Die dunklen und skrupellosen Geschäfte des Glücksritters Chrysogonus unter politisch günstigen Bereicherungsverhältnissen: M. Tullius Cicero, Pro Sexto Roscio Amerino 43 - 45.

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Marcus Tullius Cicero, Rede für Sextus Roscius aus Ameria. Lateinisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Gerhard Ktüger, Stuttgart, 1984, S. 107 - 113.


Deutsche Übersetzung:

43. Ich komme jetzt zu Chrysogonus [scil. einem einflußreichen, aber korrupten Vertrauten Sullas, der die Prosskiptionsbehörde leitete und sich dabei skupellos bereicherte], jenem Goldjungen,unter dessen Namen sich die ganze Bande [scil. von Leuten, die sich an fremdem Eigentum bereicherten] versteckt hielt. Doch weiß ich nicht, ihr Richter, wie ich darüber [über dessen Machenschaften gegen Sextus Roscius d. Ä.] sprechen, und auch nicht, wie ich darüber schweigen soll. Denn wenn ich schweige, dann lasse ich den scil. [im Zusammenhang mit der vorligenden Strafsache] wohl wichtigsten Teil unberücksichtigt; wenn ich aber rede, dann fürchte ich, daß nicht er allein - was mich nicht kümmert -, sondern auch noch einige andere sich verletzt fühlen. Über das bekannte Problem der Aufkäufer aus staatlichen Versteigerungen insgesamt zu reden und dies noch mit großem Aufwand zu tun, erscheint mir dabei völlig überflüssig. Hier geht es vielmehr um etwas ganz Neues und Einzigartiges. Chrysogonus ist der Aufkäufer des [nach einer unrechtmäßigen Prosktiption staatlich verteigerten ] Besitzes des [älteren] Sextus Roscius.

Zuerst wollen wir diesen Punkt betrachten. Mit welchem Recht wurde der Besitz dieses Mannes [staatlich eingezogen und] verkauft, und wie konnte es überhaupt zu diesem Verkauf kommen? Ich will mit dieser Frage, ihr Richter, nicht darauf hinaus, hier ]scil. als Tragendes Argument meines Vortrags] geltend zu machen, es sei eine Schande, daß der Besitz eines unschuldigen Menschen verkauft wurde. Denn wenn man später einmal für diese Dinge ein Ohr haben wird und sich frei darüber äußern kann, dann wird man sagen: Sextus Roscius war kein so bedeutender Mann in unserem Staate, daß wir in erster Linie ihn als Person beklagen müßten. Ich frage jedoch [grundsätzlicher im Hinblick auf unsere Rechtsordnung] nach folgendem: wie konnte man gerade auf Grund des Gesetzes über die Ächtung, mag es ein Valerisches oder Cornelisches Gesetz sein - ich weiß es nämlich nicht und kann es mir auch nicht denken -, wie konnte man gerade auf Grund dieses Gesetzes den Besitz des Sextus Roscius verkaufen? Wie sie [die Gegenpartei selbst] vortragen, heißt es dort wörtlich : "ES SOLL DER BESITZ VON DENEN VERKAUFT WERDEN, DIE GEÄCHTET SIND" - zu denen zählt Sextus Roscius nicht - "ODER VON DENEN, DIE ALS ANGEHORIGE DER GEGNERISCHEN TRUPPEN GETOTET WORDEN SIND." Solange es überhaupt Truppen gab, gehörte er [Sextus Roscius d. Ä.] zu den Truppen Sullas. Nachdem man die Waffen niedergelegt hatte, wurde er im tiefsten Frieden bei der Rückkehr von einem Gastmahle getötet. Wenn diese Tötung gesetzlich gewesen wäre, dann, das gebe ich zu, wäre auch der Verkauf des Besitzes gesetzlich gewesen. Wenn aber feststeht, daß er entgegen allen Gesetzen, nicht nur den alten, sondern auch den neuen, getötet worden ist, dann frage ich, nach welchem Recht, nach welcher Vorschrift oder nach welchem Gesetz der Besitz verkauft worden ist.

44 Gegen wen sich diese meine Worte richten, fragst du, Erucius [scil. Erucius ist der im Dienst des Chrysogonus handelnde private Ankläger im Strafprozeß gegen Sextus Roscius d. J, Sohn und Erben des vorgenannten Sextus Roscius d. Ä. wegen eines ihm skrupellos unterstellten Vatermordes] ? Nicht gegen den, den du gern möchtest und meinst [d. h. gegen die politische Respektsperson Sulla]; denn den Sulla hat meine ausdrückliche Erklärung von Anfang an und seine eigene hervorragende Tüchtigkeit zu jeder Zeit von Schuld freigesprochen. Ich erkläre vielmehr: dies alles hat Chrysogonus getan; er hat sich Lügen ausgedacht. Er hat vorgegeben, Sextus Roscius [d. Ä.] sei ein schlechter Bürger gewesen. Er bat behauptet, dieser sei aufseiten der Gegner getötet worden. Er hat nicht zugelassen, daß die Gesandten aus Ameria L. Sulla über diese Dinge unterrichteten. Und ich vermute schließlich sogar, daß der Besitz des Sextus Roscius [d. Ä.] überhaupt nicht verkauft worden ist. Das wird sich später, wenn ihr Richter es erlaubt, herausstellen. Ich gehe davon aus, daß im Gesetz ein Termin festgesetzt war, bis zu dem Ächtungen und Verkäufe stattfinden durften, nämlich der erste Juni. Aber erst einige Monate später ist der Mann getötet und sein Besitz angeblich verkauft worden. Bestimmt wurde dieser Besitz entweder gar nicht in die staatlichen Rechnungsbücher eingetragen, und dieser Schuft treibt sein Spiel mit uns viel raffinierter, als wir ahnen, oder, wenn er doch eingetragen wurde, wurden die Rechnungsbücher irgendwie gefälscht; denn es steht jedenfalls fest, daß der Besitz aufgrund eines Gesetzes nicht hat verkauft werden können.

Ich bin mir schon bewußt, ihr Richter, daß ich diese Dinge hier vor der Zeit [scil. außerhalb der strikten Argumentation zur Sache] untersuche und mich beinahe auf Abwege begebe; denn ich kümmere mich um eine 'Kleinigkeit', wo ich doch den Kopf des Sextus Roscius retten muß. Er leidet ja nicht wegen des Geldes. Es geht ihm nicht um irgendeinen Vermögensvorteil. Er glaubt, er könne leicht seine Armut ertragen, wenn er nur von diesem schimpflichen Verdacht [des Vatermordes] und der erlogenen Anschuldigung befreit sei. Doch ich bitte euch, ihr Richter: hört euch das wenige, was noch aussteht, so an, daß ihr glaubt, ich spräche teils für mich selbst, teils für Sextus Roscius. Denn was mir selbst schimpflich und unerträglich erscheint und was meiner Meinung nach alle treffen kann, wenn wir [scil. als Rechtsgemeinschaft] nicht vorbauen, das spreche ich für mich selbst aus, wie es meinem inneren Gefühl und Schmerz entspricht; was jedoch zu dem konkreten Fall und der Lage, ja dem Lebensschicksal dieses Mannes gehört und was dieser zu seinen Gunsten gesagt wissen will und mit welchem Los er zufrieden ist, das werdet ihr bald am Ende unserer Rede hören, ihr Richter.

45 Ich möchte Chrysogonus aus eigenem Antrieb, ohne Sextus Roscius [d. J.] hineinzuziehen, folgendes fragen. Erstens: weshalb wurde der Besitz eines vortrefflichen Bürgers [d. h. Sextus Roscius d. Ä.] verkauft? Zweitens: weshalb wurde der Besitz eines Mannes verkauft, der weder geächtet noch auf seiten der Gegner getötet wurde, obwohl das Gesetz nur gegen solche Leute erlassen ist? Drittens: weshalb wurde er eine beträchtliche Zeit nach dem Termin verkauft, der im Gesetz vorgeschrieben ist? Viertens: weshalb wurde er für einen so unbedeutenden Preis verkauft? Wenn er die Schuld an allen diesen Vorgängen, wie es nichtsnutzige und unredliche Freigelassene zu tun pflegen, auf seinen Schutzherren schieben möchte, so richtet er damit gar nichts aus; denn jeder weiß, daß wegen des Umfangs der Geschäfte viele vieles getan haben, was L. Sulla zum Teil nicht billigte und zum Teil nicht wußte.

So soll es also richtig sein [scil. fragt ihr], manches hiervon unter Hinweis auf das Nichwissen [Sullas] zu übergehen? Richtig ist es nicht, ihr Richter, aber es ist unvermeidlich. Denn auch der allgütige und allmächtige Juppiter, durch dessen Befehl und Willen Himmel, Erde und Meere beherrscht werden, fügt oft durch allzu heftige Winde oder unmäßige Unwetter oder allzu große Hitze oder unerträgliche Kälte den Menschen Schaden zu, zerstört Städte, vernichtet Ernten, und wir glauben dennoch, daß nichts von dem um des Verderbens willen auf göttlichen Ratschluß, sondern vielmehr durch die bloße Gewalt und Stärke der Naturkräfte geschehe. Andererseits aber sehen wir, daß die Annehmlichkeiten, die wir nutzen, das Licht, das wir genießen, die Luft, die wir atmen, von ihm uns gegeben und zugeteilt werden. Wie können wir uns da wundern, ihr Richter, daß L. Sulla manches nicht bemerken konnte, da er allein den Staat lenkte und die Welt regierte und die Hoheit des Reiches, die er mit den Waffen wiederhergestellt hatte, nunmehr mit Gesetzen sicherte? Es sei denn, es ist verwunderlich, daß menschlicher Verstand nicht erreicht hat, was göttliche Macht nicht schaffen kann.

Indes um das, was früher [scil. an Verwerflichkeiten] geschehen ist, [notgedrungen hier] beiseite zu lassen: kann nicht jeder aus den Dingen, die gerade heute geschehen, erkennen, daß allein Chrysogonus Organisator und Drahtzieher von allem ist? Denn er hat dafür gesorgt, daß gegen Sextus Roscius [d. J.] Anklage erhoben wurde, und Erucius tritt nach seinen eigenen Wortenz zur Ehre des Chryogonus als Ankläger auftritt [scil. um in Wirklicgkeit bei der Beseitigung des dem Chrysogonus immer noch als Erbe des zu Unrecht eingezogenen Vermögens seines Vaters gefährlichen Sextus Roscius d. J. mitzuwirken] ...

Lateinischer Text:

43 (124) Venio nunc ad illud nomen aureum Chrysogoni sub quo nomine tota societas latuit; de quo, iudices, neque quo modo dicam neque quo modo taceam reperire possum. Si enim taceo, vel maximam partem relinquo; sin autem dico, vereor ne non ille solus, id quod ad me nihil attinet, sed alii quoque plures laesos se putent. Tametsi ita se res habet ut nihil in communem causam sectorum dicendum nihil magno opere videatur; haec enim causa nova profecto et singularis est. (125) Bonorum Sex. Rosci emptor est Chrysogonus. Primum hoc videamus: cuius hominis bona qua ratione venierunt aut quo modo venire potuerunt? Atque hoc non ita quaeram, iudices, ut id dicam esse indignum, hominis innocentis bona venisse. si enim haec audientur ac libere dicuntur, non fuit tantus homo Sex. Roscius in civitate ut de eo potissimum conqueramur - verum ego hoc quaero: Qui potuerunt ista ipsa lege quae de proscriptione est, sive Valeria est sive Cornelia - non enim novi nec scio - verum ista ipsa lege bona Sex. Rosci venire qui potuerunt? (126) Scriptum enim ita dicunt esse: UT AUT EORUM BONA VENEANT QUI PROSCRIPTI SUNT - quo in numero Sex. Roscius non est - AUT EORUM QUI IN ADVERSARIORUM PRAESIDIIS OCCISI SUNT. Dum praesidia ulla fuerunt, in Sullae praesidiis fuit; postea quam ab armis omnes recesserunt, in summo otio rediens a cena Romae occisus est. Si lege, bona quoque lege venisse fateor. Sin autem constat contra omnis non modo veteres leges verum etlam novas occisum esse, bona quo iure aut quo modo aut qua lege venierint quaero.

44 (127) In quem hoc dicam quaeris, Eruci? Non in eum quem vis et putas; nam Sullam et oratio mea ab Initio et ipsius eximia virtus omni tempore purgavit. Ego haec omnia Chrysogonum fecisse dico, ut ementiretur, ut malum civem Sex. Roscium fuisse fingeret, ut eum apud adversarios occisum esse diceret, ut his de rebus a legatis Amerinorum doceri L. Sullam passus non sit. Denique etiam illud suspicor, omnino haec bona non venisse; id quod postea, si per vos, iudices, licitum erit, aperietur. (128) Opinor enim esse in lege quam ad diem proscriptiones venditionesque fiant, nimirum Kalendas Iunias. Aliquot post mensis et homo occisus est et bona venisse dicuntur. Profecto aut haec bona in tabulas publicas nulla redierunt nosque ab isto nebulone facetius eludimur quam putamus, aut, si redierunt, tabulae publicae corruptae aliqua ratione sunt; nam lege quidem bona venire non potuisse constat. Intellego me ante tempus, iudices, haec scrutari et prope modum errare qui, cum capiti Sex. Rosci mederi debeam, reduviam curem. Non enim laborat de pecunia, non ullius rationem sui commodi ducit; facile egestatem suam se laturum putat, si hac indigna suspicione et ficto crimine liberatus sit. (129) Verum quaeso a vobis, iudices, ut haec pauca quae restant ita audiatis ut partim me dicere pro me ipso putetis, partim pro Sex. Roscio. Quae enim mihi ipsi indigna et intolerabilia videntur quaeque ad omnis, nisi providemus, arbitror pertinere, ea pro me ipso ex animi mei sensu ac dolore pronuntio; quae ad huius vitae casum causamque pertinent et quid hic pro se dici velit et qua condicione contentus sit iam in extrema oratione nostra, iudices, audietis.

45 (130) Ego haec a Chrysogono mea sponte remoto Sex. Roscio quaero, primum qua re civis optimi bona venierint, deinde qua re hominis eius qui neque proscriptus neque apud adversarios occisus est bona venierint, cum in eos solos lex scripta sit, deinde qua re aliquanto post eam diem venierint quae dies in lege praefinita est, deinde cur tantulo venierint. Quae omnia si, quem ad modum solent liberti nequam et improbi facere, in patronum suum voluerit conferre, nihil egerit; nemo est enim qui nesciat propter magnitudinem rerum multa multos partim improbante, partim imprudente L. Sulla commisisse. (131) Placet igitur in his rebus aliquid imprudentia praeteriri ? Non placet, iudices, sed necesse est. Etenim si luppiter Optimus Maximus cuius nutu et arbitrio caelum terra mariaque reguntur saepe ventis vehementioribus aut immoderatis tempestatibus aut nimio calore aut intolerabili frigore hominibus nocuit, urbis delevit, fruges perdidit, quorum nihil pernicii causa divino consilio sed vi ipsa et magnitudine rerum factum putamus, at contra commoda quibus utimur lucemque qua fruimur spiritumque quem ducimus ab eo nobis dari atque impertiri videmus, quid miramur, iudices, L. Sullam, cum solus rem publicam regeret orbemque terrarum gubernaret imperique maiestatem quam armis receperat iam legibus confirmaret, aliqua animadvertere non potuisse? nisi hoc mirum est quod vis divina adsequi non possit, si id mens humana adepta non sit. (132) Verum ut haec missa faciam quae iam facta sunt, ex eis quae nunc cum maxime fiunt nonne quivis potest intellegere ommum architectum et machinatorem unum esse Chrysogonum? qui Sex. Rosci nomen deferendum curavit, cuius honoris causa accusare se dixit Erucius ...


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LV Gizewski SS 2002