Des Kirchenvater Augustinus Mutter Monnika, eine beispielhafte Christin: Augustinus, Confessiones 9, 8 - 12.

Deutsche Übersetzung nach: Augustin, Bekennnisse. Eingeleitet, übertragen und mit Anmerkungen versehen von Wilhelm Thimme, Stuttgart 1977, S. 244 - 255.


8. Du, 'der du die Einträchtigen in einem Hause wohnen lässest', geselltest uns noch den Evodius zu, einen jungen Mann aus unserer Vaterstadt. Dieser war kaiserlicher Hofbeamter gewesen, hatte sich früher noch als wir zu dir bekehrt und sich taufen lassen, sodann den weltlichen Dienst aufgegeben, um sich für den deinen vorzubereiten. So lebten wir zusammen, einmütig hingegeben an unseren heiligen Entschluß. Wir überlegten, wo wir dir am besten dienen könnten, und schickten uns an, gemeinsam nach Afrika zurückzukehren. Und als wir in Ostia am Tiber angelangt waren, starb meine Mutter. Vieles übergehe ich, weil ich vorwarts eile. Nimm an mein Bekenntnis und meinen Dank, mein Gott, für Unzähliges, was ich hier verschweigen muß. Aber verschweigen will ich nicht, was ich in meiner Seele trage von dieser deiner Dienerin, die mich in ihrem Leibe trug, daß ich ans zeitliche Licht, und in ihrem Herzen, daß ich ans ewige Licht geboren werde. Nicht von ihren, sondern deinen ihr verliehenen Gaben will ich sprechen. Denn sie hatte sich nicht selbst hervorgebracht, auch nicht sich selbst erzogen.

Du hast sie geschaffen, und weder Vater noch Mutter wußten, was aus ihrem Kinde werden sollte. Es erzog sie in deiner Furcht die Zuchtrute in der Hand deines Christus, die Befehlsgewalt deines Eingeborenen in einem gläubigen Hause, zu einem treuen Gliede deiner Kirche. Und so pries sie nicht so sehr die Sorgfalt der mütterlichen Erziehung wie die einer gebrechlichen Magd, die ihren Vater schon als kleinen Knaben auf dem Rücken getragen hatte, wie halberwachsene Mädchen Kleinkinder zu tragen pflegen. Deswegen und auch wegen ihres hohen Alters und ihrer trefflichen Charaktereigenschaften wurde sie in dem christlichen Hause von der Herrschaft gebührend geehrt. So nahm sie sich der ihr anvertrauten Pflege der Haustöchter mit großer Sorgfalt an, griff, wenn es not tat zu strafen, mit heiliger Strenge scharf durch und bewies bei ihrer Belehrung kluge Nüchternheit. Denn abgesehen von den Stunden, da sie am elterlichen Tische eine sehr bescheidene Mahlzeit einnahmen, ließ sie sie auch bei größtem Durst nicht einmal Wasser trinken, um übler Gewohnheit vorzubeugen, und sprach das verständige Wort: 'Jetzt trinkt ihr Wasser, weil man euch keinen Wein gibt, seid ihr aber erst verheiratet und Herrinnen über Küche und Keller, werdet ihr das Wasser nicht mehr mögen, aber von der Gewohnheit zu trinken nicht wieder loskommen'. Durch solche Art, zu belehren und mit Nachdruck zu befehlen, wußte sie die Gier des zarten Jugendalters zu zügeln und den Durst der Mädchen auf ein sittsames Maß zu beschränken, so daß sie am Unschicklichen keinen Gefallen mehr fanden.

Dennoch hatte sich auch bei ihr, wie mir, dem Sohne, deine Dienerin selbst erzählte, der Hang zum Weintrinken eingeschlichen. Denn wenn die Eltern, wie es üblich ist, das nüchterne Mädchen schickten, Wein aus dem Fasse zu zapfen, pflegte sie aus dem untergehaltenen offenen Becher, bevor sie den Trank in die Flasche füllte, mit spitzen Lippen ein klein wenig zu schlürfen. Mehr mochte sie nicht; denn der Geschmack widerstand ihr noch. Sie tat es ja nicht aus genußsüchtiger Begehrlichkeit, sondern aus jugendlichem Übermut, wie er in allerlei kecken Streichen ins Kraut schießt und in den kindlichen Seelen von den Erwachsenen durch das Gewicht ihres Ansehens niedergehalten zu werden pflegt. So war sie, indem sie zu dem wenigen, das sie täglich nahm, täglich ein wenig hinzufügte - 'wer das wenige nicht achtet, geht nach und nach zugrunde' -, in die Gewohnheit verfallen, fast schon volle Becher gierig auszuleeren. Wo war jetzt die kluge Alte und ihr scharfes Verbot? Hätte es wohl etwas gegen die schleichende Krankheit ausrichten können, wachte nicht über uns, Herr, deine heilende Gnade? Aber sind auch Vater und Mutter und Erzieher fern, bist du doch gegenwärtig, hast uns geschaffen, rufst uns, wirkst auch bisweilen durch böswillige Menschen Gutes zum Heil der Seelen. Was war's nun, was du damals tatest? Wie hast du geholfen, wie Heilung herbeigeführt? Hast du nicht nach geheimnisvollem Plan die grobe, gehässige Schmähung einer anderen als heilendes Messer gebraucht, um mit einem Schnitt jenen Eiterherd zu beseitigen? Denn eine Magd, mit der sie zum Fasse zu gehen pflegte, geriet, wie es leicht vorkommt, mit der jungen Herrin, als sie mit ihr allein war, in Streit, hielt ihr in heftigen Scheltworten ihren Fehler vor und nannte sie eine Säuferin. Von diesem Stachel getroffen, ging sie in sich, erkannte die Häßlichkeit ihres Vergehens, sprach alsbald das Urteil darüber und sagte sich davon los. Stiften schmeichelnde Freunde Unheil an, können zankende Feinde oft bessern. Doch vergiltst du ihnen nicht nach dem, was du durch sie gewirkt, sondern nach dem, was sie selbst gewollt. Denn jene Magd wollte in ihrem Zorn die junge Herrin nur reizen, keinen heilsamen Dienst ihr erweisen, darum redete sie auch nur heimlich so, weil Ort und Zeit des Streites es grade mit sich brachten oder auch weil sie sich durch eine verspätete Anzeige selbst geschadet haben würde. Aber du, Herr, der du Himmel und Erde regierst, der du nach deinen Absichten die Gewässer der Tiefe lenkst, den Strom der Zeiten, der in wildem Brausen deiner Ordnung sich fügen muß, du hast die Krankheit der einen Seele durch die einer anderen geheilt. So möge denn niemand, der dies bedenkt, es seiner Macht zuschreiben, wenn ein anderer, den er durch ein strafendes Wort bessern wollte, wirklich gebessert wird.

9. So wuchs sie keusch und nüchtern heran, mehr von dir zum Gehorsam gegen ihre Eltern angeleitet als von ihren Eltern zum Gehorsam gegen dich. Und als sie zu ihren Jahren gekommen und heiratsfähig geworden war, ward sie einem Manne übergeben, diente ihm als ihrem Herrn und wußte ihn klug für dich zu gewinnen. Denn sie sprach von dir zu ihm durch ihre Sitten, womit du sie so schön geziert hattest, daß er sie verehrend lieben und bewundern mußte. So ertrug sie auch seine eheliche Untreue und hatte niemals deswegen mit ihrem Gatten Streit. Denn sie hoffte auf dein Erbarmen über ihn und daß er durch den Glauben an dich Keuschheit erlangen möchte. Er war zwar im übrigen außerordentlich gutmütig, jedoch sehr jähzornig. Sie aber hatte begriffen, daß man dem ergrimmten Manne sich nicht widersetzen dürfe, weder mit der Tat noch auch nur mit einem Wort. Sah sie jedoch, daß sein Groll verraucht und er wieder ruhig geworden war, rechtfertigte sie zu passender Zeit ihr Tun, falls er sich darüber ohne vernünftigen Grund aufgeregt hatte. Wenn manche Frauen, deren Männer doch weniger heftig waren, die Spuren von Schlägen aufwiesen, womöglich im mißhandelten Gesicht, und dann im vertrauten Gespräch über ihrer Männer Lebenswandel schalten, schalt sie hinwiederum ihre lose Zunge. Scherzend und doch ernst pflegte sie sie zu ermahnen, seit jener Stunde, da man ihnen den Ehevertrag vorgelesen habe, hätten sie sich sagen müssen, daß sie dadurch Mägde geworden seien. Eingedenk ihres nunmehrigen Standes dürften sie sich nicht gegen ihre Herren auflehnen. Wenn nun jene, denen die Leidenschaftlichkeit ihres Gatten wohlbekannt war, sich wunderten, daß man noch nie gehört oder Anzeichen bemerkt hatte, Patricius habe seine Ehefrau geschlagen oder es habe auch nur einen Tag lang zwischen ihnen einen häuslichen Streit gegeben, und wenn sie dann vertraulich fragten, wie das zugehe, beschrieb sie ihnen ihre vorhin erwähnte Lebensregel. Die sich nun danach richteten, erprobten sie gleichfalls und wußten's ihr Dank, die anderen, die die Unterweisungen nicht annahmen, mußten sich durch weitere Plagen über ihre Abhängigkeit belehren lassen.

Auch ihre Schwiegermutter, die anfänglich durch Einflüsterungen böser Mägde gegen sie eingenommen war, gewann sie durch ständigen Gehorsam, Geduld und Sanftmut so sehr für sich, daß diese aus eigenem Antrieb ihrem Sohne die Zwischenträgerinnen anzeigte, die den häuslichen Frieden zwischen ihr und der Schwiegertochter störten, und ihre Bestrafung forderte. Der Mutter folgend, auf Ordnung in der Familie und Eintracht unter den Angehörigen bedacht, strafte er die ihm namhaft gemachten, wie sie es wünschte, mit Schlägen; sie aber stellte einer jeden den gleichen Lohn in Aussicht, die noch einmal von ihrer Schwiegertochter, in der Meinung, ihr damit einen Gefallen zu tun, übel reden würde. Das wagte hinfort keine, und so lebten sie so einträchtig und glücklich wie nur möglich miteinander.

Noch eine andere große Gabe hattest du deiner treuen Dienerin, in deren Schoß du mich erschufest, verliehen, 'du mein Gott und mein Erbarmer'. Wenn irgendwo Herzen miteinander uneins geworden und verfeindet waren, bewies sie sich nach bestem Vermogen als Friedensstifterin. Wenn sie dann von beiden Seiten viel bittere gegenseitige Anklagen zu hören bekam, wie ungebändigter, aufbrausender Groll vor der anwesenden Freundin über die abwesende Feindin in gehässigen, giftigen Reden sie auszustoßen pflegt, hat sie doch von alledem der anderen nicht das geringste zugetragen, es sei denn solches, das zur Versöhnung dienen konnte. Ich würde das nur für ein geringes Gut halten, hätte ich nicht zu meinem Schmerze ungezählte Menschen kennengelernt, die, angesteckt von schrecklicher, weitestverbreiteter Sündenpest, zornigen Feinden nicht nur alle Worte des zornigen Feindes hinterbringen, sondern obendrein noch manches hinzufügen, was er gar nicht gesagt. Statt dessen sollte ein Menschenfreund sich nicht nur vorsehen, durch üble Rede Feindschaft unter den Mitmenschen zu erregen oder zu vermehren, sondern auch mit Fleiß danach trachten, sie durch freundliches Zureden zu beschwichtigen. So aber war meine Mutter und hatte das von dir gelernt, dem inneren Lehrer in der Schule des Herzens.

Endlich, als schon sein Leben sich dem Ende zuneigte, gelang es ihr noch, auch ihren Mann für dich zu gewinnen, und brauchte nun an ihm, der gläubig geworden, nicht mehr zu beklagen, was sie, solange er ungläubig war, geduldig an ihm ertragen hatte. Auch war sie all deiner Diener Dienerin. Und wer von ihnen sie kennenlernte, mußte in ihr dich loben, ehren und lieben. Denn an den Früchten ihres heiligen Wandels spürte er deine Gegenwart in ihrem Herzen. Denn 'sie war eines Mannes Weib gewesen, hatte ihren Eltern Gleiches mit Gleichem vergolten, ihr Hauswesen fromm geführt und das Zeugnis guter Werke erlangt'. Ihre Kinder hatte sie so erzogen, daß sie jedesmal Geburtsschmerzen um sie litt, wenn sie sie von deinem Wege abweichen sah. Zuletzt aber, o Herr, hat sie für uns alle, die wir uns dank deiner Gnadengabe deine Knechte nennen dürfen und die wir, schon ehe sie entschlief, nach Empfang deiner Taufe in dir vereint unser Leben führten, so treu gesorgt, als wäre sie unser aller Mutter, und uns so gedient, als wäre sie unser aller Tochter gewesen.

10. Als nun der Tag herannahte, an dem sie aus diesem Leben scheiden sollte - du kanntest ihn, wir kannten ihn nicht -, da traf sich's, wie du auf deine geheime Weise es wohl gefügt, daß wir beide, ich und sie, allein an ein Fenster gelehnt dastanden. Es ging auf den inneren Garten des uns beherbergenden Hauses hinaus, dort bei Ostia am Tiber, wo wir fern vom Menschenschwarm uns von der Mühe der langen Reise erholten und auf die Seefahrt rüsteten. Da führten wir miteinander Aug in Auge ein herzerquickendes Gespräch. 'Vergessend, was dahinten ist, und ausgestreckt zu dem, das da vorne ist', fragten wir uns vor dir, der du die Wahrheit bist, wie wohl das ewige Leben der Heiligen sein werde, 'das kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und das in keines Menschen Herz gekommen ist'. Durstig öffneten wir unseres Herzens Mund den hoch daherströmenden Wassern deiner Quelle, 'der Quelle des Lebens, die bei dir ist', auf daß wir von ihr getränkt, soweit uns vergönnt, das hohe Ziel mit sinnenden Gedanken erreichen möchten.

Nachdem wir uns darüber klargeworden, daß fleischliche Sinnenlust, so groß sie auch sein und so hell sie auch im Erdenlicht erstrahlen mag, mit den Wonnen jenes Lebens keinen Vergleich aushalten, ja nicht einmal der Erwähnung wert sein kann, erhoben wir uns mit heißerem Verlangen zu 'ihm selbst'. Wir durchwanderten von Stufe zu Stufe die ganze Körperwelt und auch den Himmel, von dem Sonne, Mond und Sterne auf die Erde niederscheinen. Bald in stillem Sinnen, bald Worte wechselnd und deine Werke bewundernd, stiegen wir weiter empor und kamen in das Reich unserer Seelen. Auch dieses durchschritten wir und gelangten endlich zu dem Lande unerschöpflicher Fülle, wo du Israel auf grüner Aue der Wahrheit ewig weidest. Da ist Leben Weisheit, jene Weisheit, durch die alles wird, auch was einst war und künftig sein wird; aber sie selbst wird nicht, sondern ist so, wie sie war, und wird immer so sein. Vielmehr, in ihr war nichts und wird auch nichts sein, sondern in ihr gibt es nur das Sein, denn ewig ist sie. Aber gewesen sein und künftig sein, ist nicht ewig. Und da wir von ihr sprachen und nach ihr seufzten, berührten wir sie mit vollem Schlage unseres Herzens ein kleines wenig, atmeten tief auf und ließen dort angeheftet 'die Erstlinge unseres Geistes'. Dann kehrten wir zurück zum tönenden Laut unserer Sprache, wo die Worte Anfang und Ende haben. Denn was ist deinem Worte gleich, das über uns herrscht und, nie alternd, alles erneuernd, in sich selbst verharrt? Wir sagten: Wenn in einem Menschen der Lärm des Fleisches schwiege, und es schwiegen auch die Erinnerungsbilder von Erde, Wasser und Luft und schwiegen des Himmels Pole, wenn auch die Seele bei sich schwiege und selbstvergessen über sich hinauseilte, wenn die Träume schwiegen und alles, was man sich einbilden und erdichten mag, wenn jede Zunge und jedes Zeichen und was irgend entsteht und vergeht, wenn einem Menschen dies alles gänzlich schwiege - denn all dies spricht, wenn einer nur hört: 'Nicht wir selbst haben uns gemacht, sondern er hat uns gemacht, der ewiglich bleibt' -, wenn alles so spräche und dann schwiege und nun lauschend das Ohr dem zuwendete, der es erschuf, und wenn dann er allein spräche, nicht durch diese Dinge, sondern durch sich selbst, so daß wir sein Wort hörten, welches er zu uns spräche, nicht mit irdischer Zunge, nicht mit eines Engels Stimme, nicht durch Donnergewölk, auch nicht durch Rätsel und Gleichnis, sondern wenn wir ihn selbst, den wir in alledem lieben, ohne all dies hörten, so wie wir ebenjetzt uns streckten und im raschen Gedankenflug die ewige, über allem waltende Weisheit berührten, und wenn dies Dauer hätte und alle andern Gesichte, diesem einen so ungleich, hinschwänden und nur das eine den Betrachter hinrisse, in sich hineinzöge und versenkte in innere Wonnen, so daß das ewige Leben wäre wie dieser Augenblick höchster Erkenntnis, nach dem wir uns gesehnt, ja, wäre dann nicht erfüllt, was verheißen ist: 'Gehe ein zu deines Herren Freude'. Aber wann wird das sein? Dann vielleicht, wenn 'wir alle auferstehen, aber nicht alle verwandelt werden?' So sprach ich, wenn auch nicht genau mit diesen Worten. Du aber weißt, Herr, daß meine Mutter an jenem Tage, als wir so miteinander redeten und die Welt mit allen ihren Freuden jeglichen Reiz für uns verlor, das Wort ergriff und sagte: "Mein Sohn, was mich anlangt, so freut mich jetzt nichts mehr in diesem Erdenleben. Was ich hier noch tun und wozu ich hier noch bleiben soll, ich weiß es nicht, denn weltliche Hoffnungen gibt es für mich nun nicht mehr. Das einzige, weswegen ich noch eine Weile zu leben gewünscht, war: Ich wollte vor meinem Tode dich gern noch als katholischen Christen sehen. Das hat mir Gott überreichlich gewährt; denn nun sehe ich, du bist sein Knecht und hast auch allem Erdenglück entsagt. Was denn soll ich hier noch?"

11. Was ich ihr hierauf erwiderte, weiß ich nicht mehr genau. Bald darauf, es mochten fünf Tage oder wenig mehr verstrichen sein, erkrankte sie am Fieber. Als sie nun krank lag, erlitt sie eines Tages einen Ohnmachtsanfall und verlor für kurze Zeit das Bewußtsein. Wir eilten herbei, aber bald kam sie wieder zu sich, sah mich und meinen Bruder dastehen und richtete an uns die verwunderte Frage: "Wo war ich denn?" Sodann, als sie bemerkte, daß wir von Schmerz ganz verstört waren, sprach sie: "Hier müßt ihr nun eure Mutter begraben." Ich schwieg und drängte meine Tränen zurück. Mein Bruder aber sprach einige Worte, des Inhalts etwa, es sei doch wünschenswert, daß sie nicht in der Fremde, sondern in der Heimat stürbe. Darauf nahm ihre Miene einen erschreckten Ausdruck an, und mit den Blicken ihn strafend, daß er so etwas dächte, richtete sie ihre Augen auf mich und sprach: "Hör doch, was er sagt." Bald darauf zu uns beiden: "Begrabt meinen Leib, wo es auch sei, und macht euch keine Gedanken darum. Nur um eins bitte ich euch, gedenkt meiner, wo immer ihr euch aufhalten mögt, am Altar des Herrn." Däs war der Sinn ihrer mühsam gesprochenen Worte, und nun schwieg sie, und die Krankheit setzte ihr heftiger zu.

Ich aber dachte an deine Gaben, du unsichtbarer Gott, die du in die Herzen deiner Gläubigen senkst und aus denen wunderbare Früchte erwachsen, ward froh und sagte dir Dank. Denn ich wußte es und erinnerte mich daran, wie sie sich immer mit Sorgen gequält hatte wegen der Grabstätte, die sie sich neben ihrem Manne ausgesucht und vorbereitet hatte. Denn sie hatten in großer Eintracht zusammen gelebt, und nun wünschte sie - wohl begreiflich, wenn eine Menschenseele dem Göttlichen sich noch nicht ganz erschlossen -, es möchte ihr noch das Glück zuteil werden und auch die Menschen möchten davon reden, daß es ihr nach ihrer Pilgerfahrt weit über See vergönnt gewesen sei, daß zuletzt gleiche Erde die Gebeine der wieder vereinten Ehegatten decke. Wann die Fülle deiner Güte diesen eitlen Wunsch aus ihrem Herzen verdrängt, ich wußte es nicht und war erstaunt und froh, daß sie es uns so unmißverständlich kundgetan. Doch schien sie schon bei jenem Gespräch am Fenster, als sie sagte: "Was soll ich hier noch?" keinen Wert mehr darauf zu legen, in der Heimat zu sterben. Später erfuhr ich, daß sie eines Tages, bereits in Ostia, in meiner Abwesenheit mit einigen meiner Freunde mütterlich vertraut über die Verachtung dieses Lebens und das Glück zu sterben sich unterhalten hatte, und als diese voll Bewunderung für die gottverliehene Seelengröße der Frau sie fragten, ob sie sich nicht fürchte, ihren Leib so fern von der Heimat begraben zu lassen, geantwortet hatte: "Nichts ist fern von Gott, und ich bin nicht bange, er könnte am Jüngsten Tage den Platz nicht finden, wo er mich erwecken soll." So ward denn am neunten Tage ihrer Krankheit, im sechsundfünfzigsten Jahre ihres Lebens und meinem dreiunddreißigsten, diese fromme und gläubige Seele von den Banden des Leibes erlöst.

12. Ich drückte ihr die Augen zu, und unsägliche Trauer brach über mein Herz herein. Sie wollte sich in Tränen ergießen, doch mit heftiger Willensanstrengung hielt ich ihren Strom zurück, so daß meine Augen trocken blieben, und in diesem Seelenkampf war mir gar elend zumute. Als sie ihren letzten Atemzug getan, war Adeodatus, der Knabe, in laute Klagen ausgebrochen und von uns allen zur Stille verwiesen worden. So ward auch, was in mir noch kindisch war und zum Weinen drängte, durch die Jünglingsklage, diesen Klagelaut des Herzens, zurückgehalten und zum Schweigen gebracht. Denn wir waren der Meinung, eine Trauerfeier mit tränenreichem Klagen und Seufzen zieme sich für diese Tote nicht. Pflegt man doch so zu Jammern, wenn man den Tod für etwas Trauriges und wohl gar für völlige Vernichtung hält. Jene aber war keines traurigen Todes gestorben, ja, sie war überhaupt nicht gestorben. Das bezeugte ihr frommer Lebenswandel, und daran hielten wir fest 'in unverfälschtem Glauben und mit sicheren Gründen'.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002