Der Lebenslauf des Herodes Atticus, eines reichen, gebildeten Wohltäters: Cornelius Nepos, De viris illustribus. XXV: Atticus.

Deutsche Übersetzung aus: Cornelius Nepos, Berühmte Männer. Aus dem Lateinischen übersetzt und mit einer Einleitung, Erläuterungen, einer Zeittafel, einem Namensverzeichnis und Literaturhinweise versehen von Gerhard Wirth, München 1992 7, S. 147 - 164.

1. T. Pomponius Atticus stammte aus einem der ältesten römischen Geschlechter und behielt sein Leben lang die von den Vorfahren ererbte ritterliche Würde bei. Er hatte einen Vater, der sich sorgfältig um seine Ausbildung kümmerte und auch den damaligen Verhältnissen entsprechend reich war. Selbst literarisch interessiert, ließ er den Sohn in allen Bildungsfächern unterrichten, die sich für das Jugendalter gehören. Der Knabe besaß neben hervorragender Auffassungsgabe eine wohlklingende Stimme und auch sprachliche Ausdrucksfähigkeit. Gelerntes nahm er daher nicht nur schnell auf, sondern vermochte es auch ausgezeichnet wiederzugeben. So fiel er unter seinen Altersgenossen auf und tat sich zu sehr hervor, als daß es seine vornehmen Mitschüler gleichgültig hätten hinnehmen können: Sein Eifer stachelte sie alle an, unter ihnen L. Torquatus, C. Marius, den Sohn des Feldherrn, und M. Cicero. Sie alle fesselte er durch die Vertrautheit täglichen Umgangs eng an sich; ihr Leben lang hatten sie niemand lieber als ihn.

2. Der Vater starb früh. Er selbst blieb in jungen Jahren wegen seiner Verwandtschaft mit dem als Volkstribun ermordeten P. Sulpicius von dessen Schwierigkeiten nicht unberührt; denn seine Base Anicia war mit M. Servius, dem Bruder des Sulpicius, verheiratet. Daher begab er sich nach dem Mord an Sulpicius nach Athen, weil er erkannte, daß jetzt die beste Zeit sei, Studien zu betreiben. Überdies war, wie er erkennen mußte, durch den von Cinna inszenierten Tumult im Staat alles durcheinandergebracht, und es bestand kaum die Möglichkeit, mit Anstand zu leben, ohne sich eine der beiden politischen Parteien zum Feind zu machen: Die Gemüter des Volkes hatten sich nämlich entzweit, wobei die einen mit den Sullanern und die anderen mit den Cinnanern sympathisierten. Nichtsdestoweniger aber unterstützte er den zum Staatsfeind erklärten jungen Marius mit seinen Mitteln und finanzierte dessen Flucht. Um aber während seiner Abwesenheit von Rom keine finanzielle Einbuße zu erleiden, nahm er einen großen Teil seines Vermögens mit nach Athen, wo er ein Verhalten an den Tag legte, das ihm mit Recht die Sympathie der Athener gewann. Abgesehen von seinem schon in der Jugendzeit auffallend angenehmen Wesen nämlich half er ihnen mit seinen Geldmitteln aus, wenn ihr Staatssäckel leer war. Erwies es sich aber notig, eine staatliche Anleihe aufzunehmen, ohne daß sie [d. h. die Athener] hierfür günstige Bedingungen bieten konnten, so sprang er ein, allerdings so, daß er zwar keine ungerechtfertigten Zinsen nahm, andererseits aber auch nicht duldete, daß man die Rückzahlung des Darlehens länger hinausschob, als vereinbart war. Dies brachte in verschiedener Hinsicht Nutzen, verhinderte er doch auf diese Weise, daß durch zu langes Stehenlassen ihre Schulden zur Selbstverständlichkeit wurden und obendrein durch Vervielfachung der Zinsen noch anwuchsen. Zu einer solchen Form des Wohlwollens kam noch eine weitere Großzügigkeit; er beschenkte nämlich die Bürgerschaft mit Getreide, und zwar so, daß jedem einzelnen von ihnen sechs Scheffel Weizen zugeteilt wurden, ein Maß, welches man den athenischen Scheffel nennt.

3.Sein Auftreten war so, daß er einerseits ein Freund der Ärmsten und Niedrigsten war, andererseits aber an Ansehen den Ersten im Staat gleich schien. Daher kam es, daß sie ihm alle öffentlichen Ehren erwiesen, die sie zu vergeben hatten, und danach strebten, ihn zum athenischen Bürger zu machen. Diese Auszeichnung jedoch lehnte er ab. Einige legen dies so aus, daß man die römische Bürgerschaft durch Annahme einer anderen verlöre. Auch widersetzte er sich, solange er in Athen lebte, dem Plan, ihm ein Denkmal aufzustellen, was er freilich nicht mehr verhindern konnte, als er die Stadt verlassen hatte. Weil er in allen Staatsgeschäften ihr Ratgeber und Sachwalter gewesen war, setzten sie ihm zusammen mit Pheidias mehrere Statuen an besonders ehrenvollen Plätzen. Es mochte für ihn ein Geschenk des Schicksals sein, daß er in einer Stadt geboren wurde, die den Mittelpunkt eines Weltreiches darstellt, so daß diese ihm Heimat und Wohnsitz zugleich sein konnte; ein Zeichen seiner Klugheit aber ist es, daß er sich in eine andere begab, die an Alter, Kultur und Bildung alle anderen überragt, und dort solchermaßen geliebt und verehrt wurde.

4. Als aber Sulla auf der Rückkehr aus Asien nach Athen kam, suchte er stets die Gesellschaft des Pomponius, von Bildung und Kenntnissen des jungen Mannes begeistert. Sprach dieser doch so gut griechisch, daß er für einen geborenen Athener gelten konnte. Andererseits war seine Art, das Lateinische auszusprechen so, daß eine gewisse natürliche, keineswegs angelernte Anmut der Muttersprache deutlich wurde. Daher kam es, daß Sulla ihn nicht von sich lassen, sondern mit nach Rom nehmen wollte. Aber als er ihn zu überreden suchte, mit ihm zu reisen, wehrte Pomponius ab und sagte: Bitte, versuche mich nicht gegen die zu führen, um derentwillen ich Italien verlassen habe, nur um nicht auf ihrer Seite gegen dich kämpfen zu müssen! Da lobte Sulla die Gewissensentscheidung des Jünglings und ließ ihm alle Geschenke, die er in Athen erhalten hatte, übergeben. Atticus verlebte mehrere Jahre in Athen, wobei er sich um sein Vermögen kümmerte, wie es sich für einen guten Hausvater geziemt, seine übrige Zeit aber den Studien und der Teilnahme am athenischen Staatsleben frei hielt. Daneben jedoch stand er auch seinen Freunden in der Hauptstadt Rom zur Verfügung, wenn sie seine Dienste benötigten, besuchte ihre Wahlversammlungen und fehlte auch sonst nicht, wenn es um wichtige Dinge ging. So erwies er dem Cicero besondere Freundestreue; denn als dieser aus der Stadt fliehen mußte, schenkte er ihm 250000 Sesterzen. Nachdem sich in Rom die Verhältnisse wieder beruhigt hatten, kehrte er zurück, wie ich glaube, unter dem Consulat des L. Cotta und des L. Torquatus. Als er schied, gab ihm die ganze Bürgerschaft von Athen das Geleit und zeigte durch Tränen, wie schwer man seinen Verlust empfand.

5. Er hatte einen Onkel, Q. Caecilius, einen römischen Ritter, der dem L. Lucullus nahestand, reich, aber schwer zugänglich. Gegen ihn in seiner Menschenfeindlichkeit vcrhielt sich Atticus so rücksichtsvoll und ehrerbietig, daß er sich bis zu dessen Tod das höchste Wohlwollen erhielt. Außer ihm litt Caecilitts niemand um sich. Die Früchte eines solchen Verhaltens blieben nicht aus; Caecilius namlich adoptierte ihn in seinem Testament und vermachte ihm Dreiviertel seines Vermögens, eine Erbschaft, die etwa 10 Millionen Sesterzen betrug. Die Schwester des Atticus war mit Q. Tullius Cicero verheiratet. Diese Ehe hatte M. Cicero vermittelt, mit dem er seit der Schulzcit eng befreundet war, enger noch als mit Quintus, und man kann hieraus ersehen, daß in der Freundschaft die Verwandtschaft der Charaktere mehr bcdeutet als die bloße Verschwägerung. Sehr befreundet war er auch mit Q. Hortensius, der in jenen Zeiten als der bedeutendste Redner galt, und es war schwer zu erkennen, wer ihn mehr liebte, Cicero oder jener. Was aber das Schwierigste war, er bewirkte, daß es zwischen beiden, trotz ihres großen Wettstreites um Ansehen und Bedeutung, keine Gehässigkeit gab, vielmehr er selbst ein Band zwischen beiden darstellte.

6. In politischen Dingen verhielt er sich so, daß er stets zur Optimatenpartei gehörte und auch niemand anders von ihm dachte. Dennoch hielt er sich von politischen Strömungen fern, weil er der Ansicht war, daß die, die sich ihnen verschrieben, ebensowenig nach eigenem Willen zu handeln vermochten wie die, welche sich von den Störmen des Meeres umherwerfen ließen. Um Ämter bewarb er sich nicht, obwohl er ihrer würdig genug gewesen wäre und ihm auch die allgemeine Volksgunst dazu nicht fehlte; seiner Ansicht nach bestand bei der jetzt üblichen Schwierigkeit der Bewerbungsmethoden, die auf allgemeine Amtserschleiehung hinausliefen, keine Möglichkeit mehr, sich nach alter Sitte zu bewerben oder ein Amt in der gesetzmäßigen Form zu erhalten. Auch könne man ein solches bei der allgemeinen Verderbtheit ohne Lebensgefahr gar nicht mehr zum Nutzen des Staates führen. Niemals nahm er teil, wenn die Güter der Geächteten versteigert wurden, und trat auch bei keiner Gelegenheit als Bürge oder Unternehmer bei öffentlichen Verpachtungen auf. Niemand klagte er an, sei es als Hauptkläger, sei es, daß er als Nebenkläger seine Unterschrift gab. Nie auch ging er in eigener Sache vor Gericht, noch übte er je selbst das Richteramt aus. Präfektenstellen bei vielen Consuln oder Prätoren nahm er, nachdem sie ihm übertragen worden waren, so an, daß er niemandem in die Provinz folgte und sich mit der bloßen Ehre begnügte, wobei er auch auf mögliche finanzielle Vorteil verzichtete. Ja, nicht einmal mit Q. Cicero wollte er nach Asien gehen, als er bei diesem eine Legatenstelle hätte erhalten können. Denn er hielt es für unwürdig, als Untergebener eines Prätors zu fungieren, nachdem er selbst hätte Prätor werden können und dies abgelehnt hatte. Dadurch vermehrte er nicht nur sein Ansehen, sondern bewahrte sich auch vor Scherereien, weil er den Verdacht ungesetzmäßiger Handlungen von vornherein vermied. Durch diese Zurückhaltung wurde er allgemein noch beliebter, weil man sah, daß diese einer Grundeinstellung, nicht aber irgendwelcher Furcht oder Hoffnung entsprang.

7. Es hrach der Bürgerkrieg aus, den Caesar begonncn hatte. Da er damals ungefähr 60 Jahre zählte, war er von jeglicher Dienstleistung befreit und blieb in der Stadt, gab jedoch seinen Freunden, die zum Heer des Pompeius abgingen, aus seinem Privatvermögen, was sie brauchten. Pompeius selbst, mit dem er befreundet war, beleidigte er durch sein Zurückbleiben nicht, hatte er doch auch keine Auszeichnungen erhalten wie die anderen, die durch ihn zu Ämtern und Reichtümern gelangt waren, ihm nun aber teils widerwillig, teils üherhaupt nicht ins Feld folgten und ihn auf diese Weise schwer kränkten. Caesar aber war so erfreut, weil sich Atticus aus den Auseinandersetztingen heraushielt, daß er zwar von anderen Privatleuten durch schriftliche Forderungen Geld eintrieb, ihn selbst aber nicht nur nicht belästigte, sondern auch den Sohn seiner Schwester und Q. Cicero begnadigte, die im Heer des Pompeius standen. So blieb Atticus seinen alten Grundsätzen treu und entging auf diese Weise neu auftauchenden Gefahren.

8. Es folgte die Zeit, da nach der Ermordung Caesars alle Macht des Staates in Händen von Leuten wie Brutus und Cassius zu sein und das Volk zu diesen aufzublicken schien. Atticus war mit M. Brutus eng befreundet, ja, der Jüngling stand keinem seiner Altersgenossen näher als diesem alten Mann, in welchem er nicht nur den ersten Berater in allen seinen politischen Plänen sondern auch in den privaten Dingen des täglichen Lebens hatte. Da kamen einige auf den Gedanken, es solle den Caesarmördern von der römischen Ritterschaft ein Sonderfonds eingerichtet werden, und man war der Ansicht, dies werde keine Schwierigkeiten haben, wenn die vornehmsten Vertreter dieses Standes erst für eine entsprechende Spende gewonnen seien. C. Flavius, ein Vertrauter des Brutus, forderte ihn daher auf, die Sache zu organisieren. Aber er, der es stets für seine Pflicht hielt, seinen Freunden, gleich welcher Partei sie angehörten, zu helfen, sich aber noch nie auf solche Abmachungen eingelassen hatte, antwortete, falls Brutus etwas aus seinem Vermögen zu persönlichem Gebrauch wünsche, könne er haben, was immer dieses hergebe. Aber deshalb werde er mit niemandem Besprechungen abhalten oder gar einen Verein gründen. Und so zerschlug sich die Interessengemeinschaft wieder, weil einer anderer Meinung war. Bald darauf bekam Antonius die Oberhand, Brutus und Cassius mußten die Provinzen verlassen, die ihnen zum Anschein des Rechts vom Consul übertragen worden waren. Sie gaben auf und gingen ins Exil. Atticus aber, der es abgelehnt hatte, zusammen mit anderen Geld zu stiften, als ihre Partei an der Macht war, schickte dem Brutus 100000 Sesterzen als Geschenk, als sich alles für ihn zerschlagen hatte und er aus Italien weichen mußte. Selbst abwesend in Epirus, ließ er ihm nochmals 300000 auszahlen. Dem Antonius, der jetzt obenauf war, schmeichelte er ebensowenig, wie er die im Stich ließ, die am Boden lagen.

9. Darauf folgte der Krieg bei Mutina. Wollte ich Atticus im Zusammenhang damit nur klug nennen, dann würde ich ihn nicht so loben, wie es sich eigentlich gehört, nein, sein Verhalten muß geradezu als hellseherisch bezeichnet werden, sofern mit dem Begriff überhaupt eine fortwährende, in der Natur des Menschen liegende Güte umschrieben werden kann, die durch äußerliche Schicksalsschläge weder gesteigert noch verringert wird. Antonius war zum Staatsfeind erklärt worden und hatte Italien verlassen. Darauf, daß er wieder seine alte Machtstellung erlangen würde, bestand so gut wie keine Hoffnung. Und es waren nicht nur seine gerade jetzt besonders zahlreichen und mächtigen persönlichen Feinde, sondern auch die Mitläufer seiner politischen Gegner, welche nun hofften, dadurch zu Vorteilen zu gelangen, daß sie ihm zusetzten und die Absicht kundtaten, seine Gattin Fulvia völlig auszuplündern. Ja, man wollte sogar seine Kinder umbringen. Atticus war nun zwar der beste Freund des Cicero und der engste Vertraute des Brutus, dennoch erlaubte er diesen beiden nicht, auf solche Weise gegen Antonius vorzugehen, sondern schützte im Gegenteil dessen Anhänger soweit wie möglich, als diese aus der Stadt fliehen mußten, und unterstützte sie mit den Mitteln, welche sie benötigten. Zum Beispiel stellte er P. Volumnius so viel zur Verfügung, daß dieser vom eigenen Vater nicht mehr hätte erhalten können. Und selbst Fulvia, als sie vor Prozessen nicht mehr zur Besinnung kam, wobei man sie auch noch durch Drohungen ängstigte, stand er mit so großer Selbstlosigkeit zur Seite, daß sie nie ohne ihn vor Gericht zu erscheinen brauchte, ja daß Atticus in allen Fällen als ihr Bürge auftrat. Und noch mehr: Da sie in glücklicheren Zeiten ein Stück Land auf Raten gekauft hatte, nun nach der Katastrophe aber den Wechsel nicht einlösen konnte, schaltete er sich ein und lieh ihr die benötigte Summe zinslos und ohne Schuldschein, weil er es für den größten Gewinn hielt, als dankbar und hilfsbereit zu gelten und zugleich zeigen zu können, daß es ihm nicht auf die äußeren Umstände, sondern auf die Menschen selbst ankomme. Zu dieser Zeit konnte niemandem der Gedanke kommen, er nütze die augenblicklichen Verhältnisse aus, glaubte doch kein Mensch daran, daß Antonius je wieder die Macht ergreifen werde, ja, langsam begann man Atticus von seiten einiger Optimaten zu tadeln, weil er die schlechten Bürger zuwenig hasse. Er selbst freilich wußte, was er wollte, und richtete sich nach dem, was seiner würdig war, aber nicht nach dem, was andere loben würden.

10. Sehr schnell änderte sich alles. Als Antonius nach Italien zurückkehrte, da glaubte man allgemein, daß Atticus wegen seiner Freundschaft mit Cicero und Brutus in großer Gefahr sei, und er selbst ließ sich, als die drei Feldherren ankamen, nicht mehr auf dem Forum sehen, weil er fürchten mußte, geächtet zu werden, sondern hielt sich bei P. Volumnius verborgen, dem er, wie oben gezeigt wurde, kurz vorher noch selbst geholfen hatte. So wechselhaft war damals das politische Leben, daß bald die einen, bald die anderen an der Spitze des Staates standen oder auch in höchster Gcfahr waren. Bei sich hatte er Q. Gellius Canus, einen Altersgenossen, der mit seinenpolitischen Anschauungen völlig übereinstimmte, und auch das ist ein Zeichen für die menschlichen Qualitäten des Atticus, daß er mit einem Schulfreund aus frühester Kindheit ein Leben lang verbunden blieb, ja daß ihre Freundschaft bis zum höchsten Alter ständig wuchs. Antonius nun raste zwar in höchstem Zorn gegen Cicero und fühlte sich nicht nur als dessen Feind, sondern auch als Feind aller derer, die ihm irgendwie nahestanden. Seine Absicht war, sie zu ächten. Aber trotz der Tatsache, daß ihn viele dazu drängten, vergaß er dabei nicht, welche Dienste ihm Atticus geleistet hatte, sondern ließ nachforschen, wo er sich aufhalte, und schrieb ihm, er möge nichts fürchten und sofort zu ihm kommen. Er habe nämlich ihn und wegen jener Verdienste auch Canus von der Liste der Geächteten gestrichen. Und damit ihm nichts zustoße, schickte er ihm eine Wache; denn der Besuch fand nachts statt. So war Atticus zu einer Zeit, da alles in höchster Furcht lebte, nicht nur sich selbst, sondern auch seinem engsten Freund ein Schutz - hatte er doch niemand um Schutz oder Rettung gebeten, ohne auch für seinen Freund mitzubitten - und wollte offensichtlich nicht, daß dessen Schicksal ein anderes sei als das seine. Wenn man aber einen Steuermann lobt, der sein Schiff aus Sturm und klippenreichem Meer sicher zurückbringt, muß dann nicht auch die Klugheit eines Mannes für einzigartig gelten, der aus vielen und schweren Stürmen des Bürgerkrieges auf solche Weise in Sicherheit gelangte?

11. Sobald er sich von allen diesen Übeln befreit hatte, war sein ganzes Handeln darauf gerichtet, möglichst vielen, und so gut er konnte, zu helfen. Als der Pöbel, durch Kopfprämien von den Machthabern dazu verleitet, auf die Geächteten Jagd machte, ging niemand nach Epirus, der dort nicht durch ihn alles erhalten hätte, was er benötigte, und jeder konnte sich in diesem Land aufhalten, solange er wollte. Ja, auch nach der Schlacht von Philippi, als Brutus und Cassius gefallen waren, unternahm er es, den ehemaligen Prätor L. Iulius Mocilla und dessen Sohn sowie Aulus Torquatus und andere, die das gleiche Schicksal geschlagen hatte, zu schützen, und ließ ihnen aus Epirus alles Notwendige nach Samothrake senden. Es wäre zu langwierig und auch gar nicht nötig, alles aufzuzählen: Nur das eine soll deutlich werden, daß seine Freigebigkeit weder durch die äußeren Umstände noch durch gewisse Absichten bestimmt war. Das läßt sich seiner Gesamthaltung und den allgemeinen Verhältnissen selbst entnehmen, weil er sich den gerade Mächtigen nicht verkaufte, sondern stets den Darniederliegenden zu Hilfe kam. So sorgte er für Servilia, die Mutter des Brutus, nach dessen Tod nicht weniger als in der Zeit seines höchsten Glanzes. Bei all dieser Großzügigkeit gab es für ihn keine Feindschaften; denn er beleidigte niemand und zog es vor, zu vergessen, anstatt sich zu rächen, wann immer man ihm selbst Übles zugefügt hatte. Niemals aber vergaß er, wenn ihm selbst eine Wohltat erwiesen worden war. Hatte er dagegen selbst einem Menschen Gutes getan, so erinnerte er sich daran nur, solange der Empfänger selbst dankbar war, und solcherart beweist er die Wahrheit des Satzes: "Das Schicksal jedes Menschen wird durch seinen Charakter bestimmt." Mehr noch als sein Schicksal aber hat er seine eigene Persönlichkeit geformt, indem er sich hütete, es soweit kommen zu lassen, daß er mit Recht über sich selbst jammern müsse.

12.Dies alles war der Grund, daß M. Vipsanius Agrippa, mit dem jungen Caesar eng befreundet, danach strebte, mit ihm verwandt zu werden, und die Tochter dieses römischen Ritters als Gattin einer Frau aus altadeligem Geschlecht vorzog, obwohl ihm wegen seines Ansehens und der Macht Caesars alle Häuser offenstanden. Vermittelt wurde diese Ehe, das läßt sich nicht leugnen, durch M. Antonius, den Triumvir des Staates. Durch ihn hätte Atticus seinen Besitz vermehren können, war aber so weit von jeglicher Habsucht entfernt, daß er sich damit begnügte, dessen Einfluß nur dann zu verwenden, wenn es darum ging, für Freunde zu bitten, die in Gefahr waren oder Schaden erlitten hatten. Das zeigte sich besonders deutlich beiden Proskriptionen: L. Saufeius, ein römischer Ritter und Altersgenosse des Atticus, lebte zu Studien mehrere Jahre in Athen. Als aber nach den damals üblichen Methoden die Triumvirn dessen wertvolle italische Besitzungen verkauften, bewirkte Atticus, indem er alle Mittel anwandte und keine Mühe scheute, daß Saufeius durch die gleiche Nachricht von Verlust und Wiedergewinnung seiner Güter in Kenntnis gesetzt werden konnte. Ebenso rettete er L. Iulius Calidus, von dem glaube ich mit Recht behaupten zu können, daß er nach dem Tod eines Lukrez und eines Catull die feinste Dichtergestalt ist, die unser Zeitalter hervorgebracht hat. Ihn nämlich hatte P. Volumnius, welcher unter Antonius die Pioniereinheiten befehligte, wegen seiner Besitzungen in Afrika noch nach der Ächtung der Ritter in Abwesenheit auf die Liste der Geächteten setzen lassen. Atticus setzte durch, daß dieser Name wieder gestrichen wurde. Ob unter den damaligen Verhältnissen der Ruhm einer solchen Haltung der aufgewandten Mühe immer entsprach, ist schwer zu beurteilen, aber man erkennt, daß in Gefahren Atticus sich um seine Freunde kümmerte, gleichgültig, ob sie anwesend waren oder nicht.

13. Der Ruf, den er als guter Hausvater genoß, entsprach dem seines politischen Verhaltens, und trotz seines großen Reichtums war niemand weniger kauflustig, weniger bauwütig als er. Nichtsdestoweniger legte er Wert auf besondere Wohnkultur und eine Einrichtung, die das Beste vom Besten darstellte. Als Wohnung selbst hatte er die Tamphilianische Villa auf dem Quirinal, die ihm sein Onkel vererbt hatte und deren Reiz nicht so sehr im Gebäude selbst als in dem sie umgebenden Park bestand. Da sie mehr mit Geschmack als mit Aufwand erbaut war, nahm er an ihr Veränderungen nur vor, wenn er aus Gründen der Baufälligkeit dazu gezwungen wurde. Seine Dienerschaft war, vom Standpunkt ihrer Verwendbarkeit aus betrachtet, hervorragend, dem Aussehen nach kaum mittelmäßig, denn sie umfaßte auch hochgelehrte Sklaven, ausgezeichnete Vorleser und eine große Zahl von Schreibern, ja, er hatte kaum einen Dienstboten, der nicht wenigstens eines dieser Gebiete gut beherrsehte. Gleicherweise waren auch die übrigen Angestellten, die er in seinem Hauswesen beschäftigte, in ihrem Fach ausgezeichnet. Und dabei gab es keinen, der nicht schon in diesem Haus geboren und erzogen worden war, ein Zeichen nicht nur für die Sparsamkeit, sondern auch für die Sorgfalt, die Atticus in diesen Dingen an den Tag legte. Denn nicht allzusehr begehren, was man hei andern sieht, beweist die innere Unabhängigkeit eines Menschen, und es gehört größter Fleiß dazu, sich durch eigenes Bemühen zu verschaffen, was andere durch hohe Preise erwerben. Sein Lebensstil war geschmackvoll, nicht prächtig, glänzend, aber nicht verschwenderisch, und sein ganzes Streben war auf Sauberkeit, nicht auf Prunk gerichtet. So war auch seine Einrichtung bescheiden, nicht überladen und konnte weder als reich noch als ärmlich gelten.

Und obwohl man es als unwichtig ansehen könnte, so soll doch nicht unterlassen werden, zu erwähnen, daß er als einer der reichsten römischen Ritter zwar großzügig Menschen aller Stände in sein Haus einlud, sein Ausgabenbuch jedoch nicht mehr als 3000 Sesterzen für den laufenden Monat an Lebenshaltungskosten verzeichnete. Diese Tatsache berichte ich nicht nur dem Hörensagen nach, sondern ich konnte sie selbst nachprüfen, da ich in private Dinge dieser Art wegen unserer engen Freundschaft guten Einblick besaß.

14. Niemals genoß man auf seinen Einladungen einen anderen Ohrenschmaus als den des Vorlesers, was mir persönlich stets ein besonderes Vergnügen bereitete, und ohne eine Lesung speiste man nie bei ihm, so daß Kopf und Magen der Gäste gleicherweise erfreut wurden. Allerdings lud er nur Leute ein, die sich in ihrer Lebensart nicht von ihm unterschieden. Und wenn auch sein Reichtum gewaltig anwuchs, an seinen Lebensgewohnheiten und Lebensformen änderte sich nichts. Er blieb bescheiden und gab sich weder mit den von seinem Vater ererbten zwei Millionen Sesterzen zu einfach, noch zur Zeit, da er das Fünffache besaß, allzu großspurig im Vergleich zu früheren Zeiten. Die Art, wie er sein Leben gestaltete, blieb in beiden Vermögenslagen die gleiche. Er besaß keine Gärten, keine prunkvollen Villen vor der Stadt oder am Meer, auch kein Landgut in Italien außer dem in Arretium und Nomentum, und seine Einkünfte kamen aus Besitzungen in Rom und in Epirus. Aus allem dem ist zu entnehmen, daß er den Wert des Geldes nicht nach der Menge, sondern nach der Art und Weise, wie es verwendet wurde, beurteilte.

15. Er selbst log nie und duldete Unwahrheit auch bei anderen nicht. So war seine Freundlichkeit nicht ohne sittlichen Frnst, anderseits sein Ernst nicht ohne gewisse Freundlichkeit, und es läßt sich schwer erkennen, ob bei seinen Freunden die Liebe oder Scheu und Ehrfurcht gegen ihn überwogen. Er sagte nie ohne weiteres zu, wenn et um etwas gebeten wurde, und hielt es weniger für ein Zeichen von Großzügigkeit als von Leichtfertigkeit, etwas zu versprechen, was man nicht halten könne. Um aber zu halten, was er einmal versprochen hatte, gab er sich solche Mühe, daß es schien, als handle er nicht im Auftrag, sondern in eigener Sache. Niemals verdroß ihn eine übernommene Aufgabe, war er doch der Meinung, es gehe hier stets um seinen guten Ruf, der ihm über alles wichtig war, und so kam es, daß ihn die Brüder Cicero, M. Cato, Q. Hortensius, A. Torquatus und viele römische Ritter zum Sachwalter in allen ihren Geschäften nahmen. Man kann hieraus ersehen, daß es nicht Trägheit war, sondern klare Überlegung, wenn er die Übernahme eines politischen Amtes ablehnte.

16. Für seine menschlichen Vorzüge läßt sich kein besseres Beispiel anführen als die Tatsache, daß der Umgang des Jünglings wohltuend auf den greisen Sulla wirkte, der des alten Mannes aber ebenso auf den jungen Brutus. Mit seinen Altersgenossen Q. Hortensins und M. Cicero war er so eng befreundet, daß es schwer ist, zu entscheiden, zu welchem Lebensalter er am besten paßte. Vor allem aber schätzte ihn Cicero, dem er mehr bedeutete als der eigene Bruder. Beweis hierfür sind außer den unveröffentliehten Werken, in denen er ihn erwähnt, 11 Bücher Briefe an Atticus, die von der Zeit seines Consulats bis in die letzten Tage seines Lebens datieren. Wer diese liest, wird fast eine vollständige Geschichte jener Zeiten aufgezeichnet finden, so deutlich sind in ihnen die Bestrebungen der Machthaber, die Laster der Volksführer und die politischen Umwälzungen beschrieben. Es gibt nichts Wichtiges, was man ihnen nicht entnehmen könnte, und darüber hinaus gelangt man zur Erkenntnis, daß alle Klugheit in einer gewissen Vorahnung des Kommenden besteht; denn wie ein Seher hat Cicero nicht nur Dinge vorhergesagt, die sich noch zu seinen Lebzeiten ereigneten, sondern auch vorausgeahnt, wie sich jetzt, in unseren Tagen, alles entwickeln werde.

17. Was soll man noch vom Verhalten des Atticus gegen seine Angehörigen sagen? Habe ich doch selbst gehört, wie er sich bei den Leichenfeierlichkeiten für seine Mutter - diese begrub er mit 90 Jahren, als er selbst schon 67 Jahre war - rühmte, daß er sich niemals mit ihr habe versöhnen müssen und auch nie mit seiner ungefähr gleichalterigen Schwester Streit gehabt habe. All dies deutet entweder darauf hin, daß niemals Grund zu derlei Ärgernis bestanden hat, oder aber darauf, daß er gegen die Seinen von besonderer Rücksichtnahme gewesen ist und es für Frevel hielt, denen zu zürnen, die er zu lieben verpflichtet war. Eine solche Haltung aber entstammt nicht allein der natürlichen Veranlagung, der wir alle unterworfen sind, sondern auch seiner Beschäftigung mit der Philosophie. Denn er hatte die Lehren der Philosophen so in sich atifgenommen, daß diese ihm wirklich als Richtschnur für sein Leben dienten, nicht etwa nur als Schaustücke zur Prahlerei.

18. Eifrig bestrebt, den Sitten der Alten nachzuleben, war er ein großer Verehrer vergangener Zeiten. Seine genauen Kenntnisse auf diesem Gebiet beweist er in einem Werk, in welchem er eine Liste der Beamten aufstellt und in welchem es keine Gesetzgebung, keinen Friedensscluß, keinen Krieg und keine andere wichtige Sache gibt, die nicht dort eingeordnet wäre, wo sie zeitlich hingehört. Aber das Komplizierteste daran: Er verwob mit diesen Ereignissen auch die Ursprünge einzelner Familien, so daß wir dem Buch auch die Familiengeschichte bedeutender Persönlichkeiten entnehmen können. Einer ähnlichen Arbeit unterzog er sich übrigens auch in anderen Werken; so schrieb er zum Beispiel auf Bitten des Brutus die Familiengeschichte der Iunier vom Ursprung bis auf unsere Zeit und verzeichnete für jedes Mitglied Abstammung, Ämter und Amtszeit. Das gleiche tat er auf Bitte des M. Marcellus für die Marceller und auf Wunsch von Cornelius Scipio und Fabius Maximus für die Fabier und die Aemilier, Werke, welche allen höchstes Vergnügen bereiten, die an einem Lebensbild bedeutender Männer Interesse haben. Auch beschäftigte er sich mit der Dichtkunst, wie ich glaube, in der Absicht, auch an dem Vergnügen teilzuhaben, das sie bereitet. So charakterisierte er in Versen einzelne Persönlichkeiten, die an Bedeutung und Tatenruhm die anderen Römer übertrafen, wobei er unter dem Bild eines jeden dessen Taten in nicht mehr als vier bis fünf Versen beschrieb. Man hätte kaum glauben können, daß solche Leistungen in derart wenigen Versen zu umreißen seien. Auch existiert von ihm ein griechisch geschriebenes Werk über das Consulat Ciceros.

19 Alles bisher Dargelegte hatte ich schon bei Lebzeiten des Atticus niedergeschrieben und ihm gewidmet. Weil nun das Schicksal gewollt hat, daß ich ihn überlebe, soll auch das übrige berichtet und, soweit moglich, die Leser durch das Beispiel von unserem oben erwähnten Grundsatz überzeugt werden, daß fast immer die Persönlichkeit sich selbst ihr Schicksal schafft. Mit dem Ritterstand, aus dem er stammte, zufrieden, war Atticus zum Verwandten des Herrschers, des Sohnes jenes vergöttlichten Caesar, geworden, nachdem dieser sich mit ihm schon vorher angefreundet hatte, und dies allein wegen der inneren Vornehmheit seiner Lebensart. Durch sie hatte er bereits früher andere bezaubert, die zur Führung des Staates jenem an Würdigkeit gleich, vom Glück aber weniger begünstigt waren. Denn das Glück war Caesar Octavianus so hold, daß es ihm schenkte, was es anderen angeboten hatte, und ihm darüber hinaus noch zuteilte, was vorher noch kein Römer hatte erlangen künnen. Von seiner Tochter, die mit Agrippa verheiratet war, wurde Atticus eine Enkelin geboren, welche Caesar Octavianus, kaum daß sie ein Jahr alt war, mit Tib. Claudius Nero verlobte, dem Sohn der Drusilla, seinem Stiefsohn. Diese Verbindung festigte ihre Verwandtschaft und gestaltete ihre Freundschaft noch enger.

20. Schon vor dieser Verlobung nämlich hatte Octavianus die Gewohnheit, sooft er abwesend war, nie an einen der Seinen zu schreiben, ohne auch Atticus zu benachrichtigen, was er treibe, besonders, was er läse, an welchen Orten und wie lange er verweile. War er in der Stadt und konnte wegen der Fülle seiner Aufgaben nicht so oft mit Atticus zusammensein, wie er wollte, so verging kein Tag, ohne daß er ihm schrieb, ihn etwas über das Altertum fragte, ihm eine Frage vorlegte, welche die Dichtkunst betraf, oder ihm durch witzige Bemerkungen ein umfangreiches Antwortschreihen zu entlocken suchte. Als zum Beispiel der Tempel des luppiter Feretrius auf dem Kapitol, den bereits Romulus erbaut hatte, wegen seines Alters und durch die mangelnde Sorgfalt abgedeckt wurde und fast schon zusammenstürzte, da war es der Mahnung durch Atticus zu verdanken, daß Augustus seine Wiederherstellung veranlaßte. Nicht weniger aber verehrte ihn Antonius, auch nachdem er Rom verlassen hatte, und berichtete ihm mit großem Eifer von seiner Tätigkeit aus den entlegensten Teilen der Erde. Was das heißt, wird der am ehesten ermessen, der zu beurteilen vermag, welche Klugheit es erfordert, sich die Freundschaft zweier Männer zu erhalten, zwischen denen eine solche Gegnerschaft, ja solcher Haß besteht, wie er sich notwendigerweise zwischen Antonius und Octavianus entwickeln mußte. Begehrte doch jeder von beiden nicht nur der Herr Roms, sondern der ganzen Welt zu sein.

21. So hatte er 77 Jahre vollendet. Mit seinem Ansehen waren auch Einfluß und Vermögen gewachsen, und viele Erbschaften wurden ihm nur wegen seiner großen menschlichen Güte vermacht. Zeitlebens war er so gesund gewesen, daß er 30 Jahre hindurch keine Medizin benötigt hatte. Da befiel ihn eine Krankheit. Er selbst und die Ärzte waren anfangs unbesorgt; man nahm Darmreizung an und verschrieb leichte, schnellwirkende Heilmittel. Nachdem er drei Monate ohne Schmerzen - außer denen der Heilbehandlung natürlich - verbracht hatte, griff die Krankheit plötzlich mit aller Kraft auf die Eingeweide über, und zuletzt brachen am Unterleib eitrige Geschwüre hervor. Aber bereits vorher, als er fühlte, daß die Schmerzen wuchsen und Fieber hinzutrat, hatte er seinen Schwiegersohn Agrippa, dazu L. Cornelius Balbus und 5. Peducaeus zu sich rufen lassen. Sobald er sah, daß sie gekommen waren, stützte er sich auf den Ellenbogen auf und sprach: "Da ihr alle Zeugen seid, brauche ich nicht eigens hervorzuheben, welche Sorge ich in der letzten Zeit darauf verwendet habe, meine Gesundheit zu erhalten. Nachdem ich, wie ich hoffe, alles getan habe, was zu meiner Wiederherstellung dient, bleibt mir nun nichts mehr übrig, als daß ich selbst nach einer Lösung für mich suche. Ich wollte euch darüber nicht im Zweifel lassen: Es ist meine Absicht, nicht länger die Krankheit zu nähren, nachdem ich mit all den Speisen, die ich in den letzten Tagen zu mir nahm, lediglich das Leben hinausgezögert und die Schmerzen vermehrt habe, ohne Hoffnung auf Rettung zu gewinnen. Euch aber bitte ich, meinen Plan zu billigen, fernerhin, mich nicht durch sinnloses Mahnen an meinem Vorhaben zu hindern."

Diese Worte sprach er mit fester Stimme und entschlossener Miene, gleichsam als wolle er nicht aus dem Leben scheiden, sondern nur die Wohnung wechseln, und von da ab ignorierte er alle Bitten des Agrippa mit schweigender Hartnäckigkeit. Dieser bat ihn unter Tränen und Umarmungen, er möge doch nicht den Lauf der Natur beschleunigen und sich den Seinen erhalten, sein augenblicklicher Zustand werde sich sicherlich überwinden lassen. Zwei Tage nachdem er sich jeder Nahrung enthalten hatte, wich plötzlich das Fieber, und es trat eine leichte Besserung ein. Er selbst aber blieb bei seinem Vorsatz und starb fünf Tage, nachdem er seinen Entschluß gefaßt hatte, am 31. März unter dem Consulat des Cn. Domitius und des C. Sosus. Wie er es selbst angeordnet hatte, bestattete man ihn auf einer einfachen Bahre und ohne Prunk. Alle vornehmen Bürger und eine große Volksmenge folgten dem Leichenzug. Neben der Via Appia, beim fünften Meilenstein, im Grabmal seines Onkels Q. Caecilius, wurde er beigesetzt.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002