Maecenas als Patron aus der scherzhaften Sicht des Horaz, Saturae, 2. Buch, 6. Satire.

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Horaz, Sermones. Satiren. Lateinisch und deutsch. Übertragen und herausgegeben von Karl Büchner, Stuttgart 1983, S. 159 - 169.

Deutsche Übersetzung:

So war's ersehnt von den Göttern: ein Stückchen Boden bescheiden,

wo sich ein Garten, dem Hause benachbart die ständige Quelle

und überdies etwas Wald sich befände. Sie haben es reicher,

haben es besser gemacht. Recht ist's, ich erbitte nichts weiter,

Sohn der Maia, als daß dies Geschenk du zu eigen mir machest.

Wenn ich vergrößert nicht hab das Vermögen mit unrechten Mitteln

und nicht verkleinern es will durch eigene Schuld oder Laster,

wenn ich nicht dumm dir mit solchem Gebet komm: "Wenn doch die nächste

Ecke hinzukäm, die jetzt dem Gütchen ungrade Form gibt!"

"Wenn mir das Glück einen Topf doch mit Silber zeigte, wie jenem,

der einen Schatz als Arbeiter fand, den Acker kaufte und eben

diesen bepflügt hat, reich geworden durch Hercules' Freundschaft",

wenn, was zur Hand, willkommen erquickt, so bete ich also:

"Fett mach dem Herrn das Vieh und alles das übrige

außerhalb seiner Macht, und wie sonst, steh bei mir als sicherster Hüter".

Also sobald ins Gebirg und die Burg aus der Stadt ich gezogen,

was soll zuerst in Satiren und niederer Muse ich feiern?

Dort reibt auf nicht der schlimme Betrieb, nicht der bleierne Südwind

noch der bedrückende Herbst, die Geschäftszeit des bitteren Sterbens.

O Matutinus - und sei's, daß 'Janus' du lieber, o Vater,

hörst, - mit dem der Mensch die ersten Mühen des Schaffens

und des Lebens beginnt - das ist Götterbeschluß -, sollst des Liedes

Anfang sein. In Rom überfällst du als Bürgen mich: "Auf du,

daß nicht etwa einer früher der Pflicht nachkomme, beeil dich!"

Sei's, daß der Nord den Boden fegt, ob der Winter in engstem

Bogen den Schneetag emporzieht, man geht, es gibt keinen Ausweg.

Dann, wenn was schadet vielleicht mir, ich laut und sicher gesprochen,

muß im Gewühl ich mich schlagen und Unrecht den Langsamen antun.

"Bist du verrückt?", und "Was willst du?" Der Flegel bedrängt mich mit bösen

Flüchen: "Du willst wohl, was tritt in den Weg dir, alles vertreiben,

wenn zu Maccenas du läufst, an weiter nichts denkend als diesen?"

Das macht Freude, ist süß, um die Wahrheit zu sagen. Doch komm ich

dann zu dem Schreck Esquilin, so schwirren um Kopf und die Seiten

Hunderte fremder Geschäfte zuhauf. "Dein Roscius bat dich,

bei ihm zu stehn vor der zweiten Stunde am Puteal morgen."

"Quintus, die Schreiberzunft bat, du möchtest gedenken zu kommen

heute zurück in gemeinsamer neuer bedeutsamer Sache."

"Sorge dafür, daß Maecenas hier auf die Tafeln sein Siegel

drückt!" "Wenn du's sagst, ich versuch's." "Willst, kannst du's", versetzt und bedrängt er.

Näher dem achten entfloh wohl das siebente Jahr schon seit damals,

als mich Maecenas begann, in die Zahl der Seinen zu rechnen,

freilich nur zu dem Zweck, daß bei Reisen den Wunsch, mitzunehmen

auf sein Gefährt mich, er hatt' und mir anzuvertraun Bagatellen

folgender Art: "Wie spät?" "Ist der Thraker Gallina dem Syrus

gleich?" "Sieht vor man sich nicht, so beißt schon die Kühle des Morgens!"

und was man sonst in ein rissiges Ohr bedenkenlos eingibt.

Alle die Zeit hindurch war von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde

ausgesetzter dem Neid unser Dichter. Gemeinsam die Spiele

hatte geschaut, auf dem Marsfeld gespielt er: "Ein Glückskind!" so alle.

Sickert ein Schauergerücht von den Rostra hindurch in den Vierteln,

wer mir begegnet, befragt mich: "Mein Lieber - denn du mußt es wissen,

da an die Götter du näher heranreichst -, hast von den Dakern

du nicht vielleicht gehört?" "Nein, nichts." "Was bist du doch immer

für ein Schalk!" "Es sollen sämtliche Götter mich strafen,

wenn ich es weiß!" "Wie steht's: die dem Heere versprochenen Güter:

will auf Italiens Grund sie Caesar oder sizilischem geben?"

Schwör ich, ich wisse von nichts, bestaunen natürlich mich alle

als einen Mann sondergleichen, von tiefer, erlesner Beherrschung.

So zerrinnt mir Armen der Tag, nicht ohne daß fleh ich:

wann werd erblicken ich dich, mein Gütchen, wann wird es erlaubt sein,

bald mit den Büchern der Alten, mit Schlaf bald und müßigen Stunden

wohlig Vergessen zu schlürfen von Unrast und Ängsten des Lebens?

Wann endlich kommt auf den Tisch die Bohne, Pythagoras' Schwester,

und dazu das mit fettem Specke getränkte Gemüse?

O ihr Nächte, ihr Göttermähler, die ich allein mit den Meinen

vor dem Laren verzehr und womit ich das lose Gesinde füttre,

nachdem vor dem Speisen geopfert! Wie jeder nur Lust hat,

leert er die ungleichen Becher, ein Mitzecher, frei von verrückter

Satzung, ob kräftig er greift nach scharfen Pokalen, ob heitrer

sich mit geringen begießt er. Folglich erhebt ein Gespräch sich also,

nicht über Villenbesitz und die Häuser der andern,

nicht ob gut oder schlecht tanzt Lepos; was näher uns angeht,

nicht zu verstehen ein Unglück, verhandeln wir dann: ob durch Reichtum

glücklicher werden die Menschen, ob glücklich eher durch Gutsein,

was zu der Freundschaft uns zieht, der Nutzen oder das Rechte,

was das Wesen des Guten sei und von diesem das Höchste.

Cervius, wie sich's ergibt, der Nachbar, schwatzt unterdessen

Großmuttermärchen. Lobt nämlich einer Arellius' prekären

Reichtum ohne Verstand, hebt an er: Vorzeiten soll einmal

in ihrem ärmlichen Loch eine Landmaus empfangen die Stadtmaus

haben, ein alter Wirt einen alten Freund, voller Kanten

und aufs Erworbne bedacht, doch so, daß den knausrigen Sinn sie

lockerte für einen Gast. Was bedarf's vieler Worte? Sie sparte

weder zur Seite gelegte Erbsen noch länglichen Hafer,

trockene Trauben im Mund und halbgegessene Bissen

Speckes brachte heran sie und gab sie, im Wunsch, die Verwöhntheit

mit einem bunten Mahl zu besiegen der kaum mit dem stolzen

Zahne am einzelnen Nippenden, während gestreckt auf die frische

Streu die Herrin des Hauses Dinkel und Spelt aß, das Beßre

lassend des Mahls. Zu ihr sagt schließlich die Stadtmaus "Was freut's dich,

Freundin, geduldig zu wohnen am Kamm des steilen Gebirges?

Willst du Menschen und Stadt dem wilden Gebirgswalde vorziehn?

Wandre die Straße mit mir, glaub mir, da sterbliche Seelen

alles, was irdisch, erlost hat und weder dem Großen noch Kleinen

Flucht vor dem Tode besteht: drum, Beste, solang es erlaubt ist,

lebe beglückt und reich in Umständen, die dir gefallen,

sei dir bewußt, von wie kurzem Leben du bist." Diese Worte

trafen die Landmaus, und gleich entspringt sie hurtig dem Hause.

Drauf machen beide den Weg, der geplant, begierig, noch nächtens

nahe zu rücken den Mauern der Stadt. Schon hatte die Nacht die

Mitte des Himmels besetzt, als beide betreten ein reiches

Haus, wo, mit rotem Scharlach gefärbt, in leuchtendem Glanze

Decken schimmerten hell auf elfenbeinernen Lagern

und wo vom prächtigen Mahl noch übrig zahlreiche Gänge

waren von gestern, versteckt in hochgeschichteten Körben.

Kaum, daß sie also die Landmaus bequem sich auf purpurne Decke

strecken gelassen, da läuft sie umher, eine eifrige Wirtin,

reiht auf Gang an Gang, und wie dienstbare Geister versieht sie

deren Dienst und nascht an allem, was sie heranträgt.

Die auf dem Lager erfreut das veränderte Los, und bei guten

Dingen spielt sie den frohen Gesellen, als plötzlich der Angeln

mächtiges Knarren der Türen sie beide verscheucht von den Lagern.

Laufen dahin durch das ganze Gemach voll Angst und noch stärker

zittern entsetzt sie, als jetzt das hohe Gebäude von Hunden

schallt, von Molossern. Die Landmaus erwidert darauf: "Ich bedarf nicht

solchen Lebens!" und "Lebe jetzt wohl! mein Wald und die Höhle

werden vor Hinterhalt sicher mich trösten mit einfachem Wildkorn."

Lateinischer Text:

Hoc erat in votis: modus agri non ita magnus,

hortus ubi et tecto vicinus iugis aquae fons

et paullum silvae super bis foret. auctius atque

di melius fecere. bene est. nil amplius oro

Maia nate, nisi ut propria haec mihi munera faxis.

si neque majorem feci ratione mala rem

nec sum facturus vitio culpave minorem,

si veneror stultus nihil horum ' o si angulus ille

proximus accedat, qui nunc denormat agellum!'

' o si urnam argenti fors quae mihi monstret, ut illi

thesauro invento qui mercennarius agrum

illum ipsum mercatus aravit, dives amico

Hercule!', si quod adest gratum iuvat, hac prece te oro:

pingue pecus domino faciai et cetera praeter

ingenium, utque soles custos mihi maximus adsis.

ergo ubi me in montes et in arcem ex urbe removi,

quid prius inlustrem Saturis musaque pedestri?

nec mala me ambitio perdit nec plumbeus auster

autumnusque gravis, Libitinae quaestus acerbae.

Matutine pater, seu lane libentius audis,

unde homines operum primos vitaeque labores

instituunt - sic dis placitum - tu carminis esto

principium. Romae sponsorem me rapis: 'eia,

ne prior officio quisquam respondeat, urge.'

sive aquib radit terras seu bruma nivalem

interiore diem gyro trahit, ire necesse est.

postmodo quod mi obsit dare certumque locuto

luctandum in turba et facienda iniuria tardis.

'quid tibi vis, insane, et quam rem agis?' inprobus urget

iratis precibus: ' tu pulses omne quod obstat,

ad Maecenatem memori si mente recurras.'

hoc juvat et melli est, non mentiar. at simul atras

ventum est Esquilias, aliena negotia centum

per caput et circa saliunt latus. 'ante secundam

Roscius orabat sibi adesses ad Puteal cras.'

'de re communi scribae magna atque nova te

orabant hodie meminisses, Quinte, reverti.'

'inprimat his cura Maecenas signa tabellis.'

' dixeris: 'experiar', 'si vis, potes', addit et instat.

septimus octavo propior iam fugerit annus,

ex quo Maecenas me coepit habere suorum

in numero, dumtaxat ad hoc, quem tollere raeda

vellet iter faciens et cui concredere nugas

hoc genus: 'hora quota est?' 'Thraex est Gallina Syro par?'

'matutina parum cautos iam frigora mordent',

et quae rimosa bene deponuntur in aure.

per totum hoc tempus subiectior in diem et horam

invidiae noster. ludos spectaverat una,

luserat in campo: 'fortunae filius!' omnes.

frigidus a rostris manat per compita rumor:

quicumque obvius sit, me consulit: 'o bone - nam te

scire, deos quoniam propius contingis, oportet -

numquid de Dacis audisti?' 'nil equidem.' 'ut tu

semper eris derisor.' 'at omnes di exagitent me, si quicquam.'

'quid? militibus promissa Triquetra

praedia Caesar an est Itala tellure daturus?'

'iurantem me scire nihil mirantur ut unum

scilicet egregii mortalem altique silenti.

perditur haec inter misero lux non sine votis:

o rus, quando ego te adspiciam quandoque licebit

nunc veterum libris, nunc somno et inertibus horis

ducere sollicitae iucunda oblivia vitae?

o quando faba Pythagorae cognata simulque

uncta satis pingui ponentur oluscula lardo?

o noctes cenaeque deum, quibus ipse meique

ante Larem proprium vescor vernasque procacis

pasco libatis dapibus. prout cuique libido est,

siccat inaequalis calices convsva solutus

legibus insanis, seu quis capit acria fortis

pocula seu modicis uvescit laetius. ergo

sermo oritur, non de villis domibusve alienis,

nec male necne Lepos saltet; sed quod magis ad nos

pertinet et nescire malum est agitamus, utrumne

divitus homines an sint virtute beati,

quidve ad amicitias, usus rectumne, trahat nos,

et quae sit natura boni summumque quid eius.

Cervius haec inter vicius garrit anilis

ex re fabellas. siquis nam laudat Arelli

sollicitas ignarus opes, sic inepit: 'olim

rusticus urbanum murem mus paupere fertur

accepisse cavo, veterem vetus hospes amicum,

asper et attentus quaesitis, ut tamen artum

solveret hospitiis animum. quid multa? neque ille

sepositi ciceris nec longae invidit avenae,

aridum et ore ferens acinum semesaque lardi

frusta dedit, cupiens varia fastidia cena

vincere tangentis male singula dente superbo,

cum pater ipse domus palea porrectus in horna

esset ador loliumque, dapis meliora relinquens.

tandem urbanus ad hunc 'quid te iuvat' inquit 'amice

praerupti nemoris patientem vivere dorso?

vis tu homines urbemque feris praeponere silvis?

carpe viam, mihi crede, comes, terrestria quando

mortalis animas vivunt sortita neque ulla est

aut magno aut parvo leti fuga: quo bone circa,

dum licet, in rebus iucundis vive beatus,

vive memor, quam sis aevi brevis.' haec ubi dicta

agrestem pepulere, domo levis exsilit; inde

ambo propositum peragunt iter, urbis aventes

moenia nocturni subrepere. iamque tenebat

nox medium caeli spatium, cum ponit uterque

in locuplete domo vestigia, rubro ubi cocco

tincta super lectos canderet vestis eburnos

multaque de magna superessent fercula cena,

quae procul exstructis inerant hesterna canistris.

ergo ubi purpurea porrectum in veste locavit

agrestem, veluti succinctus cursitat hospes

continuatque dapes nec non verniliter ipsis

fungitur officiis, praelambens omne quod adfert.

ille cubans gaudet mutata sorte bonisque

rebus agit laetum convivam, cum subito ingens

valvarum strepitus lectis excussit utrumque.

currere per totum pavidi conclave magisque

exanimes trepidare, simul donsus alta Molossis

personuit canibus. tum rusticus: 'haud mihi vita

est opus hac' ait et 'valeas: me silva cavusque

tutus ab insidiis tenui solabitur ervo.'


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002