Iulia, die Tochter des Augustus und Frau des Tiberius. Sueton, De vita Caesarum, Augustus 61 - 65 und Tiberius 4 - 7.

Deutsche Übersetzung aus: Gaius Suetonius Tranquillus, Leben der Caesaren - De vita Caesarum. Übersetzt und herausgegeben von André Lambert, München 1972, S. 92 - 95 und 124 - 126.

Augustus 61 - 65.

61. Nachdem ich bis jetzt berichtete, wie Augustus sich als Feldherr und als Staatsmann sowie als Herrscher über ein Weltreich im Krieg und Frieden bewährte, will ich nun sein Privat-und Familienleben, seine Verhältnisse und Geschicke zu Hause und bei den Seinen von Jugend an bis zu seinem letzten Tag schildern. Seine Mutter verlor er während seines ersten Konsulats, seine Schwester Octavia in seinem vierundfünfzigsten Lebensjahr. Beiden hatte er zu ihren Lebzeiten die höchste Achtung entgegengebracht, und auch nach ihrem Tode erwies er ihncn die größten Ehren.

62. Als junger Mann war Augustus mit der Tochter des Publius Servilius Isauricus verlobt gewesen; aber nachdem es nach seinem ersten Zwist mit Antonius wieder zu einer Aussöhnung gekommen war und ihre Soldaten sie auch durch irgendein Verwandtschaftsverhältnis verbunden zu sehen wünschten, heiratete er Claudia, obschon sie noch kaum in heiratsfähigem Alter stand, eine Tochter Fulvias aus ihrer Ehe mit Publius Clodius und Stieftochter des Antonius. Da er sich aber mit seiner Schwiegermutter Fulvia überwarf, ließ er sich von Claudia wieder scheiden, ohne sie ihrer Jungfräulichkeit beraubt zu haben.

Kurz darauf nahm er Scribonia zur Frau; diese war schon zweimal verheiratet gewesen, beide Male mit gewesenen Konsuln; von dem einen hatte sie auch Kinder. Auch von dieser ließ er sich scheiden, wie er schreibt, "angeekelt von ihrem unsittliehen Lebenswandel", und heiratete unmittelbar darauf Livia Drusilla, die er ihrem Gemahl Tiberius Nero trotz ihrer Schwangerschaft wegnahm, und bewahrte ihr bis zum Ende die größte Anhänglichkeit und Hochachtung.

63. Scribonia schenkte ihm eine Tochter Julia; von Livia bekam er kcine Kinder, obschon er es brennend wünschte. Einmal wurde sie schwanger, doch kam das Kind vorzeitig zur Welt. Iulia verheiratete er zuerst mit Marcellus, dem Sohn seiner Schwester Octavia, obschon er noch kaum dem Knabenalter entwachsen war. Nach dessen Tod vermählte er sie mit Marcus Agrippa, nachdem er Octavia gebeten hatte, ihm diesen als Schwiegersohn zu überlassen; Agrippa war nämlich damals mit einer der beiden Schwestern des Marcellus verheiratet und hatte auch Kinder von ihr. Da auch dieser starb, schaute er sich lange, sogar im Ritterstande, nach einer passenden Partie für sie um, wählte schließlich seinen Stiefsohn Tiberius und zwang ihn, seine Frau, obgleich sie ihm schon ein Kind geschenkt hatte und eben gerade wieder schwanger war, zu verlassen. Augustus habe Iulia zuuerst, so schreibt Marcus Antonius, seinem eigenen Sohn Antonius versprochen, darauf Cotiso, dem König der Geten; zu gleicher Zeit hätte Augustus selbst um die Hand der Tochter dieses Königs angehalten.

64. Aus der Ehe lulias mit Agrippa hatte er drei Enkelsöhne, Gaius, Lucius und Agrippa, und zwei Enkeltöchter: Iulia und Agrippina. Iulia verheiratete er mit dem Sohne des Censors Lucius Paulus, Agrippina mit Germanicus, dem Enkel seiner Schwester. Gaius und Lucius adoptierte er, nachdem er sie im Hause ihres Vaters Agrippa unter Beachtung der alten Sitten [familienrechtlich] 'gekauft' hatte; noch ganz jung ließ er sie an der Staatsverwaltung teilhaben und schickte sie als gewählte Konsuln auf eine Besuchsreise in die Provinzen und zu den Heeren.

Seine Tochter und seine Enkelinnen ließ er sehr streng erziehen; so mußten sie sogar Wolle spinnen, und es war ihnen verboten, irgend etwas heimlich zu tun oder zu sprechen, so daß es nicht ins Hofjournal hätte aufgenommen werden können. Von der Außenwelt schnitt er sie vollkommen ab. Lucius Vinicius, einem jungen Mann aus erster Familie, schrieb er sogar einmal, daß er es wenig schicklich finde, seiner Tochter in Baiae seine Aufwartung gemacht zu haben.

Seine Enkel unterrichtete er meist selbst im Lesen, Schreiben und anderen Elementarfächern und gab sich die größte Mühe, daß sie seine Handschrift nachzuahmen lernten. Wenn er mit ihnen zusammen aß, mußten sie sich zu Füßen seines Divans hinsetzen, und wenn er eine Reise machte, so fuhren sie voraus oder ritten ihm zur Seite.

65. Aber weder die Freude über seine Nachkommenschaft noch die Zuversicht, die er auf die Zucht seines Hauses gesetzt hatte, wurden ihm vom Schicksal gegönnt. Seine Tochter und seine Enkelin, die beiden Iulia, mußte er in die Verbannung schicken, da sie ihren Ruf durch alle möglichen Laster befleckt hatten; Gaius und Lucius verlor er beide in einer Zeitspanne von achtzehn Monaten: Gaius starb in Lykien, Lucius in Marseille. Darauf adoptierte er seinen dritten Enkelsohn Agrippa zusammen mit seinem Stiefsohn Tiberius auf dem Forum auf Grund eines Sondergesetzes. Wenig später verstieß er allerdings Agrippa seines gemeinen und groben Charakters wegen und verbannte ihn nach Sorrento.

Den Tod der Seinen trug er mit größerer Fassung als ihre Schande; der Verlust des Gaius und Lucius schmerzte ihn nämlich nicht so sehr; aber über seine Tochter ließ er im Senat, ohne selbst zu erscheinen, durch den Quästor einen Bericht verlesen und hielt sich lange aus Scham der Öffentlichkeit fern; auch trug er sich mit dem Gedanken, sie töten zu lassen. Auf jeden Fall äußerte er, als zu dieser Zeit eine Vertraute Iulias, die Freigelassene Phoebe, durch Erhängen ihrem Leben ein Ende machte, er hätte lieber der Vater Phoebes sein wollen. In der Verbannung verbot er ihr das Weintrinken und jeden Luxus und gestattete weder einem Freien noch einem Sklaven, außer mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis, den Zutritt zu ihr, und zwar ließ er sich zuvor genau über Alter, Größe, Gesichtsfarbe, besondere körperliche Kennzeichen oder Narben des Besuchers unterrichten. Erst nach fünf Jahren ließ er Iulia endlich von der Insel aufs Festland bringen und gestand ihr etwas angenehmere Lebensbedingungen zu. Sie ganz wieder zurückzurufen, dazu konnte er auf keine Art und Weise gebracht werden; und als das römische Volk immer wieder um ihre Begnadigung bat und sich energisch für sie einsetzte, wünschte er allen in offener Versammlung solche Töchter und solche Frauen. Ein Kind seiner Enkeltochter Iulia, das diese nach ihrer Verurteilung gebar, weigerte er sich anzuerkennen und aufziehen zu lassen.

Agrippa, der mit der Zeit immer weniger umgänglich wurde, ja sogar mehr und mehr geistiger Umnachtung verfiel, ließ er auf eine Insel bringen und außerdem militärisch bewachen. Ferner wurde zur Vorsicht durch einen Senatsbeschluß seine lebenslängliche Haft an diesem Ort offiziell festgelegt. Auch pflegte er bei jeder Erwähnung Agrippas oder der beiden Julia seufzend den griechischen Vers zu zitieren:

"Wär' ich doch ehlos geblieben und kinderlos einsam gestorben!"

So nannte er sie auch immer nur seine drei Eiterbeulen oder seine drei Krebsgeschwüre.

66. Freundschaften schloß Augustus nicht leicht, aber wenn, dann war er der treueste Freund, indem er nicht nur die Tugenden und Verdienste eines jeden zu würdigen wußte, sondern auch ihre Laster und Fehler duldete, solange sie nicht zu schwerwiegend waren. ...

Tiberius 4 - 7.

4. ... [Der Vater des Tiberius] kehrte [mit Marcus Antonius] nach dem allgemeinen Friedensschluß [zwischen der Partei des Antonius und den Anhängern des Octavian d. J. 37 v. Chr.] nach Rom zurück und trat seine Gattin Livia Drusilla, obschon sie damals schwanger war und ihm schon vorher einen Sohn geboren hatte, dem Augustus auf dessen Bitten ab. Wenig später starb er und hinterließ zwei Söhne, Tiberius und Drusus Nero.

5. Einige geben Fundi als Geburtsort des Tibenus an, was allerdings eine haltlose Vermutung ist, die sich nur darauf stützt, daß seine Großmutter mütterlicherseits von dort stammte und später auf Senatsbeschluß hin in dieser Stadt eine Statue der Glückseligkeitsgöttin öffentlich aufgestellt wurde. Aber nach Ansicht der meisten besseren Gewährsmänner ist er in Rom auf dem Palatin am sechzehnten November im Jahr, als Marcus Lepidus zum zweitenmal und mit ihm Lucius Munatius Plancus Konsuln waren, während des Krieges von Philippi [42 v. Chr.] geboren. So steht es nämlich im Staatskalender und in den offiziellen Tagesberichten. Allerdings gibt es auch Schriftsteller, die seine Geburt teils ins vorhergehende Jahr, nämlich ins Konsulatsjahr der Hirtius und Pansa, teils ins darauffolgende des Servilius Isaüricus und Lucius Antonius verlegen.

6. Seine Kinder- und Knabenjahre waren unglücklich und sehr bewegt, da er seine Eltern auf ihrer Flucht überallhin begleitete. Als diese in Neapel beim Heranrücken der Feinde heimlich ein Schiffzu erreichen suchten, hätte er sie beinahe durch sein Gewimmer zweimal verraten: einmal, als er von der Brust seiner Amme, das zweitemal, als er hastig aus den Armen seiner Mutter gerissen wurde, da man in diesem kritischen Augenblick den Frauen ihre Last abnehmen wollte. Auch durch Sizilien und Griechenland wurde er mitgeschleppt und den Lakedaemoniern, die unter dem Schutz der Claudier standen, offiziell anvertraut. Beim nächtlichen Aufbruch von dort geriet er in Lebensgefahr, als plötzlich von allen Seiten Flammen aus den Wäldern schlugen und die ganze Gesellschaft rings eingeschlossen war, so daß sogar ein Teil der Kleidung Livias und ihre Haare angesengt wurden. Die Geschenke, die er in Sizilien von Pompeia, der Schwester des Sextus Pompeius, bekommen hatte, ein Mäntelchen mit einer Spange und die goldenen Amulette, sind erhalten und werden noch heute in Baiae gezeigt. Nach seiner Rückkehr nach Rom wurde er vom Senator Marcus Gallius durch testamentarische Verfügung adoptiert und trat dessen Erbe an, legte aber bald seinen neuen Namen wieder ab, weil Gallius zur Gegenpartei des Augustus gehört hatte. Im Alter von neun Jahren hielt er auf der Rednertribüne die Leichenrede auf seinen Vater. Später, beim Eintritt ins Jünglingsalter, begleitete er anläßlich des Triumphes von Actium den Wagen des Augustus auf dem äußeren Pferd links, während Marcellus, der Sohn Octavias, jenes rechts ritt. Er hatte auch den Vorsitz über die städtischen Spiele und nahm am Troiaspiel im Zirkus als Führer der Reitergruppe der älteren Knaben teil.

7. Nachdem er die Männertoga erhalten hatte, verliefen seine Jünglingizeit und die folgenden Jahre bis zu seinem Regierungs antritt ungefähr folgendermaßen: Er gab ein Gladiatorenspiel zu Ehren seines Vaters und ein anderes zu Ehren seines Großvaters Drusus, und zwar zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten, das erste auf dem Forum, das zweite im Amphitheater, wobei er auch einige Gladiatoren, die bereits im Ruhestand waren, für eine Summe von hunderttausend Sesterzen wieder auftreten ließ. Er veranstaltete auch andere Spiele, aber ohne selbst anwesend zu sein; alle waren prächtig und wurden von seiner Mutter und seinem Stiefvater bezahlt.

Er heiratete Agrippina, die Tochter Marcus Agrippas und Enkelin des römischen Ritters Caecilius Atticus, an den Ciceros bekannte Briefe gerichtet sind. Nachdem sie ihm einen Sohn, Drusus, geschenkt hatte, mußte er sich, obschon sie in gutem Einvernehmen standen und sie wieder schwanger war, von ihr scheiden lassen und gleich darauf Julia, Augustus Tochter, zur Frau nehmen. Dies bereitete ihm großen Kummer, da er an Agrippina sehr hing und den Lebenswandel Iulias verurteilte, besonders seitdem er bemerkt hatte, daß sie sich schon zu Lebzeiten ihres früheren Gatten an ihn heranzumachen versuchte, eine Tatsache, die allgemein bekannt war. Nach der Scheidung schmerzte es ihn sehr, Agrippina verstoßen zu haben, und als er ihr einmal begegnete, folgte er ihr mit solch seligen Blicken, aber mit Tränen in den Augen, daß man in Zukunft darauf achtete, sie nie mehr zusammentreffen zu lassen.

Die Ehe mit Iulia begann in Eintracht und gegenseitiger Liebe, aber bald kam es zu einer Entfremdung, und zwar so stark, daß er für immer getrennt von ihr schlief, besonders als das gemeinsame Pfand ihrer Liebe, ihr in Aquileia geborener Sohn, noch ganz jung starb. Seinen Bruder Drusus verlor er in Germaniens und führte seine Leiche nach Rom über, wobei er auf dem ganzen Weg dem Zug voranschritt.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002