwere Schlafsucht, daß wir nicht wieder in die Tiefe sanken, und entflammten uns so mächtig, daß alle Windstöße des Widerspruchs falscher Zungen unsere Glut nur noch heißer entfachen, nicht auslöschen konnten. Da jedoch unser Entschluß und Vorhaben um deines Namens willen, den du auf Erden geheiligt hast, auch Lobredner finden konnte, würde es wie Prahlerei ausgesehen haben, hätten wir nicht die so nahen Ferien abgewartet, sondern wären schon vorher von dem öffentlichen, vor aller Augen ausgeübten Berufe zurückgetreten. Dann wäre die Aufmerksamkeit aller auf meinen Schritt hingelenkt worden, und die Tatsache, daß ich den nahen Tag des Ferienbeginns nicht erst hätte herankommen lassen, wäre Anlaß zum Gerede geworden, als wollte ich groß dastehen. Was konnte mir auch daran gelegen sein, daß man sich über meine Absichten Gedanken machte und hin und her stritt? 'So wäre ja nur unser Schatz verlästert worden.'

Es kam noch hinzu, daß gerade in diesem Sommer infolge allzu angestrengter Lehrtätigkeit meine Lunge gelitten hatte und ich nur mühsam atmen konnte. Schmerzen in der Brust verrieten ihre Erkrankung, und meine Stimme hielt lauteres und längeres Sprechen nicht mehr aus. Zuerst hatte mich das beunruhigt, weil es mich schon nahezu nötigte, die Bürde des Lehramtes niederzulegen oder doch, falls ich Heilung und Genesung finden konnte, Urlaub zu nehmen. Aber als nun mein Willensentschluß, stille zu sein und zu erkennen, daß du der Herr bist, klar und fest geworden war, fing ich an, du weißt es, mein Gott, mich sogar zu freuen, daß sich mir diese nicht unwahre Entschuldigung bot, den Unwillen der Leute zu beschwichtigen, die mich ihrer Söhne wegen durchaus nicht freigeben wollten. Solcher Freude voll ertrug ich jenen Aufschub - es mochte sich etwa um zwanzig Tage handeln. Freilich, er mußte tapfer ertragen werden, denn der Ehrgeiz war geschwunden, der bis dahin Helfer bei Ausrichtung meines schweren Geschäfts gewesen. Nun war ich's allein und wäre wohl erdrückt worden, hätte nicht Geduld seinen Platz eingenommen. Mag immerhin einer deiner Knechte, meiner Brüder, sagen, es sei Sünde gewesen, daß ich, mit meinem Herzen bereits ganz deinem Dienst ergeben, auch nur eine Stunde es auf dem Lehrstuhl der Lüge habe aushalten können. Ich will nicht darüber streiten. Aber hast du, Herr, Allerbarmer, mir nicht mit den anderen schrecklichen und todbringenden Sünden auch diese durch dein heiliges Wasser getilgt und verziehen ?...

4. ... Wann werde ich all des Köstlichen gedenken, was diese Ruhetage in sich schlossen? Doch hab ich auch nicht vergessen und will es nicht verschweigen, wie hart mich deine Geißel traf und wie wunderbar schnell du dich mein erbarmtest. Du peinigtest mich damals mit Zahnschmerzen, und als sie so heftig wurden, daß ich nicht mehr sprechen konnte, kam es mir in den Sinn, die Meinen alle, die zugegen waren, zu bitten, sie möchten für mich zu dir flehen, dem Gott alles Heils. Ich schrieb es auf eine Wachstafel und gab's ihnen zu lesen. Alsbald, da wir in kindlich frommer Einfalt die Knie gebeugt, schwand der Schmerz. Welch ein Schmerz war es doch! Und wie schwand er so dahin? Schrecken ergriff mich, ich gestehe es, mein Herr und mein Gott, denn noch nie in meinem Leben hatte ich solche Erfahrung gemacht. Und in der Tiefe meines Gemüts verstand ich deinen Wink, lobte froh im Glauben deinen Namen, und eben dieser Glaube ließ mich nicht zur Ruhe kommen wegen meiner einstigen Sünden. Denn sie waren mir noch nicht durch deine Taufe vergeben.

5. Nach Ablauf der Ferien teilte ich den Mailändern mit, daß sie sich für ihre Schüler einen anderen Wortverkäufer besorgen müßten, weil ich beschlossen hätte, dir zu dienen, und wegen meiner Atembeschwerden und Brustschmerzen für diesen Beruf untauglich geworden sei. Auch tat ich deinem Bischof Ambrosius, dem heiligen Manne, meine früheren Verirrungen und meine nunmehrige Absicht kund und bat ihn um Rat, was ich jetzt vor allem von deinen Schriften lesen solle, um mich auf die große Gnade, die mir bevorstand, desto besser zu rüsten und vorzubereiten. Er wies mich auf den Propheten Jesaja, vermutlich weil dieser deutlicher als alle andern das Evangelium und die Berufung der Heiden geweissagt hat. Da ich aber den ersten Abschnitt, den ich las, nicht verstand und dachte, das ganze Buch werde so schwierig sein, verschob ich die Lektüre, um sie wieder vorzunehmen, wenn ich in der Redeweise des Herrn größere Übung erlangt haben würde.

6. Als nun die Zeit gekommen war, wo ich mich zur Taufe anmelden mußte, verließen wir das Land und begaben uns wieder nach Mailand. Auch Alypius wünschte, mit mir zugleich in dir wiedergeboren zu werden. Ihn zierte bereits die Demut, wie deine Sakramente sie verlangen, und er hatte seinen Leib dermaßen tapfer sich untertan gemacht, daß er, verwegen genug, den eisigen Boden Italiens mit bloßen Füßen betrat. Auch den Knaben Adeodatus nahmen wir mit, den ich in Sünden erzeugt. Gut hattest du ihn erschaffen. Fast fünfzehn Jahre war er alt und übertraf doch an Geist viele würdige und gelehrte Männer. Deine Gaben sind's, die ich preise, Herr, mein Gott, der du alles schufst und Macht hast, wohlzugestalten unsere Mißgestalt. Denn an jenem Knaben war nichts mein, außer der Sünde. War er auch von uns in deiner Zucht erzogen, so hattest du und kein anderer es uns eingegeben. Ja, deine Gaben sind's, die ich preise. Eins meiner Bücher trägt den Titel 'Der Lehrer'; darin unterredet er sich mit mir. Du weißt es, daß alle Gedanken, die mein Gesprächspartner hier vorbringt, wirklich die seinen sind, obschon er damals erst sechzehn Jahre alt war ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002